Alain Claude Sulzer: Postskriptum

9. September 2015

Diese Buchbesprechung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern erschienen.


sulzer cover

Der schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer legt mit seinem neuen Buch Postskriptum einen Künsterroman vor, der die fiktive Figur des Schauspielers Lionel Kupfer durch seine Zeit begleitet.

Sulzer stellt uns diesen Lionel in einem Prolog zu einer Zeit vor, als er noch Lion Kupferberg hieß, sechs Jahre nach seiner Geburt in Lemberg. Seiner Familie fährt jedes Jahr an den Neusiedler See für vier Wochen in Sommerurlaub. Mit ihm natürlich die Eltern, der Vater ein Apotheker und mittelmäßiger Chellospieler, die Mutter, die der Ansicht ist, zu wenig vom Leben geboten zu bekommen sowie der ältere Bruder Tobias. Um diesen und seine Clique kümmert sich Lion nicht, ihm ist das Zeichnen, das er in diesen jungen Jahren schon beherrscht, wichtiger… Im Jahr 1894 findet der letzte Aufenthalt der Kupferbergs am See statt, ein großes Unglück überschattet von da an die Familie, der Tod von Tobias, der ertrunken ist. Lion ist dabei, als er gefunden wird, er zeichnet dies noch, danach rührt er den Zeichenstift nur noch an, wenn er muss.

Jahre später, viele Jahre… Lion ist jetzt katholisch und heißt Lionel, auch der Nachname Kupfer ist unverdächtiger als der längere, den er zur Geburt trug. Er ist berühmt, ein Filmstar der Zwanziger, einer, dem auch der aufkommende Tonfilm nicht schaden konnte. Und jetzt, Anfang Januar 1933 (Sulzer steigt nach dem Prolog wenige Tage vor dem Zeitenumbuch in seine Romanhandlung ein), sitzt er im eisklirrenden Engadin, im noblen Hotel Waldhaus in Sils Maria [1] und bereitet sich auf seine nächste Rolle vor.

Was nun folgt, sind Szenen eines Lebens oder auch mehrerer, denn Sulzer führt noch andere Personen in seine Geschichte ein. Die wichtigste ist Walter Staufer, ein Postbeamter, der pflichttreu die Briefe der Gäste und Einheimischen im Postamt von Sils Maria stempelt. Wundert es, daß er, ein Verehrer von Kupfer, dessen Postkarte nach Berlin sich anschaut? Die vermeintliche Wimper, die unter der aufgeklebten Marke hervorlugt, sich retten will? Was er jedoch findet, ist keine Wimper, sondern einen Text, von der Briefmarke verborgen. Und er liest das Wort „Geliebter“….

Walter lebt allein in einer kalten Wohnung, eine enge Stiege hinauf in den oberen Stock. Dort steht ein Grammophon, dort kann er den Erlkönig hören mit Kupfers Stimme, in Rillen gepresst… Er weiß von Kupfer, weiß, daß dieser im Waldhaus weilt und ein Plan reift in ihm…. an dieser Stelle bemüht Sulzer Tyche gehörig, mit dem Ergebnis, daß Walter solche Chuzpe wohl noch nie bewiesen hat wie an diesem Tag, der damit enden sollte, daß er Kupfer so nah kommt wie kaum ein anderer…

… außer Eduard, der ein paar Tage darauf seinen Besuch ankündigt… Geliebter…. Walter weiß von ihm…

Eduard Steinbrecher, Kunsthändler, ein paar Jahre jünger als Kupfer, hat offensichtlich gute Kontakte zu den neuen Machthabern in Berlin, es wird sich wohl schon wieder mäßigen.. diese seine Einschätzung ist Kupfer kein Trost (er teilt sie auch nicht), dem Eduard mitteilt, daß das Filmprojekt am Scheitern ist, er, Kupfer, jedenfalls und die anderen Beteiligten, die jüdisch sind, sind nicht mehr dabei…

New York… was ist ein deutscher Filmstar in den USA wert? Kupfer erfährt es, es ist nicht viel, wenn man nicht gerade Marlene ist… jene Traurigkeit, die zu seinem ständigen Begleiter geworden war, den er längst besser kannte als irgend einen Menschen, nistete sich bei ihm ein und verließ ihn nicht mehr…

