David Foenkinos: Charlotte

20. Dezember 2015

Vorbemerkung: Die in eckigen Klammern gesetzten vierstelligen Zahlen sind mit den entsprechenden Blättern in Leben? Oder Theater? [4] verlinkt, die violetten Stellen sind aus diesem Stück zitiert, die grün markierten Passagen stammen aus dem vorliegenden Buch von Foenkinos.

Charlotte Salomon Selbstportraits, 1940 Bildquelle [B]

Charlotte Salomon
Selbstportraits, 1940
Bildquelle [B]


Eine junge Frau, großflächig gemalt in kräftigen Farben, brünettes, nach hinten gekämmtes, halblanges Haar, das Gesicht durch Stirn, Ohr, Augen und Augenbrauen, die Nase, den Mund mit tiefroten Lippen und das Kinn konturiert. Eine tiefblaue Bluse betont das ins Orange gehende Gelb der Haut.

Die Frau schaut uns, die Betrachter, an – mit den Augen, das Gesicht ist dem Gegenüber nur halb zugewendet oder: bleibt halb abgewendet. Die Pupillen sind auf uns gerichtet, im Auge der Frau jedoch nach rechts ganz an den Rand gerutscht. Der Mund ist geschlossen, die Mine ruft den Eindruck von Misstrauen, Abwendung, Vorsicht hervor. Das Haar wirkt helmartig wie ein Schutzpanzer.

Die junge Frau ist Charlotte Salomon, der David Foenkinos sein Buch Charlotte gewidmet hat, der Schutzumschlag zeigt genau dieses Selbstportraits der Künstlerin, die 1943 in Auschwitz ermordet worden ist. Dem Wahn einer politischen Kaste und der Folgsamkeit eines Volkes zum Opfer gefallen worden ist – wie Millionen anderer Juden (aber auch Sinti und Roma, Homosexueller und anderer).


Charlotte Salomon wurde 1917 geboren, ihre Eltern hatten sich im Krieg kennengelernt. Ihr Vater war Chirurg und ihre Mutter Franziska ging als Krankenschwester an die Front. So begegneten sie sich.

Charlottes Familie war mütterlicherseits von einem geradezu unglaublich tragischen Schicksal bestimmt [7]. Lassen wir sie, die die ganze Tragödie selbst erst sehr spät in ihrem kurzen Leben erfuhr, dies in eigenen Worten erzählen, so wie sie einen verbalen Ausbruch ihres Großvaters wiedergibt:

Deine Mutter versuchte es zuerst mit Gift, und dann stürzte sie sich aus dem Fenster. Deine Tante Charlotte ging ins Wasser, aber am schlimmsten war es bei der Mutter von Großmama. Acht Jahre lang versuchte sie täglich, der Obhut von zwei Krankenschwestern zu entrinnen – um sich das Leben zu nehmen -‚ [4860

‚Mit dem Bruder von ihr begann es. Er war ein netter Kerl und sehr begabt und studiere Jura, als er Anzeichen von beginnendem Wahnsinn zeigte, der sich vornehmlich in unmotiviertem Gelächter äußerte. Ein Jahr lang blieb er völlig isoliert mit einem Wärter (ich war als Arzt und Schwager sein einziger Besucher) im Sommerhaus deiner Urgroßmutter. Wir waren zu dieser Zeit grade jung verheiratet, und du kannst dir denken, wie deine Großmutter, die sehr gut mit ihrem Bruder stand, sich darüber aufregte. Dann wurde er wieder gesund und konnte zu Ende studieren. Die Ärzte meinten, er solle heiraten, und damit fing die Tragik an.‘ [4861

‚Deine Urgroßmutter, die zwar eine sehr strenge Frau war, doch sehr viel wert auf Vornehmheit und Reichtum legte, zwang ihn, ein Mädchen aus sehr reicher Familie zu heiraten, mit der er sehr unglücklich wurde. Er verbrachte seine Ehe mehr bei bei uns als bei sich – bis er sich dann ins Wasser stürzte. Die Mutter machte sich natürlich die heftigsten Vorwürfe und faßte den Entschluß, der begleitet war von einer Geisteskrankheit, sich das Leben zu nehmen. Wir engagierten zwei Krankenschwestern, die sie keine Sekunde allein lassen durften, und es gelang uns wohl auch, sie eines natürlichen Todes – aus Überanstrengung – sterben zu sehen. Doch was sich in diesen acht Jahren – in denen unsere Kinder geboren wurden – für Aufregungen abspielten, besonders für Großmama, ist kaum zu beschreiben.‘ [4862

