GEO-Epoche: Die Pest

GEO Pest cover

Ich habe mich hier im Blog schon des öfteren mit der Pest, dieser schrecklichen Krankheit beschäftigt; ihren Einfluss auf die Entwicklung des Abendlandes kann man kaum überschätzen. Gemeinhin meint man, wenn man von der Pest spricht, den fürchterlichen Seuchenzug, der 1346 in Asien begann und dann ein Jahr später Europa erreichte. Cirka ein Drittel der Bevölkerung starb seinerzeit an der „Pest“, mit der Folge, daß staatliche, kirchliche, gesellschaftliche und soziale Ordnungen völlig überfordert waren und in sich zusammenbrachen. Aus dieser Erschütterung der Grundfesten einer Gesellschaft ergab sich dann aber andererseits auch das Einsetzen neuer Entwicklungen und Vorstellungen, Anna Bergmann hat dies in ihrem interessantes Buch: Der entseelte Patient [1] ausführlich dargestellt.

Ist der Seuchenzug 1347/48 auch der dramatischste der Pestzüge durch Europa, so war/ist er doch bei weitem nicht der einzige. Schon einige Jahrhunderte früher gab es die sogenannte Pest des Justinian [2], die sich wohl von Ägypten ausgehend bis hin zum Rhein und den Britischen Inseln ausgebreitet hatte. Auch in den Jahrhunderten nach 1347 kam es immer wieder zu Seuchenausbrüchen, die jedoch nie das katastophale Ausmass diesen einen hatten. Selbst heute noch ist die Pest keineswegs ausgerottet, zwischen 1987 bis 2009 wurden weltweit 53417 Pestfälle registriert, durch die mittlerweile mögliche ursächliche medizinische Behandlung gab es dabei „nur“ 4060 Tote. Selbst in den USA kommt es immer wieder zu Einzelfällen [3].

Auch literarisch hat die Seuche natürlich ihren Niederschlag gefunden. Boccaccios Decameron spielt in Florenz, eine Gruppe von Menschen ist der engen, verseuchten Stadt entflohen und vertreibt sich die Zeit in ihrem ländlichen „Exil“ mit Erzählungen. Charakteristisch ist, daß sich in dieser Endzeitstimmung u.a. auch die Sitten gelockert haben und das Leben (das so schnell vorbei sein kann) noch einmal ohne Hemmungen ausgekostet wird. Dieses Motiv der Flucht und der Ausschweifung findet sich auch in anderen literarischen Zeugnissen wie Edgar Allen Poes Erzählung Der rote Tod wieder, deren Titel darauf hindeutet, daß u.U. die Pest (die ja als Der schwarze Tod bezeichnet wird) nicht die einzige Seuche war, die unter den durch verschiedene politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen geschwächten Menschen wütete. Zumal man sich vor Augen halten muss, daß sowohl Diagnostik als auch Fallbeschreibungen natürlich nur entfernt Ähnlichkeiten damit haben, was wir heute darunter verstehen.

Alessandro Manzoni beschreibt sehr konkret die Auswirkungen des Pestzuges, der ca 1630 Mailand heimsuchte (Die Verlobten), die Stadt, die seinerzeit erstaunlicherweise vom großen Seuchenzug 1347 weitgehend verschont geblieben war; Daniel Defoe berichtet ausführlich vom Wüten der Pest in London im Jahr 1665 und Hilde Schmölzer schildert das Pestschicksal der Stadt Wien. Sicherlich gibt es noch viel mehr literarische Zeugnisse, aber die genannten sind die, die mir vorliegen bzw. die ich hier auch schon vorgestellt habe [1, 4, 5, 6].


Das in der Reihe GEOEPOCHE erschienene Heft Die Pest befasst sich mit dem großen Seuchenzug 1347/48 und trägt den Untertitel Leben und Sterben im Mittelalter. In insgesamt 13 Abschnitten werden einzelne Aspekte diese apokalyptischen Jahre beschrieben, wodurch ein anschauliches Bild auch der damaligen Zeit entsteht, das erstaunliche Parallelen zu unserer modernen Zeit aufweist. Eine der auffälligsten ist wahrscheinlich die Art und Weise, wie die Pest (höchstwahrscheinlich) nach Europa gekommen ist, nämlich in der Folge einer frühen Ausformung der Globalisierung. Die großen italienischen Handelsstädte Genua und Venedig hatten damals bedeutende Niederlassungen am Nordrand des Schwarzen Meer, der unter der Herrschaft der Mongolen stand, die sie aber dort duldeten, da sie am Gewinn beteiligt waren – bis es eben zum Streit kam. Während der Belagerung der venzianischen Niederlassung von Caffa auf der Krim brach im Mongolenheer die Pest aus, die sich aus Zentralasien nach Westen verbreitete. Der Überlieferung nach ließ der Khan seine Pesttoten mit riesigen Katapulten in die belagerte Stadt schießen, bei deren Bewohnern die Krankheit daher ebenfalls ausbrach. Mit fliehenden Schiffen kam die Seuche so nach Europa.

