Hilde Schmölzer: Die Pest in Wien

Vienna ventosa aut venenosa
(altes Wiener Sprichwort:
In Wien herrscht der Wind oder die Pest)

pest cover


Natürlich war das 14. Jahrhundert nicht arm an wichtigen Ereignissen, aber seinen Stempel bekam es in Europa durch eine Katastrophe aufgedrückt, die sich zwar in den folgenden Jahrhunderten mit kaum zu überschätzenden Folgen für den Kontinent immer wieder ereignen sollte, die aber 1348 Europa zum ersten Mal heimsuchte. Denn – Bergmann hat das in ihrer Arbeit [2] ausführlich beschrieben – die Pest, der „Schwarze Tod“, der über die Menschen hereinbrach, kostete Millionen von Menschenleben und erschütterte letztlich die Glaubensfestigkeit der Menschen. Damit begünstigte sie die Suche nach anderen Erklärungsmodellen für das Geschehen und damit den Beginn rationalen Denkens, der modernen Naturwissenschaft und Technik.

1347/48 jedoch glaubte man noch (und dieser Glaube sollte lange vorherrschend sein), diese plötzlich mit großer Gewalt über die Menschen hereinbrechende, fürchterliche Krankheit sei dem Zorn Gottes geschuldet, der die sündigen Menschlein auf der Erde für ihr gotteslästerliches Treiben bestrafen wollte. Also betete man inbrünstig, aber fast immer erfolglos, was nichts anderes heißen konnte, als nicht inbrünstig genug. Aber was hätte man dieser Seuche auch sonst entgegensetzen können, in dieser Zeit des europäischen Spätmittelalters….?

Hilde Schmölzer [1] widmet sich in ihrem Büchlein der Stadt Wien, in der die Pest viele Male, zum letzten Mal (sieht man von einer tragischen Ausnahme ab) im Jahre 1713 aufgetreten war und die in den vielen Seuchenzügen, die immer wieder aus dem „Osten“ kommend gegen die Stadt anbrandete, Zigtausende Opfer forderte.

Man muss sich, geht man so weit in der Zeit zurück, von einigen Bildern und Vorstellungen, die man in unserer Zeit hat und mit bestimmten Begriffen verbindet, lösen. Die Pest zum Beispiel ist heute ein festdefinierter Begriff, die Ursache sowie verschiedene Erscheinungen der Krankheit sind bekannt, können differenziert und behandelt werden. Damals war das keineswegs so. Die Symptome der Pest sind unterschiedlich, die Erkrankung selbst kann in verschiedenen Formen auftreten (Beulenpest, auch Bubonenpest genannt (griechisch bubo „Beule“), Pestsepsis, Lungenpest sowie die abortive Pest [3]): eitergefüllte Beulen treten ebenso auf wie schwarze Flecken, die ihrerseits groß aber wenige sein können oder klein und dann viele. Es kann sein, daß Erkrankte schon nach drei Tagen sterben, es kann auch sein, das der Todeskampf länger dauert oder (selten) daß der Erkrankte auch wieder gesund wird. Die Unterscheidung zwischen „Pest“ oder einer anderen Erkrankung, die sich mit „hitzigem Fieber“ äußert, war problematisch, ganz abgesehen davon, daß die Diagnose „Pest“ ob der auch wirtschaftlichen und sozialen Folgen für die Betroffenen häufig gerne und so lange wie möglich vermieden wurde.

Auch das Wien des Jahres 1438 hatte wenig gemein mit der heutigen Stadt. Die Gassen eng und ungepflastert, die Häuser meist noch aus Holz gebaut, im ersten Stock über die Gasse reichend, um den Wohnraum zu vergrößern. Noch gab es kaum Fenster, die mit Glas verschlossen waren, die Räume waren eng, zugig, dunkel. Aber egal, wie eng sie waren, es gab immer noch eine Ecke mit einem Bett, das vermietet werden konnte an noch ärmere: die Menschen hockten dicht auf dicht unter schlimmen hygienischen Verhältnissen…. Unrat und Abfall wurden auf die Gasse geworfen, verdorbende Lebensmittel, tote Tiere, Ausscheidungen von Mensch und Tier, Abfälle aus Handwerksbetrieben – alles vermengte sich mit der Erde zu einer übelstriechenden Masse, deren Dünste durch die dunklen, lichtarmen Gassen waberte und die Ungeziefer förmlich anlockte.

