Friedrich Ani: Der namenlose Tag

3. September 2015

Diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File bei box.com


Es ist die Frage nach Ursache und Wirkung: macht die Arbeit als Polizist, zumal als Kriminaler, der mit Mord und Totschlag zu tun hat, den Menschen seltsam oder geht der Mensch, dem eine Seltsamkeit innewohnt, bevorzugt dieser Arbeit nach?


ani tag cover

Jakob Franck, von seiner Ex-Frau immer noch Hannes genannt, ist eine neue Figur im Kosmos der Ermittler, auch ihm wohnt solche Seltsamkeit inne. Ein Grübler ist er mit dem Hang zur Gedankenfühligkeit, ein Gastgeber, der Teller mit Keksen bereitstellt für die Toten, deren Schicksal er nicht aufklären konnte und die ihn seitdem be- und heimsuchen. Besuche einer derart intensiven Art, daß vor achtzehn Jahren seine Ehe daran scheiterte. Hinweise auf die Notwendigkeit einer therapeutischen Behandlung sah man wohl nicht, zumindest berichtet Ani davon nichts, vielmehr war man dienststellenseitig froh, in Franck jemanden gefunden zu haben, der bereitwillig die Todesnachrichten an Angehörige überbrachte und diese schwierige Aufgabe anderen Kollegen abnahm.

Solches tat er auch damals, vor zwanzig Jahren, als eine junge Frau, eine Schülerin noch, im Park gefunden worden war. Esther Winther hatte sich aufgehängt, war von einer Spaziergängerin, die mit ihrem Hund noch einmal draußen war, am frühen Abend gefunden worden. Die spätere Untersuchung des Falls ergab von pathologischer Seite her nur ganz vage Hinweise auf eine eventuell mögliche Fremdbeteiligung; da der Schülerin depressive Momente nachgesagt wurden und die Eltern sich damit abfanden, wurde der Tod des Mädchens amtlich schnell als Suizid eingestuft und zu den Akten gelegt. Das freilich wusste Franck noch nicht, als er zur Wintherschen Wohnung ging, um die Todesnachricht zu übermitteln.

Herr Winther war nicht anwesend, der Fachverkäufer in einem Bekleidungsgeschäft (von manchen geringschätzig „Hosenverkäufer“ tituliert) war zur beruflichen Fortbildung in Salzburg. So traf Franck nur die Frau, Doris Winther an, die, eingehüllt in den Duft nach frisch gebackenem Apfelkuchen, ihm die Tür öffnete, ihn nach einer auffordenden Frage in die Wohnung bat. Nach der Mitteilung, daß die Tochter tot aufgefunden worden sei, geschah etwas ungewöhnliches (obwohl in einer solchen Situation alles möglich ist…): Doris Winther lehnte sich an den Todesboten an, legte ihre Arme um ihn und er die seinigen um sie. Derart in Umarmung verharrten sie schweigend sieben Stunden lang, einzig, daß sich Franck an die Wand anlehnte, um sich etwas Stütze zu verschaffen. Von Doris Winther jedoch ging der Geruch nach Apfelkuchen und ein leises, schwingendes Wimmern aus…

Zwanzig Jahre sind ins Land gezogen, der allein gebliebende Franck ist seit kurzem pensioniert, hat Kopien von Fällen in seiner Wohnung (warum eigentlich den von Esther Winther, mit dem Fall war er doch garnicht befasst?), bewirtet seine geisterhaften Besucher und schlägt die Zeit mit virtuellem Pokerspiel tot. Da meldet sich bei ihm Ludwig Winther, der ein Jahr nach dem Tod seiner Tochter auch noch den Suizid seiner Frau zu ertragen hatte, der danach in seinem Leben vollends strauchelte und nur knapp sich wieder fing, halbwegs zumindest. In seinem Kopf gab es keinen Selbstmord bei seiner Tochter, in seiner Überzeugung war es ein Mord und er konnte auch gleich einen Verdächtigen benennen. Franck, so seine Bitte (warum eigentlich geht er zu Franck, der doch nur die Todesnachricht überbrachte?), solle den Fall doch noch einmal untersuchen…. und aus irgendeinem Grund, mag es die Langeweile, eine Art innerer Leere gewesen sein oder die Angst, eines Nachts auch Esther verköstigen zu müssen, verspricht Franck es dem verzweifelten Ludwig Winther.

