Andreas Berg: Schabbat Schalom an der Seine

30. Oktober 2015

schabbat

Andreas Berg ist Journalist beim SWR in Mainz. Veröffentlicht hat er bis dato mehrere Lyrikbände, Schabbat Schalom an der Seine ist sein erster Roman. Wie dem Titel nach zu vermuten ist, spielt das Jüdische eine große Rolle in dem Buch, auch hier ist Berg Fachmann, jüdische Geschichte und Religion gehört zu seinen Arbeitsschwerpunkten, in der Mainzer Synagoge ist er als Führer tätig [1, 2]. Die wichtigsten Schauplätze seiner Romanhandlung sind eine öffentliche Fernsehanstalt in Mainz, Paris und London – auch dies Plätze, an denen sich Berg auskennt.

Nachdem wir also die wesentlichen Orte, an denen der Roman spielt, kennen, lautet die Frage, um was es geht. Hauptperson ist Friederike von Stettin, eine ca. dreissigjährige junge Frau. Wir begleiten sie vier Tage lang auf ihrer Fahrt nach Paris und dem dortigen Aufenthalt. Der Anlass ist traurig: sie hat vor wenigen Wochen vom Tod eines früheren Freundes erfahren und jetzt ein Paket aus Paris bekommen. Sarah, die Tochter des Verstorbenen, hat ihr auf Wunsch des Vaters hin den frisch erschienenen Bildband mit seinen Fotografien geschickt, ferner gibt es in Paris eine kleine Ausstellung mit den Bilder von Alex Morelenbaum, der in dieser Stadt, die er so liebte, bestattet ist. So hat Friederike beschlossen, sich mit Sarah, die in Paris Musik studiert zu treffen und Grab und Ausstellung ihres ehemaligen Freundes und Kollegen zu besuchen.

Der Kontakt zwischen Alex und Friederike war lange Zeit eingeschlafen, was zwischen beiden vorgefallen war, bleibt erst einmal im Ungefähren. Vor diesem Zerwürfnis jedenfalls waren sie gute Freunde, die sich häufig trafen, mit einander sprachen und sich verstanden. Diese und ähnliche Gedanken gehen Friederike auf ihrer  Reise nach Paris, die auch eine Art deja-vu ist,  durch den Kopf. Denn hier fand vor drei Jahren die erste Begegnung der beiden statt: als junge Volontärin musste sie für eine ausgefallene Kollegin einspringen und ein Interview in Paris machen, der deutlich ältere jüdische Alex Morelenbaum und sein Helfer Nils wurden ihr als Kamerateam zugeteilt. So erinnert sie vieles in Paris an diesen ersten Aufenthalt, zumal sie im selben Hotel eingecheckt hat wie damals und vom Hotelfenster aus den Blick auf den Friedhof hat, den sie damals besuchten und auf dem jetzt auch Alex begraben ist.

Alex, fast zwanzig Jahre älter als Friederike, verheiratet mit zwei Kindern, als Kameramann ein As, das immer wieder vom Sender gebucht wurde, war nicht nur ein sehr angenehmer und menschlich sehr sympathischer Kollege für die unerfahrene Volontärin, er glänzte ebenso mit Bildung – seine Frau, so der Spott der Kollegen, hat ihn nur geheiratet, um sich den Brockhaus zu sparen – und Friederike war die bewundernde Zuhörerin, die gar nicht fassen konnte, daß ein Mensch so viel wissen konnte – und auch wir als Leser haben unseren Anteil daran, aber dazu später.

Es ist ein steter Wechsel der Romanhandlung zwischen dem aktuellen Besuch Friederikes in Paris und der Erinnerung an den damaligen Besuch bzw. an die Bekanntschaft mit Axel, die von Berg in vielen Rückblenden geschildert wird. Langsam schält sich so das Bild einer Beziehung heraus, die aber seltsam spröde bleibt. Man trifft sich hin und wieder im Sender, tauscht SMS aus und schreibt sich Mails, aber alles bleibt rein kollegial. Für Friederike ist diese Fahrt mit ihren Erinnerungen an Alex gleichzeitig eine Erforschung ihrer eigenen Handlungen und ebenso ihrer Motive, die damals, nach dem gemeinsamen Termin in London zum Auseinanderdriften der beiden geführt haben.

So weit, so gut.