…manchmal holt ihn die Vergangenheit ein. 1941 meldet ihm der Türsteher Besuch, eine Dame… er ist ratlos, erkennt sie nicht, bis sie ihn an das Treffen in Sils Maria erinnert, zu dritt saßen sie am Tisch, er, Kupfer, sie, Marianne Saltzmann und dann noch dieser junge, fremde Mann, der auch Kupfer jetzt noch in seltenen Momenten in´s Gedächtnis tritt. Sie will ihm von Eduards Tod erzählen, vom waghalsigen Spiel, das er mit den Kunstbanausen aus Berlin spielte, ein Spiel, mit dem er den reichen Juden in Wien half – und sie auch ausnahm, in die eigene Tasche hinein. Doch nicht das brach ihm das Genick…

… ein anderes Band in diese Zeit: der junge, hagere, kettenrauchende Italiener, der ihn mehrfach im Hotel ansprach, schreibt ihm einen Brief (mittlerweile ist der Krieg zu Ende gegangen), verweist auf diese Treffen und bietet ihm, Kupfer, eine Rolle an in einem Film. Visconti heißt der Mann, Kupfer kann sich dunkel erinnern. Spielen soll er sich selbst, einen Star, der im fremden Land keiner mehr ist, kaum mehr als zwei Drehtage wird der Kurzauftritt in Anspruch nehmen… So kommt Kupfer doch noch einmal nach Europa zurück, logiert wieder im Waldhaus, aber nicht mehr in der Suite… Der Steward, der die Fluggäste an der Gangway des Fliegers nach Rom in Empfang nimmt, erkennt ihn sofort, trotz der Jahre, die vergangen sind… Walter ist jetzt Mitte vierzig, er hat Kupfer nie vergessen.. Er spricht ihn aber nicht an und ob Kupfer ihn erkannt hat.. er glaubt es nicht, hält sich auch fern von Kupfers Platz im Flieger.

Die Jahrzehnte vergehen, Kupfer ist heimisch geworden in New York, hat mittlerweile originalen amerikanischen Ruhm gesammelt, bis hin zu einer Oscar-Nominierung. Was früher war, interessiert nicht mehr… ist aber nicht vergangen, denn es erreicht ihn ein ungelenker Brief Walter Staufers, der zum Oscar gratulieren will und durch den alte Erinnerungen wieder wach werden.

In New York schaut sich Kupfer den Visconti-Film („Belissima“), aus dem „seine“ Szene letztendlich herausgeschnitten worden war (was Kupfer seinerzeit, als er es erfuhr, maßlos ärgerte und seelisch stark mitnahm), an. Eine in der vorgeschalteten Nachrichtenschau eingeblendete Meldung über einen Flugzeugabsturz in der Schweiz bewegt ihn dazu, Walter doch zu antworten. Es wird ein kurzer Brief wie an einen Fremden, über die Jahre, die vergangen sind, ergänzt durch ein Postskriptum – umfangreicher als der Brief – mit einer Geschichte, die er noch nie jemandem erzählte, in der deutlich wird, wie sehr seinerzeit der Tod des Bruder über ihm und der Familie lastete und beitrug zu seiner Entscheidung, Schauspieler zu werden.

Der Erlkönig war es, gelesen in den Balladen, die der Vater ihm seinerzeit zum Lesen gab, der Erkönig mit der Geschichte vom Kind, das der Vater tot in den Armen hielt wie damals sein Vater den älteren Bruder. In dieser Ballade fand Lion sich und die Geschichte seines Bruders wieder, er spielte diese Ballade als Schauspiel, für sich das Unsagbare zu formulieren. Für die Mutter, die ihn überraschte, ein Schock, das Spiel des Sohnes wirkte wie ein Angriff auf sie, eine Verhöhnung ihres Schmerzes… und daher lernte Lion die Ballade so zu sprechen, daß das Sprechen das Spielen unnötig machte…


Postskriptum ist ein kleiner, feiner Roman. Er wird wie von einer Klammer zusammengehalten vom Schicksal des verunfallten Bruders, über dessen Tod wir in das Buch geleitet werden und der endet mit der Schilderung der Folgen für Lion Leben. Wie das Postskriptum des Briefes ist auch diese Schilderung ganz am Ende des Romans, wir sind mittlerweile im Jahre 1963 und es ist das erste Mal, daß Kupfer diese Geschichte erzählt – womöglich einem Toten, sofern Walter in der abgestürzten Maschine geflogen ist, was vielleicht nicht wahrscheinlich, aber möglich ist. Sulzer läßt dies offen.

