Eleanor Catton: Die Gestirne

Bevor ich auf diesen großen, zumindest aber umfangreichen Roman der jungen neuseeländischen Autorin Eleanor Catton [1] eingehe, der mit diversen Rekorden versehen (jüngste Preisträgerin ever, umfangreichster Roman ever) 2013 mit dem Booker-Preis [2] geehrt wurde, möchten ich noch ein Wort vorausschicken. Der Verlag hat mir dankenswerterweise ein Leseexemplar zur Verfügung gestellt. Dies entspricht jedoch ausdrücklich nicht der Kaufversion, der gedruckten Ausgabe, sondern ist explizit „unkorrigiert“. Das bedeutet im Endeffekt, daß alles, was hier schreibe, unter einem gewissen Vorbehalt zu sehen ist – möglicherweise ist es in Verkaufsversion nicht mehr enthalten, korrigiert oder sonstwie geändert. However, behalten wir diese Tatsache einfach nur im Hinterkopf und widmen wir uns dem Buch.

gestirne

Es ist wie gesagt ein opulenter Text, ein Klotz von Buch. Die Geschichte führt uns ziemlich exakt 150 Jahre in der Zeit zurück auf den Ort, an dem unsere Antipoden leben, nach Neuseeland. Diese Insel erlebte seinerzeit einen „Goldrausch“, man fand von diesem Metall und wie immer wurden eine Menge der Beladenen und Bedrückten dieser Welt durch die Aussicht auf möglichen Reichtum angelockt. So entstanden Goldgräbercamps und Städte schossen aus dem Boden, in denen die Goldsucher ihr die Woche über mühsam Erschürftes in Geld umwandeln konnten, welches dann meist zur Stillung diverser Bedürfnisse genutzt wurde: es wurde gegessen, getrunken, gespielt und oftmals auch ein Überschuss von Körperflüssigkeiten, die sich an anderer Stelle gesammelt hatten, abgebaut. Ich erwähne dies nicht wegen des heimlichen Kitzels, der durch diese Tatsache angeregt werden mag, sondern einzig und allein, weil mit Anna Wetherell einer der Hauptfiguren des Romans durch ihre Naivität und widrige Umstände in diese Profession hinein gerutscht ist. Vielleicht und weil es für die Handlung nicht ganz unerheblich ist, sollte ich noch erwähnen, daß im Gegensatz zum Goldrausch in Amerika die Drogen hier eine große Rolle spielen: die Nähe zu China führte dazu, daß Opium bei den Goldgräbern und den anderen dort Lebenden nicht unbekannt war und Verwendung fand. So war unter anderem auch oben erwähnte Anna (ein weiterer Aspekt ihres widrigen Schicksals) dem Rausch des Mittels ergeben. Ganz anders als Anna dagegen – und damit führe ich die zweite weibliche Hauptperson ein – ist Lydia geartet, die uns als Greenway, Wells und schlussendlich Carver entgegentritt. Sie ist berechnend, intrigant und manipulierend, versehen mit ausgeprägter Skrupellosigkeit und Amoralität ein gefährlicher Charaktermix.

Diesen zwei Frauen stehen einer Menge Männer gegenüber, von denen – und damit sind wir am Anfang des Romans – zwölf sich konspirativ und klandestin in einem Hotel der einfacherern Art in Hokitika treffen. Zwölf, diese Zahl ist nicht ungefähr gewählt. Nicht weil der Jünger so viele waren (kirchliches ist eher spärlich vertreten, aber auch nicht ganz unterschlagen in dieser Geschichte), sondern weil der Sternkreiszeichen so viele sind. Das gesamte Geschehen und seine Personen stehen nämlich unter dem Einfluss der Sterne, der Planeten, des Himmels allgemein. Man muss jedoch trotzdem kein Freund oder Kenner des Astrologischen sein, um die Geschichte lesen und verstehen zu könnnen….

