Berend Feddersen, Dorothea Seitz, Barbara Stäcker: Der Reisebegleiter für den letzten Weg

17. Januar 2016

Sterben und Tod: zwei Themen, die nur langsam in den gesellschaftlichen Diskurs gelangen. Immer noch sind sie tabubehaftet, werden oft verdrängt und beiseite geschoben. Kurzfristig tauchen sie beispielsweise auf, wenn wichtige Gesetzesänderungen anstehen, wie Ende letzten Jahres die Diskussion zwischen Befürwortern oder Gegnern von Sterbehilfe. Auch der Tod oder (dramatischer) der Suizid Prominenter vermag das Thema für ein paar Tage auf den Agenda zu setzen. Im Allgemeinen jedoch wehrt man sich dagegen, sich mit dieser Frage auseinander zu setzen, auch wenn man natürlich weiß, daß man in jedem Fall früher oder später damit konfrontiert werden wird.

Spätestens seit Kübler-Ross über die Symbolsprache Sterbender geschrieben hat, ist die Metapher des Reisens in vielen Varianten (Fahrkarte lösen, Koffer packen u.a.m.) ein Bild geworden für diesen letzten Lebensabschnitt, der mit dem Tod endet. Die drei Autoren/innen des vorliegenden Buches greifen das Bild auf und kombinieren es mit dem ebenfalls üblichen Begriff der „Begleitung“ von Betroffenen, herausgekommen ist also ein Reisebegleiter, mit eben jenem Koffer auf dem Cover.

Der Reisebegleiter fuer den letzten Weg von Dorothea Seitz


Hauptautor des vorliegenden Buches ist mit Berend Feddersen ein erfahrener Palliativmediziner vom Klinikum Großhadern der Universität München. Die beiden Autorinnen Dorothea Seitz und Barbara Stäcker schildern ihre Erfahrungen im Umgang mit Sterbenden aus der Sicht von Angehörigen, insbesondere bei der häuslichen Pflege.

Das Buch knüpft an die herrschende Diskrepanz zwischen dem gewünschten und dem tatsächlichen Sterbeort eines Menschen an. Zwar sterben viele Menschen zuhause, doch äußern den Wunsch dafür mehr als doppelt so viele. Auf der anderen Seite will praktisch niemand im Krankenhaus sterben, aber bei über 40% aller Todesfälle ist dies dann doch der Fall. Was unter anderen daran liegt, daß mangels Patientenverfügung, in der solche Festlegungen gemacht wurden, im Notfall eben doch eine Einweisung in ein Krankenhaus erfolgt.

Nun etabliert sich seit einigen Jahren immer mehr eine Einrichtung in Krankenhäusern, die keinen kurativen Ansatz hat, also auf Heilung ausgerichtet ist, sondern einen sogenannten „palliativen“ Ansatz verfolgt, der bei unheilbaren, „austherapierten“ Fällen auf Symptonlinderung/-kontrolle, Schmerztherapie und allgemein auf eine Verbesserung der Lebensqualität hin ausgerichtet ist. Diese „Palliative Care“, wie es auch genannt wird, ist ein multidisziplinäres Arbeitsgebiet, in dem u.a. Mediziner, Pflegekräfte und auch Seelsorger in einem Team zusammenarbeiten und auch für Angehörige da sind. Noch kommen zwar die meisten Palliativfälle aus der Onkologie, jedoch haben Menschen mit anderen schweren Erkrankungen, deren Sterben absehbar ist, ebenso ein Recht auf Palliativbetreuung, die über ambulante Dienste auch zuhause möglich ist.

Palliativmedizin ist explizit keine Sterbehilfe, im Gegenteil zeigt die Erfahrung, daß solche Wünsche, wenn es gelingt, Schmerzen unter Kontrolle zu bekommen und andere, möglicherweise herrschende Ängste abzubauen, bei den allermeisten Patienten verschwinden.

Die Tatsache, daß ein Patient palliativ betreut wird, impliziert die Tatsache, daß in absehbarer, aber nicht definitiv angebbarer Zeit mit seinem Tod zu rechnen ist. Dies ist eine ungeheure psychische Belastung, ruft oft Ängste, Beklemmungen, Wut hervor, bei allen, die davon betroffen sind. Jeder entwickelt seine eigene Strategie, damit umzugehen, dies kann von Verdrängung über eine offensive Auseinandersetzung bis hin zum trotzigen: „bis dahin geniesse ich mein Leben“ gehen. Solche Strategien werden an einigen Fallbeispielen beschrieben.