‚Kaum hatte sie sich etwas erholt – so stürzte Onkel Schneider, mit dem sie ja, wie du weißt, sehr befreundet war, in ihrem Beisein ab. Kurz darauf nahmen sich ihre Schwester mit ihrem Mann ebenfalls aus nervösen Gründen das Leben. Inzwischen wuchsen unsre Kinder heran – und ich muß sagen, sie waren für uns ein reiner Quell der Freude. Es waren die idealen Kinder – aus uns bis heute unbegreiflichen Gründen -ging unser Lottchen ins Wasser. Kurz danach brach der Weltkrieg aus, und du kennst ja Großmama und kannst dir denken, wie sie sich von neuem aufregte. Dann heiratete deine Mutter gegen unseren Willen deinen Vater. Zu gleicher Zeit nahm sich die einzige Tochter des Brudes [steht so im Original] mit Veronal das Leben. Dann wurdest du geboren. Ein großes Unglück erwartete uns noch, der Tod deiner Mutter, aus ebenfalls unbegreiflichen Gründen, denn …‘ [4863

‚… wir geben deinem Vater natürlich in keiner Weise schuld, doch mit der Geduld von deiner Großmama war es nun zu Ende. Sie wollte nicht mehr weiterleben, doch es gelang mir das Experiment, sie durch größere Reisen als bisher, durch südliche Schönheit, durch Kunst und Natur, dem Leben wieder zurückzugeben. Dann kam 1933, und sie zwang mich, sofort Deutschland zu verlassen, und wieder war’s der Süden, der uns anzog. Wir verbrachten in Rom die schönsten Jahre unseres Lebens. Dorthin bekam sie auch die Nachricht vom Selbstmord ihres Neffen, des einzig überlebenden Mitgliedes ihrer Familie.‘ [4864

CHARLOTTE ‚Das wußt ich ja alles gar nicht. Ich dachte immer, meine Mutter hatte Grippe und starb an Grippe.‘ [4866]

Das alles erzählte ihr der Großvater sehr spät in ihrem Leben, als sie in Südfrankreich Unterschlupf gefunden hatten und trügerische Sicherheit. Doch war die Geschichte noch nicht vollständig, der letzte Akt fehlte noch, er spielt sich hier, im Beisein Charlottes in Südfrankreich ab:

Die alte Frau Knarre [i.e. die Großmutter] versucht, sich im Badezimmer aufzuhängen. Ihr schon etwas in die Tiefe gesunkenes schweres Leiden, das sie im Leben verfolgt hat, scheint – hervorgerufen durch den tobenden Krieg – voll in Erinnerung zu treten, und sie fühlt, wie ihr scharfer Verstand und ihre Selbstbeherrschung, die ihr das Leben lebenswert machten, an Größerem zerbrechen. Die Angst vor dem beginnenden Wahnsinn treibt sie zu dem Entschluß. [4846]

nachdem sie lebend gefunden: GROßMUTTER ‚Oh, ich bitt dich, laß mich doch sterben.‘ [4848]  … ‚O, laßt mich sterben, o, laßt mich sterben, denn ich fühl es, ich kann nicht länger leben!‘ [4850]

CHARLOTTE ‚Sich nach solchem Leben im Badezimmer zu erwürgen, das ist doch furchtbar. Gott, ist mir schlecht.‘ [4849]


Charlottes Vater lernt nach dem Tod Franziskas, der Mutter Charlottes, Paula Lindberg kennen, eine berühmte Sängerin. Sie heiraten. Mit Paula zieht wieder Lebensfreude in die Salomon´sche Wohnung ein, Paula gibt Gesellschaften, auf denen Berühmtheiten wie Einstein zu Gast waren. Die kleine Charlotte und sie verstehen sich gut, Charlotte ist vom Gesang ihrer Stiefmutter begeistert.

