Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibt

6. September 2015

Anfang August 2015 sorgte die Nachricht, daß Amnesty International sich entschlossen hat, für die Legalisierung der Prostitution [1] einzutreten, für ein großes Medienecho [2]. In diese Diskussion um Pro und Contra passt das Buch von Rachel Moran über das Wesen der Prostitution sehr gut hinein, es bezieht eindeutig Stellung und zwar Contra.

Rachel Moran weiß, wovon sie spricht. Sie ist Irin, aus Dublin. 1976 geboren wuchs sie mit vier weiteren Geschwistern in einer „dysfunktionalen“ Familie auf, beide Elternteile waren psychisch schwer krank, der manisch-depressive Vater suizidierte sich, die Mutter litt unter Schizophrenie. Im Alter von vierzehn Jahren lief Moran von ihrer Mutter weg in die Obdachlosigkeit. Ein Jahr später erschien ihr der Vorschlag ihres „Liebhabers“, Geld für Sex zu nehmen, nach kurzer Überlegung akzeptabel, es war so etwas wie eine Mutprobe. Am Abend dieses Tages hatte sie sich zum ersten Mal prostituiert, eine Tätigkeit, die sie von diesem Zeitpunkt ab insgesamt sieben Jahre lang auf der Straße, als Fotomodell, in Bordellen und als Escort-Service wahrnahm, bevor sie mit zweiundzwanzig ihres Kindes wegen sowohl mit den Drogen als auch mit der Prostituierung Schluss machte. Während und nach einer schwierigen (und in gewissem Sinne nie endenden) Eingewöhnungszeit zurück in die „normale“ Gesellschaft ging sie wieder zur Schule, studierte und engagiert sich in einer Organisation, die mit dem Anliegen gegründet wurde, Frauen eine Stimme zu verleihen, die die von sexueller Gewalt geprägte Realität der Prostitution überlebt haben (SPACE) [3].

moran cover

Was vom Menschen übrig bleibt ist ein biographisches Buch, in dem Moran aus ihrer eigenen Erfahrung mit der Prostitution (und der ihrer Kolleginnen) deren Charakteristika, deren zerstörerische Wirkung auf die Persönlichkeit der Frauen und last not least die Versuche, die Prostitution durch eine romantisierende Mythenbildung zu verharmlosen, analysiert.

Die Grundthese Morans ist einfach, sie läßt sich in wenigen Worten niederschreiben: Jede sich prostituierende Frau macht dies aus einer Zwangssituation, meist finanzieller Art, heraus, von Freiwilligkeit kann keine Rede sein. Als besonders krasse Beispiele führt Moran Mütter an, die sich vor Weihnachten oder besonderen Familienfesten wie Kommunion an die Straße gestellt haben, um an das notwendige Geld zur Gestaltung dieser Tage kommen. Sex aber, so (nicht nur [4]) Moran, der nicht freiwillig, sondern unter Zwang abläuft- auch wenn dieser Zwand durch die Lebensumstände ausgeübt wird – ist Missbrauch. Oder zusammengefasst:

Prostitution ist die Kommerzialisierung sexuellen Missbrauchs von Frauen.

Dem System Prostitution immanent sind u.a. folgende Erscheinungen:

  • Erniedrigung der Frau zum Sexobjekt und Verlust der Selbstbestimmung
  • Entwürdigung der Frau zum Bedarfsgegenstand
  • De-Sozialisierung und Stigmatisierung
  • Ständige Gefährdung der körperlichen und psychischen Integrität
  • die Notwendigkeit der Frauen, psychische Mechanismen zu entwickeln, die sich auch auf das „normale“ Leben ausweiten (Dissoziation)
  • Drogengefährdung

Erniedrigung der Frau zum Sexobjekt und Verlust der Selbstbestimmung.

