Lesehöhepunkte des letzten Jahres 2015

mein Lesejahr 2015… eine durchaus überraschende Auswahl, die da zustande gekommen ist… es sind nicht unbedingt die „besten“ Bücher oder die „wertvollsten“: es sind die, bei denen ich nach „Bauchgefühl“ gesagt habe: das kommt in die Auswahl. Durchgeblättert habe ich mein Inhaltsverzeichnis monatsweise, so daß das Ergebnis dieser Sichtung wirklich extrem subjektiv ist.

Voilà, hier ist es, die Besprechungen selbst sind über die Vorschaubildchen zugänglich, die Anordnung ist α-betisch nach Autoren:

 

Anonyma: Eine Frau in Berlin
Anonyma: Eine Frau in Berlin

Anonyma: Eine Frau in Berlin
Schon in der Endphase des Krieges schwappte die Gewaltwelle, die die Deutschen nach Polen und Russland gebracht hatten, in voller Stärke zurück – und die Frauen hatten als Beute der Sieger eine schwere Last zu tragen. Viele Frauen sind daran zerbrochen, viele Männer auch…. Um so beeindruckender die Stärke, mit der andere Frauen damit umgingen – bis nach dem Krieg der Mantel des Schweigens darüber gelegt wurde. An diesem Buch hat mich die Ehrlichkeit beeindruckt, mit der die Autorin Ende der 50er Jahre an die Öffentlichkeit gegangen ist und so das Schweigen durchbrochen hat.

Shusaku Endo: Schweigen
Shusaku Endo: Schweigen

Shusaku Endo: Schweigen
Dieser Roman des christlichen japanischen Autoren Endo über die letztlich misslungene christliche Missionsarbeit in seinem Land hat mich durch seine Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit tief beeindruckt. Ein Roman über Glaubenszweifel und Glaubensstärke, über Gottvertrauen und die Bedeutung des Wortes, die über das hinaus geht, was der erste Eindruck vermittelt.

David Foenkinos: Charlotte
David Foenkinos: Charlotte

David Foenkinos: Charlotte
Bei diesem biographischen Roman bin ich ein wenig in der Aussenseiterposition, denn das Buch hat mich (im Gegensatz zu fast allen anderen Referenten) als literarisches Werk leider gar nicht überzeugt: zu arm die Sprache des Autoren. Das Schicksal dieser jungen Frau und ihrer Familie dagegen war tief erschütternd in all seiner Dramatik und Tragik bis hin zur Ermorderung der Malerin Charlotte Salomon in Auschwitz. Parallel zum Buch habe ich ihrem „Vermächtnis“, den Singspiel Leben? Oder Theater? geblättert, das zumindest in großen Teilen, online verfügbar ist. So hat der Roman dann letztendlich doch zu einem großen Lesemoment beigetragen. Im Beitrag habe ich an mehreren Stellen auf die Arbeiten von Charlotte Salomon verlinkt.

goldstein-cover

Jürgen Goldstein: Die Entdeckung der Natur
Diese Geschichte der Rezeption der Natur durch den Menschen ist anspruchsvoll, aber sehr lehrreich. Man sieht nur das, was man weiß und in manchen Momenten wird dieses Schema durchbrochen und man gewinnt eine neue Erkenntnis, eine neue Art des Sehens, eine neue Art, die Welt zu betrachten: ein Paradigmenwechsel hat stattgefunden. Ich habe lange gebraucht, dieses Buch zu lesen, die Besprechung ist auch umfangreich geworden, aber ich schwörre: Buch ist noch länger, lohnt sich immer noch zu lesen!

hartwell meer cover

Katharina Hartwell: Das fremde Meer
Das fremde Meer ist der Erstling dieser jungen Autorin. Er hat mich durch die Art beeindruckt, in der er mich gefangen genommen hat und nicht mehr loslies… das Buch verschlingt einen, so fesselnd ist es… und dann ist es auch noch ein Märchenbuch der ganz anderen Sorte…