Es ist der 30. Januar 1933 [4304], der für die Salomons alles ändern sollte – wie für so viele Juden in Deutschland. Paula wird im Theater ausgebuht, hat bald Auftrittsverbot. Der jüdische Kulturverein, dessen Gründung geduldet wird, ist ein Beruhigungsmittel für die Juden, von denen viele noch optimistisch („Die Optimisten kamen nach Auschwitz, die Pessimisten nach Beverly Hills„, Billy Wilder) an eine Phase glauben, die vorüber geht. Aber Albert Salomon verliert seine Approbation und Paulas Gesang leidet, weil sie keinen Stimmunterricht mehr bekommt.

Da meldet sich über den Jüdischen Kulturverein ein gewisser, vom 1. WK traumatisierter und von Gedanken an den Tod in Beschlag genommener Alfred Wolfsohn [4], der mit ganz neuen Theorien anfängt, Paula Stimmunterricht zu geben. Auch wenn Charlotte sich immer mehr in sich zurückzieht, so begegnet sie diesem Mann natürlich doch in der Wohnung, wenn er Unterricht gibt und mit ihm tritt etwas Neues in ihr Leben.


Vorüber! Ach, vorüber!
Geh, wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh, Lieber!
Und rühre mich nicht an.

Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund, und komme nicht zu strafen:
Sei guten Muts! Ich bin nicht wild.
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!

(Matthias Claudius)


Charlottes Leben, das ist zum einen die unwahrscheinliche, aber tatsächliche erfolgte Aufnahme in die Kunstakademie, wo sie mit ihrer Begabung auffällt und sogar den Jahrgangspreis erringen sollte – anonym. Einen Preis, den die Akademie ihr nicht überreichen konnte, auch aus Selbstschutz…. Charlotte verläßt die Akademie daraufhin. Sie hat Talent, ist begabt und dies sagt ihr Alfred auch, als er ihre Bilder sieht und er bittet sie, sein Buch zu illustrieren. Eine Arbeit, in die sie sich mit der ganzen Kraft, zu der sie fähig ist, hineinstürzt. So fixiert sich Charlottes Denken und Fühlen auf der anderen Seite immer mehr auf diesen Mann [4626, 4595], mit ihm erlebte sie noch einmal einen Hauch von unbeschwertem Leben, aber nicht ohne Gefahr: die Lokale, die sie heimlich besuchten, waren nur für Arier und Alfred Wolfsohn selbst in dieser Zeit war bindungsunfähig, beschied ihr, daß auf ihn nicht zu zählen sei, sie ihn nicht unter Druck setzen dürfe…..

Am 7. November 1938 erschoß in Paris der verzweifelte Jude  Herschel Grynszpan in der deutschen Botschaft in Paris den Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath, ein Mitglied der NSDAP. Die Nazis schäumten vor Wut, und sie hatten einen Vorwand, massiv gegen Juden vorzugehen. Und viele schäumten mit, ließen Fensterscheiben klirren, Synagogen brennen, Häuser und Geschäfte demolieren: „der“ Jude war endgültig Freiwild geworden.

Wie viele andere Juden auch wurde Albert Salomon abgeholt [4764] und in ein Lager gesteckt, dort zeigte sich, daß es unwichtig geworden war, daß er im 1. WK an der Front war, welche Verdienste er nachher erworben hatte…. Charolottes Vater bewies er einen großen Durchhaltewillen und Paula Salomon gelang es tatsächlich, durch die Hilfe alter Verehrer aus glücklicheren Tagen, ihren Mann Albert aus dem KZ zu befreien [50204801], doch Albert war krank an Körper und Seele und nicht mehr der Mann, den sie kannten.

Es war den Eltern klar, daß die Tochter sich in Sicherheit bringen musste, solange das Schlupfloch noch offen war: wer jünger war als zweiundzwanzig, brauchte keinen Pass, um zu reisen. Aber für Charlotte war ihre (heimliche und nicht belastbare) Liebe zu Alfred wichtiger als das Leben. Erst im letzten Moment konnte der kranke Vater die Tochter überreden, zu den Großeltern zu flüchten, die in Südfrankreich Unterschlupf in der Eremitage einer reichen Amerikanerin, Ottilie Moore, gefunden hatten.

