Józef Zelkowicz: In diesen albtraumhaften Tagen

10. Januar 2016

Litzmannstadt 01

Wer meinen Blog regelmäßig besucht (oder auch nur gelegentlich…), hat wahrscheinlich/vielleicht meinen Beitrag über das in Auschwitz aufgefundene Tagebuch von Rywka Lipszyc [8] gelesen, diesem 14 jährigem Mädchen, das sein Leben im Getto Litzmannstadt beschreibt. Die Aufzeichnungen von Rywka wurden von Oktober 1943 bis April 1944 verfasst, immer wieder taucht in ihnen die Erinnerung an ein besonders traumatisches Ereignis im Getto auf, die sogenannte „Allgemeine Gehsperre“ vom September 1942, im Gettojargon shpere genannt. Bei dieser Aktion verlor praktisch jede Familie im Getto ein oder auch mehrere Mitglieder, die oben erwähnte Rywka beispielsweise zwei ihrer jüngeren Geschwister.

„Gehsperre“ ist ein sehr verharmlosender Euphemismus. Pars pro toto steht hier ein Begriff, der im Grunde nur einen Aspekt der praktischen Durchführung betrifft, für die Tatsache, daß über 15.000 Menschen aus dem Getto „umgesiedelt“ wurden. Und „Umsiedlung“ bedeutete ganz klar „Tod“, eine Tatsache, die auch den Gettobewohnern bekannt war, wenngleich sie oft verdrängt worden ist.


Um einleitend das Getto Litzmannstadt/Lodz kurz zu beschreiben, greife ich auf einen Text zurück, den ich schon früher verwendet habe [6]. Wobei man bei den genannten Zahlen etwas vorsichtig sein muss, je nach Quelle gibt es hier durchaus unterschiedliche Angaben:

Die Verwaltung des Gettos Litzmannstadt umfasste bis zu 13.000 Personen, für die interne Leitung eines Gettos wurde ein Judenrat eingesetzt, dem ein Ältester vorstand. Es gab auch einen rein jüdischen Ordnungsdienst, der für die Aufrechterhaltung der internen Ordnung im Getto zuständig war und der in seiner Vorgehensweise ähnlich brutal agierte wie die deutsche Polizei, die natürlich auch jederzeit tätig werden konnte und für die Gesamtbewachung des Gettos und die Abriegelung nach aussen zuständig war. Vorsitzender des Judenrates war Mordechai Chaim Rumkowski, eine umstrittende Figur. Im Gegensatz zum Beispiel zum Warschauer Getto, in dem ein heldenhafter, aber vergeblicher Aufstand gegen die Unterdrücker stattfand, setzte Rumkowski auf “Kooperation”: er wollte das Getto unentbehrlich machen für die Deutschen und damit seine Existenz sichern. Insofern war er ihren Wünschen und Befehlen gegenüber willfährig in der (in der Nachschau) naiven Hoffnung, das Getto, das er in eine Art Arbeitslager verwandeln wollte, zu schützen: Benötigen Sie siebenhundert Arbeiter, dann wenden Sie sich an uns: Wir geben Ihnen siebenhundert Arbeiter. Benötigen Sie tausend, dann geben wir Ihnen tausend. Doch verbreiten Sie keine Angst unter uns. Reißen Sie die Männer nicht von ihrer Arbeit weg, die Frauen nicht aus ihrem Zuhause, die Kinder nicht aus ihren Familien. Lassen Sie uns in Ruhe und Frieden leben – und wir versprechen Ihnen, soweit es in unseren Kräften steht, behilflich zu sein.” [2] 

In gewisser Weise gelang ihm dies auch, das Lager mit seinen Arbeitsstätten und Werkstätten produzierte vom behelfsmäßigen Wohnhaus bis hin zum Büstenhalter zum Teil kriegswichtiges Material für die Nazis. Unterschätzt wurde jedoch der Impetus der quasie-missionarischen selbstgesteckten “Aufgabe” der Nazis, der nicht davor zurückschreckte, auch Nachteile für sich selbst in Kauf zu nehmen: die Ausrottung der Juden nämlich [vgl. 3]. Das Getto wurde am 30. August 1944 nach dem letzten Transport nach Auschwitz, dem auch Rumkowski angehörte, aufgelöst.