Hokitika township, ca 1870s Bildquelle [B]
Hokitika township, ca 1870s
Bildquelle [B]
Wie auch immer, die erwähnten Zwölf treffen sich in diesem Hotel in Hokitika, diesem noch im Werden begriffenen, regnerischen Goldgräberstädtchen auf der neuseeländischen Südinsel und wollen sich beraten. Wir schreiben das Jahr 1866, genauer, den Januar. Sie staunen jedoch nicht schlecht, als die Tür aufgeht und ein junger Mann, der sich als Walter Moody vorstellen wird, eintritt, auch dieser natürlich erstaunt ob der Gesellschaft, die er vorfindet und die ihm leicht befremdlich vorkommt. Zwar hatten die Zwölf das Hotel „gesichert“ durch einen Türsteher, doch rechneten sie offensichtlich nicht damit, daß schon jemand im Hotel logierte, der sie stören könnte. Man beäugt sich eine Weile, beschnuppert sich, nimmt Kontakt auf und dann kommt die Geschichte ins Laufen….

Die Geschichte… nun wird es kompliziert, denn die Geschichte ist keine einfache, schließlich benötigt sogar die Autorin über eintausend Seiten, sie darzulegen… keine Angst, ich fasse mich kürzer…. aber womit beginne ich?

Beginne mit Alistair Lauderback, einen Politiker, der in einer Art Wahlkampftour über Land nach Hokitika reist. Kurz vor der Stadt will er jemanden besuchen, der in einem Tal ein armseliges Sägewerk betreibt, es wird kurzer Besuch, der Mann liegt tot über den Tisch gebeugt in der Stube, den stadtbekannten Alkoholiker hat selbiger dahin gerafft. Am gleichen Tag findet man die stadtbeliebte Hure Anna Wetherell tiefstbetäubt (durch eine Überdosis? durch ein Gift?) im Opiumrausch dem Tode nahe (was im Buch mehrfach und etwas befremdlich als „Nahtoderlebnis“ bezeichnet wird) auf der Straße liegen und bringt sie sicherheitshalber wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses ins Gefängnis. Aller Ereignisse sind drei: der junge, offensichtlich erfolgreiche Goldsucher Emery Staines ward am Abend vor diesem Tag zum letzten Mal gesehen, über seinen Verbleib (Tod? Weggegangen? Geflohen?) kann keiner Auskunft geben.

Das ist sozusagen das erste Gerüst der Geschichte, das durch weitere Vorkommnisse ausgeweitet wird. In der Hütte des verblichenen Crosbie Wells zum Beispiel wird überraschenderweise viel Gold gefunden, versehen mit dem Stempel eines Claims, der bekanntermaßen leer ist. Außerdem kann der Gefängnisgeistliche Cowell Devlin, der auch für Bestattungen zuständig ist, aus der Asche der Feuerstelle heimlich ein halbverbranntes Dokument retten, in dem der vermisste Goldsucher der stadtbeliebten Anna eine erhebliche Summe Geldes schenkt….

.. ausserdem wird das Grundstück des erfolglosen Sägewerkbesitzers sehr schnell verkauft, verdächtig schnell, bevor nämlich die allen unbekannte, frisch gebackene Witwe namens Lydia Wells auftaucht und naturgemäß das Erbe für sich beansprucht. Es ist nicht so, daß das Ehepaar Wells eine harmonische Ehe geführt hat (die Existenz einer Ehefrau war keinem bekannt); eher fühlte sich die Frau zu einem Mann namens Francis Carver hingezogen, der seinerseits unter dem Namen Crosbie Wells den schon genannten Alistair Lauderback mit dessen amourösen Abenteuer, das er ausgerechnet mit schon erwähnter Lydia bestritten hatte, erpresste… um das noch etwas zu verkomplizieren muß erwähnt werden, daß auch schon mehrfach erwähnte Anna noch eine Rolle in dieser Konstellation spielte….

Zu allem Überfluss musste die im Gefängnis, das von einem George Shepard geleitet wird, wieder zu sich kommende Anna Wetherell feststellen, daß mit ihren Kleidern (insgesamt besaß sie fünf Stück davon, zu denen sie auf ebenfalls besondere Art und Weise gekommen war) etwas Besonderes war (das ich jetzt hier natürlich nicht verrate). Unter anderen durch diese Tatsache kommen auch die Chinesen ins Spiel, (die unweit der Stadt die sozusagen „Sklavendienste“ verrichteten, im Auftrag und gegen geringen Lohn Gold zu schürfen), denn unsere gute Anna wird nicht umsonst auch Chinamen`s Ann genannt…

