Das Wunderzeichenbuch

12. November 2015

wunderzeichenbuch-cover

Die Welt umgibt uns mit Phänomenen, mit Zeichen, die uns wunderbar erscheinen. Nach einem Regenschauer ist möglicherweise ein nicht greifbarer Regenbogen zu sehen, am nächtlichen Himmel erscheinen für Sekunden Lichtstreifen, an einem kalten Wintertag scheinen auf einem mehr als eine Sonne am diesigen Himmel zu stehen. Wir können uns heutzutage viele dieser Erscheinungen erklären, wissen um die Ursachen und selbst wenn nicht, sind wir sicher, daß es eine rationale Erklärung gibt.

Wieviel anders war dies noch vor einigen Jahrhunderten! Es gab kaum belastbare physikalische, chemische oder biologische Kenntnisse, die etwas erklären konnten, jedes Kalb, das mit zwei Köpfen geboren wurde, erregte Schrecken und Angst ob der schlimmen Verheißung, die es darstellte…. Die Bibel war voll von „Wundern“, das Rote Meer teilte sich, der Dornbusch brannte ohne zu verbrennen, auf Sodom und Gorilla fielen Schwefel und Feuer und Lots Frau erstarrte zur Salzsäule…

Flugblatt aus Basel: Beschreibung eines auffälligen Sonnenunter- und Sonnenaufganges und schwarzer Kugeln, die am 27./28. Juli und am 7. August 1566 über Basel beobachtet wurden.

Flugblatt aus Basel: Beschreibung eines auffälligen Sonnenunter- und Sonnenaufgangs und schwarzer Kugeln, die am 27./28. Juli und am 7. August 1566 über Basel beobachtet wurden.

Um 1440 hatte der Mainzer Johannes Gutenberg eine Druckerpresse mit beweglichen Lettern entwickelt, schon ein paar Jahrzehnte später hatte sich diese Technik über ganz Westeuropa verbreitet und zum Druck von über 20 Millionen Druckwerken geführt [2]. Zu solchen Druckwerken zählten dann ab dem 16./17. Jahrhundert auch Flugblätter, in denen die Kenntnis solcher „Wunderzeichen“ im Volk verbreitet wurden. Man sieht, daß die Aufteilung des Flugblattes schon recht „modern“ ist: die Titelzeile, darunter ein Bild und danach die Erklärung. Auch letztere folgt einem etabliertem Muster: Das Wunderzeichen wird beschrieben, Zeugen werden benannt, sein Charakter als böses Zeichen und Strafe Gottes wird hervorgehoben und daraus die Notwendigkeit zu Buße und Einkehr des sündigen Menschen gefolgert [1].

Aber die Deutung von Erscheinungen und Ereignissen als Manifestation einer göttlichen Äußerung, eines göttlichen Zorns (Prodigium) sind natürlich viel älter. Schon in der Antike wurden beispielsweise der Vogelflug gedeutet, in Rom war die Interpretation solcher Prodigien zur Staatsangelegenheit erhoben, von Titus Livius ist eine Sammlung entsprechender Berichte von Wunderzeichen bekannt, in der Tierungeheuer, Blut- und Steinregen oder auch astronomische Ereignisse verzeichnet sind.

Das erste eigentliche Wunderzeichenbuch, d.h. eine Sammlung von Vorzeichen ausserhalb eines größeren historischen Werkes wurde im 4. Jhdt. nach Christi angefertigt. Im Mittelalter führten die Chronisten die antiken Zusammenstellungen unter einem christlichen Aspekt weiter. Das vorliegende Wunderzeichenbuch, das um 1550 in Augsburg entstand, enthält eingerahmt von den biblischen Wunderzeichen des Alten Testaments und der Offenbarung des Johannes aktuelle Prodigien bis in die Mitte des 16. Jhdt. aufführt. Insgesamt sind es auf 167 Seiten großformatige, in Gouache und Aquarell ausgeführte Illustrationen von wundersamen und oft furchterregenden  Himmelserscheinungen, Sternenkonstellationen, Feuersbrünsten, Überschwemmungen sowie anderen Katastrophen und rätselhaften Phänomenen, von denen einige hier angeschaut werden können [3]. Der Blutmond, den wir bei uns vor einigen Wochen hatten, wäre eine für ein Wunderzeichenbuch typisches Erscheinung gewesen. Was mich erstaunt hat, ist die Tatsache, daß das Buch keine Tafel zur „Pest“ enthält, wurde diese doch über Jahrhunderte als Strafe Gottes für die sündigen Menschlein angesehen und hatte sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingefressen.