Der Autor Jósef Zelkowicz kam 1940 in das Getto, er war zu diesem Zeitpunkt 43 Jahre alt, ordinierter Rabbiner, examinierter Lehrer, geachteter Gelehrter und vielfach publizierter Autor. Das, was er im Getto an Hunger, Elend, Tod und ständiger Angst vor Deportationen antraf, konnte er nur durch Schreiben kompensieren. Es war sein Weg, nicht verrückt zu werden. Als Journalist und Schriftsteller fand er eine priviliegierte Anstellung in der Selbstverwaltung des Gettos, und zwar im Archiv des Ältesten der Juden von Litzmannstadt. Dort arbeitete er auch an der Chronik des Gettos [1] mit, die die täglichen Ereignisse im Litzmannstadt-Getto dokumentiert. Aus zwei Gründen sind die Eintragungen in dieser Chronik jedoch zumindest tendenziell: zum einen sollten die Leistungen des Ältesten Rumkowski gewürdigt werden, zum anderen musste sie so abgefasst sein, daß man sie zur Not auch den Deutschen vorlegen konnte. So ist sie anfangs durch nüchterne, fast schon amtliche Sachlichkeit gekennzeichnet, wird im Lauf der Zeit aber dann immer journalistischer, d.h. wertender und beurteilender. Späteren Generationen zu vermitteln, was hier im Getto geschah und welche Wirkungen es auf die Menschen hatte, wurde immer wichtiger. Um aber wirklich die „ungeschminkte“ Wahrheit festhalten zu können, wich Zelkowicz auf die Anfertigung dieser privaten Aufzeichnungen aus.


man geyt tsum shmelts

Bekanntmachung des "Präses" Rumkowski zur "Allgemeinen Gehsperre" Bildquelle [B]

Bekanntmachung des „Präses“ Rumkowski zur „Allgemeinen Gehsperre“
Bildquelle [B]

Das vorliegende, aus dem jiddischen Original übersetzte Tagebuch umfasst in fünf Kapiteln den Zeitraum vom Dienstag, den 1. September 1942 bis zum Sonntag, den 5. September, dem Tag, an dem am Spätnachmittag um 17 Uhr die verfügte Gehsperre in Kraft trat.

Es beginnt am 1. September erst einmal wenig spektakulär. Da schon vor längerer Zeit die Rede davon war, daß die Krankenhäuser evakuiert werden sollten, verwunderten die LKW vor den drei Krankenhäusern nicht weiter. Erst allmählich fiel auf, daß es Militärlastwagen waren, daß die Ausweichquartiere noch gar nicht fertig waren und warum wirft man die Kranken wie Stücke unkoscheren Fleisches auf die Lastwagen? Die Antwort auf die Fragen ergab sich wie von selbst und ließ das Blut in den Adern frieren, man hatte ja schon Erfahrungen, die im Litzmanstadter Getto einquartieren Juden von ausserhalb (Provinzjuden) wussten es nur zu genau: es handelte sich um eine Säuberung. Im Getto ist kein Platz für Kranke und Schmarotzer. Im Getto dürfen nur Menschen leben, die arbeiten können. Diejenigen, die nicht arbeiten können, gehen zum shmelts. .. was in etwa übersetzt werden kann mit auf den Schrott , in den Müll oder Ofen werfen.

Zelkowicz beschreibt nun die aufkommende Panik, die die Menschen beherrschende Angst vor dem, was noch kommen mag. Viele der Kranken versuchen zu fliehen, springen aus den Fenstern, humpeln durch die Gassen und Hinterhöfe, mischen sich unter das Personal. Die Bettlägerigen werden auf die Lastwagen geworfen… außer den Kranken wurden auch die Kinder auf den Tuberkulose-Stationen geholt und die Insassen des Zentralgefängnisses.

Wird es damit enden?

Die Provinzjuden lachen bitter bei dieser Frage, sie haben das alles schon miterlebt. Erst Einzelne, dann die Kranken, dann die Kinder und Alte und danach erst… auch aus dem Rest Asche gemacht. Deportiert, erschossen, ausgemerzt und verstreut über alles sieben Meere. ..

Die Macht [Getto-Begriff für die deutschen Besatzer] ist unzufrieden, der Moloch muss gefüttert werden: für die entkommenen Kranken erklärt sich die jüdische Gemeinschaft bereit, zum Austausch zweihundert andere Menschen zuzustellen.

