Ingeborg Jacobs: Freiwild

Auf Ingeborg Jacobs´ Buch über das Schicksal deutscher Frauen am und nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Osten Deutschlands bin ich aufmerksam geworden, als ich das Tagebuch Eine Frau in Berlin [1] las, in dem eine mutige Journalistin über die Zeit Ende April bis Mitte Juni schreibt, die für die Frauen anfangs durch zum Teil massenhafte Vergewaltigungen, danach zunehmend auch durch Arbeitseinsätze gekennzeichnet war.

Im Osten des Deutschen Reiches brach die letzte Kriegsphase schon früher an. Anfang Januar startete die Rote Armee auf einer mehr als Tausend Kilometer langen Front von der Ostsee bis in die Karpaten mit ihrer Offensive. Zu diesem Zeitpunkt war die Rote Armee der Hitlerschen in allen Belangen (Stärke, Bewaffnung, wahrscheinlich auch Kampfmoral) weit überlegen, sie drängte daher immer weiter auf Reichsgebiet vor.

In den Städten und Dörfern waren vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder geblieben, praktisch alle halbwegs tauglichen Männer waren eingezogen und an der Front. Es herrschte Angst vor den Russen, speziell die Frauen ahnten oder wussten, was sie erwartet. Es ging aber nicht nur um die Demütigung und Demoralisierung (Der deutsche Mann kann noch nicht einmal seine Frau schützen.), die russische Propaganda hat in den Tagen des deutschen Vormarsches den Heiligen Hass gegen Deutschland gepredigt, den viele Soldaten verinnerlicht hatten. Auch hatten die Russen das Wüten der Deutschen während des Vormarsches, deren Töten und Vergewaltigen nicht vergessen, ferner waren mittlerweile die Zustände in den Konzentrationslagern bekannt, was den Hass auf Deutschland und Deutsche ebenfalls schürte.

Auf deutscher Seite versuchte die Nazi-Propaganda durch Gräuelgeschichten noch den letzten Willen zum Widerstand zu wecken. Die Ereignisse um Nemmersdorf, einem wegen seiner Brücke strategisch wichtigem Ort, waren beispielhaft dafür. Als diese Ortschaft nach kurzzeitiger Besetzung durch die Russen zurück erobert wurde, wurden zahlreiche Leichen gefunden. Die Nazi-Propaganda bauschte dies weiter auf, u.a. mit der (wohl erfundenen [4]) Behauptung, Frauen seien Scheunentore genagelt worden, eine Aussage, die man z.B. auch bei Grass in seinem Roman „Im Krebsgang“ findet. Auch die Bilder, die man zu diesem Massaker von Nemmersdorf findet, sind mit Vorsicht anzuschauen, auch hier hat die Propagandaabteilung ihre Hände im Spiel. Jedenfalls führte die sich rasch verbreitende Kunde über diese Erschießungen und Gräuel zu einer weiter gesteigerten Angst und zu vermehrter Flucht [3].

freiwild cover

Ingeborg Jacob widmet sich in ihren Ausführungen dem allgemeinen Schicksal der Frauen, sie legt den Begriff „Freiwild“ großzügiger aus und subsumiert darunter praktisch alles, was die Frauen erdulden mussten. Das waren beispielsweise „normale“ Vergewaltigungen, mehrtägige Verschleppungen zum Zwecke der Vergewaltigung, Plünderungen, Verhöre, Internierungen, Gewaltmärsche, Vertreibungen und auch Deportationen nach Russland – dies alles unter Hunger und eisiger Kälte.

Das Vergewaltigen der Frauen (die auch polnische, ukrainische oder jüdische Frauen betraf) war auch bei den Russen nie erlaubt. So wurde im April ´45 in einem Bericht an den Chef der politischen Abteilung der Roten Armee festgehalten, daß die Deutschen aufgrund der Vergewaltigungen in dauernder Angst und Anspannung leben.  Daher würden Plünderungen und Vergewaltigungen bekämpft. In der Euphorie und dem Durcheinander des Vormarsches jedoch hing es von den Kommandeuren vor Ort ab, inwieweit – meist gar nicht – solche Vorgänge bestraft wurde, prinzipiell stand die Todesstrafe darauf. Immerhin kam es vor, daß Offiziere in Einzelfällen Vergewaltigungen verhindern konnten; feste Freundin eines Offiziers zu werden war – so wie in Eine Frau in Berlin beschrieben ist – eine der Möglichkeiten der Frauen, sich einen gewissen Schutz zu schaffen. Jedoch waren Fraternisierungen bald verboten, wer eine deutsche Freundin hatte, wurde nach Russland zurückgeschickt. Es muss auch festgehalten werden, daß bei weiten nicht jeder russische Soldat ein Vergewaltiger war. . Den Nachstellungen und der Gewalt versuchten sich die Frauen durch Flucht und durch Verstecken zu entziehen. So führt Jacobs in ihrem Bericht Beispiele an, in denen russische Soldaten Frauen die Flucht ermöglichten oder sie gegen marodierende Kameraden in Schutz nahmen.

