Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

20. Januar 2016

wolkenbruch cover

Mordechai Wolkenbruch ist fünfundzwanzig Jahre alt und alle Welt kennt ihn nur als „Motti“. Der Name läßt es schon vermuten, er ist ein jid, für seine mame noch ein jingele und diese ist es auch, die ihn als eine Art „Tyrannosaurus mame“ im Moment mächtig nervt: eh klar, sowieso und überhaupt. Eh klar: sie ist auf permanenter tour de schidech für ihr jingele, für den es nach elterlicher Ansicht höchste Zeit wird, zu heiraten. Sowieso: die frojen, die sie präsentiert, sind allesamt kleine Abbilder ihrer selbst, das heißt, vor allem ausgestattet mit einem mächtigen tuches. Überhaupt: auch ein frommer jid in Zürich lebt nicht völlig abgeschottet von der Welt, sondern geht beispielsweise noch auf die Universität und sieht dort gojete, vor allem eine, ach… Laura mit Namen….

Prinzipiell ist die Welt von Motti klar geregelt, denn der jid wandelt sein ganzes Leben lang auf einem scharf gezogenen Pfad […] und es gibt nichts, was den jid veranlassen würde, diesen Pfad zu verlassen zugunsten von einem, den er selbst zeichnen würde. Denn es ist der Schöpfer, der die Lebenswege bestimmt, nicht das Geschöpf.

Nichts? Wirklich nichts? – Wir kommen später auf diese Frage zurück.

Vorerst jedenfalls wohnt der Held noch zuhause, kleidet sich in das einem jid geziemende Gewand (schwarze Hose, weißes Hemd, Ärmel und Beine von unmodischer Länge), trägt die Brille des jiddischen Optikers, dessen Brillen alle jehudim tragen, weil alle zum selben Optiker gehen, der nur ein Modell zur Auswahl hat, trägt seinen Zauselbart und die Kippa, befolgt die Rituale, leistet die Gebete, gehorcht der mame folgsam und stopft die mazes-knajdlech, auch wenn er schon lange satt ist, in sich hinein. Und geht brav, die frojen zu treffen, die ihm die Mutter auf der tour de schidech serviert…

Aber es gibt einen Riss in der ehernen Schale der jiddischkajt des Motti, einen Ermüdungsriss, Fatigue nennt man das wohl in anderen Zusammenhängen, diese gojete, diese schickse, die sich in seinen Gedanken eingenistet hat… G´t spricht ihm ob der unzüchtigen Wünsche, die diese hervorruft im braven jid seiner Phantasie… dem darob auffällt, daß er noch nicht einmal weiß, wie eine froj aussieht, der heimlich im Internet sucht nach naket froj aber nur „seltsame Kunst“ geboten bekommt. Erst die Sprache der goj „nackte Frau“ bietet ihm den gewünschten Anschauungsunterricht [2]. Und immer wieder der Anblick von Laura im Hörsaal…

Nein, keine der frojen aus dem mütterlichen tour de schidech gefällt ihm und mame weiß sich keinen anderen Rat, als das jingele zum Rabbi zu schickender wiederum empfiehlt, Motti solle nach Israel reisen, denn da verliebe er sich noch am Flughafen. … Gesagt, getan, mame hat das Ticket nach Tel Aviv zu ihrem Bruder und seiner Frau, die dort leben, schon auf seinem Bett liegen, als Motti abends wieder in die Höhle der mame zurückkehrt.

Mittelmeer, Israel, Tel Aviv…. wieviel lockerer als Zürich! Wieviel mehr Licht…. beim Meditieren in des Onkels Haus lernt er, daß „Om“ und „Schalom“ einiges gemeinsam haben, den Rest, den zuckersüßen, der ihn so beschäftigt, lehrt ihn Michal, die schöne Michal, dann in der Nacht…. mit der Schwägerin werden noch bunte Klamotten gekauft, dann geht es wieder zurück ins miefige Zürich…. in Tel Aviv lernte Motti jedenfalls, wie gut es einem Menschen doch gehen kann, wenn….