Am Donnerstag, den 3. September wird das durch die Gassen schwirrende Gerücht (so wie letztlich jedes Gerücht wahr wird, das etwas Schlimmes profezeit) wahr: Kinder und Alte wird man aus dem Getto deportieren. Kinder bis zu zehn Jahren und Alte ab fünfundsechzig Jahren. […] Dieser Transport soll um die zwanzigtausend Seelen zählen. Er wird von einer jüdischen Aussiedlungskommission organisiert, ohne Einmischung der Macht. Die Durchführung soll mit Hilfe der jüdischen Polizei, der Feuerwehr und dergleichen stattfinden – deren Angehörige mit zusätzlichen Lebensmittelrationen versorgt werden und die von der Deporationsverfügung ausgenommen sind. Auch im Getto können Beziehungen über Leben und Tod entscheiden.

Chaim Rumkowski bei einer öffentlichen Rede. so mag es auch bei seiner Rede zur Deportation 9/1942 ausgesehen haben... Bildquelle [B]

Chaim Rumkowski bei einer öffentlichen Rede. so mag es auch bei seiner Rede zur Deportation 9/1942 ausgesehen haben…
Bildquelle [B]

Zelkowicz beschreibt nun im Einzelnen, was sich in den nächsten Tagen im Getto abspielte. Am Freitag, den 4. September wird die Bevölkerung durch u.a. den Präses Rumkowski selbst über das Geschehen informiert [4]. Zelkowicz bezeichnet Rumkowski als stolzen Mann, der sein Königreich wie ein Tyrann führte, sogar mit hundertprozentigem Despotismus. […] der nie auf jemanden hörte und alles auf eigene Faust […] ausführte. Genau dieser Mann steht vor der Menge wie ein Gebrochener. Der Mann kann seine Tränen nicht zurückhalten. Der Präses weint wie ein Kind […] Es sind keine künstlichen Tränen. Das sind jüdische Tränen, die aus einem jüdischen herzen herrühren. ..Er überbringt eine schlimme Botschaft: Gestern hat man mir den Befehl erteilt, etwas zwanzigtausend Juden aus dem Getto zu deportieren. Falls ich dies nicht tun würde, „würden sie das übernehmen“. […] Wir kamen, d.h. ich und meine engsten Mitarbeiter, zu dem Schluss, dass wir, wie schlimm es auch immer für uns sein mag, die Durchführung der Verordnung in unsere Hände nehmen müssen. […] denn wenn nicht, könnten auch andere genommen werden. […] Die Verfügung ließ sich nicht rückgängig machen, sie konnte lediglich gemildert werden. ..[i.e. von vierundzwanzigtausend auf (weniger als) zwanzigtausend, wenn alle Kinder unter zehn Jahre eingeschlossen sind].

Die Bewohner des Gettos wissen was mit den Kindern geschehen wird, verdrängen es, hoffen, wollen es nicht wahrhaben, suchen nach Alternativen, was die Macht vielleicht vorhaben mag mit ihren Kindern…. zu unvorstellbar scheint die Wahrheit…

Bei einem Fünftel der Bevölkerung ist praktisch jede Familie von dieser Verfügung betroffen. Das Getto ist von Panik erfüllt, von Schrecken, von unsäglicher Trauer. Man verwöhnt die Kinder mit dem wenigen, was man noch da hat, gehortet für schlechte Zeiten: ein wenig Zucker möglicherweise, ein Fitzelchen Margarine, die auf´s trockene Brot geschmiert wird…. die Kinder sind verwundert, so eine Bevorzugung gibt´s doch sonst nur, wenn sie krank sind und sie sind doch nicht krank….

Ich will hier nicht im Einzelnen wiedergeben, was Zelkowicz in seinen Aufzeichnungen alles festgehalten hat. Er beschreibt die Arbeit der Kommission, die einerseits absolut redundante Verwaltungstätigkeit umfasst, andererseits auch systematisch alle Möglichkeiten verschließt, zu entkommen. Beispielsweise werden die Melderegister geschlossen, so daß keine persönlichen Daten gefälscht werden können und jetzt kommt auch die Allgemeine Gehsperre ins Spiel: Mit dieser Bekanntmachung No. 391 werden alle Bewohner des Gettos festgesetzt in ihren Wohnungen. Da die Hausverwalter die entsprechenden Unterlagen mit den persönlichen Daten bereit halten müssen, wer in den Wohnungen lebt, brauchen die Schergen nur von Wohnung zu Wohnung zu gehen und die unter die Verfügung fallenden Personen, die Kinder, die Alten einzusammeln.