Viele Ereignisse also und Faktoren, die eine Rolle spielen. Zum Teil liegen sie schon Jahrzehnte zurück, denn besagter Carver beispielsweise verbrachte vor seinem Auftauchen in Neuseeland eine Dekade in einem australischen Straflager, gezwungenermaßen, wie man sich vorstellen kann, aber nicht unverdient, denn charakterlich war und ist er einfach nicht in Ordnung…. und hier jetzt, im regnerischen Hokitika, spinnen er und seine alte Liebe und neue Frau Lydia wiederum ein heimtückisches Netz, um sich am Gut anderer zu bereichern…

Gehen wir jedoch an den Ausgangspunkt zurück. An diesem nämlich erfährt Walter Moody, wie die einzelnen Männer, die er bei ihrer Versammlung traf, in die Geschichte verwickelt sind. Das schildert die Autorin in der Art alter englischer Romane á la Dickens, es ist ausführlich, ausschweifend aber – im Vertrauen – an die Qualität von Dickens kommt es nicht heran. Zumal Catton die Chance versäumt, ihren Figuren eine eigene Stimme zu geben und damit ihre Darstellung den unterschiedlichen Charakteren entsprechend zu gestalten. So dagegen schaltet sie nach dem Motto, daß die ausschweifende Art des Erzählens es nicht Wert wäre, wortwörtlich wiedergegeben zu werden, einen auktorialen Erzähler ein, der das Gesagte für die jeweilig Sprechenden formuliert mit dem Ergebnis, daß der ganze erste Teil, der immerhin ungefähr 460 Seiten umfasst in einem einheitlichen Ton gehalten ist, der es schwer macht, zu verfolgen, wer von den vielen Figuren jetzt überhaupt am berichten ist.


Insgesamt weist der Roman zwölf (es kann ja nicht anders sein) Kapitel („Teile“) auf, die immer kürzer werden, bis hin zum letzten, da nur noch eine halbe Seite lang ist. Dafür werden die Überschriften bzw, die formals knappen Angaben über den Inhalt der Teile, der diesen in der Art alter Romane vorgeschaltet ist, immer länger und ausführlicher. Das kann man als nette Spielerei auffassen oder auch als manieriert und künstlich.

Catton treibt ihre Geschichte nach dem langen ersten Teil mit Macht voran. Stringente Logik ist nicht immer die beherrschende Macht in der Handlung. Allein schon, daß die zwölf konspirativ im Hotel zusammen gekommenen Männer den Eindringling nicht einfach wieder hinaus bitten, sondern ihn im Gegenteil bereitwillig in ihr Geheimnis einweihen, ist nicht unbedingt eine zu erwartende Entscheidung. Oft kommt der Zufall ins Spiel, der der Geschichte eine neue Wendung gibt, der sie voran bringt und weiterführt. Das geht so weit, daß Catton sogar so etwas wie „Wunder“ zu Hilfe nimmt und zu anscheinend Übersinnlichem greift…. anderes wieder klingt sehr konstruiert und unwahrscheinlich wie beispielsweise die Passage, in der Mr. Staines schildert, wie er angeschossen wurde…. Mit der Zahl der Zufälle nimmt aber andererseits das Tempo der Geschichte ebenfalls zu. Die vorher oft breiten Schilderungen nehmen zugunsten szenischer Abschnitte mit vielen Dialogen ab, die Szenen sind einfach gehalten, meist in der Tat nur Dialoge zwischen zwei Personen, seltener tritt eine dritte noch dazu auf.

Zusätzlich verwirrend wirkt die Tatsache, daß Catton viele Rückblenden in ihre Erzählung eingestreut hat, die die Auflösung, bzw. den Fortgang der Geschichte immer wieder unterbrechen. Ich sage „Fortgang“, weil die vielen konstruierten Zufälle dazu führen, daß es immer wieder neue Verwicklungen und Ereignisse gibt, die zu Fragen Anlaß geben, deren Beantwortung dann doch wieder offen bleibt.


Was also resümiere ich? Nach den etwas zähen vierhundertsechzig Seiten des ersten Teils nimmt einerseits das Tempo und damit der Unterhaltungswert und die Lesbarkeit des Textes zu, andererseits sinkt der Anspruch an des Leser, und wenn (als Beispiel nur) im Lauf der Handlung eine Fast-Analphabetin in perfekter Art und Weise eine Unterschrift fälschen kann – dann nimmt man (um es mit Fritz Teufel zu sagen: wenn´s der Unterhaltung dient) das eben staunend zur Kenntnis – bei Catton ist es eben jetzt so. Die groß angekündigte „astrologische“ Komponente ist dagegen im Text kaum zu spüren, nur an wenigen Stellen wird darauf Bezug genommen, kein Anhänger der Astrologie zu sein ist also nicht per se ein Grund, das Buch nicht zu lesen. Auch der Umfang muss es nicht, der Inhalt (es wird eben einfach nur eine Geschichte erzählt) ist nicht so anspruchsvoll, als daß man jeden Satz studieren müsste.