Fassen wir diese Jahre in Südfrankreich zusammen. Auch Ottilie Moore ist von den Bildern Charlottes begeistert, sie besorgt Papier und Utensilien, damit die junge Frau malen kann. Doch der Krieg, der 1939 vom Zaun gebrochen wird, wirft seine Schatten auch an die französische Mittelmeerküste, Lion Feuchtwanger hat dies sehr eindringlich in seinem Der Teufel in Frankreich beschrieben [6]. Die Großmutter wird mit ihrem Leben nicht mehr fertig, sie will sich (ich habe weiter vorne schon Zitate dazu aufgeführt) umbringen, wird beim ersten Versuch gerettet, aber wer kann einen zu allem entschlossenen Suizidalen schon vierundzwanzig Stunden am Tag überwachen, und das Tag um Tag….

Auch im unbesetzten Frankreich mussten sich die Deutschen jetzt registrieren lassen, Charlotte und ihr Großvater kamen in das trostlose Lager Gurs in den Pyrenäen. Jede Nacht holten sich die Wächter eine der Frauen aus der Baracke für ihren Spaß… Charlotte, wurde sie auch geholt? Eine schöne, junge Frau – man kann sich kaum vorstellen, daß sie übersehen wurde…. Charlotte schaffte es aber, eine Krankenschwester für sich zu gewinnen: sie und der kranke Großvater wurden entlassen und schlugen sich wieder zu Ottilie Moore durch.

Der örtliche Arzt Doktor Moridis (auch einer ihrer Bewunderer) musste geholt werden, man fürchtete um ihren Zustand, sie hat den Boden unter den Füßen verloren, auch des Großvaters und seines Verhaltens wegen. Er war ein verbitterter, grantelnder und zudringlich werdender alter, am Leben verzweifelnder Mann geworden. Moridis überlegt. / Du musst malen, Charlotte, sagt er dann. / Sie hebt den Kopf. / Er sagt noch einmal: Charlotte, du musst malen. Es ist die Geburtsstunde des Singspiels [4]: 

Das dreifarben Singespiel beginnt. Die Darstellenden sind Herr und Frau Dr. Knarre ein Ehepaar, Franziska und Charlotte ihre Töchter, Doktor Kann ein Arzt, Charlotte Kann seine Tochter, Paulinka Bimbam eine Sängerin, Doktor Singsang ein vielseitiger Mensch, Professor Klingklang ein berühmter Dirigent, eine Zeichenlehrerin, Professor und Schüler einer Zeichenakademie und Chor. Im Hauptteil tritt auf Amadeus Daberlohn ein Gesangpädagoge, seine braut, ein bildhauer, Paulinka Bimbam, Charlotte Kann, nebenmaterial. Im Nachtwort erscheinen Frau Knarre, Herr Knarre, Charlotte Kann u.a. Das Stück spielt in der Zeit von 1913 – 1940 in Deutschland, später in Nizza. [4155-3]

Charlotte malt und malt, wird vom Großvater bedrängt, flieht diesen zu Marthe, die sie kennen gelernt hat und die ein Hotel hat. Für Monate geht sie dort in Klausur und arbeitet an ihrem Lebenswerk. Bei einem ihrer seltenen Gänge nach Nizza sieht sie den Aufruf an alle Juden, sich bei der Behörde zu melden. Und gehorsam wie ein Schaf geht sie am nächsten Tag dorthin – gegen den Rat Marthes. Aber noch einmal bekommt sie eine große Chance: einem der Polizisten, die sie im Bus bewachen, fällt sie auf, er ruft sie nach draußen und läßt sie fliehen: Rennen Sie und drehen Sie sich bloß nicht um.

Sie muss ihr Werk fertig stellen, dies ist Charlotte klar. Sie malt wie bessen, ordnet die Blätter, dann verschnürt sie sie sorgfältig, packt alles in einen Koffer und geht zurück in die Ermitage, klingelt vorher bei Doktor Moridis und übergibt ihm den Koffer: C´ET TOUTE MA VIE. ..

Die Villa ist leer, Ottilie Moore, der das Singspiel gewidmet ist [4155-2], abgereist. Nur noch ein Mann ist dort, ein Österreicher, Alexander Nagel, ein großer, schweigsamer Tolpatsch. Auch wenn sie lange Zeit nebeneinander her leben, kommen sie sich doch irgendwann näher…. es geht für Monate gut für die beiden, sie fühlen sich sicher, die Italiener, die dort jetzt das Sagen haben, ermorden keine Juden. Charlotte wird schwanger, sie heiraten ganz offiziell – und werden denunziert. Mittlerweile ist der Schlächter Alois Brunner Herr der Region, mit Vergnügen läßt er die beiden holen…


Drany: Wartezimmer des Todes, Verschiebebahnhof zur Hölle. Drancy: immer wenn ich ein Buch lese, das im Frankreich dieser Jahre spielt, taucht dieser Ort auf: ich hasse diesen Namen mittlerweile, er tut weh, er schmerzt, er ist fast so schlimm wie Auschwitz.