Die Schilderungen Zelkowicz´  bewegen sich auf zwei Ebenen. Einerseits beschreibt er sachlich, was an Fakten festzuhalten ist. Literarisch-emotional schildert er, wie das Getto als Ganzes durch diese Verfügung aus dem Gleichgewicht geworfen wird. Insbesondere das Ausliefern der Kinder ist ein solch barbarisches Ansinnen, daß es die Betroffenen schier in den Wahnsinn treibt. Natürlich kommt es zu erschütternden Szenen, wenn die Kommandos den Müttern das Kind aus den Armen reißt, diese wollen es um keinen Preis hergeben. Und daß der jüdische Polizist möglicherweise etwas weniger heftig reißt als es der deutsche tun würde – ändert es etwas? Viele Kinder dagegen verstehen das alles nicht, warum schreien die Eltern, gönnen sie ihnen die Fahrt auf dem Lastwagen etwa nicht?

Kann man die Kinder/Alten nicht verstecken? Nun, in den Meldebögen sind sie alle verzeichnet und die Deutschen haben keine Probleme damit, alle Hausbewohner in Haftung zu nehmen für einen Versteckten….

Denn die Macht überläßt es doch nicht ganz den jüdischen Ordnungskräften, sondern mischt mit. Ein Schuss im Hof als Signal und zwei Minuten später ist Antreten. In Hausklamotten: mangelnder Respekt, auf den Lastwagen! Im Mantel mit Hut: ah, schon reisefertig. Auf den Lastwagen! Sie wollen das Kind nicht hergeben? Ich gebe ihnen drei Minuten. Als diese vorbei sind, werden Mutter und Kind erschossen. Der Schreiber bricht an vielen Stellen das Schicksal Tausender herunter auf Einzelschicksale, die beim Leser dann noch einmal intensiver berühren, es ist die zweite Ebene, auf der er die Ereignisse schildert.

Aber auch die Juden selbst reagieren völlig unterschiedlich. Eine Familie will ihren sechsjährigen Sohn verstecken, eine Jüdin aus Düsseldorf [5], preussisch-korrekt, droht damit, sie zu verraten. Vorschrift ist Vorschrift und sie wird im Gegensatz zu diesen verfluchten polnischen Juden-Kindern ihre drei Kinder natürlich mitgeben.

Aber egal, welches Schicksal  Zelkowicz auch schildert, ob das vieler oder das einzelner, sie sind jeweils von ungeheuerlicher Art, daß man ausserstande ist, sie nach zu empfinden. Es ist einfach unmöglich, sich das alles vorzustellen, sich in diese Situationen einzufühlen. Schon beim Lesen beherrscht einen das Gefühl, man wäre wahrscheinlich gleichfalls einfach wahnsinnig geworden damals.. mag sein, daß der eine oder andere tatsächlich dem Wahn verfallen ist, Zelkowicz schildert solche Fälle. Nach außen, war man im Hof angetreten, aber ließ man sich wenig anmerken, jede Regung konnte das eigene Todesurteil sein. Es kam den Deutschen nicht darauf an, wieviel Tote es gab, ob es einer mehr oder weniger war…

Einzig die Häuser, in denen den Müttern und Vätern die Kinder aus dem Arm gerissen wurden explodierten von den Schreien…. und ob die jüdische Polizei wirklich „besser“ mit den Menschen umging? Es ist nicht ganz klar, es war wohl unterschiedlich. Die Hände der Schlächter jedenfalls durften nicht zittern, obwohl sie das Kind aus den Armen des Vaters rissen, obwohl sie den Schwindsüchtigen aus seinem Bett warfen… Menschliche Gefühle hatten keinen Zutritt in ihre Herzen. Das Kontingent musste erfüllt werden: dreitausend Menschen pro Tag. Manchmal war Bestechung möglich – für den, der noch etwas von Wert hatte. Manchmal (für wenige) halfen Beziehungen …. manchen, wenigen, gelang so die Rückkehr vom Sammellager, noch weniger wurden herausgerufen und konnten wieder gehen…

Die Aufzeichnungen Zelkowicz´ enden am 6. September, einen Tag nach Inkrafttreten der shpere. Da die Dauer der Ausgangssperre nicht festgelegt war, waren die letzten Stunden davor sehr hektisch: die Menschen versuchten bis zur letzten Minute, Nahrungsmittel zu bekommen, die zugeteilte Ration Kartoffeln zu ergattern. Aber die Angestellten bei der Ausgabe mussten ja selbst… und ausserdem mussten auch sie um 17 Uhr zuhause sein.

