John Hersey: Hiroshima

6. August 2015

Cover der Zeitschrift: The New Yorker vom August 1946  Bildquelle: [B]

Cover der Zeitschrift: „The New Yorker“ vom August 1946
Bildquelle: [B]

Ein typisches Sommerbild mit sich entspannenden, relaxenden, ihre Freizeit geniessenden Menschen in einem Park [1], doch wenn man sich das Bild in größerem Format ansehen will und auf die Vorschau klickt, wird es einem so gehen wie 1946 den Lesern der Zeitschrift: man wird schockiert sein….

Wie Hersey in seinem Vorwort erklärt, war man in der Redaktion kurzfristig zu der Entscheidung gekommen, die als Fortsetzung geplante Reportage über Hiroshima als Ganzes in einem Heft zu drucken, zu kurzfristig, um das Cover noch an das Thema anpassen zu können..

Und in einem gewissen Sinn passt das Cover dann doch auf die Situation: zwar war in Japan ein Jahr zuvor keine Freizeitstimmung angesagt, aber bis auf die allgemeine Spannung durch den Krieg und die besondere Situation Hiroshimas, das bis dato noch nicht angegriffen worden war und man daher jederzeit mit Bombenangriffe rechnete, war man in der Stadt völlig ahnungslos, zumal es kurz vor acht Uhr Ortszeit noch Entwarnung gegeben hatte. In den Straßen herrschte also das „normale“ Leben, die Menschen frühstückten, machten sich für die Arbeit fertig, waren auf dem Weg zum Einkaufen….

Der Journalist John Hersey [6] fuhr im August 1946, also ein Jahr nach dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima im Auftrag des amerikanischen Magazins The New Yorker nach Japan, um über dieses Ereignis und dessen Folgen zu berichten. Das war nicht ganz einfach, denn die amerikanischen Militärbehörden hatten schon ab September 1945 Publikationsverbote verhängt (die immer wieder verschärft wurden), mit dem die Berichterstattung in Wort und Bild über die Folgen des Atombombeneinsatzes verhindert werden sollte. Im Dezember des Jahres erging sogar die Verfügung, alles schon gedrehte Material von z.B. Wochenschauen bei den amerikanischen Behörden abzuliefern. Wie man sich denken kann, wurde dieser Aufforderung nur unvollständig nachgekommen. In seinem Vorwort schildert Robert Jungk die sich aus dieser Geheimhaltungsabsicht der Amerikaner ergebenen Probleme, vor Ort über das Geschehen(e) zu recherchieren.

Es gelang John Hersey sechs Personen zu finden und zu interviewen, die den Abwurf der Bombe über Hiroshima überlebten. Es sind ganz unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Bevölkerungskreisen:

Reverend Mr. Kiyoshi Tanimoto

Pastor (Methodist) Kiyoshi Tanimoto

Mrs. Hatsuyo Nakamura

Mrs. Hatsuyo Nakamura; Hausfrau, Schneiderin

Dr. Masakazu Fujii

Dr. Masakazu Fujii, Arzt mit einer Privatklinik

Father Wilhelm Kleinsorge (Makoto Takakura)

Pater (SJ) Wilhelm Kleinsorge (Makoto Takakura)

Dr. Terufumi Sasaki, Arzt am Rot-Kreuz-Hospital

Dr. Terufumi Sasaki, Arzt am Rot-Kreuz-Hospital

Miss Toshiko Sasaki (Sister Dominique Sasaki)

Miss Toshiko Sasaki (Sister Dominique Sasaki), Beamtin einer Behörde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

John Hersey stellt uns diese Menschen, die stellvertretend für alle Überlebenden stehen, vor, schildert uns kurz ihre Lebenssituationen, auch ihre Wesensart und beschreibt, wo sie sich zum Zeitpunkt der Zündung der Bombe befanden. In [2, 3] ist dies nachzulesen, so daß ich hier auf Einzelheiten verzichte.