Auschwitz, wo die im fünften Monat schwangere Künstlerin Charlotte Salomon 1943 ermordet wird. Und ich sitze jetzt hier und schreibe über sie und habe Tränen in den Augen.


Die Bilder Charlottes, insgesamt schuf sie in den zwei Jahren über 1300 Blätter, sind farbkräftig und ausdrucksstark, kombiniert mit Texten und Musik. Sie beginnen 1913 mit dem Tod der Tante, deren Namen sie trägt: 1. Aufzug, 1913. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser. [4156] und endet im Epilog mit den Jahren 1939 bis 1942 in Südfrankreich. C´ET TOUTE MA VIE. Es umfasst also Charlottes Leben, das Singspiel ist autobiographisch und es ist therapeutisch. In einigen der Blättern sind Hinweise darauf zu finden, daß auch Charlotte der Gedanke daran, alles hinter sich zu lassen, nicht fremd war. Wahrscheinlich war das Malen tatsächlich der einzige Weg für sie, sich aus der akuten Seelenpein – zumindest temporär – zu befreien.


Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Deutlich kann ein Autor wohl seine Unvermögen, einen Stoff in Worte zu packen, nicht formulieren. Nimmt man Foenkinos Ernst – und warum sollte man dies nicht tun – war er mit einer adäquaten Darstellung des Lebens von Charlotte Salomon überfordert. So schaltete er zurück – immerhin nicht bis zum Drei-Wort-Satz – und schrieb Sätze, nie länger als eine Zeile, die er untereinander anordnete. Im Gegensatz zu beispielsweise Christoph Ransmayr, der diesen „fliegenden Satz“ in seinem Der fliegende Berg ebenfalls einsetzte, fehlt bei Foenkinos jedoch jeglicher Rhythmus im Text, jegliche Poesie, mitnichten kann man den Text als Prosagedicht ansehen: das Geschriebene nimmt den Leser an keiner Stelle mit. Es ist a-literarisch, holprig wie die Kopfsteinpflasterabschnitte bei Paris-Roubaix. Einzig der Inhalt, die kaum fassbare Tragödie der Familien Grunwald und Salomon lassen einen beim Lesen durchhalten, ab der zweiten Hälfte des Textes, die das Leben Charlottes in Südfrankreich schildert, seine Hilflosigkeit sogar überlesen.

Und doch…

Stolperstein Paula Lindberg-Salomon, 25.08.2012 Bildquelle [B]

Stolperstein Paula Lindberg-Salomon, 25.08.2012
Bildquelle [B]

.. und doch kommt Foenkinos ein großes Verdienst zu. Er, der durch Zufall auf Charlotte Salomon aufmerksam geworden ist, weil eine Freundin ihn mit in eine Ausstellung genommen hat [1], „verfällt“ ihr, recherchiert ihr Leben nach, besucht die Stationen ihres zu kurzen, allzu kurzen Lebens: Berlin-Charlottenburg, Wielandstr. 15, die Orte, an denen sei in Südfrankreich lebte und arbeitete. So holt er eine in Vergessenheit geratene Frau auch einer breiteren Öffentlichkeit zurück in die Erinnerung, eine Frau, bei der das Schicksal ein geradezu groteskes Spiel spielte: ausgerechnet sie, die durch ihre Ausreise, vulgo: Flucht nach Südfrankreich gerettet werden sollte, ist letztlich das einzige Familienmitglied, das durch die Nazis ermordet wurde.

Der Vater Albert und Paula Lindberg-Salomon konnten in die Niederlande fliehen und dort gelang eine weiterer Flucht, wenngleich knapp, aus dem Lager Westerbork. Sie überlebten den Krieg und blieben in Amsterdam wohnen. Den Koffer mit den Bildern tritt ihnen Ottilie Moore ab, als sie die Orte, an denen Charlotte lebte, besuchten [8]. Später sollte dann die Ausstellung mit ihren Werken ins Leben gerufen werden, die lange Zeit mit Erfolg gezeigt wurde. Im Alter vermachten die Eltern die Bilder dem Jüdischen Museum Amsterdam. Albert Salomon starb 1976, Paula Salomon viele Jahre später im Jahr 2000.