Dieses Europa war anfällig. Politische Querelen, Kriege, durch schlechte Witterung bedingte Missernten mit Hunger und Not hatten seine Widerstandskraft geschwächt. Bis man das ganze Ausmass der Gefahr erkannt hatte und in völliger Unkenntnis der Ursachen, hatte sich Yersinia pestis schon in der Bevölkerung eingenistet und fand unter den herrschenden hygienischen Bedingungen hervorragende Lebensbedingungen. In einer unglaublichen Geschwindigkeit verbreitete sich die Seuche über ganz Europa.

Die medizinische Fakultät konnte nicht helfen, sie konzentrierte sich auf Buchwissen aus der Antike und ortete die Krankheitsursachen in Planentenkonstellationen oder schlechter Luft, die Autorität der Kirche nahm Schaden angesichts ihrer Machtlosigkeit und des unerbittlichen Wütens des Todes, die alther gebrachten Riten, mit Sterben und Tod umzugehen, konnten nicht mehr eingehalten werden, jegliche Organisation des täglichen Lebens brach zusammen, da die Seuche vor niemanden halt machte, jeden – egal welchen Standes, welchen Berufes – töten konnte und dies auch tat.

Schuldige mussten her, wie bestellt und gerufen gab man den Juden die Schuld. Das das Sterben unten ihnen ebenfalls in gleicher Weise wütete, kümmerte nicht: Brunnen sollten sie vergiftet haben und so wurden sie erschlagen und verbrannt. Daß mancher der Mörder dadurch seine Schulden los wurde und Grundstücke der Ermordeten an die Städte fielen – nun ja….

Buße war zu tun… die Geisslerzüge formierten sich mit ihren Ritualen der Selbstzüchtigung und zogen von Stadt zu Stadt. Sie hatten starken Zulauf mit ihren spektakulären Aufführungen. In der ersten Zeit noch von der Amtskirche geduldet, verbot diese die Geisslerzüge bald, jedoch ließ der Wirkungslosigkeit wegen auch die Anziehungskraft auf die Bevölkerung bald nach.

Natürlich war die Seuche nicht mit einem Schlag zu Ende. Bis Anfang der 50er Jahre des 14. Jhdt hatte sie über West- und Mitteleuropa auch den Osten des Kontinents und Russland erreicht. Überall musste sich nach ihrem Abflauen das Leben neu organisieren, ganze Landstriche waren entvölkert (und sind es bis heute), Städte mussten Menschen zu sich locken, um wieder Bewohner zu bekommen, mussten sie attraktive Angebote machen (z.B. Befreiung von Abgaben…), die alten Gesellschaftsstrukturen waren damit auf immer verloren. In Frankreich beispielsweise kam es zu Aufständen der Landbevölkerung, die durch den Adel ausgepresst wurde.

Die einzelnen Aufsätze des Heftes sind gut verständlich geschrieben, sie betten das Seuchengeschehen in den Kontext der damaligen Zeit ein, so daß man, wenn man das Heft gelesen hat, auch eine Ahnung davon bekommen hat, wie das Leben im Mittelalter „funktionierte“. In manchem Teilen war es erstaunlich „modern“, in anderen genauso verblüffend „ignorant“, wenn z.B. Ärzte über Krankheiten sprachen, ohne sich die Kranken anzusehen…. Die mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser Apokalypse jedenfalls, auch das wird deutlich, auf die Entwicklung Europas und damit eines Großteiles der Erde, sind kaum zu überschätzen.

Links und Anmerkungen:

[1] Anna Bergmann: Der entseelte Patient; https://radiergummi.wordpress.com/2015/03/05/anna-bergmann-der-entseelte-patient/ Buchvorstellung hier im Blog
[2] Wiki-Artikel zur Justinianische_Pest:  https://de.wikipedia.org/wiki/Justinianische_Pest
[3] Frank Thadeusz: Angriff der Eichhörnchen; in:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-139787763.html
[4] Daniel Defoe: Die Pest in London; hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Pest_zu_London
[5] Hilde Schmölzer: Die Pest in Wien: in:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/11/19/hilde-schmoelzer-die-pest-in-wien/
[6] Alessandro Manzoni: Die Verlobten; in: https://radiergummi.wordpress.com/2014/11/25/allessandro-manzoni-die-verlobten-das-2-buch/

GEOEPOCHE
Die Pest
Leben und Sterben im Mittelalter
diese Ausgabe: Gruner + Jahr, Zeitschrift, ca. 160 S., 2015

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