Manfred Osten: Alles veloziferisch oder….

2. November 2015

veloziferisch

Manfred Osten, der Autor dieses Essays, befasst sich in diesem Text auf nicht immer einfache Art und Weise mit Goethe und dessen Ablehnung des „Veloziferischen“, einem von ihm geschaffenen Kunstbegriff, der die „velocitas“ (Geschwindigkeit, Eile) mit „Luzifer“ verknüpft und der damit schon die Quintessenz der Ausführungen in einem Begriff kumuliert. Aber ganz so einfach macht es Osten uns Lesern dann doch nicht.

Für Goethe stellte die Französische Revolution einen Bruch mit dem langsam Gewachsenen, dem Althergebrachten dar, sie bedeutete zugleich einen in nie dagewesener Weise beschleunigten Rhythmus des Daseins. Diese Beschleunigung des Lebens und seiner Vorgänge führt zur Entfremdung, die Übereilung zeitigt diverse Phänomene: zu führt zu Irrtum und Gewalt. Einseitig wird der Verstand genutzt, die Gefühle werden gering geachtet, das Leben orientiert sich an Vergangenheit und Zukunft, die Gegenwart, die durch Wahrnehmung zu erkennen ist, verliert sich. So empfiehlt Goethe das Zeitmaß der Gefühle als jenes Adagio-Tempo, das er auch gegenüber der Natur empfindet, das sich übereilende Denken muss über die langsamen Mühlen der Gefühle und Empfindungen geleitet werden.

Solchen Grundgedanken Goethes spürt Osten im wesentlichen in drei großen Werken des Dichters nach: in seinem Opus Magnum, den Faust, insbesondere dem Faust II, in den Wahlverwandtschaften und im West-Östlichen Divan. Mit dem Dr. Faust hat Goethe, so Osten, frühzeitig den Menschen antizipiert, der sich unter das Joch der Eile stellt: Fluch vor allem der Geduld! Und unterstützt wird Dr. Faust durch Mephisto: Ihm [i.e. dem Menschen]hat das Schicksal einen Geist gegeben, der ungebändigt immer vorwärts drängt und dessen übereiltes Streben der Erde Freuden überspringt. So eilt Faust in seinem Bestreben, das Wissen zu mehren, in unbändiger Eile nach vorne in Richtung Erkenntnisgewinn und opfert diesem Fortschritt gegen Ende des Stückes sogar sein Augenlicht, die Welt, die Goethe als Gegengewicht zu der barbarischen sah, die Antike, personifiziert durch Philemon und Baucis, opfernd.

In Faust II hat Goethe mit dem Homunculus eine Figur geschaffen, die nach Osten geradezu hellseherisch moderne und modernste Entwicklungen antizipiert. Es ist die Schaffung eines (unvollständigen) „Menschen“ aus einer Mischung verschiedener Stoffe, die ungenannt bleiben. (Goethe greift damit den Paradigmenwechsel auf, den die Harnstoffsynthese Wöhlers für die Chemie, aber auch die Philosphie bedeutete: bis zu diesem Zeitpunkt galt als gegeben, daß organische Materie nur aus rein organischen Edukten entstehen kann). Hier sieht Osten vorgeahntes aus modernster Biotechnologie, Gen- und Nanotechnik, die entsprechenden Absätze in seinem Essay lesen sich für mich jedoch ziemlich weithergeholt. Ich will zur Veranschaulichung eine längere Sentenz zitieren:

Homunculus verfügt bereits über dieses verbesserte Gehirn [i.e. ein nach Ray Kurzweil durch die Arbeit von Milliarden winziger Nanoroboter technisch verbessertes Gehirn]. .. Das erste Opfer der ersten Kostprobe dieses durch Bildung optimierten Gehirns ist Faust höchstpersönlich. Mit Mephistos Hilfe hatte er im 1. Akt des zweiten Teils seinerseits bereits mit Lichtgeschwindigkeit und virtuellen Produktionen der modernen Medien-Gesellschaft die kaiserliche Hofgesellschaft amüsiert. Und nun – nach der Explosion im Rittersaal – liegt er bewusstlos auf der Couch in Wagners Laboratorium, wo er Homunculus Gelegenheit gibt, die Ergebnisse der modernen Tiefenpsychologie zu antizipieren und zu übertreffen. Das Gehirn des Phiolen-Psychiaters Homunculus steht jedenfalls bereits im Sinne der Kurzweilschen Utopien in offenbar nano-technischer Verbindung mit den neuronalen Traumarealen des Faustschen Cerbralsystems. Anhand der Hirnströme seines Probanden dringt Homunculus denn auch sofort zum erotischen Urgrund Sigmund Freudscher Traumdeutungen vor . …