Alfred Wolfsohn überlebte in England, eine Schülerin konnte ihm im Dritten Reich bei der Flucht helfen. 1961 gibt es erste Kontakte, Paula hatte ihn mit Hilfe von Freunden aufgespürt. Sie schickt ihm den Ausstellungskatalog, wahrscheinlich wird Alfred erst jetzt bewusst, welche Rolle er im Leben Charlottes gespielt hat.

Dies alles ist jetzt einer großen Zahl von Menschen bekannt, denn das Buch ist mit Preisen ausgezeichnet, es ist ein Verkaufserfolg und möglicherweise verwechselt man hier die Qualität des Buches mit dem Mitgefühl, das man für die Protagonistin aufbringt.


So wenig mich auch Foenkinos Versuch, Charlottes Leben aufzubereiten, überzeugt hat, so wichtig ist dieser Versuch, einfach, weil allein dadurch das Erinnern wieder möglich wurde. So kann das Buch gut als Inhaltsangabe oder Leitfaden dienen, wenn man sich – was sich auf jeden Fall raten möchte – die Bilder Charlotte Salomons [4] anschaut, die man dann besser den einzelnen Lebensphasen Charlottes zuordnen kann und die den direkten Zugang zu ihrer Lebensgeschichte bieten.

Links und Anmerkungen:

[1] Ausstellung in Berlin:  http://www.jmberlin.de/charlottesalomon/
[2] Margret Kampmeyer: Leben? Oder Theater? in: Museums-Journal, Jüdisches Museum Berlin, Juli 2007, http://www.jmberlin.de/charlottesalomon/pdf/museumsjournal.pdf
[3] https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/stolpersteine/artikel.179755.php
[4] Zum Singspiel Leben? oder Theater?:  http://www.jhm.nl/collection/specials/charlotte-salomon/main-characters auf dieser Seite sind Fotos der wichtigsten Menschen in Charlotte Salomons Leben zu sehen.
und ein MUSS ist die digitalisierte Ausgabe von Leben? Oder Theater? des jood historisch museum Amsterdam: http://www.jhm.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater
[5] zur Biographie Alfred Wolfsohns [Quelle: Jüd. Museum Berlin]: https://radiergummi.files.wordpress.com/2015/12/458764_document.pdf
[6] Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich (Buchvorstellung hier im Blog)
[7] die Vererbbarkeit der Neigung zu Suiziden ist immer wieder ein Gegenstand der medizinischen Forschung, z.b. hier:  http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/39933/Suizid-Gen-gefunden
[8] youtube-clip mit einem Interview der Eltern:  https://youtu.be/NlytljkojGo
[9] youtube-clip mit einer Inszenierung des Singspiels an der Komischen Oper Berlin: https://youtu.be/6e8hRVD6iwc

Bildquellen:

Stolpersteinhttps://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/stolpersteine/artikel.179755.php Wiedergabe des Bildes mit freundlicher Genehmigung des Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf (Berlin), Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Auf der Seite des BA sind auch die Stolpersteine für Albert Salomon und Paula Lindberg-Salomon abgebildet.
Selbstportraitshttps://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Charlotte_S.jpg, Joods Historisch Museum, Amsterdam, gemeinfrei (siehe Link)

David Foenkinos
Charlotte
Übersetzt aus dem Französischen von Christian Kolb
Originalausgabe: Charlotte, Paris 2014
diese Ausgabe: DVA, HC, ca. 238 S., 2015

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5 Responses to “David Foenkinos: Charlotte”


  1. Danke für die klare Rezension! Ich habe mich bewusst entschlossen, das Buch nicht zu lesen, weil es für mich sprachlich extrem schwach ist. Es trifft genau zu, was du oben schreibst. Ich wünschte, ein passenderer Autor hätte Charlotte „wiederentdeckt“!

    Gefällt 2 Personen

  2. penwithlit Says:

    Hat dies auf penwithlit rebloggt und kommentierte:
    A moving self-portrait and a wonderful artist

    Gefällt 1 Person


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