Irina Teodorescu: Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen

bandit cover

Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen ist eine wilde Jagd durch acht Generationen, bei der die in Bukarest geborene Autorin Irina Teodorescu die Regie führt. Es ist der erste Roman der in Frankreich lebenden und vorwiegend als Grafikerin und Illustratorin arbeitenden jungen Frau – und es ist ein überaus gelungenes Debüt, so viel kann man hier schon sagen.

Es führt uns ein paar Jahrzehnte zurück, in ein osteuropäisches Land, nehmen wir der Einfachheit halber an, es sei Rumänien, es wird aber nicht explizit genannt, ist für die Geschichte auch nicht wirklich wichtig. Jedenfalls begegnen sie sich, der schnauzbärtige Bandit, in dessen enormen Ausmassen seines Bartes sich die Reste der von ihm so geliebten Bohnenpampe sammeln, der darob etwas müffelt und auch ansonsten wohl der Hygiene nicht allzuviel Raum einräumt, der berufsmäßig das Gold der Reichen nimmt und es den Armen gibt – wobei seine Duftwolke für erstere das geringere Problem dargestellt haben wird und für letztere im Angesicht der eigenen Armut und des Goldes wohl unerheblich war. Beim Barbier begegnen sie sich, denn dort sitzt schon der junge und gepflegte, mit einem Schnauzbart geringerer Größe ausgerüstete Gheorghe Marinescu, sich rasieren zu lassen. Zwei Pistolen kann er dem Banditen anbieten, nicht mehr neu, aber funktionstüchtig. Und der Bandit wird weich, schüttet ihm, kaum nachvollziehbar für uns spätere, sein Herz aus, wie anstrengend es ist, immer verfolgt zu werden, nie könne er sich ausschlafen etc pp… man kennt das ja….

Da jedoch kann Gheorghe ihm helfen, ihm anbieten, in wenigen Tagen, wenn der Vater verreist und das Haus leer ist, ihn gastlich aufzunehmen und ausschlafen zu lassen. Die paar Tage kosten noch ein paar durchgeschnittene Kehlen von Reichen, doch dann treffen sich die beiden Bartträger, gehen in des Vaters Marinescus Haus und der junge weist dem Banditen den sicheren, mit einer Falltür verschlossenen Keller als seinen Ruheplatz an. Gesagt, getan, der Bandit gibt sich zur Ruhe, die Falltür schließt sich über ihm – und ward nie mehr geöffnet. Wobei „nie mehr“ übertrieben ist, Jahre später dann schon von einer Frau, wir werden davon hören, wenn ihre Zeit in dieser Besprechung gekommen ist. Ach ja, zwei Sachen hätte ich fast übersehen: kurz bevor er dahin schied, verfluchte er noch die Erstgeborenen des Geschlechts Marinescu, sterben sollen sie nach dem innigen Wunsch des Banditen bis in das Jahr 2000 hinein. Man kann seine Wut verstehen. Und daß der junge Marinescu jetzt reich war, einiger Kisten Goldes wegen – wir wundern uns nicht.

Mit ihm nimmt alles seinen Anfang in dieser Geschichte. Nach dem Tode des Vaters nämlich baut er das Haus aus und um, ehelicht Lila, mit der er zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen hat, und dann erwischt ihn auf der Jagd eine Kugel, gerade mal siebenundzwanzig Jahre alt ist er geworden….. auch von den beiden Kindern überlebt nur das Mädchen – Maria die Jüngere – länger, den Jungen rafft mit zweiundzwanzig Jahren ein Kutschunfall dahin, all die Gebete des Popen, die Lila nach dem Geständnis ihres Mannes über den Fluch an seinem Totenbett noch beten ließ, hatten den Fluch wohl nicht bändigen können.

Wir wollen jetzt nicht durch die gesamte Genealogie der Familie Marinescu wandern, dann bräuchte man ja das Buch nicht mehr zu lesen. Erwähnen wir nur die Figuren, die der Erwähnung besonders wert scheinen. Maria die Versaute beispielsweise, Drittgeborene von Maria der Jüngeren, dem Fleische, besonders von Männern, zugetan und sich ihren Beinamen damit verdienend, auf der alle Hoffnungen ruhten, denn der Älteste kam wieder mit der Kutsche um, der Zweitälteste wanderte aus und Maria die Versaute pilgerte zu Fuß nach Jerusalem. Dies sei, so der Pope, notwendig, um den Fluch zu bannen. Sie tat es, zu Fuß (solange sie keiner mitnahm auf dem Wagen), schlief im Graben oder Scheune (solange sie kein Bett im Wirtshaus bekam, das sie dem Wirt in ihrer Währung bezahlen konnte) und sie fiel in Jerusalem zu innigem Gebet auf die Knie. Daß sie nebenbei einen Mönch kennenlernte, den sie zu Tode pflegte und in dessen Garten sie Gold fand, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt und weil es den Reichtum der Marinescus noch weiter mehrte.