Merkt ihr es? Der Riss im Kokon weitet sich…

Farkakt! In der irrigen Vorfreude auf die (angeblich) kommende chassene baut mame einen Auffahrunfall. Immerhin, es ist ein deutscher Horch, den sie zerlegt – das tröstet… aber Motti braucht danach eine neue Brille und der Optiker (jener, zu dem alle gehen) verliert einen Kunden, denn Motti verfällt in Renitenz, verweigert den Kauf und wechselt zum Optiker der goj, der ihm ein urbanes (? – städtisches) Modell andient und ihm gleich noch eine Rasur empfiehlt.

Es knistert und knackt, die hermetische Hülle der jiddischkajt zerlegt sich. Bunte Kleider, urbane Brille und derb gestutzter Bart sind eine Kampfansage an mame, Motti wird für sie zum merder der jiddischkajt.

Zumal der Damm jetzt endgültig gebrochen ist, denn Laura, die angehimmelte schickse findet im Hörsaal nur noch einen einzigen freien Platz: den neben Motti. Der die ganze Vorlesung nur noch auf ihren tuches schielt… was Laura auffällt und so kommt man trotz Schüchternheit ins Gespräch, in dem Laura ihn ermuntert, zum ersten Mal im Leben das Wort „Arsch“ von sich zu geben. Ach, das Leben der gojim, so ungezwungen, so reich an allem…….

… und es sollte nicht beim Gespräch bleiben….

Laura bietet ihm die Frucht vom Baum der Erkenntnis an und Motti nimmt sie entgegen, mit Freuden. Und mame vertreibt ihn aus dem Paradies, am nächsten Abend ist das Schloss zur elterlichen Wohnung ausgewechselt, eine Tasche mit seinen Sachen steht vor der Tür und die Eltern sitzen schiwe, die jüdische Trauerwoche. Der jüngste Sohn ist ihnen verloren gegangen.

… und noch einmal bietet ihm Laura ihm von der Frucht an und noch einmal verzehrt Motti sie genussvoll (Das ist der Geschmack von G´t.) und noch einmal wird er vertrieben, diesmal von Torsten, bei dem er zwischenzeitlich Unterschlupf gefunden hatte…

.. und so steht Motti, zwiefach vertrieben, buchstäblich fast nackt auf der Straße. Er hat alles, was er bis dato hatte, verloren: die Eltern, die Arbeit, die Freunde, die jiddischkajt. Ab nun muss er sich alles im Schweiße seines Angesichts erarbeiten und ob Laura, die nicht ihn, sondern mehr seinen beschnittenen potz erotisch findet und die im Moment eigentlich keine Beziehung will, ihm eine Hilfe sein wird, ist nicht ausgemacht….


.. womit ich schon bei meiner Interpretation des Romans angelangt wäre. Natürlich ist es eine Entwicklungsgeschichte: der in Unmündigkeit gehaltene Motti, dessen Lebensweg durch eine mehrtausendjährige Tradition vorgezeichnet war, bekommt Zweifel an der Sinnhaftigkeit all dieser Vorgaben, Zweifel, die auch und gerade über das Sexuelle gesät werden. Das Naschen vom Baum der Erkenntnis – im Paradies eine kaum verhüllte Metapher für den sexuellen Akt – ist es auch hier, was ihn aus dem „Garten Eden“ (wenn man diese vom Muttertyrannen gehegte Stück Erde so bezeichnen will) vertreibt. Die Schickse ist verboten, aber die „Feige“ [3], die sie ihm bietet, ist so süß und verlockend, der Sündenfall nicht vermeidbar und – schlimmer noch – bewusst eingegangen, gewollt.

Es ist aber nicht nur der kerper der schickse und seine Geheimnisse, der ihn lockt, es ist auch ihre Offenheit und Ungezwungenheit. Die Welt der weißen Hemden, der schwarzen Hosen, der knaidlech, nostichl, ejzes und zu langer armeln ist ihm zu eng geworden, zu erstickend. In seinen Gedanken kommen jetzt Jeans vor und farbige Hemden. Und eben Nichtjüdinnen, die solches tragen…

So steht Mordechai mit seinen fünfundzwanzig Jahren wieder ganz am Anfang, mit bloßen Händen wieder auf der Straße, die Welt mit ihren Chancen und Risiken steht ihm offen. Die jiddischkajt, zumindest die seiner mame, hat er abgelegt – eine andere noch nicht gefunden. Konsequenerweise läßt Meyer daher auch das Ende offen, das weitere Schicksal Mordechais ist unbestimmt.