Wie antwortete weiland Fritz Teufel dem Richter? Wenn´s der Wahrheitsfindung dient…. mit anderen Worten, das sind Passagen, in denen mir doch sehr weit interpretiert worden ist. Mit ähnlichem Mut könnte man auch die Tatsache, daß Eva aus Adams Rippe geschaffen worden ist, als kühne Antizipation moderner Biotechnologie interpretieren, die ja zumindest schon Nasen und Ohren aus Zellen wachsen lassen kann…

Gegenpole zur Übereilung, die zu Gewalt und Irrtum führt, sind nach Goethe die Rückbesinnung auf die Natur und auch auf die Kunst. Hier berichtet Osten, daß sie Goethe für Stunden bei Bach´scher Orgelmusik entspannen konnte, Mozart hingegen war für ihn auch etwas Veloziferisches. Der Mensch hat Verlernt, in der Gegenwart zu leben, er antizipiert die Zukunft und vergisst die Vergangenheit.

In den Wahlverwandtschaften ist die Figur der Ottilie für Osten eine Figur, die Goethe in ihrem mäßigen, ruhigen Sinn anti-veloziferisch geschaffen hat. Im Gegensatz zu den anderen Figuren, die rastlos dem Wollen und den Erreichen nachhecheln, und damit dem Verstand bzw. dem Bewusstsein verpflichtet sind, ruht Ottilie in sich, auch wenn sie nach außen hin damit als einfaches und schlichtes Wesen erscheint.

Interessant sind die Ausführungen Ostens zur Frage, ob Goethe ein Mohammendaner war. Der Islam jedenfalls hatte den Olympier sehr beeindruckt, das nicht veränderbare Wort Allahs, das im Koran, den er neben die Bibel als bedeutendstes Buch der Welt stellt, führe dazu, daß die islamische Welt sich nicht dem Veloziferischen hingibt, daß sie ruht und Geduld zeigt, die unheilvolle Tendenz zur Ungeduld ist ihr fremd. Im West-Östlichen Divan setzt sich Goethe mit dem Islam und seiner Geisteshaltung auseinander und beginnt eine von anderen nicht fortgesetzte Diskussion mit dem Orient. Aber auch Goethe war nicht mit allem einverstanden, was den Islam ausmacht, die Stellung der Frau zum Beispiel behagte ihm nicht und – wenn man sein Privatleben zumindest in Ansätzen kennt, kaum überraschend – hatte er auch Bedenken des Alkoholverbots wegen… Goethe war eben auch nur ein Mensch….

Interessant ist dieser Aspekt im Islam vs. dem Christentum, da er eins verdeutlicht: wenn in zwei Systemen (was immer man jetzt auch vergleicht, Religionen, Gesellschafen, Wirtschaftssysteme…) eins veloziferisch, das andere nicht-veloziferisch strukturiert ist, gerät das nicht veloziferische ins Hintertreffen. Es unterliegt, da die Definitionsgewalt über Begriffe wie modern, fortschrittlich, effektiv, effizient etc pp auf das veloziferische System übergeht, daß – allen Nachteilen zum Trotz – das erst einmal attraktivere und vitalere System wird. Ungeachtet der Frage, ob diese Entwicklung ad libitum laufen kann… Es wäre ein interessantes Gedankenspiel, Goethes „heutige“ Meinung zum Islam angesichts grundlegender Fragen wie Menschenwürde oder die Stellung der Frau in der Gesellschaft zu erkunden….

Ich will damit meine Ausführungen zum Buch beschließen, nur noch der Hinweis auf die Interpretation eines Bilderzyklus von Max Beckmann zu Faust II [3], geschaffen in den Kriegsjahren, sei gegeben. Mit einigen dieser Bilder ist das kleine Insel-Bändchen sehr schön illustriert.


Es ist einleuchtend, daß jeder, der die hier vielfach zitierten Werke Goethes kennt, im Vorteil ist; ich kenne sie nicht, ich muss es zugeben, es ist einfach so. Trotzdem habe ich das Buch mit Gewinn gelesen, auch wenn mir manche der Schlüsse und Querverbindungen des Autoren sehr gewagt erschienen. Das waren die Momente, in den ich Montaigne zu Hilfe nahm, der seinerseits in einem seiner Essays über Bücher feststellte, daß man sich beim Lesen an Stellen, die man auch beim zweiten Male nicht verstünde, nicht die Nägel abbeissen sollte…. Andererseits, es hat schon was, vor allem wohl Seltenheitswert, einen Aufsatz zu finden, in denen zwischen Goethe und ABS-Systemen, Nanotechnologie und Kurzweilschen Visionen über Gehirnoptimierung Verbindungen gezogen werden. Aber Interpretationen sind wie Definitionen nie falsch, im schlimmsten Fall sind sie unpraktisch oder man steht als Einzelgänger da, was ich jedoch bei Osten nicht beurteilen kann und auch nicht will – schließlich ist Osten ein hochgebildeter und renommierter Mann.