Ein großes Problem waren auftretende Schwangerschaften. Da die Männer fast immer an der Front waren oder die Frauen noch sehr jung waren, war es klar, wer Erzeuger des kommenden Russenbalgs war. Manche der Frauen versuchten abzutreiben oder Aborte zu provozieren, in dem sie immer wieder auf den Boden sprangen. Viele Kinder jedoch wurden auch ungeliebt geboren, erfuhren keine Zuneigung, wuchsen nach dem Krieg in Waisenhäusern auf. Welche Ehe hätte nach der Rückkehr des Mannes aus der Gefangenschaft schon ein Russenkind ausgehalten? Überhaupt wurde, nachdem die Verhältnisse nach dem Krieg wieder anfingen, sich zu „normalisieren“, dieses Thema bei Männern und bei Frauen weitestgehend verdrängt, zumindest aus dem öffentlichen Raum. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele von Frauen, die das ungewollte Kind akzeptierten und als eigenes Kind (und Halbgeschwister) annahmen.

Das Ausmaß der Vergewaltigungen nahm mit Organisation der russischen Armee und Verwaltung in den eroberten Gebieten ab. Dafür nahm andere Drangsal zu. Polnische Familien wurden in die deutschen Siedlungen einquartiert, auch hier berichtet Jacobs von Hass- und Racheausbrüchen der Polen gegen Deutsche. Glücklich war, wer in den Westen umgesiedelt wurde…. denn als immer größeres Schreckgespenst tauchten Deportationen nach Sibirien auf. Fuhr der Zug nach Osten, war dies üblicherweise der Beginn eines jahrelangen Lebens als Zivildeportierte, die in russischen Lagern Zwangsarbeit unter widrigsten Umständen leisten musste. Hunderttausende wurden in solchen Lagern eingesperrt, in Erdbunkern, mit Schlafplätzen aus rohen Brettern, in völlig unzureichender Kleidung, von Werkzeug nicht zu reden. Die Nahrung: viel zu wenig und mangelhaft, Fehlernährung war die Folge. Am Beispiel der 15jährigen Wanda Schultz aus einem pommerschen Dorf schildert Jacobs ein solches Schicksal.

Für die u.a. Zivildeportierten hatten die Russen eine eigene Verwaltung und ein eigenes Lagersystem, das dem Archipel Gulag entsprach: GUPWI (Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten) [2]. Im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen, denen bereits in den ersten Jahren erlaubt worden war, Karten an ihre Verwandten zu senden, hatten die Zivildeportierten dieses Recht nicht. Jahrelang, bis endlich Post erlaubt wurde, fehlten also alle Lebenszeichen und es gab keine Hinweise auf den Verbleib der verschleppten Deutschen. In der Zwischenzeit waren jedoch viele der Verschleppten verstorben, von vielen weiß man heute noch nichts. Die Gesamtzahl der Zivildeportierten wird – je nach Quelle – unterschiedlich hoch benannt, Jacobs geht von wahrscheinlich einer halben Million Menschen aus.

Jacobs widmet sich dem Osten des damaligen Deutschen Reichs, insofern führt der Untertitel ein wenig in die Irre. An den sechs Kriegsschauplätzen Schlesien, Ostpreussen, Pommern, Königsberg, Berlin und Mecklenburg versucht sie das Schicksal der Frauen anhand von Einzelschicksalen aufzuzeigen. So individuell verschieden auch solche Einzelschicksale gewesen sind, fallen sie doch alle in das große Raster unsagbaren Leids, das sich en Detail für jede Familie, jedes Kind und jede Frau möglicherweise anders darstellte. Über allem aber schwebte der „Hungerengel“ (nach Herta Müller), es gab kaum etwas zu essen, auch nach der Besetzung durch die Russen änderte sich das kaum, auch das russische Hinterland war ja zerstört, so daß die Russen selbst keine Nahrung im Überfluss hatten. Und der Hungerengel wurde begleitet von der Angst vor einer Zukunft, die man sich nicht mehr vorstellen konnte.