Bekanntmachung zur Aufhebung der "Sperre" Bildquelle [B]

Bekanntmachung zur Aufhebung der „Sperre“
Bildquelle [B]

Eine Woche sollte die shpere andauern, am 12. September wurde sie per Bekanntmachung durch Rumkowski wieder aufgehoben.


Es hat in Litzmannstadt nie Widerstand gegen die Besatzung, gegen die Drangsal, gegen das Ermordetwerden gegeben, selbst bei dieser unfassbaren Aktion nicht. Das Maximum an Widersetzung waren Fluchtversuche und Versuche, jemanden zu verstecken. Ich gebe zu, es fällt mir schwer, das nach zu vollziehen. Die eigenen Kinder ohne Gegenwehr dem Tod auszuliefern…., -zig Tausende, Hundertausende von Menschen, die im Grunde darauf warten, ermordet zu werden – nur der Zeitpunkt ist nicht klar, und das Wo und Wie…. shmelts, dieser brutale und schonungslose Begriff des Jiddischen, bezeichnet es. In einem Abschiedsbrief (bei anderer Gelegenheit, den ich jetzt zufällig gefunden habe [7]) heißt es: Man sagt, daß dort 3000 arbeitsfähige Männer bleiben werden. Der Rest wird eingeschmolzen. („oyf shmelts„). Aber auch in diesem Tagebuch wird es ganz deutlich ausgesprochen: […] Für jeden ist klar, dass diejenigen, die nun aus dem Getto deportiert werden, nicht woanders „hingeschickt“ werden – sie werden ins Verderben geschickt, zumindest die Alten. Sie gehen, wie man hier im Getto sagt, in shmelts arayn. Andere Chronisten notieren ohne eine Hoffnung für die Kinder: Scheinbar alle „Untauglichen“ vergast etc. […] (Oskar Rosenfeld) bzw. Alle sind fest davon überzeugt, daß man die ausgesiedelten Juden in die Vernichtung führt. (Oskar Singer).

Genauso entlarvend ist die Getto-Bezeichnung für die Deutschen: die Macht einerseits, die Ohnmacht andererseits. Man unterwirft sich der Macht, ist gehorsam und gefügig, befolgt die Rituale (Anweisungen), man akzeptiert in der schwachen Hoffnung, damit Wohlgefallen zu erzeugen, alles, was die Macht anordnet – und sei es die Opferung Isaaks. Nur daß diese Macht keinen Einhalt im letzten Moment gebietet und das Blut fließen läßt.

Zelkowicz´ Tagebuch gibt die Endzeitstimmung, die die Verfügung zur Allgemeinen Gehsperre und der dahinter stehenden Deportation und Ermordung von 15685 Juden, darunter 5860 Kinder [S. 137], wieder. Er schildert die Verzweiflung der Menschen ebenso wie die brutale Durchführung der Aktion durch sowohl die jüdischen Ordnungskräfte als auch die Deutschen. Das Tagebuch ist (erstaunlicherweise) von den fünf Kapiteln her nicht nach den Tagen gegliedert. So beginnt die Aufzeichung der Ereignisse vom 5. September (dem Tag, an dem die Ausgangssperre einsetzt) in Kapitel 2 mit Unterabschnitten wie „Das Getto ist ohne Nahrung“ und „Die Kartoffeljagd“ oder in Kapitel 3: u.a. „Es hat begonnen“, „Die jüdische Polizei“ oder „Sie greifen zu“,  bis in Kapitel 5 der nächste Tag, Sonntag, der 6. September,  protokolliert wird. Der Text bricht unvermittelt in der Schilderung des Einzelschicksals der Rivka K., einer blonden, jungen, warmherzigen Frau, ab. Vermutlich ist der Rest der Aufzeichnungen verloren gegangen…..