Ihr Ältester, Ion, war schon mit vierzehn ein stattlicher Jüngling, mit Wohlgefallen ruhte nach ihrer Rückkehr der Blick Marias, der Versauten auf ihn, doch leider – er war ja ihr Sohn… als er in heiratsfähige Alter kam, tat er dies, die fünf Kinder, die Ion und seine Frau nach dem unerklärlichen Autounfall hinterlassen sollten, wuchsen beim kinderlos gebliebenen Onkel Sergui und seiner Frau Agripina auf. Der Älteste hieß Ion, zur Unterscheidung Auch-Ion genannt, ein schlechter Charakter, eigennützig, egoistisch, auch von äußerer Schönheit kann man nicht sprechen. Wollte man ehrlich sein, müsste man ihm Häßlichkeit konstatieren…

Mittlerweile tobt Krieg im Land, der erste der zwei großen. Onkel und Tante bekommen mit, wie ein Bauer, der an die Front befohlen wird, versucht, sein einziges Kind, ein Töchterchen, im Kloster unterzubringen. Doch die Nonnen sind hart, wollen es nicht. Da erbarmt sich Agripina, verspricht, für die Aufnahme das Kind aufzukommen, mehr noch, gibt die Jüngste der Geschwister, Ana, ins Kloster, dem Mädchen zur Spielgefährtin, und auch, um den Fluch zu bändigen…. ja, sie wachsen miteinander auf, die Mädchen, sie beten und spielen miteinander und als sie in das entsprechende Alter kommen, entdecken sie die wirklich schönen Spiele…. oh, in Ana erwacht das schlechte Gewissen ob der Sünden, büßen muss sie, ja büßen, und wofür hatte der Herrgott denn die Weiden wachsen lassen mit ihren biegsamen, schmiegsamen, schnell zu schwingenden Ruten…. wenngleich, diese Art der Buße ist nur für Ana köstlich-selige Erfüllung, Flori dagegen, die die Rute schwingen muss, ist es, die im Angesicht der Striemen und des Blutes in Tränen ausbricht…. na ja, sei´s drum. Ana findet eine andere Lösung und im Laufe der Zeit wird die Rötung zu Striemen und die Striemen sollten zu Narben werden….

Auch-Ion, der Häßliche, trifft auf Maria, die Häßliche. Erst auf dem Bahnhof und dann intensiver, persönlicher sozusagen, auf der Zugtoilette, wohin sie kurz für menschliches verschwindet und er ihr nachfolgt. Man ist sich schnell einig, die Interessen überlappen und auf ihre Kosten kommen beide, trotz der beengten Verhältnisse. Emil sollte ihr Erstgeborener, Frucht der Zugfahrt, heißen. Und Reichtum und Einfluss der Familie Marinescu mehren sich, da auch die Familie Marias, der Häßlichen, mit Gütern gesegnet ist.

Und weiter geht der Reigen der Generationen und die Geschichte der Marinesus. Auch-Ion wird reich und einflussreich im Land, bis hin zu Ministerwürden trägt es ihn, sein Ältester wird Arzt, als Menschenmetzger bezeichnet es der Vater, er ist nicht erfreut über diesen gewöhnlichen Beruf. Recht sollte er haben, schickt ihn selbst doch ein solcher (betonen wir hier: einer für Tiere war es!) über die Grenze hin zum Gevatter: das macht den Unterschied zwischen Schmerzmittel und Rattengift, das versehentlich verabreicht wurde…. auch Emil glaubt dran, natürlich, es ist noch nicht das Jahr 2000. So wird das Blut der Marinescu von Maria, der Zweitgeborenen Auch-Ions weitergegeben, die darauf besteht, Margot genannt zu werden und die als Margot, die Schlange, in die Geschichte eingeht. Ein Herzallerliebstchen, das den Vater – als er noch lebte – um den Finger wickelte, das den Fröschen die Beine abschnitt, um zu sehen, ob sie dann noch laufen könnten. Und Margot, die Schlange, ehelicht auf Anraten ihrer in ihrer versoffenen Tante Gina den Mich´ Tudoran, einen lieben, herzensguten Mann, bei dem sie, die mit allen Wassern gewaschen ist, nun ja, alle Möglichkeiten hat.