Was also hat das Büchlein mir gebracht? Es hat zum einen eine Erklärung dafür gefunden, woher dieser Eindruck von Goethe stammt, er sei, insbesondere im Alter, mürrisch, in seiner Art zurückgeblieben und altvordern geworden. Dieser Eindruck liegt – so die Erkenntnis – daran, daß Goethe sich der neuen Zeit verweigert hat: er beschleunigt eben nicht, wird nicht ungeduldigt, wirft seine altbewährten Grundsätze nicht über Bord.

Goethe hat das Glück – oder Unglück -, an einer Zeitenwende zu leben. Die französische Revolution und Napoleon haben nicht nur politisch alles umgewälzt, sie haben auch die Art und Weise, zu leben, verändert: Geduld ist nicht mehr gefragt, schnell muss es gehen, Fortschritt zeigen. Das Betrachten, das Wahrnehmen, das Geduldigsein sind nicht mehr en vogue. Die daraus folgende Tragödie analysiert Goethe in großer Weitsicht in seinem Faust-Epos.

Und damit antizipiert Goethe in der Tat eine Entwicklung, die in unseren Zeiten einen für ihn wahrscheinlich nicht ahnbaren Status erreicht hat. Gerade die Elektronik hat noch einmal einen Geschwindigkeitsschub gebracht, das Moore´sche Gesetz ist ein Maß für etwas, was seit einigen Jahren unser Leben mitbestimmt. Alles wird immer schneller, muss immer schneller werden, und das absurderweise ohne daß dadurch mehr Zeit gewonnen wäre! Im Gegenteil wird Zeit immer knapper… So knapp, daß die Belastungen gesundheitliche Schäden zeitigen: der Burnout ist das, was früher der Herzinfarkt war.

Ich habe gerade am Wochenende mit einer Bekannten über dieses Thema geredet und sie hat mir geklagt, daß sie, die entschleunigen will, es einfach nicht kann, solange sie im Beruf steht. Stete Erreichbarkeit (auch am Wochenende), mehrmaliges Checken des Mailfaches am Tag u.a.m. sind Essentials , die für Arbeitgeber oftmals nicht mehr verhandelbar sind und vorausgesetzt werden….

Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit jedenfalls ist ein anspruchsvoller, intensiver, manchmal verwirrender Text, der nichtsdestotrotz viele erhellende Momente aufweist – auch wenn man dieses Büchlein so wie ich unter Umständen zweimal lesen muss. Aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, zumal der Text in seiner Grundaussage von erstaunlicher Aktualität ist. Meinem Lesekreis danke ich sehr herzlich für die unerwartet lebhafte, manchmal kontroverse, immer aber interessante und bereichernde Diskussion des Textes.

Links und Anmerkungen:

[1] eine kurze Würdigung des Autoren anläßlich seines 75. Geburtstages im Bonner General-Anzeiger: http://www.general-anzeiger-bonn.de/kultur/manfred-osten….html
[2]Dieser Aufsatz in der ZEIT von Manfred Osten gibt eine verkürzte Darstellung des Inhalts vom Buch wieder:
http://www.zeit.de/1999/35/199935.goethespecial_.xml/komplettansicht
[3] siehe z.B. hier: http://www.museum-digital.de/goethehaus/index.php?t=sammlung&instnr=1&gesusa=6

Manfred Osten
Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit – 
Zur Modernität eines Klassikers im 21. Jahrhundert 
mit Illustrationen von Max Beckmann
diese Ausgabe: Insel-Verlag, ca. 112 S., 2003

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2 Responses to “Manfred Osten: Alles veloziferisch oder….”


  1. Es ist spannend zu erfahren, dass Herr Osten zu diesem Thema tatsächlich ein Buch geschrieben hat. Vor ein paar Jahren kam ich in den Genuss seiner Vorträge zu u.a. der wahrgewordenen Utopien in Faust I + II und war begeistert. Der andere war zum Thema „Humor“, was nachhaltig mein Verhältnis zu diesem Werk prägte.

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    • flattersatz Says:

      ach, das ist ja interessant. das buch war schwierig zu lesen, ich denke, in den vorträgen wird es einfacher gewesen sein mit dem verständnis. für mich war die diskussion in meinem lesekreis noch einmal sehr anregend, da doch zumindest da der faust II einigen bekannt war – mir ja leider nicht. aber mein interesse ist geweckt und im hiesigen theater wird er momentan gegeben – noch bis anfang nächsten jahres. ich sollte also genug gelegenheit haben, mich aufzuschwingen….

      … und hab dank für deinen kommentar!

      Gefällt 1 Person


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