Die Grundstimmung in Hiroshima war in diesen Tagen voll ängstlicher Erwartung. Die Stadt war bislang noch kein Ziel der gefürchteten „Mr. B“`s, der B-29, die in den gefürchteten nächtlichen Flächenbombardement einen Großteil der japanischen Rüstungsindustrie zerstört hatten – aber auch in den brandgefährdeten Städten Feuerstürme erzeugten, in denen -zig Tausende von Menschen starben [4]. An diesem speziellen Morgen war die Lage entspannter, kurz von acht Uhr hat es Entwarnung gegeben, so daß die Menschen anfingen, ihrem Tagewerk nachzugehen. Der einzelnen Maschine, die am Himmel erschien, schenkte man nicht viel Beachtung.

Da zerriß ein grauenvoller Lichtblitz den Himmel. … Es war … ein flammendes Stück Sonne. …

Im Bruchteil einer Sekunde blendete das gleißende Licht die Menschen, ein ungeheurer Knall erfüllte die Luft und die Druck- und Sogwelle riss in weitem Umkreis fast alles nieder. Die  Überlebenden fassten das Geschehen nicht, glaubten im ersten Moment an einen direkten Bombentreffer, sie sahen sich verletzt, verschüttet, unter Balken begraben, hörten Hilfeschreie von Nachbarn, der eigenen Kinder, die von tief unten aus den Trümmern drangen…. man versuchte zu helfen, buddelte in der Trümmerschicht, zog und zerrte an den verschütteten Leibern. Auf den Straßen waren Verletzte zu sehen, Menschen mit großflächigen Wunden, mit verbrannter Haut…

Langsam registrierte man, wie groß der Schaden war. Nicht nur das eigene Haus, auch das Haus des Nachbarn war zerstört, alle Häuser in der Straße waren zerstört, alle Häuser im Viertel lagen in Trümmern, fast alle Gebäude der Stadt lagen in Schutt und Asche. Was konnte das für eine fürchterliche Waffe gewesen sein? Spekulationen gab es zuhauf…

Bei dem Angriff waren fast alle Ärzte der Stadt und Krankenschwestern gestorben, die Hospitäler zerstört, es herrschte das Chaos. Verwundete schleppten sich in die Krankenhäuser, in denen sich bald auf den Fluren die Toten stapelten. Kaum war eine auch nur rudimentäre Versorgung der Verletzten möglich, die wenigen Ärzte wie Dr. Sasaki arbeiteten unter eigener körperlicher Erschöpfung förmlich bis zum Umfallen – und hörten auch dann noch nicht auf.

Die, die noch mobil waren, suchten nach ihren Verwandten, die unter Umständen früh am Morgen auf die Arbeit gegangen waren… Scharen von Menschen strömten durch die Straßen, die nicht mehr zu erkennen waren. Man sammelte sich und die Verwundeten in Parks, am Fluss… Wasser, Wasser: der Durst der Menschen konnte kaum gelöscht werden, da die Wasserleitungen fast alle zerstört waren… Verletzte, die am Flussufer lagerten, mussten an andere Orte gebracht werden, die Flut… nicht immer gelang es, sie hoch genug zu lagern… immer deutlicher wurde, welch furchtbare Verletzungen und Verwundungen die Bombe bewirkt hatte… auf der Landzunge fand Tanimoto ungefähr zwanzig Frauen und Männer.  Er fuhr mit dem Kahn auf den Strand auf und forderte sie auf, einzusteigen. Keiner rührte sich und es wurde ihm klar, daß sie zu schwach waren. … Dann stieg er aus dem Wasser hinaus und hob … einige Männer und Frauen, alle nackt, in sein Boot. Rücken und Brust dieser Menschen waren klebrig und er erinnerte sich mit Schaudern, wie die großen Verbrennungen, die er tagsüber beobachtet hatte, aussahen: erst gelb, dann rot und angeschwollen wobei die Haut sich abschälte, und schließlich abends vereitert und übelriechend.

