Leopoldo Azancot: Liebe verboten

27. August 2015

Vom Autoren dieses Buches, dem Spanier Leopoldo Azancot, ist nicht allzuviel zu erfahren. Begibt man sich auf die Suche, wird man praktisch nur im Spanischen fündig, einzig sein Roman: Verbotene Liebe, der in Spanien mit dem Literaturpreis La Sonrisa Vertical [2] ausgezeichnet worden ist und den ich hier vorstellen will, scheint ins Deutsche übertragen. Mir liegt die 1991 von Eichborn herausgegebene Hardcover-Ausgabe, die in der „Erotischen Reihe“ des Verlages verlegt worden ist, vor.

Der 1935 geborene Azancot jedenfalls ist ausgebildeter Jurist, der seinen literarischen Ambitionen erlag und nach kurzer Anwaltstätigkeit u.a. als Literaturkritiker arbeitete und 1977 seinen ersten Roman veröffentlichte. Wer mehr erfahren will und des Spanischen mächtig ist oder sich an der google-Übersetzung erfreuen will, kann sich hier gütlich tun: [1]


azancot

Sein schmaler Roman Verbotene Liebe spielt ein paar Jahr nach Francos Tod, also so um 1980, in Spanien, genauer in Madrid, aber es könnte ebenso gut in fast jede anderen spanische Stadt sein. Denn die Handlung gleicht, abgesehen von einer Art Rahmenhandlung, einem Kammerspiel, einer Auseinandersetzung und Annäherung zweier Menschen in einer Wohnung…

… aber der Reihe nach…

Obwohl die Ampel von Gelb zu Rot gewechselt hatte, hielt das Auto nicht an, sondern raste weiter. Der Fahrer des mit zwei jungen Männern besetzten Wagens versuchte einem Hindernis auszuweichen, kam ins Schleudern und verunglückte. Die Bremsen eines Streifenwagen quietschen, dieser und ein weiteres mit Polizisten besetztes Auto hielten bei dem Unglückswagen, in dem der Fahrer offensichtlich tot war und der Beifahrer sich auf der Flucht befand.

Miguel, diesen Namen nennt uns der Autor für diesen jungen Mann, rennt die Straße hinab, spricht eine junge Frau an, die seinen Weg kreuzt, packt sie am Arm und nach einem kurzen Disput gehen beide zusammen in ein Haus, in eine Wohnung. Für Esther, so der Name der Frau, ist dies nicht ungewöhnlich, sie verdient ihr Geld damit, mit Männer in ihre Wohnung zu gehen, so viel ist jetzt schon klar, ebenso, daß Esther diesem Miguel gefällt und auch umgekehrt…

Miguel erzählt Esther, was passiert ist, daß er und sein toter Freund auf einer Versammlung waren, weil sie der Meinung sind, die politische Situation sei eine Farce, unter der das ganze Land leidet. Oder glaube sie, man hätte hier eine wirkliche Demokratie?  Miguel ist müde und dennoch aufgebracht, doch er sah großartig aus – stählern, zornig, männlich – und sie betrachtete ihn mit leuchtenden Augen. Leidenschaftlich fährt er fort, seine politische Überzeugung vor Esther darzulegen, man müsse einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen, eine gnadenlose Säuberung durchführen und die Verbrechen und Diebstähle der Diktatur verurteilen – und zwar nicht nur der Form halber…. Wer soll denn an Gesetze und Gerechtigkeit glauben, wenn die vom Staat begangenen Diebstähle und Verbrechen nicht bestraft werden?

Die nachfolgende Diskussion der beiden wird durch ein Klingeln an der Tür unterbrochen, ein Kunde, dem sie empfohlen worden ist. Da Esther ihn nicht abwimmeln kann, muss Miguel sich verstecken, er hört nur Geräusche, kann nichts sehen, seine Fantasie versucht, die Geräusche umzusetzen in das Spiel, das die beiden jetzt spielen… Doch plötzlich hört er, „Bitte nicht“ und dann mit dünner, sich überschlagender Stimme „Hilfe!“ .. im Zimmer liegt Esther auf dem Boden, auch er wird niedergeschlagen als er in den Raum eilt, „Als der Caudillo noch lebte, hätte es sowas nicht gegeben!“ und „Ich bin noch nicht fertig mit euch!“.. Der Mann verschwindet wütend….