Wenn eine Frau einem Freier gegen Bezahlung das Recht einräumt, ggf. vorher verhandelte Aktionen an und mit ihrem Körper durchzuführen oder an seinem vornehmen zu lassen, erniedrigt sie sich zum Objekt. Außerdem kann sie, so Moran, nie sicher sein, daß der Freier sich an die Vereinbarung hält, oftmals drängt er – auch mit Gewalt – auf Handlungen, die nicht vereinbart waren. Der Möglichkeiten einer Prostituierten, sich zu wehren, sind sehr begrenzt. Außerdem hat eine Frau, die im Bordell oder im Escort-Service arbeitet, kaum die Möglichkeit, einen Freier vorher in „Augenschein“ zu nehmen und ggf. abzulehnen. Dies ist zumindest in Ansätzen auf der Straße möglich, deshalb findet Moran die üblicherweise definierte „Hierarchie“, bei der der Straßenstrich ganz unten rangiert, nicht den Realitäten entsprechend.

Entwürdigung der Frau zum Bedarfsgegenstand

Der Erwerb des Nutzungsrecht über den Körper einer Prostituierten gleicht dem Kauf irgendeines Gegenstandes. In einigen Häusern kann der Freier aus einer Kollektion von Frauen, die er begutachtet, auswählen – ganz so, wie bei einem normalen Einkauf. Der Freier meint gemeinhin, mit dem Erwerb des Nutzungsrechtdie Verfügungsgewalt über den Körper der Frau erlangt zu haben, die prostituierte Frau hat kein Recht mehr auf die Rücksichtnahme auf eigene Bedürfnisse oder Grenzen, evtl. Ekel oder Schmerz beispielsweise sind zu ertragen.

De-Sozialisierung

Die prostituierte Frau lebt ausserhalb der „normalen“ Gesellschaft. Sowohl ihre Tätigkeit als auch ihre Arbeitszeiten hindern sie im Normalfall, einen Bekanntenkreis aufzubauen. Außerdem findet sie nur unter den Kolleginnen und Mit-Betroffenen Verständnis und kann nur dort frei reden. Bei Versuchen, sich in die Gesellschaft zu re-integrieren, erregen u.U. die nicht erklärten freien Zeiten im Lebenslauf Argwohn. Verbale und nicht-verbale Kommunikation im Prostitutionsmilieu unterscheiden sich von der Kommunikation ausserhalb dieser Kreise, so daß hier eine weitere, zusätzliche Barriere auftritt.

„Einmal Hure, immer Hure“: Prostitution stigmatisiert, es verlangt viel Selbstbewusstsein (das in der Prostitution systematisch zerstört wird), um als Ex-Prostituierte zur früheren Tätigkeit zu stehen.

Ständige Gefährdung der körperlichen und psychischen Integrität

Jede Prostituierte ist der Gefahr ausgesetzt, daß der Freier ihr gegenüber gewalttätig wird. Schließlich hat er – seiner Meinung nach – mit der Zahlung des Preises die Verfügungsgewalt über den Körper der Frau erhalten. Dieses Faktum führt dazu, daß die Frauen permanent in einer zumindest unterschwelligen Angst ihrer Tätigkeit nachgehen. Ist Gewalt ausgeübt worden, finden sie oft niemanden, der den Gewalttäter verfolgt oder bestraft, es sei denn, die Gewalt wäre lebensgefährlich gewesen. Auch macht jede Prostituierte die Erfahrung verbaler „Gewalt“, sprich von Beschimpfungen und Beleidigungen.

Ein besonderer Moment ist ferner der der Geldübergabe, kommt doch hier der „Geld-gegen-Ware“-Charakter der Aktion ungeschönt zu Tage. Er ist bei vielen Freiern mit einem Moment der Scham oder zumindest Verlegenheit verbunden und findet aus diesen Motiven heraus oft klandestin durch z.B. Hinterlegen des Geldes auf dem Tisch im Hotelzimmer o.ä. statt. Selbstverständlich wird auch der prostituieten Frau – sofern sie dies nicht verdrängt – ihr Status in diesem Moment deutlich vor Augen geführt.

Die Notwendigkeit der Frauen, psychische Mechanismen zu entwickeln, die sich auch auf das „normale“ Leben ausweiten

Um der Entwürdigung, der Erniedrigung, dem Ekel etwas entgegensetzen zu können, denken sich viele Frauen „fort“: dies da geschieht nur meinem Körper, nicht mir. Diese Aufspaltung (Dissoziation) kann so weit gehen, daß sie verinnerlicht und permanent wird. Verdrängung spielt eine große Rolle, auch Autosuggestionen wie, daß man alles unter Kontrolle hätte.

