Pierre Guyotat: Eden Eden Eden

27. September 2015

Kann man so ein Buch lesen?

eden-cover

1960 wurde der französische Schriftsteller Pierre Guyotat im Alter von zwanzig Jahren Soldat im Algerienkrieg, der 1962 mit der Niederlage Frankreichs endete. Der Text von Eden Eden Eden ist in der Spätphase dieses Krieges angesiedelt, in dem Frankreich systematisch Kriegsverbrechen verübt und als Mittel der Repression auf Folter und Hinrichtungen zurückgegriffen hatte [2].

Zuvor noch ein Wort zum Dichter. Die Familie war in der Resistance aktiv, ein Onkel starb in einem Konzentrationslager. Als Siebenjähriger wurde Guyotat von einer Gruppe Jugendlicher missbraucht, die Mutter verlor er, als er achtzehn Jahre alt war. In Algerien wurde er als Rekrut wegen Zersetzung der Truppenmoral eingekerkert [1]. In der Gesamtschau also eine Kindheit/Jugend, die von von traumatischen Erlebnissen geprägt war, wobei die „normale“ Gewalt des Krieges und die sicherlich erlebte Verrohung noch gar nicht eingeschlossen sind.

Diese Gewalt des Krieges, vor dessen Hintergrund der Text des Buches spielt, kanalisiert sich bei Guyotat im Sexuellen (gerade durch die Sexualität, so Pierre Guyotat in seinen Notizen zum Roman, gibt sich die Dritte Welt zu erkennen. [1]). Sie ist in Eden Eden Eden allgegenwärtig, unterscheidet nicht mehr zwischen Mann und Frau und Kind und Tier und auch Ding, sie bezieht jede Körperflüssigkeit ein so wie auch jede Körperöffnung und macht auch vor dem Tod nicht halt. Was bei de Sades streng strukturierten Kompositionen trotz der geschilderten Vorgänge fast klinisch wirkt, wird von Guyotat hier in einem berserkerhaften unendlichen Fluss als Folge eines alles überbordenden Triebes gezeigt.


Ich schreibe diese Zeilen am 06.09.2015, lassen wir dem Zufall seinen Lauf und zitieren ein paar Zeilen ab Zeile 15 auf der Seite 69: [Fuß-]sohle, vermischt sich mit der Kotschicht – von Hunden und Menschen -, die über der Schmierölschicht an der geflochtenen Sohle klebt; schnell zieht der Klempner sein Geschlecht zurück, drückt, presst seine blaurote Eichel, die von morgentauartiger Transparenz ist, gegen Wazzags Hintern, führt sie…. 

Ein Text wie ein Fluß, der über Hunderte von Seiten gleichförmig fließt (ich hätte mit einem ähnlichen Textbeispiel auch auf die Uhrzeit, 11 Uhr 05 zurückgreifen können, oder auf meine Körpergröße oder die letzten Lottozahlen..), der keinen Höhepunkt hat, auch weil er in den ungeahnten Tiefen der menschlichen Existenz wühlt, sich auf den Grund vorgetastet, nein nicht getastet, nicht so vorsichtig, vielmehr: gewütet hat, jede Grenze der Scham, der Rücksicht, der Konvention hinweggefegt hat, der auf jeden Punkt verzichtet, auf eine Struktur, die ihn gliedern könnte, der so amorph daher kommt  wie seine Figuren, deren Körperöffnungen sind wie Undichtigkeiten einer Hülle, die ein rohes Fleisch umschließt, der aus Leckagen Sperma, Spucke, Sputum, Speichel und Schweiß in nicht fassbarer Menge entrinnt, die Kot verliert und entblutet, die pisst und scheißt und fickt.

Es läßt sich nicht anders beschreiben, jedes weniger vulgäre Wort, jede geringe Obszönität würde dem Werk nicht gerecht, würde es verfälschen, würde etwas vortäuschen, was nicht so ist, nie so sein sollte….. Eden Eden Eden ist kein Paradies, sondern seine Invertierung, dessen Negativ, hier wurde sozusagen nicht ein Apfel vom Baum gepflückt, hier wurde eine Apfelplantage geplündert, in der Tollkirschen verborgen waren….

Ein Kriegsbuch, das nicht den Krieg beschreibt, sondern dessen konstituierendes Merkmal: die Gewalt, die Enthemmung, die Rücksichtslosigkeit, die Maßlosigkeit, den tierhaften Trieb, der von keiner Moral, keiner Ethik, keiner Ästhetik mehr gezügelt wird. Wo Coppola in seinem Film noch sublimieren ließ („I love the smell of napalm in the morning“), läßt Guyotat allem seinen freien Lauf, unermüdlich pumpt sich die Gewalt durch diesen Kreislauf und ihr Vehikel ist die Sexualität.