Die Grundidee dieses Romans von Berg hätte getaugt, eine tränenreiche Schmonzette zu schreiben, einen ergreifendes Text über das Wachsen einer verbotenen Liebe (schließlich ist Alex verheiratet) und Verlust und Trauer nach seinem Tod oder auch einfach nur eine schöne, anrührende Geschichte zweier Menschen. Andreas Bergs Schabbat Schalom an der Seine ist jedoch leider nichts wirklich von alledem, als ob der Autor sich nicht hätte entscheiden können für eine einzige solcher Möglichkeiten. Weder der fast allwissende Alex Morelenbaum mit dem Hang, lustige Spitznamen an seine Kollegen zu verteilen (aber er noch am ehesten) noch Friederike in ihrer anfänglich kritiklosen Bewunderung und der verblüffenden Naivität, die sie in manchen Dingen an den Tag legt, taugen als Identifikationsfiguren oder überzeugen auch nur. Über die Tatsache, daß Friederike mit ihrem Freund sieben Jahre lang nur in Missionarsstellung verkehrte und (als Medienfrau) mit dem Begriff „a tergo“ nichts anzufangen wusste, habe ich jedenfalls schon gestaunt, es ließen sich weiter Beispiele für diese wenig glaubwürdige Unbedarftheit Friederikes finden. Auch Bergs Sprache, die Art in der er seine Figuren reden läßt, ist häufig spröde, läßt oft keine Nähe zu. Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Friederike trifft sich mit Sarah, nachdem sie die Bilderausstellung besucht hat in einem Bistro. Friederike ist etwas früher da, aber Sarah kommt bald danach: [Sarah]… habe ich kurz ins Bistro geschaut und dich hier am Tisch sitzen sehen. – [Friederike] Ja, nach dem Besuch des Maison Européenne de la Photographie  blieb noch etwas Zeit. …. das ist distanziert, hält auf Abstand.. würde man wirklich zu einem Menschen reden, den man mag, auf den man gewartet hat  – mit dem man einen großen Verlust teilt und trauert? Ein nicht verbale Begrüßung (Berührung, Wangenkuss o.ä.) findet zwischen diesen beiden im Schmerz verbundenen Frauen nicht statt, insofern ist das Beispiel typisch für die meisten Begegnungen, die im Roman geschildert werden.

Berg weiß viel und er verheimlicht es nicht. Seitenweise Beschreibungen bis hin zu den Details, warum z.B. welche ASA-Zahl beim nächtlichen Fotografieren am Apparat einzustellen ist. Der Pariser Metroplan ist nach dem Studium des Buches kein Geheimnis mehr, sowenig wie der Plan der Straßen. Über die jüdische Kultur wird berichtet (durchaus interessant), der Flurfunk der Sendeanstalt verbreitet sich via Berg bis hin zu uns: eine Vielzahl von Geschichtchen und Episoden aus dem Funkhaus, die wahrscheinlich/vielleicht so oder so ähnlich vorgefallen sind, erreichen uns. Berg baut auch einige reale Persönlichkeiten in seine Geschichte ein: Moritz Bleibtreu beispielsweise mit seinem Film Jud Süß, Henry Hübchen oder auch Margarethe von Trotta, so daß eine Vermischung von Fakten und Fiktion manchmal verführt zu glauben, es handele sich bei dem ganzen Roman und etwas, was tatsächlich passiert ist.

So „belehrend“ wie die expliziten Beschreibungen Bergs klingen auch viele Gespräche seiner Personen: jeder dient als Stichwortgeber für den anderen, der daraufhin ins Monologisieren verfällt und sein Wissen kundtut.

So packt der Roman einen als Leser einfach nicht. Axel und Friederike bleiben fremd, man kommt nicht an sie heran, nur wenige Szenen berühren beim Lesen: die Schilderung der Erkrankung von Axel oder die Nacht in London bei diesem Mode-Shooting beispielsweise. Es ist beileibe nicht so, daß alles uninteressant wäre, die Schilderung jüdischen Lebens sind informativ, der Klatsch aus dem Funkhaus zumindest teilweise skurril bis komisch, aber es fehlt beim Lesen der emotionale Bezug, die Geschichte wirkt, als sei sie nur mit dem Verstand geschrieben und der Intention, nur ja nichts zu vergessen, im Ungefähren zu lassen und eben nicht zu sagen….

….so bleibt mir leider nichts anderes übrig, als festzuhalten, daß Schabbat Schalom an der Seine, auf die Hälfte reduziert und mit mehr „Gefühl“ geschrieben, eine schöne Geschichte hätte werden können….

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beitrag zum Autor:  https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Georg_Berg, ferner nach Angaben aus der Kurzbio im Buch
[2] Bilder von der neuen Synagoge: https://fotografiert.wordpress.com/2010/09/05/die-neue-synagoge-in-mainz/

Andreas Berg
Schabbat Schalom an der Seine
Rückblende einer verpassten Liebe
diese Ausgabe: E. Humbert Verlag, HC, ca. 420 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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