Ein Schwerpunkt des Buches ist neben der Erläuterung dessen, was unter „Palliativ“ zu verstehen ist, die Problematik des Sterbeortes, insbesondere des Sterbens zu Hause. Das Sterben im heimischen Umfeld hat seine Besonderheiten. Oft ist es mit einer Umkehrung der Rollen verbunden: werden sterbende Eltern(teile) begleitet, sie sich nicht mehr selbst versorgen können, liegt die Verantwortung dafür jetzt vllt bei den Kindern: in Umkehrung der Rollen sind sie es jetzt, die ihren Eltern u.U. Windeln anlegen müssen. Einerseits müssen beide Parteien dazu bereit sein, andererseits kann man viel mehr leisten, als man gemeinhin denkt. Ferner kann die häusliche Pflege zu Hause sehr belastend sein, sie ist eine 24/7 Aufgabe: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Man ist gut beraten, sich möglichst viel Hilfe zu organisieren, denn auch das eigene Leben hat ein Recht darauf, nicht unterzugehen. Problematisch kann es beim Eintritt von Krisensituationen werden: der Ruf nach dem Notarzt bedingt die Rückführung in das kurative System, sprich: der Notarzt wird die Einweisung in ein Krankenhaus vornehmen, genau das also, was man vermeiden möchte. Als häuslicher Pfleger und Begleitung muss man also auch bereit sein, loszulassen und zu ertragen: Seine Aufgabe besteht in der Begleitung, nicht in der Verhinderung dieses Prozesses. Grundsätzlich aber kann die häusliche Pflege und Sterbebegleitung ein sehr friedvolles Erlebnis sein, sind die Sterbeprozesse meist doch von einer großen inneren Ruhe und Stille getragen.

Alternativ dazu ist z.B. das Sterben in einem Hospiz. Dies sind helle, freundlich eingerichtete Häuser, in den Sterbende unter bestimmten Bedingungen aufgenommen werden. Es ist eine ärztliche Betreuung gegeben, die pflegerische und auch die „spirituelle“ Begleitung erfolgt über das Hospiz, die Angehörigen sind als Besucher herzlichst willkommen und von der anstrengenden Pflege entlastet. Im Mittelpunkt aller Aktivitäten stehen die Bedürfnisse des Gastes (wie die Bewohner hier genannt werden). Auch dies wird anhand eines Fallbeispiels beschrieben.

Nichts ist so ungewiss wie die Voraussage des Todeszeitpunkts. Natürlich fragen die Angehörigen und man ist versucht, ihnen eine Antwort zu geben, mit der man aber häufig falsch liegt. Von allzu expliziten Festlegungen ist daher abzuraten… oft „wissen“ es Sterbende selbst recht genau, wann sie sterben werden, die Erfahrung deutet sogar darauf hin, daß sie den Todeszeitpunkt manchmal beeinflussen können: etwas wichtiges muss noch erledigt werden, ein wichtiger Mensch ist noch nicht eingetroffen … manche können nicht sterben, wenn sie nicht alleine sind…

Für die Aussenstehenden gibt es (körperliche) Zeichen, daß der Tod unmittelbar bevorsteht, sie werden im Buch ausführlich beschrieben und eingeordnet, da sie, wenn man nicht weiß, was dahinter steckt, Angst einflössen können, wie beispielsweise die „Rasselatmung“, die häufig in den letzten Stunden einsetzt.

Zum Sterben und zum Tod gehört die Trauer derjenigen, die zurückbleiben. Auch das behandelt der „Reisebegleiter“. Wichtig zu wissen ist, daß es unterschiedliche Arten zu trauern gibt: es gibt kein richtiges oder falsches Trauern. Es gibt Hilfen, Stützen, an denen man sich festhalten kann: Rituale zum Beispiel und auch hier: das Leben geht weiter, auch wenn man in Trauer ist, kann es schöne Momente haben und die sollte man geniessen…