Für eine (wie wir heute wissen, bakteriell bedingte) Krankheit wie die Pest sind dies hervorragende Bedingungen: die Übertragung der Keime von Tier auf Mensch, von Mensch auf Mensch oder durch die Luft war fast unvermeidlich. So flohen in Pestzeiten insbesondere die Stände, die es sich leisten konnten, sprich: der Adel und der hohe Klerus, die Stadt und gingen auf´s Land. Schon Boccaccio  schildert eine solche Flucht aus dem pestverseuchten Florenz in seinem Decameron – in Wien war dies nicht anders: wer konnte, ging weg.

Die Pest kam aus dem Osten, entweder auf dem Landweg oder auch per Schiff, sie verbreitete sich über den gesamten Kontinent. Hilde Schmölzer konzentriert sich in ihrer Darstellung auf eine einzige Stadt, wobei man aber getrost die Vorgänge in dieser Stadt pars pro toto nehmen kann für andere betroffene Gebiete. Mögen sich das eine oder andere Detail unterscheiden (die Autorin geht sehr kritisch mit dem Zustand und der Qualität der Medizin und der Universität in Wien um und verweist des öfteren auf die „moderneren“ Universitäten in z.B. Italien), die prinzipiellen Aussagen sind allgemein gültig.

Einen Schuldigen hatte man natürlich schnell ausgemacht. Unter der Pest gedieh der Hass auf die Juden gar trefflich, inclusive Verfolgung. Eine zwiespältige Sache, denn auf der anderen Seite brauchte der Adel (zumindest die wohlhabenderen) Juden zur Finanzierung der Geschäfte….. Ihnen schob man alles in die Schuhe, beliebt war der unsinnige Vorwurf der Brunnenvergiftung. Die schlechte Qualität der Brunnen beruhte jedoch auf den katastrophalen hygienischen Bedingungen, die unter anderem durch die Massenbestattungen und das Fehlen einer Kanalisation bedingt waren: es sickerten schlicht und einfach verkeimte Wässer aus dem Boden in die Brunnen.

Es ist nicht so, als ob die Verwaltung untätig geblieben wäre. Man erließ Pestordnungen, in denen genaue Regelungen zu finden waren über beispielsweise die Isolation Erkrankter, über Quarantänemassnahmen, über die Sicherstellung der medizinischen Grundversorgung. Allein – was hilft das geduldige Papier, wenn die Umsetzung nicht erfolgt? So war es immer schwierig, den 1540 geschaffenen Posten des „magister sanitatis“ zu besetzen: eine Funktion, die üblicherweise mit dem Pesttod des bedauernswerten Arztes endete – oder er verhungerte gar wie ein Dr. Plöchinger im Jahre 1659, weil ihm das Entgelt für seine Tätigkeit trotz mannigfacher Eingaben vorenthalten wurde. Das Ansehen der Medizin und der Ärzte war allgemein keineswegs hoch, die Zusammenarbeit mit der Verwaltung schlecht.

In der Herrengassen hat der Todt geherrschet
In der Bognergassen hat der Todt ziemlich abgeschossen
In der Sängergassen hat der Todt vielen das Requiem gesungen
In der Riemergassen hat der Todt aus frembden Häuten Riemen geschnitten
In der St. Dorotheagassen hat der Todt kein Feyertag gehalten
Auf dem Hohenmarckt hat der Todt viel erniedriget
Auf dem Kohlmarkt hat der Todt nichts als Kohlschwarze Trauer-Kleider verursachet
Auf dem Graben hat der Todt nichts als eingegraben
Auf dem Freyung war wenig befreyet vor dem Todt
Auf dem Heydenschoß hat der Todt nach Christen geschossen

Summa, es ist keine Gassen noch Strassen ob auch ihre Nahmen nicht allhier beygefüget sowohl in Wienn als in dero grossen weiten Vorstätten, welche der rasende Todt nicht hätte durchstreichen. Man sahe das ganze Monat um Wienn und in Wienn nichts als Todte tragen, Todte führen, Todte schlaifen, Todte begraben….
(Abraham a Sancta Clara, 1679)