Alfred Kubin: Die andere Seite
Alfred Kubin: Die andere Seite

Alfred Kubin: Die andere Seite
Man kennt Kubin natürlich, seine dunklen, düsteren Grafiken und Illustrationen. Um so erstaunter war ich, als ich dieses Buch in irgendeiner Grabbelkiste (ich weiß leider nicht mehr wo..) gesehen hatte. Bei solchen Funden ist gesehen natürlich gleich gekauft….
Dieser einzige Roman Kubins ist wie seine Grafiken: düster. Ein Gleichnis natürlich für die politischen Umstände seines Zeitalters, schildert er das Scheitern einer Utopie, eines ganz besonderen Staates. Eine sehr spannende Lektüre, wenngleich nicht gerade für zarte Gemüter, da Kubin nicht davor zurückschreckt, seine Figuren (und seine Leser) mit roher Gewalt zu konfrontieren…

RywkaRywka Lipszyc: Das Tagebuch der Rywka Lipszyc
Dieses Buch hatte ich mir aus einer Verlagsvorschau ausgesucht und als Leseexemplar erbeten. Es war keine einfache Lektüre, in verschiedener Hinsicht. Zum einen und zuvörderst natürlich hinsichtlich des Inhalts: Rywka war zum Zeitpunkt des Tagebuchs vierzehn Jahre alt, ein junges, intelligentes Mädchen – im Getto Litzmannstadt, dem größten der von den Nazis eingerichteten Freiluftgefängnisse. Das Tagebuch erlaubt einen Einblick in die Gedanken- und Seelenwelt dieses Mädchens, das dem Tod geweiht war (das Auschwitz aber überleben sollte) und doch so voller Lebenswillen, voller Ehrgeiz und auch voller Pläne für die Zukunft – auch wenn diese so zweifelhaft war. Das zweite „Problem“ beim Lesen war, das so ein Tagebuch natürlich nicht für die Veröffentlichung gedacht war, daher viele Wiederholungen u.ä. enthält – was andererseits auch ein Maßstab ist für die Bedeutung einzelner Themen für Rywka.

Philip Roth: Der menschliche Makel
Philip Roth: Der menschliche Makel

Roth: Der menschliche Makel
Zu Philip Roth muss man eigentlich nichts sagen. Er schreibt (korrekterweise müsste ich das eigentlich im Imperfekt formulieren, da er das Schreiben ja aufgegeben hat) einfach perfekt: intelligente Geschichten adäquat präsentiert. Es war einfach ein Spaß, dieses Buch zu lesen, vor allem auch, weil ich den „Clou“ der Story erst recht spät mitbekommen hatte….

Robert Seethaler: Der Trafikant
Robert Seethaler: Der Trafikant

Robert Seethaler: Der Trafikant
Österreich, das in den Folgen des verlorenen 1. WK als eines der „kümmerlichem“ Reste eines einst großen Reiches übrig geblieben war, hatte in den Jahren zwischen den Kriegen keine gute Zeit. Durch Marschners Romane (Das Bücherzimmer und Das Jagdhaus) bin ich literarisch dieses Jahr ein wenig in diese Epoche „eingetaucht“. Auch Der Trafikant spielt ebenfalls in dieser Zeit, in der die Österreicher anfingen, die Deutschen, bei denen offensichtlich alles besser lief mit dem Braunauer an der Spitze, zu beneiden und gar nicht schnell genug im eigenen Land willkommen  zu heißen. Mit den bekannten Folgen, für die Juden sowieso und für die, die nicht so begeistert waren, ebenso… Seethaler beschreibt dies in seinen Roman deutlich, mit sympathisch gezeichneten Figuren, die mir beim Lesen so sehr ans Herz gewachsen sind, mit und ohne Zahnlücken… ich konnte mir dieses böhmische Mäden (in all ihrer Zwiespältigkeit) so gut vorstellen und ich habe den beiden ihre Nächte in der Trafik von Herzen gegönnt!

Antje Vollmer: Doppelleben
Antje Vollmer: Doppelleben

Antje Vollmer: Doppelleben
Doppelleben ist eine Doppelbiographie. Gottliebe und Heinrich von Lehndorff sind allgemein vielleicht nicht so bekannt, Heinrich von Lehndorff war einer der eher im Hintergrund wirkenden, aber wichtigen Angehörigen der Männer um Stauffenberg, die am 20. Juni 1944 versuchten, Hitler zu töten. Gottliebe als seine Frau wußte um diese Aktivitäten ihres Mannes.
Das Buch Vollmers entwickelt in Ruhe und mit sehr viel Sympathie die Biographien dieser beiden Menschen, und unvermeidlich ist es damit auch die Darstellung der Geschichte dieses misslungenen Attentats verbunden. Ein intensives Buch, das den Wahnsinn dieser Zeit noch einmal aus einem anderen Blickwinkel offen gelegt hat.

