Mercedes Lauenstein: Nachts

21. August 2015

Mercedes Lauenstein ist eine junge Autorin aus München, im Internet ist nicht allzuviel über sie zu erfahren. Sie arbeitet als Journalistin bei der SZ im jetztmagazin, der vorliegende Titel nachts ist ihr Erstling, der heute im Berliner Aufbau-Verlag erscheint. Am aufschlussreichsten ist noch die kurze Biographie Lauensteins, die vor wenigen Jahren in der ZEIT im Rahmen eines Beitrages über junge Menschen, die nach dem Abitur nicht studieren wollen, erschienen ist. Die Links zu diesen beiden Quellen sind unter [1, 2] zu finden.

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Das Buch mit dem kühlen, ins Nachtblaue gehenden und an eine Jalousie erinnernden Motiv auf dem Cover irritiert. Die ersten Seiten ist man noch im Zweifel, ob es sich um eine Reportage handelt, wirklich um ein Forschungsprojekt, das sich Menschen widmet, die nachts wach sind. Dies wenigstens ist die Auskunft der Protagonistin, die nachts Menschen in ihren Wohnungen besucht Und auch die Sprache Lauensteins ist danach, sie ist distanziert, auf Abstand bedacht, die Beiträge – sie porträtiert insgesamt funfundzwanzig Personen, Männer wie Frauen – haben einen ähnlichen Aufbau bzw. Anfang: eine kurze, sachliche Beschreibung der Wohnsituation des/der Betreffenden, bevor dann das Gespräch zwischen Nachteule und ihrem unerwarteten Besuch, manchmal aber auch ein Monolog des/der Besuchten widergegeben wird.

Die Person, die da nachts durch die Straßen streift, ist eine Frau, eine junge Frau. Sie ist auf der Suche nach beleuchteten Fenstern, klingelt auf gut Glück bei den Menschen an und wird eingelassen. An einer Stelle beantwortet sie die entsprechende Frage nach ihrer Erfolgsquote mit „drei von zehn“… Bald tauchen Zweifel beim Lesen auf, ob dies wirklich eine Reportage ist, zu erratisch ist alles, die Geschichte der jungen Frau, die namenlos bleibt, zu widersprüchlich, eigentlich bin ich gar keine Forscherin, korrigiert sie Albert, den Ex-Bäcker, der aus Gewohnheit früh aufsteht und dessen Frau, die durch das Gespräch der beiden wach geworden ist, skeptisch nachfragt, sondern nur neugierig….

Fünfundzwanzig Nachtmenschen… es ist klar, daß dies keine repräsentative Auswahl von Menschen ist, wir finden unter diesen niemanden, der morgens um sechs Uhr aufstehen muss, um sich oder die Kinder oder was auch immer für den Tag, die Arbeit, die Schule fertig zu machen. Oft sind es junge Menschen, die ihren Platz noch nicht gefunden haben in der Welt, die ihre Rolle dort noch ausprobieren oder die sich einfach noch nicht festlegen wollen  Manche sind auch aus der Bahn geworfen worden…

Ich bin nach dem Abi zehn Monate durch die Welt gereist und danach nach Berlin gezogen – einfach so. Ich wollte erstmal gucken, was das Lebensbuffet so hergibt… Diese Eigenbeschreibung der Autorin [1] trifft auch auf manche ihrer Personen zu. Todesfälle, zerplatzte Liebesträume werfen bei anderen die gewohnten Strukturen durcheinander, wieder andere lieben die Nacht, die Ruhe, die friedliche Atmosphäre, die sich mit dem Schlaf, der sich über die Menschen senkt, in der Stadt verbreitet. Alles wird intensiver in der Nacht, die Geräusche, das wenige Licht, das zu sehen ist, das Erwachen des neuen Tages im Morgengrauen…. Es gibt auch welche, die die Ruhe der Nacht nicht ertragen, die warten, bis die Stadt wieder erwacht, die ersten Lieferwagen zu hören sind, das stetige Rauschen des Menschenstroms auf den Bürgersteigen, der Autos auf den Straßen einsetzt und sie beruhigt, daß das Leben nicht zu Ende ist, sondern weitergeht. Erst dann können sie einschlafen…

Erfahren wir auch so manches über die besuchten Personen, so unbekannt bleibt uns die junge Frau. Nur an ganz wenigen Stellen öffnet sich ihr Geheimnis, selten mehr als zu einer Andeutung. Auch sie ein Nachtmensch – natürlich. Schließlich ist sie es, die nächtens durch die Stadt läuft und erleuchtete Fenster sucht…. Was treibt sie an, die Mär von der Forschung verschwindet irgendwann, und schließlich trifft sie auf einen jungen Mann, der die Rollen vertauscht: Du bist dran zu beantworten deine eigene Frage!