Es gab Unterschiede in den genannten Regionen. Aus Berlin zum Beispiel wird nicht von Deportationen berichtet, die Berliner Frauen wurden zum Arbeitseinsatz vor Ort herangezogen, im Gegensatz zu den Frauen in den östlichen Regionen, von denen viele nach Sibirien kamen.

Das Ausgeliefertsein den russischen Soldaten gegenüber war gleich, in Berlin wie in Ostpreussen. In Mecklenburg wuchs sich die Angst vor Vergewaltigungen (und bei den Männern (!) vor dem Ehrverlust) so weit aus, daß sich in einer Massenpsychose Hunderte von Menschen, ganze Familien, suizidierten, Jacobs nennt die Zahl von über 3000 Tote in verschiedenen Ortschaften. Auf der anderen Seite gab es ebenso viele Frauen, die zwar den „Glauben“ an die Männer, die den Krieg angezettelt hatten, sie jetzt aber nicht schützen können, verloren haben, die aber den Mut hatten, ihr Leben weiter zu leben – trotz der Schändungen und Erniedrigungen. Die Kraft der meisten Frauen war größer als das Unglück, sie entschieden sich für das Leben.

Und immer wieder die ungewollten Schwangerschaften, die Versuche, abzutreiben, was nicht immer einfach, aber immer gefährlich war. Geschlechtskrankheiten – natürlich, auch die gab es, zusätzlich zu „normalen“ Seuchen wie Typhus, die auftraten…. Spätfolgen: die Traumatisierungen durch die Vergewaltigungen dauerten unter Umständen lange, sehr lange an. Psychologische Betreuung gab es nicht, die eigenen Ressourcen, um damit umzugehen, war meist nicht entwickelt oder gar nicht vorhanden. Über das Thema reden viel vielen schwer, Ehen und Lieben wurden auf eine harte Probe gestellt, viele zerbrachen. So absurd es ist, auch in diesem Kontext tauchte der Vorwurf auf, es wären ja oft die Röcke von den Frauen selbst gehoben worden…. Der „Eichhörnchentrieb“ blieb häufig ein Leben lang: nichts wegschmeissen, alles sammeln….

So grausam, primitiv und barbarisch das Verhalten russischer Soldaten oft war, muss doch immer im Hinterkopf behalten werden, daß es auch Ausnahmen gab. Russische Soldaten, die halfen, die ein Auge zudrückten, die Essen zusteckten…. das Schizophrene: es konnte durchaus sein, daß der Vergewaltiger des Vorabends am nächsten Tag Liebesschwüre von sich gab und mit Essen in der Tür stand…. Kinder wurden gut behandelt, oft wurde ihnen zu Essen gegeben. Andererseits wird auch davon berichtet, daß selbst siebenjährige Mädchen nicht verschont wurden.

Und eine zweite Sache ist nicht zu vergessen. In vielerlei Hinsicht kann man sagen, daß „der Russe“ mit der Münze zurückzahlte, die „der Deutsche“ in Russland ließ. Jacobs erwähnt einen jungen Wehrmachtssoldaten auf Urlaub, der sich brüstete, Zivilisten in Russland erschossen und andere lebendig begraben zu haben. [S.212]. Nach Öffnung der Archive Mitte der 90er Jahre wurde endgültig klar, daß auch die deutschen Soldaten russische Frauen vergewaltigt hatten, junge Frauen wurden in die Wehrmachtsbordelle gebracht.. Wer sich weigerte, im Bordell zu bleiben, wurde erschossen. ..


Freiwild ist ein grausames, schlimmes Buch. Und was am Schlimmsten ist: auch wenn es Schicksale aus dem 2. Weltkrieg zum Thema hat, ist es ein überaus aktuelles Buch. Frauen und Kinder sind nach wie vor Opfer des Molochs Krieg, der sie frisst: Terrorgruppen wie Boko Haram entführen Tausende von Frauen und Kindern, um sie zu versklaven und um mit ihnen Nachwuchs zu züchten, im IS werden entführte Frauen und Kinder auf Märkten verkauft… das sind plakative Beispiele, aber ich denke, man kann davon ausgehen, daß in jedem Krieg, der geführt wird, immer noch, still und leise, Frauen für den Sieger Beute sind.