Der Reisebegleiter für den letzten Weg ist gut lesbar geschrieben, theoretische Ausführungen sind nur dann vorhanden, wenn es notwendig ist. So wird zum Beispiel gar nicht auf modellhafte Vorstellungen von Sterbephasen (Trauerphasen) eingegangen, wer zu diesen mittlerweile schon wieder etwas ad acta gelegten Vorstellungen etwas wissen möchte, ist auf andere Bücher angewiesen. Dieses hier ist orientiert sich an ganz praktischen Fragen, wie zum Beispiel: Die Pflege daheim in der Praxis (Welche Hilfsmittel gibt es) oder wie kännen/sollten Kinder in das Geschehen mit einbezogen werden, wie gehe ich mit ihren Fragen um. Wann ist der „richtige“ Zeitpunkt gekommen, um zueinander ehrlich zu sein und sich gegenseitig einzugestehen, daß der Tod bald zu erwarten ist und man sich nicht in krampfhaft aufrecht gehaltenem Optimismus aufreibt? Was ist dran an den behaupteten Nebenwirkungen zu Opiaten, die für die effektive Schmerztherapie in vielen Fällen unumgänglich sind? Abschließend werden noch über Basics zum Thema „Bestattung“ und „Betreuungsrecht“ geschrieben. Teilweise ist der Text fast reportageartig gehalten, als begleite ein Reporter den Autoren Dr. Feddersen bei seiner Arbeit. Das verblüfft im ersten Moment, schafft aber dadurch, daß der Autor immer wieder über seine Arbeit, über bestimmte Patienten redet, eine Art Vertrauensbasis, die in diesem sensiblen Thema sehr wichtig ist.

Nachdem ich jetzt so viel Positives über das Buch geschrieben habe, kommt zum Schluß aber doch noch eine kritische Anmerkung. Im Inhaltsverzeichnis werden „Literaturhinweise“ und „Nützliches im Netz“ angekündigt. Schlägt man hoffnungsvoll diese Seiten auf – findet man Hinweise auf 2 (!) Bücher (eins von ihnen, Oskar und die Dame in Rosa habe ich vor Jahren hier auf dem Blog vorgestellt [5]) und 1 (!) Link (auf eine Münchner Palliativseite). Hält man sich vor Augen, daß bei der Suche nach den Stichworten „Tod“ oder „Sterben“ bei den großen online-Buchlieferanten Trefferzahlen im hohen Tausender-Bereich anfallen und selbst ich bei mir auf dem Blog schon weit mehr (70 bis 90, je nachdem, wie eng man das Thema fasst) Bücher in diesem Themenkreis vorgestellt habe [siehe unten], sieht man, wie dürftig diese Angaben sind. Hier ist deutlich zu wünschen, daß das Buch bei einer Überarbeitung durch Autoren und Verlag ein qualifiziertes Verzeichnis empfehlenswerter Bücher,  Links und auch Ansprechpartner wie zum Beispiel auf Selbsthilfegruppen wie die „Verwaisten Eltern“ erhält.

Bis auf dieses Manko jedoch ist Der Reisebegleiter…. für diese letzte, schwerste Etappe des Lebens auf jeden Fall empfehlenswert. Er vermittelt klar und verständlich, daß Sterben einfach zum Leben gehört, sowohl zum Leben derjenigen, die zurückbleiben als auch natürlich zum Leben jedes einzelnen als Sterblichem. Und er macht uns einerseits Mut, er zeigt, daß wir, da Sterben natürlich ist, auch alle die nötigen Resourcen haben, damit umzugehen: äußerlich mit den Veränderungen, die eine schwere Krankheit, und ein Sterbeprozeß mit sich bringen, innerlich mit den Gefühlen, die sie auslösen. Und zum zweiten zeigt er: wir sind nicht allein, es gibt Hilfe, professionell und ehrenamtlich, die uns, wenn wir Sterbende begleiten und (ja, auch dann) wenn wir selber sterben, unterstützen und nicht alleine lassen.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Barbara Stäcker:  https://www.randomhouse.de/Autor/Barbara-Staecker/p498517.rhd
[2] Webseite von Dorothea Seitz:  https://dorotheaseitz.wordpress.com
[3] zum „Steckbrief“ von Berend Feddersen:  http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Klinik-und-Poliklinik-fuer-Palliativmedizin/de/sapv-team/team/teamleitung/FeddersenBerend/index.html
[4] Ankündigung der Buchpräsentation am 11. Mai 2015:  https://jungschoenkrebs.wordpress.com/2015/04/07/der-reisebegleiter-fur-den-letzten-weg-buchprasentation-am-11-mai-2015/ (auf diesem Blog trifft man einige der Personen wieder, die man u.U. vom Buch her schon kennt….)
[5] Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in Rosa; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2008/04/27/eric-emmanuel-schmitt-oskar-und-die-dame-in-rosa/

Mehr Bücher zum Themenkreis „Krankheit, Sterben, Tod, Trauer“ in meinem Themenblog: https://mynfs.wordpress.com, allgemeinere Infos auch auf meiner Facebook-Seite: https://www.facebook.com/SterbenTrauerTod/

Berend Feddersen, Dorothea Seitz, Barbara Stäcker
Der Reisebegleiter für den letzten Weg
Das Handbuch zur Vorbereitung auf das Sterben
diese Ausgabe: Irisiana, Klappenbroschur, ca. 190 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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