Dies ist in ungefähr die Ausgangsituation, das Setting. Inhaltlich erfolgt jetzt wenig überraschendes, die Handlung folgt den immanenten Gesetzen des Genres: Franck bittet ehemalige Kollegen um Hilfe, studiert die Akten, versucht Zeugen von damals zu finden: Klassenkameraden/-innen, Nachbarn, zur Tante Esthers fliegt er sogar nach Berlin. Franck, der in den Gesprächen meist unverzüglich in die in Jahrzehnten eingeübte Rolle des Verhörenden, Befragenden wechselt, hat die Gabe, den Menschen auch nach zwanzig Jahren bis in die Wörtlichkeit der damaligen Rede hinein Erinnerungen abzuluchsen… doch bald merkt er, das etwas fehlt, das etwas mitschwingt im Untergrund, das von allen heimlich gehalten wird. Franck steht vor der Fassade des Lebens all dieser Menschen, was dahinter zu finden sein wird, ist der Schlüssel zu dem, was er sucht.

So wird der Roman mit seiner krimitauglichen Fragestellung (Was geschah wirklich, wer war es?) unversehens ein Roman, der in die Tiefen eines Familiendramas hineinleuchtet. Eines Dramas, in dem sich Schweigen, Verdächtigungen und unausgesprochene Vorwürfe zu einer Katastrophe auswachsen – über die wieder alles schweigen. Erst einem unerschütterlichen und penetrant den Finger in die Wunde legenden Frager wie Franck gelingt es, die Menschen, mit denen er redet, so vor ihre innere Schutzwand zu fahren, daß diese Risse bekommt, ja, einstürzt. Es sind dies die großen Momente des Romans, wenn in zum Teil längeren Monologen, die oftmals Beichten ähneln, das in den Seelen Verschüttete hervorbricht und die zur Schau getragene Miene als Fassade entlarvt.

Jacob Franck, wen wundert´s, löst diesen Fall, Butterkekse für Esther braucht er nicht vorrätig zu halten, sie wird nicht im Kreis der nächtlichen Besucher bei ihm auftauchen.


Auch wenn dieser Roman, wie ich schrieb, großartige Momente hat, musste ich doch hin und wieder schmunzeln. Auch als passionierter Nicht-Krimileser war mir zum Beispiel klar, daß der anfangs präsentierte Verdächtige als Einziger von vornherein nicht der Täter sein konnte. Zum Schluss des Buches dann – ein zweites Beispiel – auf den letzten Seiten gibt es noch mal eine Zusammenfassung des Inhalts für die, die es nicht ganz verstanden haben –  muss das sein, traut der Autor uns Lesern nicht zu, seinen Roman zu verstehen? Oder befürchtet er, vorher so unklar und missverständlich geschrieben zu haben? however….

Was mich sehr beschäftigt hat – weil ich selbst schon häufiger am Überbringen von Todesnachrichten beteiligt war – war die betreffende Episode mit der Figur der Doris Winther. Auch für Ani/Franck war/ist diese Episode wichtig: der Autor läßt seinen Protagonisten, dem diese Umarmung immer noch sehr präsent ist, erst zwanzig Jahre später über sein Verhalten von damals zu einem anderen Menschen reden…. Trotz des vorbildlichen Anfangs stehen Fragen im Raum, wie zum Beispiel: warum überbringt jemand, der mit den Ermittlungen nicht betraut war, die Nachricht? Wie und was will dieser Überbringer auf zu erwartende Fragen antworten? Warum überhaupt ist er allein? In einem Leitfaden von Schäfer/Knubben über den Umgang der Polizei mit Trauer und Tod [1] wird ausdrücklich empfohlen, nicht allein zu gehen. Man weiß nie, was man antrifft und mit zwei Personen hat man viel mehr Handlungsspielraum. Franck als Bote mit der Todesnachricht wird von Frau Winther umarmt, er erwidert diese Umarmung, was im angegebenen Leitfaden ausdrücklich empfohlen wird und auch richtig ist. Trotzdem behält Franck dieses Faktum gegenüber anderen Personen für sich, es bereitet ihm offensichtlich Probleme, darüber zu reden. Inwieweit die Dauer der Umarmung mit sieben Stunden realistisch ist (ich persönlich würde das rein physisch gar nicht durchhalten) mag jeder für sich einschätzen – und warum gerade sieben Stunden? .. und nicht acht, sechs oder nur eine halbe? Welche der vielen Bedeutungen der Zahl sieben (Todsünden?) spiegelt sich hier wider?