Über dieses Buch läßt sich natürlich keine Buchvorstellung im (bei mir) üblichen Sinne schreiben. Es ist ein „Bilderbuch“ der schönsten Art, als Faksimilie gedruckt, voll von fantastischen Zeichnungen und Interpretationen von (für uns heute) rational erklärbaren Phänomenen. Schlangen und Schwerter sind am Himmel zu sehen (obwohl gerade die Darstellung astronomischer Ereignisse wie Nebensonnen oder Halos oftmals recht „modern“ aussieht), in den Wolken tauchen Gesichter und Erscheinungen auf und das Volk Israel, das aus Ägypten flieht sieht aus wie eine mittelalterliche Gauklertruppe.  Blutrot geht Sodom unter und auch Lots Töchter mit ihrem sündigen Treiben werden nicht vergessen… Im Gegensatz zu den oben erwähnten Flugblättern mit ihrem ausführlichen Texten sind die Abbildungen spärlich beschriftet und beschreiben auch nur die dargestellte Szenerie, ohne sie auszudeuten. Hat man sich etwas eingelesen, kann man die Texte sogar halbwegs entziffern.

Die Darstellungen sind für den Betrachter eine Zeitreise zurück in die Mitte des letzten Jahrtausends. In dieser Welt lebten und dachten die Menschen damals, auch wenn man sich heute vieles nicht mehr vorstellen kann. Man sieht, was man weiß und kennt: und damals waren das eben glühende Zungen am Himmel, Flammengesichter in Wolken und Omen im Vogelflug… Jede Zeit hat ihre eigene Welterklärung, die von magischen, religiösen oder rationalen Grundzügen getragen ist. In solchen Welterklärungen richtet man sich ein – notgedrungen. So freut man sich, sieht man einen Schornsteinfeger und schiebt die leise Angst beiseite, die einen am Freitag, den 13. erfasst: in diesem Fall prallen zwei Welten aufeinander. Und wenn die Kaffeetasse dann doch in Scherben liegt, hat die eine „gewonnen“. So ganz frei von diesen abergläubischen Aspekten sind auch wir nicht – hier, in solchen Gedankenbildern, Assoziationen, Vorstellungen und Interpretationen haben sie ihre Wurzel und in diesem Sinne haben die Bilder auch direkt mit uns zu tun.

Zum Bildband gehört ein dicker Erläuterungsteil, der sowohl allgemein auf die Geschichte von Wunderzeichenbüchern und ihren Vorläufern eingeht, als auch speziell auf dieses Augsburger Exemplar. Neben den historischen Fakten werden die Bilder hier mitsamt Bildunterschriften wiedergegeben, so daß man am besten beide Teile parallel liest.

Ausgeliefert und geschützt wird das Werk übrigens in bzw. durch einem massiven Karton, der standfest ist und in jedem Bücherregal eine Zierde. Wer schöne Bücher liebt und sich einfach was Gutes tun will, sollte dieses Wunderzeichenbuch gaaaaanz dick und gaaaaanz weit oben auf den Wunschzettel schreiben……

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wunderzeichen
[2] Wiki-Beitrag zur Druckpresse:  https://de.wikipedia.org/wiki/Druckpresse
[3] Sammlung von Abbildungen in wikimedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Augsburger_Wunderzeichenbuch?uselang=de;  der kursive gehaltene Text ist der Beschreibung durch den  Verlag entnommen (siehe: diese Ausgabe)

Bildquelle: Flugblatt:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:….._Jar.jpg#globalusageDieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Die Illustration ist auf dieser Wiki-Seite eingebunden: https://de.wikipedia.org/wiki/Basler_Himmelsspektakel_von_1566

Das Wunderzeichenbuch
Originalausgabe: Augsburg, um 1550
diese Ausgabe: Taschen-Verlag (dreisprachig), Faksimilie-Druck plus Erläuterungsband, 2013

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