Überhaupt die Medizin…. intuitiv war auch hier manches vernünftig: das Einschränken des Kontaktes mit dem Erkrankten, das Lüften der Behausungen oder die Vorgaben zur Reinigung und Säuberung von Stuben und Textilien. Auf der anderen Seite schlugen Magie und Aberglauben voll zu: die „schlechte Luft“, der man die Ursache der Pest zuschriebe, sollte durch Räuchern vertrieben werden. Und man räucherte, bis die Spatzen tot vom Dach fielen… Amulette, besondere Heilsteine, getrocknete Kröten, seltsame Diäten, Aderlässe, Fontanellen – das Arsenal von „Foltermethoden“, die angewandt wurden, war groß und wirkungslos. Da immer noch an den Zorn Gottes als Ursache der Pest geglaubt wurde, wurde dem Gebet zu den Pestheiligen Sebastian, Rochus und Rosalie große Bedeutung beigemessen. Prozessionen und Messen konterkarierten die Anweisungen, Menschenansammlungen zu vermeiden.

Die Quarantänemassnahmen beschränkten sich nicht nur nach „innen“, sondern auch nach außen. Fahrendes Volk wurde abgewiesen oder in Lagern separiert, 1728 wurde ein „immerwährender Pestkordon“ eingerichtet, der vom Karpatenbogen bis ans Meer reichte. Ob er was nutzte – man weiß es nicht, jedenfalls mutierte er mit seinen Einrichtungen wie Wachtürmen, Quarantänestationen, Desinfektionsräumen (auch Handelsgüter und die Post waren zu reinigen) in den Jahrzehnten immer mehr zum Selbstzweck, der den Menschen, die dort arbeiteten und Geschäfte machten, ein Auskommen sicherte, bis er 1873 aufgelöst wurde.

Pest-Lazarett in Wien um 1679 zeitgenössischer Stich Bildquelle [B]
Pest-Lazarett in Wien um 1679
zeitgenössischer Stich
Bildquelle [B]
Die allgemeine Verrohung der Sitten in Zeiten eines Pestzuges sind auch in Wien zu beobachten gewesen. Zogen sich die einen zu vermehrtem Gebet und zu inniger Einkehr zurück, so ließen andere die guten Sitten fahren und vergnügten sich auf alle erdenkbaren Weisen. Die Anordnungen der Verwaltung zum Umgang mit Pesterkrankten und ihren Sachen wurden missachtet, durch den Verkauf infizierter Textilien verbreitete sich die Seuche noch stärker, trotz Verbotes kam es immer wieder zu Prozessionen, Wallfahrten und Menschenansammlungen. Ärzte wurden von Verwandten bestochen, damit ihre Erkrankten nicht in ein Lazarett kamen, diesen Vorhöfen der Hölle; manch ein Mord verübt und unter dem Deckmantel des Pesttodes versteckt. Andere Erkrankte wiederum wurden von allen verlassen, von ihren Kindern, den Ehepartnern und siechten allein vor sich hin…

All diesen (und noch weiteren) Erscheinungen und Vorkommnissen widmet sich Schmölzer in dem kleinen Büchlein, einer mit den Mitteln der Belletristik gestalteten Chronik. Der Text ist sehr gut lesbar und daß sie für die Desinfektion  von Räumlichkeiten im Jahr 1770 Chlor verwenden läßt, das jedoch erst 1774 entdeckt wurde, sei ihr verziehen (und ist möglicherweise in einer aktuellen Ausgabe auch geändert worden). Letzteres erwähne ich nicht nur, um den Besserwisser zu geben, sondern weil mir dies als einziges Manko (in der mir vorliegenden Ausgabe) aufgefallen ist: bei machen Fakten habe ich erstaunt gestutzt, weil mir das so nicht klar war, zum Beispiel der Zusammenhang der Begriffe/Redewendungen: „wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“ oder der „Schwarze Peter“ mit der Pest. Hier hätte ich mir (unabhängig vom belletristischen Ansatz der Autorin) neben dem allgemeinen Literaturverzeichnis explizite Hinweise auf Quellen gewünscht, um dem noch einmal nachgehen zu können.

Aber das sind Kleinigkeiten… in jedem Fall gilt, wer sich für die Geschichte der Pest in Europa interessiert, hat mir Schmölzers Text und seinen vielen Originalzitaten und Abbildungen einen guten Griff getan.