Drogengefährdung

Wenn Frauen nicht schon über Drogen und die Notwendigkeit, für die Drogenbeschaffung Geld zu verdienen in die Prostitution gerutscht sind, so fangen andere umgekehrt in der Prostitution an, Drogen zu nehmen, um den permanenten Seelennotstand, in dem sie leben, zu betäuben. Das wird schnell ein Teufelskreis, der sich erhält und steigert…

Moran betont, daß diese Erscheinungen unabhängig sind von der speziellen Art und Weise, in der eine Frau prostituiert wird. Die Herabwürdigung zum Objekt ist unabhängig davon, ob die Frau aufreizend angezogen an der Straße steht oder ob sie unauffällig-chic gekleidet in ein gutes Hotel zu ihrem Freier geordert wird. Weder im Auto noch im Hotelzimmer ist sie vor Gewalt sicher oder davor, daß der Mann den „Vertrag“ nicht einhält. Der Entwürdigung und Erniedrigung ist es egal, wo sie geschieht.

Selbstverständlich widmet sich Moran auch den Versuchen, Prostitution schön zu reden. Die semantische Weichspülung der Prostituierten als „Sex-Arbeiterin“ [vgl. Artikel in der ZEIT: 1], die eine Dienstleistung erbringt, entlarvt sich schon, wenn man sich die EU-Verordnung vom 26. April 2006 über Maßnahmen zum Schutz der Menschenwürde und gegen Mobbing und sexuelle Belästigung bei der Europäischen Kommission anschaut. Dort heißt es: Mobbing und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sind schwerwiegende Probleme, gegen die die Kommission weiter aktiv vorgeht, indem sie eine gewaltfreie Arbeitskultur fördert, in der Mobbing und sexuelle Belästigung als inakzeptabel gelten. [5]

Auch die Bezeichnung vom „ältesten Gewerbe der Welt“ ist stark romantisierend. Denn ein Gewerbe verliert nicht dadurch seinen menschenverachtenden Charakter, daß es alt ist…

In ähnlicher Weise analysiert Moran die unsinnigen Mythen von der glücklichen Hure und vom sexuellen Vergnügen der Prostituierten, mit denen im Wesentlichen die Freier ihr Verhalten rationalisieren.


Was die gesetzlichen Rahmenbedingungen in diversen Staaten angeht, verweist Moran auf im wesentlichen zwei Tendenzen: die nordischen Staaten Schweden, Norwegen und auch Island verbieten die Prostitution, indem sie den Freier, nicht aber die Prostituierte, kriminalisieren. Begleitend gibt es Hilfsmaßnahmen für Frauen, die das Gewerbe verlassen wollen. Dies befürwortet auch Moran und unterstützt Bestrebungen, dieses nordische Modell auch in Irland durchzusetzen. Da sie andererseits aber schlüssig darlegt, daß Prostitution ein von der männlichen Nachfrage dominiertes Gewerbe ist (auf eine Prostituierte kommen ihrer Schätzung nach üblicherweise mindestens 40 bis 50 Freier) bleibt die Frage offen, wie und wo sich diese Nachfrage kanalisiert, wenn die offene Prostitution verboten wird und demzufolge das Ausmass des Straßenstrichs beispielsweise zurückgeht.

Der andere Weg ist die Legalisierung der Prostitution, was nach Moran nichts anderes heißt, als daß sexueller Missbrauch von Frauen staatlich erlaubt wird. Diese „Eingliederung“ in übliche staatliche Vorgänge wird von den Betroffenen nicht unbedingt gewollt, Moran führt eine Petition aus den Niederlanden an, in der Betroffene sich dagegen wehren, als Sexarbeiterinnen registriert zu werden: wären sie einmal registriert, wären sie auf immer als (ex) Prostitutuierte gekennzeichnet. Zudem, so die bisherige Erfahrung, nutze die Legalisierung vor allem dem Sex-Gewerbe in all seinen Ausprägungen, nicht aber den Betroffenen.