Man versuchte, die Stadt zu verlassen, in Außenbezirke zu kommen, die möglicherweise unzerstört geblieben waren, wo man Hilfe bekommen konnte… [5]

Nach ein paar Tagen drang das Gerücht durch, in Nagasaki wäre noch eine ähnliche Bombe geworfen worden…. der Tenno im Radio, unfassbar für die Menschen, daß der Kaiser direkt zu seinem Volk sprechen sollte… die Niederlage wird eingestanden.

Noch ein paar Tage danach zeigte sich ein bis dato unbekanntes Phänomen: Wunden, die angefangen hatten, abzuheilen, wurden auf einmal wieder rot, schwollen an und sonderten Sekret ab. Beim Kämmen fielen Haare büschelweise aus, in den Schleimhäuten waren Einblutungen festzustellen… manche der Symptome waren denen ähnlich, die bei einer Überdosis von Röntgenstrahlen auftraten… diese neuen Wunden der „Strahlenkrankheit“ heilten kaum ab….

Ein Jahr nach dem Abwurf der Atombombe war Fräulein Sasaki ein Krüppel, Frau Nakamura aller Mittel entblößt; Pater Kleinsorge wieder im Spital, Dr. Sasaki war nicht im Stande, wieder die Arbeit zu leisten, die er früher geleistet hatte, Dr. Fuji hatte die Privatklinik mit dreissig Zimmern verloren, ein Besitz, dessen Erwerb ihn viele Jahre gekostet hatte und den wieder aufzubauen er keine Aussicht hatte; Tanimotos Kirche war zerstört und er besaß nicht mehr seine außerordentliche Vitalität. …


Was Herseys Reportage auszeichnet, ist die zeitliche Nähe zu dem Abwurf der Atombombe(n). Natürlich gibt es viele Berichte, erschütternde Berichte, über die Zerstörung Hiroshimas, über die Qualen, die die Menschen erlitten haben, erleiden mussten, auch über die Langzeitfolgen, die die bis dato noch unbekannte „Strahlenkrankheit“ bedingte. Auch unter dem gesellschaftlich-sozialen Gesichtspunkt war diese ungeheure Aktion bedeutend: war man Opfer der Explosion oder wurde auch nur bekannt, daß man zu dieser Zeit in Hiroshima lebte, war man geächtet als Träger der Strahlenkrankheit, als schwächlich, weil Opfer und Geschädigter. Damit fiel man aus dem Wertekanon der japanischen Gesellschaft hinaus. Es hat lange gedauert, bis die Opfer des Atombombenabwurfs ihre Würdigung erfahren haben.

In Herseys Reportage ist davon erst ansatzweise zu spüren. Zu nahe war man noch am Schrecken, als daß man seine Langzeitfolgen schon in vollem Umfang wahrnehmen konnte, der letzte Absatz seines Berichts (den ich oben wiedergegeben habe) läßt eine erste Ahnung davon aufkommen.

Die nüchterne, distanzierte Sprache, derer sich der Autor bedient, trägt dazu bei, den geschilderten Schrecken beim Lesen viel unmittelbarer zu empfinden als wenn er ihn selbst mit Attributen versehen hätte, durch die er seiner immanenten Eindringlichkeit beraubt worden wäre, auch dafür habe ich oben ein Textbeispiel gegeben.

Hiroshima war in den USA ein großer „Erfolg“, das Heft des New Yorker schnell ausverkauft, viele Nachdruckgenehmigungen wurden erbeten. Wohl zum ersten Mal bekamen die Menschen in den USA eine Ahnung davon, was in Japan geschehen war, was für ein Inferno diese Bombe angerichtet hatte. Die strengen Zensuranweisungen der Militärbehörde sind wohl auch als Zeichen dafür zu nehmen, daß man befürchtete, die Schilderungen der grauenhaften Auwirkung der Bombe könnten die Menschen schockieren und ihren „Widerstand“ wecken.