O du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
O du lieber Augustin, alles ist hin.
….
….
Jeder Tag war ein Fest,
Und was jetzt? Pest, die Pest!
Nur ein groß‘ Leichenfest,
Das ist der Rest.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorin: http://www.hilde-schmoelzer.com
[2] Anna Bergmann: Der entseelte Patient, Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2015/03/05/…-entseelte-patient/,
Buchvorstellung als Audio-File im literatur RADIO bayern: https://radio.blm.de/radiobeitrag/….entseelte-patient-helix.html
http://www.wien-konkret.at/sehenswuerdigkeiten/pestsaeule/pest-in-wien/
[3] nach Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Pest

eine sehr plastische Beschreibung eines Pestzuges (in Mailand) ist ebenso bei Alessandro Manzoni im 2. Buch seines Werkes „Die Verlobten“ zu finden:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/11/25/allessandro-manzoni-die-verlobten-das-2-buch/ . Manzonis Darstellung deckt sich in vielen Details mit Schmölzers Schilderungen. Und wer das Dekameron von Boccaccio im Regal stehen hat: ausser den Geschichten selbst gibt der Dichter eine Darstellung der Lage im pestgeplagten Florenz, die überhaupt erst die Menschen, wie eben die Personen dieses Buches, in die Flucht aus der Stadt trieb. Eine weitere Darstellung einer Stadt unter der Knute der Pest hat Daniel Dafoe mit seinem fiktiven Roman: Die Pest zu London hinterlassen. Das muss ich aber auch noch selber lesen…

Bildquelle:

Pest-Lazarett: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Plague_hospital_in_Vienna_1679.jpg#filehistory; Datei gemeinfrei

Hilde Schmölzer
Die Pest in Wien
diese Ausgabe: Verlag der Nation, TB, ca. 190 S., 1988
(der Titel ist in neuerer Auflage im Haymon-Verlag erhältlich)

6 Kommentare zu „Hilde Schmölzer: Die Pest in Wien

  1. Vor etwa 10 Jahren wurde ja die Theorie aufgestellt, dass es sich beim „Schwarzen Tod“ des Mittelalters gar nicht um die Krankheit „Pest“ handelte, sondern um eine Art haemorrhagisches Fieber wie Ebola (Buch: Return of the Black Death von Susan Duncan und Christopher J. Duncan). Es gab zahlreiche Argumente für die Theorie, etwa die zu hohe Mortalitätsrate und die oft nicht passende Beschreibung der Symptome. Doch dann wurde der Pesterreger in einem Pestgrab gefunden und die Theorie damit widerlegt. Ich fand die Argumentation eigentlich sehr überzeugend, es ist denke ich plausibel, dass zumindest andere große Seuchen, wie etwa der „englische Schweiß“ , ein solches haemorrhagisches Fieber waren. Wäre interessant, ob die Autorin in Neuauflagen auf diese Fragestellung eingeht. Werde mir mal die Website angucken. Ich fand das ungeheuer spannend, wenn auch sehr gruselig, denn eine solche Seuche könnte jederzeit wieder auftreten und wäre im Gegensatz zur Pest kaum behandelbar…
    Danke für die Rezension!

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    1. ich habe zu danken für deinen ausführlichen kommentar! :-)

      aber es stimmt, was du schreibst. sicherlich (schmölzer geht darauf ja auch ein) war der begriff „pest“ lange zeit ein relativ unscharfer Sammelbegriff für alle möglichen schweren erkrankungen. auch heutzutage (die pest ist ja bei weitem nicht ausgerottet, im spiegel von letzter woche war ein bericht darüber, ich weiß nicht, ob es den schon online gibt) denkt man bei gliederschmerzen, fieber etc pp nicht an pest als erstdiagnose, sondern eher an grippe… aber in den gefährdeten gebieten ist es eben manchmal doch pest.

      was du über die haemorrhagischen fieber schreibst, ist folgendes interessant: edgar allan poe hat (zumindest) zwei erzählungen geschrieben, die sich mit der pest befassen: „könig pest“ und (sic!) „der rote tod“. von letzterer kenne ich den originaltext nicht, in der deutschen übersetzung jedenfalls ist dieser widerspruch aufrecht erhalten zwischen „pest“ (der schwarze tod) und dem „roten tod“ des titels….

      ich habe übrigens auf meinen tisch von daniel defoe „die pest in london“ liegen. irgendwann in bälde wird das hier auch noch mal erscheinen. ein sehr interessantes buch, sehr gut geschrieben. und den manzoni kennst du vllt auch schon, ich habe oben in den anmerkungen auf ihn verwiesen…

      liebe grüße
      fs

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