Esther und Miguel geraten in einen Streit, er will wissen, was los war, warum der Mann so wütend war, er reisst ihr das Laken, das sie vor ihren Körper hält, weg und sieht sie nackt, mit einem kleinen Penis, der ihr zwischen ihren Beinen hängt.

Das sind sie also in dieser Wohnung: ein von der Polizei gesuchter „Terrorist“ und eine Transsexuelle [3], beide ausserhalb der normalen Gesellschaft stehend, Aussenseiter, Verfemte… zwei Menschen, die dabei waren, sich zu mögen, sich ineinander zu verlieben. Esther, die wunderschöne Frau mit den zarten Gliedern, dem engelsgleichen Haar, den vollen Brüsten… und dem, was sie an ihre Vergangenheit als Mann erinnert, was Miguel auf äußerster verstört, diese beiden sich „eigentlich“ ausschließenden Fakten. Die Esther, die ein Höschen anhat, begehrt er, die andere, die er jetzt sieht, scheint ihm pervers…

Die Geschichte der beiden geht jetzt natürlich weiter. Trotz allem (Esther bittet ihn, zu gehen…) bleibt er noch in der Wohnung, muss Esther mit einem weiteren, jungen und unerfahrenen Kunden erleben, der über das Glück, das ein Mund spenden kann, völlig verwirrt ist, so verwirrt wie er, der der Anziehung der Frau immer noch unterliegt und einen inneren Kampf mit sich ausficht, dem er sich letztlich ergibt…. Esther bedeckt „ihn“ mit einem Tuch und er gibt sich der Illusion hin….

Nichts ist so, wie es scheint. Esther sieht (mit dieser einen, kleinen Ausnahme) aus wie eine Frau, fühlt wie eine, redet wie eine, benimmt sich wie eine… und ist doch irgendwas dazwischen. Es verunsichert Miguel, manifestiert sich in seinem Begehren zu Esther vielleicht eine unterdrückte homosexuelle Neigung? Ein Mann darf sich nicht in einen anderen Mann verlieben…. Miteinander ins Bett gehen, ja, kein Problem. Aber das andere…. Nein, auch wenn du wie eine Frau aussiehst, das macht es vielleicht sogar noch schlimmer. Man fühlt sich auf einem Terrain, das es gar nicht gibt und weiß nicht, was einen erwartet oder was man machen soll. Ich schwöre dir, es macht mir Angst. … Ich bin nicht mal mehr sicher, ob ich ich selbst bin, für mich ist überhaupt nichts mehr sicher. .. . …

Ich will jetzt aber niemanden auf die falsche Fährte führen, Verbotene Liebe ist kein kopf- und theorielastiges Werk, es geht durchaus fest zur Sache. Ihren Auftritt haben noch die Portiersfrau, deren Mann sich schon vor Jahren in den sexuellen Ruhestand verabschiedet hat und die per Erpressung von Miguel erwartet, noch einmal so richtig…. genau das, was jetzt jeder denkt… des weiteren hat Esther noch einen dritten Kunden in diesen Tagen, jemanden, der durchaus, wie deutlich wird, von ihrem kleinem Geheimnis weiß und genau das stellt für ihn den Reiz dar, die Erregung….

Miguel ist allein in der Wohnung, Esther ist ausgegangen. Er schaut sich um, durchwühlt Esthers Sachen, ein leichtes, himmelblaues Plisseekleid, praktisch formlos, sehr weit. …. Miguel konnte einen wolllüstigen Schauer nicht unterdrücken, als die Seide über seine Brust streichelte und er sah, wie sie die Rundung seines Geschlechts betonte. Was passierte, wenn er den Slip ausziehen würde? … die Situation erregt ihn, erregt ihn heftig…. Jetzt noch ein wenig Make-up! … Zuletzt malte er sich die Lippen rot.Und er lachte nicht vor den Spiegeln. Im Gegenteil: Er setzte eine besonders ernste Miene auf. Denn er fand sich weit über Erwarten verändert; er war ein Fremder, beinahe eine Schönheit. …..

Esther kommt zurück, sieht ihn in ihren Sachen, fühlt sich gedemütigt, ist wütend, zornig, reißt ihm die Sachen vom Leib, schlägt mit ihren Fäusten auf seinen Rücken und Miguel bleibt stehen und Esther in ihrem Zorn wird noch einmal Mann und Miguel wehrt sich nicht dagegen, sie in sich zu spüren….