John Williams: Stoner
John Williams: Stoner

John Williams: Stoner
Jetzt taucht in dieser Zusammenstellung der schon verstorbene John Williams tatsächlich zweimal auf.. aber ich kann es nicht ändern, von beiden Büchern war ich einfach begeistert. Stoner, diese (Leidens?)Geschichte des einfachen Jungen vom Lande, der sich durch die Literatur ein Leben aufbaute, das leider im Privaten durch eine einzige Fehleinschätzung und -entscheidung eine Wendung ins Tragische nahm….

John Williams: Butcher´s Crossing
John Williams: Butcher´s Crossing

John Williams: Butcher´s Corner
…. und diese Roman aus den Endzeiten des „Wilden Westens“, als echte Männer noch Mordmaschinen waren und nichts Schöneres kannten, als Bisons abzuschlachten, verrotten zu lassen und mit vor Gier geweiteten Augen masslos Felle an sich zu raffen. Es ist ein amerikanischer Roman, ein Roman, in dem Blut fließt und Gewalt herrscht, in eine wunderschöne Natur von den Menschen erobert und unterjocht wird – oberflächlich, denn letztlich schlägt alles auf die Menschen zurück.

Williams verstand es in beiden Romanen, seine Protagonisten wunderbar zu charakterisieren bzw. die Landschaften, in denen seine Handlungen spielen, zu beschreiben. Die beiden Bücher haben mich tief beeindruckt!

wunderzeichenbuch-coverWunderzeichenbuch
Auf eine ganz andere Art und Weise beeindruckt hat mich dieser fantastische Bildband aus dem Taschen-Verlag. Wenn ich Bücher lese, die sich mit dem Mittelalter befassen (ich lese ja so ein wenig um die „Pest“ herum, jetzt z.B. Defoes: Die Pest in London. Das Thema „fasziniert“ mich einfach: innerhalb weniger Monate starb damals ein Drittel der Bevölkerung eines Kontinents! Dieses Ausmaß muss man sich mal vorstellen, heutzutage herrscht ja schon Panik, hat mal irgendwo ein Huhn Fieber… ) na ja, jedenfalls merke ich immer wieder, daß meine Vorstellungen vom Mittelalter „falsch“, zumindest einseitig sind. Auf der einen Seite natürlich noch diese von biblischen Bildern geprägte Weltsicht, die auch hier zum Tragen kommen: da fällt Blutregen vom Himmel und in den Wolken werden Gesichter gesehen, da werden Monster erblickt und Mißgeburten als Zeichen und Strafe Gottes gedeutet. Andererseits zeigen viele der Tafeln auch schon genaue Naturbeobachtungen von meterologischen Phänomenen wie Halos, Nebensonnen und ähnlichem.
Und auch rein technische: die Verbreitung solcher Nachrichten durch Flugblätter, die mit der Erfindung der Druckerpresse in Massen hergestellt werden konnten und Botschaften so wie Nachrichten schnell verbreiten halfen. So ist das „Wunderzeichenbuch“ sowohl ein bibliophiler Leckerbissen als auch eine Lehrstunde über unsere Wurzeln als Europäer.

Das war es jetzt also, eine Auswahl, eine von vielen möglichen, des verflossenen Jahres…..

.. und jetzt also auf ins neue Lesejahr 2016!
.

 

 

 

 

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3 Kommentare zu „Lesehöhepunkte des letzten Jahres 2015

    1. ja, beides schöne, sehr schöne bücher. den seethaler habe ich, glaube ich, auf deinem sub gesehen. sowie noch einige andere titel, die auch bei mir heimisch sind (bollmann mit seinen frauen und büchern, moers, foer…). ausserdem freut mich natürlich, daß du bei mir fündig geworden bist. so´n sub muss gefüttert werden, sonst magert der ab und das können wir alle nicht verantworten! man hat schließlich eine pflicht übernommen, indem man sich ihn angeschafft hat!

      bis bald dann und fühl dich heimisch!
      liebe grüße

      Gefällt 1 Person

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