Jean-Philippe Blondel: Direkter Zugang zum Strand

7. Januar 2016

Jean-Philippe Blondel hat mit seinem Erstling, dessen Geschichte er im Nachspann erzählt, einen späten, wohl auch für ihn überraschenden Erfolg erzielt. Geschrieben wurde das Büchlein schon Anfang der 80er Jahre (diese Aussage Blondels ist nicht ganz eindeutig), zumindest sammelte der Autor die seit 1983 bei ihm eingehenden Ablehnungen des Manuskripts durch die Verlage (der im Buch auftauchende Jungschriftsteller dagegen ist von Anfang an mit Erfolg gesegnet…). In Druck ging es dann 2003, sieben Jahre später war diese Auflage verkauft und es sollten noch einmal 200 (?, ist nicht so viel, oder?) Exemplare nachgedruckt werden. However….

blondel coverDirekter Zugang zum Strand wird als Roman eingestuft, damit bin ich nicht so ganz einverstanden. Das Buch hat im Grunde keine durchgehende Handlung. Der Autor betrachtet zu vier verschiedenen Zeitpunkten, die jeweils eine Dekade auseinander liegen, beginnend 1972, die Lebenssituation seiner Figuren, die er jeweils an einem Strand in Urlaub sein läßt. Es sind Momentaufnahmen, die in der Erinnerung teilweise die Jahre dazwischen mit Geschehen füllen, die für die kommenden Jahre Pläne und Hoffnungen enthalten. Hoffnungen, die manchmal Jahre später dann zu Enttäuschungen geworden sind, unverhoffte Entscheidungen und Entwicklungen eröffneten unter Umständen neue Lebensräume und Möglichkeiten. Kinder wurden geboren und wuchsen heran, mit eigenen Charakteren und Eigenheiten, Eltern starben… das Leben eben. ….

Stehen die einzelnen Episoden anfangs relativ unvermittelt nebeneinander, so fügen sie sich jedoch im Laufe der (erzählten) Jahre zu einem Ganzen, da sich zwischen den Figuren Schicksalfäden gesponnen entwickeln, die deren Leben verbinden…

Es fängt an mit Philippe, dem Namensvetter des Autoren. Ein kleiner Junge am Strand, er langweilt sich, schaut sehnsüchtig hinüber zum umzäunten und abgesperrten Mickey-Mouse-Club, der ihm wie ein Paradies dünkt. Für Benoite dagegen, den er zufällig kennen lernt, ist es eine Verwahranstalt, in die ihn seine Eltern täglich einliefern, um ihre Ruhe zu haben…. auf Benoite treffen wir wieder, mit ihm nimmt es kein gutes Ende…. Philippe dagegen wird zehn Jahre später mit Vinzent zusammenleben, welcher wiederum Auslöser dafür sein wird, daß sich die Mutter Philipps von ihrem Mann trennt. Ihrem Mann, der sich damals, als Philippe noch klein war, so über die alleinstehende Natascha aufregte, die Nachbarin am Ferienort, die sich die Männer reihenweise angelte. Unter anderen auch den jungen Jean-Michel Coutine, dem diese bürgerliche Gesellschaft im Grund auf den Keks ging, der sich von Natascha anlernen ließ, aber dessen Traum Amerika war, alles hinter sich lassen und über den Teich gehen….

All diese Personen begegnen uns immer wieder, sie halten die „Handlung“ zusammen, manchmal durchaus überraschend, ich denke da beispielsweise an Vinzent, der uns zum Schluss als glücklicher und zweifacher Familienvater entgegenkommen wird oder auch an Natascha, die eine der Figuren ist, die auch nach dreißig Jahren noch „da“ ist…

Blondel schildert Situationen und Entwicklungen, das „Warum, wieso, weshalb“ etwas so und nicht anders ist, spielt bei ihm keine so große Rolle. Wir beobachten durch seine Augen, was passiert oder passiert – mehr nicht. Und das in einer unsentimentalen, relativ nüchternen Sprache, in der er er die jeweiligen Personen selbst reden läßt. Es ist ein wenig Blätterei mit dem Lesen des Buches verbunden, damit man die Zusammenhänge nicht übersieht. Ich selbst habe das Buch nach dem ersten Lesen noch einmal mit Bleistift und Notizblock durchblättert und mir die Namen und die Zusammanhänge der Personen aufgeschrieben. Das war für das Verständnis des Buches sehr hilfreich, denn Blondel selbst gibt kaum Verweise, bei diesem Mosaik aus Menschenleben, das sich für uns beim Lesen zu einem Bild zusammenfügen soll….

Direkter Zugang zum Strand ist ein Vor- oder auch Nachmittagsbuch – länger braucht man zum Lesen nicht, selbst, wenn man dann noch einmal mit Papier und Stift bewaffnet durchblättert. Es wird jedoch ein interessanter Vor-/Nachmittag werden, denn Blondels Buch ist wie das Leben selbst: manchmal raffiniert, manchmal sentimental, manchmal tödlich, manchmal brutal, manchmal überraschend und oft voller Liebe, immer aber voller Träume, die oft scheitern, hin und wieder aber auch in Erfüllung gehen….

Jean-Philippe Blondel
Direkter Zugang zum Strand
Übersetzt aus dem Französischen von Monika Buchgeister
Originalausgabe: Accés direct à la plage, Queyrac, 2003
diese Ausgabe: Piper, HC, ca. 160 S., 2015

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2 Responses to “Jean-Philippe Blondel: Direkter Zugang zum Strand”


  1. Ein Vormittagsbuch… das klingt schön. Und nach dem, was ich für Freitage suche.
    Damit landet es direkt auf der Wunschliste.
    LG Mareike

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