Die Züricher Gemeinde schildert Meyer, der selbst eine jüdische Mutter (und einen christlichen Vater) hat und daher das züricher Judentum kennen wird, als geschlossene Gruppe, die wenig weltoffen ist und unter sich bleibt, im krassen Gegensatz zum Onkel Mordechais und dessen Frau in Tel Aviv, die als Juden ein völlig anderes, offenes, auch freudvolles Leben führen; es gibt also Hoffnung für unseren erwachsen gewordenen Helden.


Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse ist ein amüsanter, vom Wortwitz lebender Roman, bei dem man sich blendend unterhalten kann, wie dieser Gesprächsausschnitt auf einer Party (Wolkenbruch ist schon leicht ongetrunken, ob etwas koscher ist oder nicht, interessiert ihn seit kurzem nicht mehr so sehr) zeigt: […] ich muss mich jetzt entschuldigen. Stoffwechsel. Mögen Sie Stoffwechsel? – Ja, sejer. Ich bin Jude. Wir nehmen aus vollem Herzen Anteil am Metabolismus unserer Mitmenschen. Planen Sie einen kleinen oder einen großen Stoffwechsel? – Einen großen, Herr Wolkenbruch. Wir Deutsche sind ja nicht umsonst Exportweltmeister. […] Sind gar nicht so übel, die dajtschn, fand ich. Nicht ohne Grund fällt in der Geschichte der Name Woody Allen, in manchen Passagen erinnert das Buch in der Tat an die neurotischen Geschichten aus dem jüdischen NY.

Dabei wird Meyers Witz und Ironie nie böse, nie verletzend. Er verurteilt nicht, sondern zeichnet mit nie versiegender Sympathie sowohl mame , die so dominant über das Leben anderer herrscht als auch den Rest der mischpoke bis hin zu den Nebenfiguren (zu denen auch der von mir nie erwähnte tate Mottis gehört, was in etwa seinem Rang in der Familie entspricht), ach, eigentlich die gesamte geschlossene Gesellschaft der orthodoxen züricher jiddischkajt .

Das Lesen des Buches ist erst einmal ungewohnt, mischt Meyer doch so wie ich es hier anzudeuten versucht habe (man möge mir Fehler etc pp nachsehen…), viele jiddische Begriffe in seinen Text. Die sofort verständlicher werden, wenn man – so sein Rat – das Wort laut liest. Womit er recht hat, aber wenn auch das nicht hilft, bringt ein Blick ins angehängt Glossar (oder für diese Buchvorstellung hier [4]) Aufklärung.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Meyer_(Schriftsteller)
Webseite des Autoren: http://www.thomasmeyer.ch
[2] das habe ich natürlich in einem aufwendigen und aufopferungsvollen Selbstversuch zu verifizieren versucht und musste feststellen, daß auch naket froj den einen oder anderen Einblick (ähemm…) in die anatomischen Besonderheiten der frojen ermöglicht. Aber es ist sicherlich nicht der effektivste Zugang…. Von Kunst dagegen habe ich weniger gesehen.
[3] Die Darstellung des Baums der Erkenntnis als Apfelbaum setzte wohl erst im späten Mittelalter ein. In der Bibel selbst ist nur allgemein vom Baum der Erkenntnis die Rede, das in der Genesis geschilderte Verhüllen der Genitalien mit Feigenblättern legt natürlich nahe, daß es sich bei diesem Baum tatsächlich um einen Feigenbaum handelte (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Baum_der_Erkenntnis)

Glossar für die jiddischen Ausdrücke:

[4] http://www.thomasmeyer.ch/downloads/Wolkenbruch-Jiddisch-Glossar.pdf

Thomas Meyer
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Erstausgabe: 2011, Zürich

diese Ausgabe: Diogenes TB, ca. 280 S., 2014

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3 Responses to “Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse”


  1. Klingt genauso witzig wie „Rechnung über meine Dukaten“… Und wird wohl auch verfilmt!

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  2. Mariki Says:

    Oh, das fand ich sehr unterhaltsam!

    Gefällt 1 Person


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