Jacobs´ Buch ist wichtig, es beleuchtet (zusammen mit anderen Veröffentlichungen, die jetzt, Jahrzehnte nach dem Krieg in diesem Kontext erscheinen) einen häßlichen, mit Scham besetzten Aspekt des Krieges. Die betroffenen Frauen waren und sind dabei gleich mehrfach Opfer: in einem ganz physischen Sinn als Beute ihrer Peiniger mit allen Folgen wie Krankheiten, Schwangerschaften, zerbrechenden Partnerschaften u.ä., als Traumatisierte, denen nicht geholfen wurde oder werden konnte und zu allem Überfluss kommt oft noch Unverständnis bis hin zu Vorwürfen, so wie es Marta Hillers in ihrem Buch Marta Hillers als persönlich gemachte Erfahrung beschreibt[1].

Freiwild ist ein detailreiches Buch, das zwischen der Darstellung von Einzelschicksalen und dem Versuch, daraus einen Überblick herauszuarbeiten, wechselt. Das macht das Lesen nicht immer einfach, wenn die Schilderung von Lebensläufen unterbrochen und später wieder aufgenommen wird. Hier wäre es unter Umständen sinnvoller gewesen, bei den einzelnen Leben zu bleiben und diese zusammenhängend darzustellen, bevor daraus verallgemeinernde Aussagen gezogen werden. Aber dies ist nur ein untergeordneter Gesichtspunkt, dessen ungeachtet ist der Autorin für ihre Arbeit zu danken, weiß man vom Schicksal dieser Frauen, wird vielleicht das eine oder andere Verhalten unserer Mütter oder Großmütter, was einem bis dato rätselhaft erschien, verständlicher…

Links und Anmerkungen:

[1] Anonyma: Eine Frau in Berlin, Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/02/anonyma-eine-frau-in-berlin/
[2] siehe z.B. Stefan Karner: Die sowjetische Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierte;  http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1994_3_6_karner.pdf
[3] Wiki-Seite zum „Massaker von Nemmersdorf“:  https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Nemmersdorf

Ingeborg Jacobs
Freiwild
Das Schicksal deutscher Frauen 1945
Erstausgabe: Propyläen Verlag, 2008
diese Ausgabe: Propyläen Verlag, HC, ca. 230 S., 2008
Verlagsseite zur Taschenbuchausgabe

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9 Kommentare zu „Ingeborg Jacobs: Freiwild

  1. Man gewinnt bereits nach dem Lesen der informativen Rezension einen Eindruck von dem unsäglichen Leid, das den Betroffenen – auf beiden Seiten – widerfahren ist. Das Gefühl von Überlegenheit und Macht scheint immer schon das Antisoziale in manchen Wesen hervorgerufen zu haben.

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    1. dieses überlegeneitsgefühl mit dem bewusstsein, keine grenze einhalten zu müssen, war bei den nazis ja integraler bestandteil des weltbildes, der ideologie. trifft solches noch auf die verrohung, die ein krieg immer mit sich bringt, und ist eingebettet in eine befehls-/gehorsamsstrategie wird im negativsten aller bedeutungen der mensch zum menschen: diese grausamkeit gibt es im tierreich nicht. wir kennen ja dieses psychologischen experimente (z.b. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Experiment_(Film)), die abgebrochen werden mußten, weil sie aus dem ruder gelaufen sind….
      bei den russen gab es (folgerichtig) dieses große moment auch der rache, der vergeltung: auf ihrem vormarsch haben sie tagtäglich gesehen, was die deutschen mit ihrem land, ihren landsleuten angerichtet haben…
      es gibt übrigens auch ein aktuelles buch zum thema der frauenschicksale, das werde ich mir aber nicht mehr durchlesen, mir reicht es an grausamem… obwohl aus gründen der gerechtigkeit man auch mal schauen müßte, wie es unter der herrschaft der anderen siegermächte gelaufen ist….

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      1. Meinst du zufällig das Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ von Swetlana Alexijewitsch? Dort berichtet sie nicht nur von den Erlebnissen der russischen Bevölkerung sondern auch von russischen Soldaten, die 1945 deutsche Frauen vergewaltigt haben. Ein Tabu, das lange Zeit in Russland nicht ausgesprochen werden durfte.

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        1. nein, ich muss zugeben, das buch kenne ich nicht. aber wenn alexijewitsch das so schreibt, kann ich mir gut vorstellen, daß sie da probleme bekommen hat. wie lange hat es bei uns gedauert, bis der mythos von der sauberen wehrmacht endlich entzaubert war, wie z.b. hier berichtet: http://www.n-tv.de/leute/buecher/Die-Plaudereien-der-Wehrmachtssoldaten-article3624951.html oder hier: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14455….

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