Moran ist es gelungen, aus dem Teufelskreis der Prostitution herauszukommen und sich – in dem sie sich auch offen zu ihrer Vergangenheit bekennt – in die Gesellschaft einzufügen. Sie betont, daß es keine Rückkehr war, denn sie hatte als Kind einer „dysfunktionalen“ Familie nie Anteil an der „normalen“ Gesellschaft. Es war, wie sie im letzten Abschnitt des Buches beschreibt, nicht einfach, an vielen Stellen des Alltagslebens musste sie ganz von vorne anfangen – immer auch mit der Angst, daß man ihr ihre Vergangenheit ansehen/-merken würde und auch der eigenen Scham über ihre Vergangenheit. Diese Scham, so schreibt sie an einer Stelle, sei hartnäckiger als Trauer, sie verstecke sich manchmal, um dann um so heftiger wieder hervorzukommen.-

Grundsätzlich – Morans Schilderungen zeigen dies deutlich – ist es wie bei vielen gesellschaftlichen Problemen: Fast alle Frauen wären, hätten sie eine (Aus)Bildung und einen entsprechenden Arbeitsplatz, eine Perspektive also für eine normales Leben, gehabt, nicht in der Prostitution gelandet. Der Verharmlosung und Romantisierung der Prostitution und dem Mythos der freiwilligen Prostituierten (Moran gibt einige Beispiele aus ihrer Erfahrung wieder, mit welchen Grenzerfahrungen bei z.B. hygienischen Unzulänglichkeiten des Freiers umzugehen ist –  und das freiwillig?) setzt die Autorin mit diesem nichts beschönigendem Buch jedenfalls ein starkes Contra entgegen, das so manches Klischee hinwegfegt.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.amnesty.de/2015/7/28/zur-amnesty-arbeit-fuer-frauenrechte-und-der-amnesty-internen-diskussion-um-die-menschenre?
[2] es finden sich natürlich viele Quellen dazu. Stellvertretend dafür hier zwei Links: (i) Sophie Elmenthaler: Sex ist auch nur eine Dienstleistung http://www.zeit.de/kultur/2015-08/prostitution-legalisierung-amnesty-international-kommentar und (ii) ??: Darum will Amnesty Prostitution entkriminalisieren;  http://www.sueddeutsche.de/panorama/grundsatzentscheidung-darum-will-amnesty-prostitution-legalisieren-1.2605085
[3] Website der Organisation: http://spaceintl.org
[4] hier z.B. eine Kampagne/Post auf dem offiziellen tumblr des Weißen Hauses:  http://whitehouse.tumblr.com/post/128117667738/consent-if-you-dont-get-it-you-dont-get-it
[5] http://ec.europa.eu/civil_service/docs……pdf, Zitat von S. 2, Unterstreichung von mir

Rachel Moran
Was vom Menschen übrig bleibt
Die Wahrheit über Prostitution
Übertragen aus dem Englischen von Maria Heydel
diese Ausgabe: Tectum-Verlag, Softcover, ca. 375 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Presseexemplars.

Advertisements

3 Responses to “Rachel Moran: Was vom Menschen übrig bleibt”

  1. almathun Says:

    Mir hat der Maßnahmenkatalog gegen Prostitution zu denken gegeben, denn wer sich nicht ändern muss, ist der Freier, außer er fürchtet die Kriminalisierung durch den Staat. Auch das Wort „Prostitution“ macht schon deutlich, dass es v.a. die Frauen sein sollen, die das Problem darstellen. Warum nicht „Sexkauf“ oder „konsumorientierte Notgeilheit“? Prostitution ist ein Symptom, die Wurzeln liegen in der Biologie des Mannes und einer Gesellschaft, die leider immer noch die Befriedigung männlicher Bedürfnisse in den Vordergrund stellt. Mit Erziehung wird man nichts bewirken. Vielleicht kann uns die Gentechnik hier weiterhelfen.

    Gefällt mir

    • flattersatz Says:

      mit deinem kommentar kann ich leider nicht so viel anfangen, insbesondere die bemerkung mit der „gentechnik“ ist mir rätselhaft. ich habe aber heute im aktuellen ZEIT-magazin in der kolumne von martenstein einen satz gefunden, der – glaube ich – auch hier passt: „… Aber immer, wenn ich Reportagen lese oder sehe, in denen die einen nur Opfer sind und die anderen nur Täter, denke ich, so ist das Leben doch meistens nicht, in Wirklichkeit ist es doch meistens komplizierter.“

      Gefällt 1 Person

  2. rotherbaron Says:

    …ein wichtiges Buch, gerade in der gegenwärtigen Situation.

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: