Pia Raap: Miniatur Affäre

raap-pia-cover

Nach langer Zeit stelle ich mal wieder einen Fotoband vor… da es im Leben deutlich Unangenehmeres gibt als das Durchblättern eines Buches mit Aktfotografien, habe ich das Angebot des Verlages zur Buchbesprechung gerne angenommen und war gespannt, zumal ich hin und wieder schon auf diese besonderen Fotos mit den kleinen Figuren gestoßen war…

Die Fotografin Pia Raap [1] ist gebürtige Bremerin, lebt aber in Hamburg. Miniatur Affäre ist ihr zweites Buch mit den „kleinen Hosenscheißern“, wie sie sie nennt: ca. 2 cm großen Plastikfiguren, die mit Sekundenkleber in und auf den Körperlandschaften ihrer Modelle verankert werden.

Diese Figuren sind klein genug, um die relativ zu ihnen „riesigen“ Körperflächen, auf denen Raap sie drapiert, tatsächlich als Landschaften zu empfinden, Landschaften mit Hügeln, Tälern, tiefen Einschnitten, kleinen Wiesen, Kuppeln oder Hochebenen. So kommen Bilder zustande wie das oben wiedergegebene Coverbild, die neben einer sehr feinen erotischen Ausstrahlung ein Element der Ruhe, der Unschuld, fast der Meditation enthalten. Zwei Kinder spielen am Bauchnabelsee, eins von ihnen ist die Leiter zur Rutsche hinaufgestiegen und rutscht gerade in das Wasser, ihm gegenüber sitzt die zweite Figur und beobachtet es…. der See befindet sich auf einem Plateau, das unbewachsen ist, nach rechts steigt die Landschaft an, auf der linken Seite ist wellig. Das Wasser steht so hoch im See, daß man befürchten muss, daß es überschwappt, wenn unser Held hineingerutscht ist: wohin wird es abfließen? In Gedanke vervollständigt der Betrachter die Landschaft und geniesst diese Vorstellung leise für sich… dieser Bauchnabelsee begegnet uns immer wieder, manchmal regnet es und Wanderer stehen beschirmt an seinem Ufer, ein andermal sitzt einer der Hosenscheißer auf einer großen Schildkröte, die er mit Zügel und Trense reitet und jetzt am See tränkt…

Da gibt es Szenerie mit Schafherden, die vom Schäfer z.B. auf der etwas schütteren, in der welligen Landschaft leicht erhöhten Schamhaarwiese gehütet werden: man befürchtet den Absturz eines oder zweier der Tiere, die sich keck weit nach rechts in den verlockenden Abgrund vorgetraut haben…. eine Bergwandergruppe kämpft sich im Winter über einen eingeschneiten Höhenzug, als der sich das Profil eines Gesichts für die lütten Leut´ darstellt…. Gefährlich seilt sich eine Figur an der senkrechten Bauchwand nach unten ab, man kann nur ahnen, wo sie sich oben, ausserhalb des Bildes gesichert und verankert hat….

Mehr oder auch weniger tiefe Täler und Einschnitte werden mit Brücken überwunden, es werden Seile gespannt, auf denen die Figuren balancieren, eine Milchbar (dieses Klischee war wohl nicht zu vermeiden) schenkt ihr Getränk aus; sanft läßt sich ein Pärchen in seinem Boot über den Meerbusen treiben…. Schaukeln in luftigster Höhe, aufgehängt an Phalli – nicht nur weibliche Landschaftsbilder und -szenen finden sich in den Miniatur Affären…

Die Bilder sind fast alle in Schwarz/Weiß gehalten, einige sind koloriert oder vor einen farbigen Hintergrund gesetzt. Zum Teil können wir die Akteure sogar beim Einfärben beobachten: die grauen Lippen eines großen Gesichts werden vom Maler gerötet, das Gerüst, auf dem er arbeitet, steht auf einem Handrücken in Kinnhöhe, die Fingernägel dieser Hand werden ihrerseits von einem zweiten Maler genagellackt.

Sehr filligran – und das soll meine letzte Andeutung über das Gezeigte sein – ist ein Bild durch die Beine einer stehenden Frau hindurch in das Licht hinein. Das Höschen, das ein wenig hinuntergezogen ist, erscheint durch seine Spitze, durch die das Licht scheint, sehr kunstvoll, es erinnert ein wenig an alten Brücken, deren Eisenträger kreuz und quer verstrebt sind, nur ist hier alles noch feiner… die Ähnlichkeit mit Brücken trügt nicht, wir sehen einen unserer Freunde auf einer Leiter stehen, sehnsüchtig nach oben blickend und deutend, dorthin, wo man auf dem Bild sieht, daß und wie sich der Bogen, der durch die Oberschenkel gespannt wird, schließt…

Mit dieser Art der Fotografie ist Miniatur Affäre von Pia Raap ein gelungenes Beispiel für intelligente, erotische Aktfotografie, die nicht von der Provokation lebt, sondern von der Sinnlichkeit, dem Angedeuteten, dem meist Nichtgezeigten: ein Fotoband (nicht nur) zum Verschenken, (nicht nur) an besondere Menschen zu (nicht nur) besonderen Tagen….

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Fotografin: http://www.linsenflirt.com bzw. auf Facebook:  https://www.facebook.com/MinimodelsHamburg
über diese beiden Seiten gibt es weitere Bilder aus dem Buch zu sehen.

Pia Raap
Miniatur Affäre
diese Ausgabe: mitteldeutscher verlag, HC, 96 S., 2015

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Ein Kommentar zu „Pia Raap: Miniatur Affäre

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