Ergänzt werden die Aufzeichnungen durch folgende Aufsätze:

Angela Geiger: Nur ein Textfragment (Vorbemerkung zur deutschen Edition)
Susanne Help: „In yene koshmarne teg“ – Zur Übertragung aus dem Jiddischen
Andrea Löw: Das Getto Litzmannstadt(Lodz), Jósef Zelkowicz und die „Allgemeine Gehsperre“ im September 1942
Sascha Feuchert: Jósef Zelkowicz, das Archiv des „Ältesten der Juden von Litzmannstadt“ und die Bedeutung des Schreibens im Getto

Links und Bekanntmachungen:

[1] http://www.getto-chronik.de/de/chronik
[2] http://www.schattenblick.de/infopool/geist/history/ggfor113.html
[3] http://www.ghwk.de/ghwk/sonderausstellung/lodz/lodz_dokumente.htm
[4] Wortlaut der „Gebt mir eure Kinder“-Rede von Rumkowski:  http://www.holocaustresearchproject.org/ghettos/rumkowski.html
[5] 1941 wurden ca. 1000 Juden aus Düsseldorf nach Litzmannstadt deportiert: http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_rhl_411027.html
[6] Buchbesprechung hier im Blog zu: Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź
[7] aus: Polen: Generalgouvernement August 1941 – 1945, de Gruyter 2014, S. 419 (Dok. 132); https://books.google.de/books?...
[8] Buchbesprechung hier im Blog zu: 
Das Tagebuch der Rywka Lipszyc

Bildquellen:

Gehsperre, Anordnung der und Verkleinerung:  http://www.ghwk.de/ghwk/sonderausstellung/lodz/lodz_dokumente.htm
Gehsperre, Aufhebung:  http://www.schattenblick.de/infopool/geist/history/ggfor113.html
Rumkowski, Rede:  https://en.wikipedia.org/wiki/File:Rumkowski.JPG,  Bild gemeinfrei

Józef Zelkowicz
In diesen albtraumhaften Tagen
Tagebuchaufzeichnungen aus dem Getto Lodz/Litzmannstadt, September 1942
Originaltitel: In yene koshmarne teg.
Übersetzt aus dem Jiddischen von Susan Hiep.
Hrsg. und kommentiert von Angela Genger, Andrea Löw und Sascha Feuchert.
Eine Publikation der Arbeitsstelle Holocaustliteratur (Universität Gießen) und des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte
diese Ausgabe: Wallstein-Verlag, HC, ca. 150 S., 2015

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3 Responses to “Józef Zelkowicz: In diesen albtraumhaften Tagen”


  1. Ein Wahnsinnsbeitrag!

    Ich habe im letzten Jahr den fiktionalen Roman „The Children’s Train – Escape on the Kindertransport“ von Jana Zinser gelesen (hier auch drüber gebloggt: http://reading-parrot.blogspot.ch/2015/10/jana-zinser-childrens-train-escape-kindertransport-review.html) und das fand ich teilweise auch so unglaublich; da wird ein Querschnitt aller Überzeugungen, aller möglichen Geschehen (da reagierten die Juden, und eigentlich eh alle, ebenfalls ganz unterschiedlich, weswegen ich die Handlung auch absolut authentisch empfand), abgebildet und in einer Szene beklagte sich einer der Charaktere nach der Ankunft im KZ bitterlich, nicht in die „Duschreihe“ eingeteilt worden zu sein, er sei doch nach der Fahrt nun auch so schmutzig; das fand ich schon ’ne ganz schreckliche Szene, weil man als Leser im Jetzt, also über 70 Jahre später, ja eigentlich gleich wusste, dass „Duschen“ in dem Fall Vergasen meinte. :/

    LG,
    Tanja

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    • flattersatz Says:

      liebe tanja, erst einmal ganz herzlichen dank für deinen besuch und den ausführlichen kommentar!

      du hast recht, aus der sicht von heute, wo wir doch so viel wissen, ist es manchmal schier kaum zu ertragen, zu lesen, wie menschen damals, weil das ungeheure einfach denkunmöglich war, in ihr unglück liefen… mir ist es bei Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen ähnlich gegangen: der erzähler berichtet davon, daß er als jugendlicher, nachdem er die selektion an der rampe in auschwitz überstanden hatte, die nach ihm kommenden beobachtete und im geiste mit selektierte, mit den entscheidungen der „ärzte“ auch nicht immer einverstanden war….. das zu lesen tut wirklich weh….

      liebe grüße
      fs

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  2. Namika Says:

    Man kann sich nicht vorstellen, wie Menschen anderen so etwas antun können. Ich kann so etwas nicht lesen ohne immer wieder entsetzt oder leer vor Unverständnis abzusetzen. In Worte fassen kann man dieses schauderhafte Gefühl gar nicht, das einen erfasst, aber es ist doch auch wichtig sich damit hin und wieder zu konfrontieren um nicht zu vergessen, wie viel Schmerz und Qual geschehen ist, scheinbar ohne Ausweg. Danke für diesen ausführlichen Beitrag.

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