Aber das sind Fragen, die ich mir als individueller Leser gestellt habe, das wird jeder, der das Buch zur Hand nimmt, anders empfinden und sehen, möglicherweise oder wahrscheinlich sogar nichts besonderes darin erblicken.


Der namenlose Tag ist ein düsteres, melancholisches Buch voll mit grüblerischen Momenten, heitere Menschen sucht man hier vergebens. Es ist symptomatisch, daß ausgerechnet die Frau, die sich vor vielen Jahren von Jacob Franck trennte, den ausgeglichensten Eindruck vermittelt. Mit seinem Protagonisten Franck hat Ani dagegen eine Figur kreiert, die man zumindest als eigenwillig empfindet.. seine Eigenart, die Toten als Geister zu bewirten, könnte man als Macke abtun – wäre nicht seine Ehe daran gescheitert, sie also schädlich für ihn gewesen… auch die vielen Jahre nach dieser gescheiterten Ehe richtete er sich in seinem Alleinsein ein. Nun scheint er fast so etwas wie ein Magnet zu sein, der unglückliche Menschen anzieht – die Menschen im Umfeld der Familie Winther reichen ihm für diesen Roman noch nicht einmal, in einer isoliert stehenden Episode läßt der Autor Ani Franck im Flughafenrestaurant noch zusätzlich eine am Leben verzweifelte Frau kennen lernen.

Es gibt eine Passage im Buch, in der es Franck in plötzlicher Selbsterkenntnis klar wird, daß er die Funktion des Todesboten nicht der Menschen wegen übernommen, sondern aus Eigeninteresse: er selbst ist es, der die Angehörigen sucht, er selbst ist es, der Menschen sucht, die sich an ihn lehnen, ihn in den Arm nehmen…. er sucht Trost und Nähe bei diesen vom Schicksal Geschlagenen, die sich in ihrer Verzweiflung an ihn lehnen – so wie Doris Winther.

Letztlich steht der Roman Anis zwar auf der KrimiZEIT-Bestenliste, aber das ist im Grunde Etikettenschwindel. Für die Figur und Funktion des Jacob Franck ist das ehemalige Kriminalersein unerheblich, auch ein Seelsorger oder Psychologe oder.. hätte hier diese Rolle übernehmen können. Denn das Buch ist eher ein Psychogramm, eine Beschreibung über die Tradierung auch negativer Verhaltensweisen und deren Auswirkungen, der möglichen Folgen der Sprachlosigkeit innerhalb einer Familie, der mangelnden Kommunikation, die immer auch Verständnislosigkeit nach sich zieht. Und indirekt ist es auch ein Versuch, die Psyche des Ermittlers zu beschreiben, der sich den Toten verschrieben hat und konsequenterweise die Lebenden meidet, es sei denn, sie haben selbst Kontakt mit den Verstorbenen und sind so nahe bei ihnen, daß sie ihm Halt geben können in der eigenen Haltlosigkeit.

Ich bin sehr gespannt, wie sich Ani die Entwicklung seines Protagonisten weiter vorstellt oder ob er ihn einfach auf dieser Stufe stehen läßt… der Anfang ist jedenfalls vielversprechend und das vielfach ausgeschüttete Lob für Autor und Werk höchst verdient.

Links und Anmerkungen:

[1] Dierk Schäfer u. Werner Knubben: … in meinen Armen sterben?: Vom Umgang der Polizei mit Trauer und Tod; Deutsche Polizeiliteratur, ca. 300 S., 1996 (die mir zur Verfügung stehende und benutzte Auflage ist aus dem Jahr 1992)

Friedrich Ani
Der namenlose Tag
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 300 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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