Nimmt man Die Gestirne also einfach als eine Geschichte, die mit vielen Wendungen und inhaltlichen Überraschungen erzählt wird, in der logische Stolpersteine souverän und unbekümmert durch Zufälle und Unerklärtheiten überwunden werden, so bietet der Roman dem Leser halbwegs solide Unterhaltung und wird sich im Regal durch seinen Umfang imponierend in Szene setzen.

Links und Anmerkungen:

Eleanor Catton
Die Gestirne
Übersetzt aus dem Englischen von Melanie Walz

Originalausgabe: 
Verlagsseite: btb, HC, ca. 1040 S., 2015
diese Ausgabe: unkorrigiertes Leseexemplar

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Eleanor_Catton
[2] zum „Booker-Preis“, der nach Wiki der wichtigste britische Literaturpreis ist (sich aber selbst bescheiden zum world’s most important literary award erhebt) siehe hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Booker_Prize
http://themanbookerprize.com/man-booker-prize-2013

Bildquelle
– Hokitika 1870: https://commons.wikimedia.org/..AHokitika…jpg (von National Library NZ on The Commons [Public domain], via Wikimedia Commons)

 

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11 Kommentare zu „Eleanor Catton: Die Gestirne

  1. Ich bin erst bei der Hälfte und bisher schwer begeistert, hatte mir aber etwas ganz anderes vorgestellt. Sowohl das Cover als auch der Klappentext ließen mich eine deutlich mystischere Geschichte erwarten. So ist es mir allerdings viel lieber.

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  2. Tolle Buchrezension.
    Ich bin auf der Suche nach lesenswerter Literatur aus und über Neuseeland, aber nun nicht sicher, ob ich mir diesen „dicken Schinken“ lesend antun muss ;-)
    Vermutlich hast Du mich vor einem Fehlkauf bewahrt.

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  3. Notiere das mal. Kann ja sein, ich werde irgendwo eingeschneit, irgendwo weit weit fern ausgesetzt, werde eingekerkert und durch einen glücklichen Umstand greife ich vorher noch nach einem Buch und da sollte es ein sehr dickes sein und eines, das durch zweimaliges Lesen mich die Zeiten überdauern lässt – dieses hier scheint mir geeignet; fast sehne ich mich nach Einkerkerung, dass ich die Zeit erhalte…….
    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

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    1. .. lieber herr hund, das muss aber ein menschenfreundlicher kerker sein, der ihnen die hände frei läßt, um umzublättern, viele hundert male. ich wünschen ihnen das lesevergnügen daher auch ohne den kerker, wie wäre es bei einem flug rund um den erdball? oder einer kreuzfahrt, das ist doch fast wie kerker….

      mit herzlichen grüßen
      fs

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  4. Hmmm. Ich hab da mal ein paar Fragen. Ich habe das Hörbuch gehört, allerdings auf Englisch. Vielleicht sind mir da ein paar wichtige Details entgangen… Wer hat denn jetzt Francis Carver getötet? Und wer hat das Gold in Wells Haus gebracht? Und wer hat das Dokument, in dem Anna das viele Geld geschenkt wird, in den Ofen gesteckt? Ich fand das Hörbuch grundsätzlich sehr gut, war aber am Schluss doch schwer enttäuscht wegen der offenen Fragen. Wäre sehr dankbar um Aufklärung, damit ich das Buch für mich abschließen kann ;-)
    vielen Dank
    K

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  5. Eine tolle, ausführliche Besprechung, ich bin begeistert (auch was ich sonst noch so hier auf dem Blog gerade gelesen habe). Mir hat das Buch zwar besser gefallen, deine Argumente kann ich aber gut nachvollziehen, daher empfehle ich das Werk auch nur bedingt. Man muss schon in der passenden Lesestimmung sein und es möglichst in kurzer Zeit lesen.
    Viele Grüße
    Thomas

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