Es ist unvorstellbar und mit einem vernunftbegabten Hirn nicht nachvollziehbar, daß es auch heute noch Staaten gibt, die sich damit brüsten, neue atomwaffenbestückte Raketen aufzustellen, daß es Staaten gibt, die alles mögliche unternehmen, um in den Besitz dieser Technologie zu kommen, um damit anderen Menschen/Staaten mit der Vernichtung zu drohen. Aber es ist leider nur allzu gut vorstellbar, daß dieser Irrsinn nie aufhören wird. Trotzdem und vielleicht gerade deswegen ist es immer noch und immer wieder wichtig, solche Berichte über den menschengemachten „Weltuntergang“ zu lesen, damit man wenigstens nicht vergisst und weiß, was man anrichtet…. es ist eben doch mehr als eine Rauchwolke, die man auf dem Monitor sieht…

Links und Anmerkungen:

[1] Hier ist das Bild noch einmal in größerem Format zu sehen: https://radiergummi.files.wordpress.com/2015/07/hiro-ny-cover.jpg
[2] Wiki-Beitrag zum Buch (englisch): https://en.wikipedia.org/wiki/Hiroshima_(book)
[
3] die englische Textversion des Buches ist online zugänglich:  https://archive.org/stream/hiroshima035082mbp/hiroshima035082mbp_djvu.txt
[4] Wiki-Beitrag zum Bomber B-29:  https://de.wikipedia.org/wiki/Boeing_B-29
[5] Wer vielleicht selbst meditiert und/oder sich ein wenig im Zen auskennt, dem wird Pater Lasalle, der ebenfalls stark verletzt worden war und im Buch des öfteren erwähnt wird, bekannt sein.
[6] Wiki-Beitrag zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/John_Hersey

Bildquellen[B]:
Cover: http://www.newyorker.com/magazine/1946/08/31/hiroshima
Atompilz: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAtomic_cloud_over_Nagasaki_from_Koyagi-jima.jpeg; von Hiromichi Matsuda (松田 弘道, ?-1969) [Public domain], via Wikimedia Commons
Bilder der Interviewten: [2]: … this photographic images are considered to be public domain according to article 23 of old copyright law of Japan (English translation) and article 2 of supplemental provision of copyright law of Japan.

Weitere Bücher, die sich mit den Atombombenabwürfen über Japan befassen: https://radiergummi.wordpress.com/category/jahrestag-atombombenabwurf/

im Einzelnen:

Hermann Vinke (Hrsg): Als die erste Atombombe fiel
Karl Bruckner: Sadako will leben
Paul Takashi Nagai: Die Glocken von Nagasaki
Edita Morris: Die Saat von Hiroshima
Edita Morris: Die Blumen von Hiroshima
Masuji Ibuse: Schwarzer Regen

 

John Hersey
Hiroshima
6. 08.1945, 8 Uhr 15
Übersetzt aus dem Englischen von ?
mit einem Vorwort von Robert Jungk
Originalausgabe: Hiroshima, NY, 1946
diese Ausgabe: athenäum, TB, ca. 187 S., 1989

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2 Responses to “John Hersey: Hiroshima”


  1. Menschen bringen unvorstellbares Leid über Menschen. Und das wird so bleiben, bis die Spezies Mensch von der Erde verschwindet. Anderseits vollbringen Menschen, gesteuert durch ihre Empathie, immer wieder Großartiges. Eine merkwürdige Spezies, der Mensch.

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    • flattersatz Says:

      ich habe es neulich schon einmal in einem kommentar geschrieben, zwar bin ich kein anthropologe oder so etwas, aber ich davon überzeugt, daß die paar tausend jahre kultur (und was sind die schon gegen die millionen jahre entwicklung) allenfalls eine kleine lackschicht sind auf unserem biologischen Erbe. und dazu gehört es, um ressourcen zu konkurrieren und im fremden erst einmal eine bedrohung zu sehen. das grundmuster wird immer herrschen und um die daraus abgeleitbaren verhaltensweisen zu kontrollieren, bedarf es sehr viel. wir hier in (west)europa wissen gar nicht, was es bedeutet, seit 70 jahren keinen krieg mehr gehabt zu haben. zumindest nicht im eigenen haus, vor der haustüre gab und gibt es noch genug davon….

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