Ist dies die eigentliche Demütigung für Esther, daß der als Frau verkleidete Miguel in ihr das tot geglaubte Männliche wieder zum Leben erweckt hat und damit die Illusion zerstört ist, nur und völlig Frau zu sein, unabhängig davon, daß sie das männlich Attribut noch trägt? Es ist gegenüber der Ausgangssituation des Romans ein Rollentausch, der Mann Miguel hat die Funktion der Frau eingenommen, die Frau Esther die des Mannes. Ein extremes, aber schönes Bild dafür, daß es das eine bzw. andere in absoluter Ausprägung nicht gibt, zu jedem Mensch gehören auch Attribute des „anderen“ Geschlechts….

Die Esther des Romans ist davon wohl überfordert, sie will ihre Sicherheit in der Rolle, die sie für sich in Anspruch nimmt, wieder haben und da stört sie Miguel, der sie so sehr verunsichert hat und der alles in´s Wanken bringt…. so endet der Roman nicht mit einem Happy-End, Esther, die wieder allein in ihrer Wohnung ist, legt eine Schallplatte mit Mozartmusik auf, Cosi fan tutte, holt das vor wenigen Tagen auf den Wunsch Miguels in den Schrank verbannte Bild Alfonso Suárezs wieder heraus..

Jetzt ist alles wieder in Ordnung.


Ich denke, aus dem Vorstehenden wird deutlich, daß dieser erotische Roman nicht einfach nur dazu da ist, der Fantasie ein wenig Nahrung zu geben. Er befasst sich hinter dem Erotischen mit grundlegenden Fragen, mit der Eindeutigkeit von Dingen, mit der Fragwürdigkeit, ob das, was man sieht, auch das ist, was das Wesen ausmacht. Miguel zum Beispiel muss nicht nur zur Kenntnis nehmen, daß die schöne Esther etwas noch sehr Männliches hat, diese Erkenntnis, daß der äußere Schein täuschen kann, überträgt er auch auf seine politische Überzeugung: vielleicht trifft diese Eindeutigkeit, diese Teilung in gut oder böse, in richtig oder falsch gar nicht zu….

Es gibt diese Pole nicht als Pole, sondern nur als Endpunkte einer dazwischen liegenden Skala: ist der erste Kunde Esthers angewidert, so kommt der letzte Mann gerade deswegen und Miguel ist irgendwo dazwischen.. so wie sich in beiden, Miguel und Esther sich Männliches und Weibliches ganz offenbar zeigt. Tragisch ist, daß Miguel offenbar bereit ist, dies zu akzeptieren, er sieht durchaus im Fremden, der er geschminkt ist, eine Schönheit aufblitzen und er wehrt sich auch nicht gegen seine Rolle während es für Esther nicht möglich ist, dieses männlichen Aspekt in sich anzunehmen. Lieber opfert sie Miguel, so daß nach außen hin für sie wieder alles seine Ordnung hat.

Verbotene Liebe bringt damit das Kunststück fertig, beides zu sein: ein prickelnder erotischer Text (mag sein, daß man beim Lesen diese angesprochene Verunsicherung an der einen oder anderen Stelle auch spürt…) und ein intelligentes Infragestellen gültig geglaubter Sicherheiten. Das alles vor dem Hintergrund der unruhigen Zeit, die in Spanien in den ersten Jahren nach Francos Tod herrschte und die von den beiden Protagonisten immer wieder diskutiert wird.

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Seite zum Autoren:  https://es.wikipedia.org/wiki/Leopoldo_Azancot bzw. in der google-Übertragung ins Deutsche:  http://translate.google.de/translate?….Leopoldo_Azancot
[2] vgl hier: http://www.tusquetseditores.com/coleccion/la-sonrisa-vertical
[3] im Buch (1991) wird Esther noch als Transvestitin bezeichnet

Mehr erotische Literatur wird im Themenblog:           https://erotischebuecher.wordpress.com vorgestellt.

Leopoldo Azancot
Liebe verboten
Übersetzt aus dem Spanischen v. Bernhard Straub
Originalausgabe: Los amores prohibidos, Barcelona, 1980
diese Ausgabe: Eichborn (Erotische Reihe), HC, ca. 165 S., 1991

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