Kupfer ist eine fiktive Figur, aber eine, die sich unter realen Menschen bewegt: im Buch tauchen viele bekannte Persönlichkeiten auf, Jannings zum Beispiel, Rühmann, die Dietrich wird genannt, wir begegnen mit Kupfer noch Kreisler und Greta Garbo, vorher schon schlupfte Hesse durch das Hotelfoyer vom Waldhaus, zu allem Überfluss kommt auch noch ein Reporter vom Spiegel nach Sils Maria, um den Exilanten zu interviewen. Visconti, fast vergaß ich ihn…. eine kleine Ironie Sulzers, Kupfer sich selbst spielen zu lassen und ihn dann aus dem Film zu katapultieren, so wie er ´33 aus Deutschland rausgeschmissen wurde, im kleinen wiederholt sich das Schicksal… Jedenfalls sind wir als Leser auch hier mit dem Problem konfrontiert, zu erkennen, wo die Fiktion des Autoren anfängt, die Schilderung von Fakten aufhört.

Im Exil – die gleichen Probleme wie die meisten Exilanten: niemand interessiert sich wirklich für sie, niemand braucht sie und mit ihrem seltsamen Akzent sind sie für´s Kino eh nicht geeignet – sofern sie die Sprache überhaupt gut genug beherrschen. Aber immerhin gönnt Sulzer seinem Protagonisten einen Neuanfang in den Staaten mit neuen Erfolgen, die durchaus nennenswert scheinen.

In der obigen Zusammenfassung habe ich einen Überblick über den Inhalt des Romans gegeben. Dabei ist eine Figur, eine tragische, sympathische, unter den Tisch gefallen, weil sie für die Handlung im Grunde unwesentlich ist: die Mutter Walter Staufers, die Mutter mit der unbedingten Liebe zu ihren Sohn, die nicht immer erwidert wird. Eine einfache Frau mit großer innerer Kraft, denn sie zog Walter als uneheliches Kind alleinstehend groß, Mario, der italienische Erzeuger war damals schnell von der Bildfläche verschwunden. Sie arbeitet hart, überspielt ihr Manko, den Analphabetismus und schafft es, im Waldhaus eine Arbeit als Hausangestellte zu erhalten. Walter dagegen ist wenig erfreut, seine Mutter in Sils Maria zu sehen, er ist recht distanziert zu ihr, seine Neigung zum eigenen Geschlecht mag dazu beitragen, etwas, was Theres, seiner Mutter nicht wahrnehmen will, geschweige denn verstehen kann. Die neuen Zeiten überfordern sie, die sich im Dienst für andere hingibt….

Überhaupt sind die einzigen Liebes- und andere Beziehungen im Roman solche zwischen Männern: Lionel und Eduard, Lionel und Walter, Walter und Bernard – und das sind nur die namentlich genannten… aber auch bei ihnen ist wahre Liebe etwas seltenes.. mag sein, daß man diesen Aspekte des Romans sogar als weiteres Thema des Buches sehen kann: die Probleme männlicher Homosexualität in diesen Tagen, die im Untergrund, im Geheimen ausgelebt werden musste [2]

Die einzelnen Episoden des Romans, in denen Sulzer seine Figuren auftreten läßt, verweben sich zu einem Teppich von Ereignissen, der ein Bild einer aus den Fugen geratenen Zeit ergibt. Geschickt wechselt der Autor verschiedene Zeitebenen, ohne daß man beim Lesen den Überblick verliert. Der Grundton des Romans ist von Melancholie geprägt; bis auf den Schluss, die zweite Karriere Sulzers in den Staaten, sind es vorwiegend die Verluste, die das Leben der Protagonisten beherrschen. Die Sprache Sulzers: leise, präzise, einfühlsam, nachdenklich – der Roman ganz sicher eine eindringliche Empfehlung wert!

Links und Anmerkungen:

[1] Das Hotel (http://www.waldhaus-sils.ch/de) ist kein unbekanntes, der Autor selbst hat dort logiert, auch anderen Berühmtheiten. Auf diesen Kartenausschnitt sieht man die Lage des Hotels, auch die des Postamts (ich setze voraus, daß die Lage gleich geblieben ist in all den Jahrzehnten…)  https://www.google.de/maps/place/Poststelle+….4c0
[2] homosexuelle Handlungen wurden in der Schweiz erst 1942 weitgehend entkriminalisiert, die Verfolgung männlicher Homosexueller während des 3. Reiches ist bekannt, der § 175 wurde in Deutschland erst lange nach dem Krieg vor allem durch sukzessives Herabsetzung des Schutzalters entschärft.
Angaben nach Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität_in_der_Schweiz  und https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität_in_Deutschland

Interessant ist auch dieser Beitrag über den Roman in aspekte: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2464758/Alain-Sulzers-neuer-Roman#/beitrag/video/2464758/Alain-Sulzers-neuer-Roman

Diese Buchbesprechung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern erschienen.

Alain Claude Sulzer
Postskriptum
diese Ausgabe: Galiani, HC, 254 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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