Lauensteins Buch ist schwer einzuordnen, auch der Verlag gibt kein Genre an, im Katalog ist der Titel unter „Romane/Erzählungen“ zu finden. Die einzelnen Besuche/Zwiegespräche/ Monologe haben bis auf die Grundkonstellation keinen inneren Zusammenhang, auch wenn in vielen der Gespräche durchaus Ähnlichkeiten feststellen sind…. aber die eigentliche Hauptperson des Buches bleibt weitgehend im Dunkeln. Interessiert sie sich wirklich für ihre Gegenüber oder sind diese nur Anker auf ihrer eigenen Reise durch die Dunkelheit? Wie eine Nomadin, eine Stadtnomadin, scheint sie ruhelos durch München zu streifen, immer auf der Suche – oder auf der Flucht. Schaut man sich die Texte Laurensteins auf jetzt.de [3] an, erkennt man auch hier diese Liebe zum Herumstreifen in der Stadt, zum Charakterisieren und Erkunden von Straßen, auch viele nächtliche Exkursionen beschreibt Laurenstein, über Nächte in Universitäten, über die Abende der anderen, über Nächte in Hotelbetten.. über das Radeln in der Stadt eine ganze Nacht lang [4]. Lauenstein weiß also, wovon sie schreibt, mag sein, daß auch sie von einer Art Nomadentum, wie es Chatwin als Grundbedürfnis des Menschen überhaupt postuliert hat, geprägt ist.

Lauenstein bietet keine wirkliche Auflösung für ihre Figur der Protagonistin an. Zwar löst die Aufforderung ihres letzten Gastgebers, sie solle ihre eigene Frage beantworten, in ihr eine Gedankenkaskade aus, die sie jedoch nicht in Sprache bringen kann… und wie sollen wir, die Leser, entscheiden können, ob diese Gedanken die Wahrheit widerspiegeln, wenn doch selbst die Protagonisten die Geschichte ihrer Kindheit und ihrer Familie so oft neu erfunden [hat], daß [sie selbst es] nicht mehr weiß, welche Geschichte wahr ist. So bleibt alles im Ungefähren, im Ungewissen, getragen von einer melancholischen Grundstimmung. selbstgrüblerisch, mit Selbstmitleid durchsetzt, gelähmt, das eigene Schicksal zu gestalten. Nur daß sie keine Bettlerin ist, daß weiß sie und daß man tagsüber unbehelligter ist, wenn man schläft, das auch….

nachts ist somit ein melancholischer, leicht depressiver Text. Die Dunkelheit, die das Licht verdrängt hat (um der Dunkelheit derart eine physikalische „Substanz“ zu verleihen, die sie nicht hat) bettet die Einsamkeit der Menschen ein, läßt sie sich auf sich selbst konzentrieren. Das illustriert Lauenstein an vielen ihrer Figuren, die fast alle nicht dem Bild des zielorientiert agierenden Menschen entsprechen. Es ist eine Gegenkultur, die sich des nachts zeigt, eine Kultur von Menschen, die lieber allein sind als in Gesellschaft, die in der Abwesenheit des Lichts umgestört um sich selbst kreisen können.

Lauensteins Sprache ist klar und nüchtern, zum Teil distanziert – dem Stil eines vorgeblichen Forschungsvorhaben entsprechend. Fünfundzwanzig Mal klingelt sie erfolgreich [5], meist zwischen ein Uhr nachts und halb fünf morgens und guckt durch die erleuchteten Fenster in das Leben der anderen hinein. Von diesem Leben erfahren wir äußere Umstände, die Art, zu wohnen oder zu leben und meist Fakten zur aktuellen Lebenssituation, die oft Krisen sind. Das alles ist flüssig und gut lesbar geschrieben, hinterläßt aber bei mir auch dieses Gefühl der Unsicherheit bezüglich des Textes so wie bei den Figuren oft hinsichtlich der Frage, wie es morgen weiter gehen soll. Ein interessanter Text aber und ein gelungenes Debüt ist nachts in jedem Fall.

 

Links und Anmerkungen:

[1]  Wlada Kolosowa: Warum wir nicht an die Uni wollen; ZEIT online,  8. Oktober 2010; http://www.zeit.de/studium/uni-leben/2010-10/protokolle-studienverweigerer
[2] jetzt.de (Süddeutsche Zeitung), jetztpage:  https://jetzt.sueddeutsche.de/jetztpage/mercedes-lauenstein
[3] https://jetzt.sueddeutsche.de/texte/liste/u/mercedes-lauenstein
[4] siehe auf der Webseite der Autorin:  http://www.mercedeslauenstein.de, aber z.B. auch hier:  http://mercedesundjuri.de/post/118795523265/was-passiert-wenn-man-eine-ganze-nacht-lang-durch
[5] hier im BLOCK-Magazin sind Textbeispiele zu finden:  http://www.block-magazin.de/entschuldigung-bei-ihnen-brannte-noch-licht-2/

Mercedes Lauenstein
Nachts
diese Ausgabe: Aufbau Verlag, HC, ca. 190 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

 

 

 

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5 Responses to “Mercedes Lauenstein: Nachts”

  1. martinscharfe Says:

    Ich habe diesen Blog für den “liebster Blog Award” nominiert :) alle Infos unter:
    https://blogsundbloege.wordpress.com/2015/08/21/und-die-nominierten-sind/

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    • flattersatz Says:

      lieber martin,

      Ich freue mich natürlich über die nominierung, aber ich muss dir leider sagen, daß ich, was solche awards, stöckchen etc pp angeht, sehr abstinent bin: da habe ich noch nie mitgemacht…. sei mir also nicht böse, wenn ich dir einen korb gebe und mich einfach noch einmal bei dir bedanke und mich freue, daß dir mein blog anscheinend ganz gut gefällt…

      lg
      fs

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  2. il_libraio Says:

    Das Cover finde ich großartig, beim Durchblättern der Vorschau bin ich da direkt hängen geblieben, um zu schauen, was das denn ist. Hingucker! Gelesen hab ich’s noch nicht, kommt aber. Danke schon mal für den Vorabeindruck.

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