So sind die Zeiten dahingegangen, die zweite große Menschenschlachterei übersteht die Familie recht glimpflich, damals konnte Auch-Ions noch eine schützende Hand über die Familie halten. Als die Kommunisten kamen wurde die Familie sozusagen wieder eingemeindet in die normale Menschheit, das vermeintlich blaue Blut zählte nichts mehr, auch wenn die einfachen Leute den Respekt vor der Familie nicht verloren…

Da Emil auch dahin schied (die Familie hatte offensichtlich keine besondere Begabung für Pferde bzw. Kutschfahrten) blieb es Margot, der Schlange, vorbehalten, noch einmal das Blut der Marinescus zu vererben, ihre Tochter hieße Ana-Marie, wenn.. ja, wenn der Standesbeamte des Schreibens oder des Hörens oder was auch immer fähig gewesen wäre und nicht Ada-Marie ins Stammbuch geschrieben hätte. Ada-Marie also, die einen gewissen Xav ehelichte, zwei Kinder bekam, einen Erstgeborenen und eine Zweitgeborene… der Erstgeborene – noch ist nicht das Jahr 2000, noch immer erfüllte sich der Fluch des schnauzbärtigen Banditen und übrig blieb die Tochter, die ob des Brudertodes weinende Tochter, die Tochter, die auch den Vater verlor, der sich ob des Kummers in der Weinflasche ertränkte, die Tochter, die der Alten gegenüber sitzt, uns diese Geschichte erzählt und sich vorstellt, wie die Mutter jung gewesen war, lebensfroh und sich für diesen Mann anfing zu interessieren, für Xav, der sich seinerseits für Motoren interessierte und ein wenig auch für sie, Ada-Marie….


Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen – eine schnelle Geschichte, rasant erzählt, ein furioser Ritt durch die Generationen vor einem kaum ausgemalten Hintergrund der allgemeinen Geschichte, die kaum eine Rolle spielt. Die Familie Marinescu – ein Beispiel für eine Dynastie, die durch ein Verbrechen den Grundstock für den Aufstieg zu Bedeutung und Einfluss gelegt hatte – und die gleichzeitig auch den Keim für den Abstieg, das Absinken in die Bedeutungslosigkeit, ja, fast bis hin zum Aussterben in sich trug. Es gibt gute Menschen unter ihnen und weniger gute, verschlagene und offenherzige, durchsetzungsfähige und verzweifelte, reiche, die sich alles leisten können und arme, die im eigenen Unrat ersticken…. ein Panoptikum fast aller Eigenschaften, die den Menschen zu eigen sind, ein eigener kleiner Kosmos, der darauf bedacht ist, das eingebildete blaue Blut, das durch die Adern strömt, nicht zu verdünnen und sich nicht gemein zu machen mit den einfachen Leuten…

Aufstieg und Fall von Dynastien und Reichen – es ist kein unbekanntes Phänomen. Eine Generation legt den Grundstock, eine oder mehrere verwalten und vermehren ihn, und dann wird das Erreichte abgewirtschaftet, verspielt, durch äußere Umstände vernichtet. Insofern kann man die Familie Marinescu als Beispiel, als Bild nehmen für einen elementaren Prozess des Lebens an sich: Aufstieg und Fall…

Aber man muss nicht. Man kann diese furiose Familiengeschichte (hier ist der beigefügte Stammbaum sehr hilfreich!) einfach auch „nur“ als sehr unterhaltsames Stück Literatur nehmen, sich an der plastischen, etwas ironischen Erzählweise der Autorin erfreuen und das Buch dann, nach zwei oder drei Stunden, lächelnd bei Seite legen und sich sagen: hey, das war jetzt aber schön! Yepp, genau so kann man es machen das ist sicher nicht das Schlechteste!


P.S.: Ich weiß, ich weiß, ich habe es nicht vergessen: Maria, die Versaute war´s. Sie öffnete die Falltür noch einmal, stieg – geplagt vom Gewissen und – nach dem Tode Ions – auch vom Wissen, daß mit dem Fluch nicht zu spaßen ist – hinunter in den Keller, schloß die Tür über sich und da man oberhalb der Tür vergaß, daß Maria, die Versaute, hinunter gestiegen war und man also auch nicht nach ihr schaute, sollte der Gevatter sie nach wenigen Tagen zu sich holen. Wer weiß, vllt war es ja sogar derselbe Gevatter, der schon den schnauzbärtigen etc pp….. und vielleicht haben sie sich getroffen dort oben und mag sein, daß der Bart des Banditen nicht mehr so stank, hatte er doch in seinem Hunger einst die Bohnenpampe, die darin getrocknet war, zur Gänze aufgefressen…. und mag ebenso sein, daß sie sich die Zeit dort oben miteinander vertrieben…

Irina Teodorescu
Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen
Übersetzt aus dem Französischen von Birgit Leib
Originalausgabe: La malédiction du bandit moustachu, Monfort-en-Chalosse
diese Ausgabe: Wagenbach, brosch., ca. 144 S., 2015

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2 Kommentare zu „Irina Teodorescu: Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen

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