Und noch etwas übermittelt der Text: in seiner Gleichförmigkeit und seiner Abnormität des Beschriebenen stumpft er ab. Wie der Soldat im Krieg gewöhnt man sich als Leser an die Szenarien, die sich im Grunde alle gleichen, was einem beim Aufschlagen des Buches und dem Lesen der ersten Seiten noch schockiert, fängt irgendwann an, ja, zu langweilen: die Menge der Ausdrücke und Formulierungen zur Beschreibung ist schließlich endlich, Wiederholungen unvermeidlich. Man überblättert ein paar Seiten und liest weiter und merkt diese Textauslassung nicht, der gleiche Strom von Körperflüssigkeiten und Ausdünstungen, der sich durch das gesamte Buch zieht, wabert auch hier…

… und doch… dieser durch Gedanken- und Schrägstriche sowie Semikola kaum strukturierte Text ohne jeglichen Absatz, ein Satz, der auf Seite 5 beginnt und auf Seite 309 endet, entfaltet einen Rhythmus, eine Melodie, wenn man ihn liest (womöglich laut) und wenn man sich damit auf ihn einläßt, ihn sich lesen läßt – ähnlich einem (Prosa)Gedicht: er enthält somit ein lyrisches, poetisches Element. Diese Melodie tritt neben den Inhalt, neben die Aussage (denn eine vorhanden ist) hüllt sie ein, nimmt ihr womöglich die Schärfe, macht sie „erträglich“.

Es wundert nicht, daß der Text direkt nach Erscheinen des Buches 1970 behördlicherseits als pornographisch indiziert und verboten wurde (obwohl ich mir kaum vorstellen kann, daß er wirklich sexuell erregend wirkt, was gemeinhin als ein Merkmal des Pornographischen gilt), was wiederum den Protest einer ganzen Reihe französischer Intellektueller zur Folge hatte. Die entsprechende Petition wurde – so wird im Editorischen Nachwort beschrieben – von hunderten Künstlern unterschrieben, unter ihnen Aragon, Beuys, Pasolini, Satre, de Beauvoir, Calvino, Genet, Monod, Le Clezio – um nur einige zu nennen; das Verbot wurde aber erst unter Mitterand 1981 aufgehoben. ÜBersetzungen ins Japanische und Spanische (Mexiko) gab es jedoch vor 1981, die Übertragen ins Englische, Niederländische und Russische folgten erst nach 1995. Jetzt wurde mit der Ausgabe des kleinen Verlages diaphanes (Berlin-Zürich) auch dem deutschen Leser der Zugang zu diesem grenzensprengenden Opus erleichtert.

… und um abschließend noch einmal zur Eingangsfrage zurück zu kommen: man kann. Aber man muss sicherlich nicht.

Links und Anmerkungen:

[1] Ina Hartwig: Großes Durcheinander des Leibs (über Guyotat in: Norbert Wehr (Hrsg.): „Schreibheft“ Nummer 80, Rigodon Verlag); http://www.deutschlandfunk.de/grosses-durcheinander-des-leibs.700.de.html?dram:article_id=257781
[2] Johannes Willms: Frankreich wird von den Kriegsverbrechen in Algerien eingeholt, SZ FEUILLETON Samstag, 5. Mai 2001; http://www.algeria-watch.de/artikel/1954-62_Aussaresses.htm
[3]

Pierre Guyotat
Eden Eden Eden
Übersetzt aus dem Französischen von Holger Fock

Originalausgabe: Eden Eden Eden, Paris, 1970
diese Ausgabe: diaphanes, HC, ca. 355 S., 2015

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3 Responses to “Pierre Guyotat: Eden Eden Eden”

  1. Silvia Says:

    Interessantes Buch, gute Rezension. Die Auswahl des Zitates gefällt mir gut!
    Ich werde es mir mal merken, könnte es im Moment aber eher nicht lesen. Muss ich ja auch nicht.

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      Ich danke dir für den Kommentar! Was das Zitat angeht, es war wie beschrieben, ein reiner Zufall, jede andere Stelle, die ich ausgewürfelt hätte, hätte genauso geklungen. In Besprechungen wird meist der Anfang des Buches „an“zitiert, es gibt keine Einleitung, der Text ist sofort in medias res…

      lg
      fs

      Gefällt mir

  2. skaldenmet Says:

    Was für eine gelungene Rezension! Ich werde „Eden Eden Eden“ aber auch (erstmal) nicht zur Hand nehmen. Mir kommt es so vor, als wohne der Schilderung des Krieges als sexualisierter Enthemmung eine noch größere Obszönität inne als der Beschreibung des Krieges oder der sexuellen Enthemmung an sich. „Die französische Kunst des Krieges“ sagte mir viel eher zu, obwohl sie auch beides in kleinen Teilen beinhaltete, es aber nicht auf die Art verflochten hat, wie es bei Guyotat der Fall zu sein scheint.

    Gefällt 1 Person


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