Anonyma: Eine Frau in Berlin

Die Summe der Tränen bleibt konstant.

Eine Frau in Berlin, ein etwas antiquiert klingender Titel, sind Tagebuchaufzeichnungen einer ca. Dreißigjährigen, die den Zeitraum vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 überstreichen. Drei dichtbeschriebene Schulheft, deren Inhalt – so wird im Vorwort erläuterte – noch im Juli ´45 aus der frischen Erinnerung heraus ausführlicher dargestellt und auf Maschine getippt wurde. Ein Bekannter der Autorin, deren Identität mittlerweile gelüftet ist, erkannte, daß diese sehr persönlichen Aufzeichnung darüber hinaus als Zeitdokument Bedeutung haben, geben sie doch weibliche Perspektive der letzten Tage Berlins im 2. Weltkrieg wieder. Die Erlebnisse der Autorin, die sich in den Aufzeichnungen erhalten haben, sind somit cum grano salis zumindest für den Teil der Hauptstadt repräsentativ, der von den Russen erobert wurde.

Am 20. April, dem Tag, mit dem das Tagebuch beginnt, ist das, was gestern noch fernes Murren war, Dauergetrommel. Man atmet Geschützlärm ein. … Eine Richtung ist längst nicht mehr auszumachen. Wir leben in einem Ring von Rohren, er sich stündlich verengt. Wir, das ist das Kellervolk, der Haufen mehr oder weniger willkürlich zusammengewürfelte Menschen, die im Keller der Häuser hocken, ein paar als wichtig erachtete Sachen im Arm, greinende Kinder auf dem Schoß, in Angst und Schrecken versetzt durch die Erschütterungen, verbunden im Ausblick auf eine bittere Zukunft. Knappheit, Mangel beherrscht das Leben, die letzte Milch ist getrunken, das Gas reicht kaum noch, um etwas kochen zu können, die Angst vor dem Russen ist schon da…

Man sieht an diesen zitierten Zeilen, daß die Schreiberin keine gewöhnliche Frau war im Gegensatz zu den meisten anderen im Keller. Aus dem Tagebuch ergibt sich, daß sie Abitur gemacht hatte, viel gereist war, Städte wie Paris, London oder Moskau kannte, von letzterer auch russische Sprachkenntnisse mitgebracht hatte. Mit der Aufdeckung ihrer Identität [3] ist natürlich auch der berufliche Werdegang der polyglotten Autorin, die tatsächlich Journalistin war, bekannt geworden.

Noch gibt es die Leute, die an den Sieg glauben, die Parolen verbreiten, doch längst lösen sich die Strukturen auf. Bei Plünderungen kann man noch Nahrungsmittel ergattern….Die Bomben fallen immer näher, Tote sind zu sehen, heruntergekommene deutsche Soldaten, denen man die Müdigkeit und die Niederlage allzu deutlich ansieht und denen nichts mehr zuzutrauen ist, wanken durch die Straßen.

anonyma-cover

Die Frauen wissen, daß der Russe kommt und was auf sie wartet. Es herrscht ein gewisser Galgenhumor, lieber ein Ruski auf´m Bauch als ein Ami auf´m Kopf oder Nun woll´n wir doch mal ehrlich sein – Jungfern sind wir wohl alle nicht mehr. … solche Sprüche sollen eine gewisse Zuversicht erzeugen und zeigen doch nur – nachvollziehbare – Naivität. Schließlich sind ja auch Russen „bloß Männer“, denen man auf irgendeine weibliche Art, mit List und Kniffen, beikommen könnte; die man hinhalten, ablenken, abwimmeln kann… daß sich zwanzig in einer Schlange aufstellen und warten, bis sie an die Reihe kommen, bei einer Frau, wird die eine oder andere noch erfahren. Es sind nicht immer solch exzessiven Massenvergewaltigungen, aber zu zweit, zu dritt oder zu viert sind sie oft, stürmen in die Keller, überraschen die Frauen in den Treppenhäusern, schlagen die Türen der Wohnungen ein….

Am 27. April tauchen russische Soldaten in der Straße auf, fast klingt es idyllisch, der muntere Soldatenbetrieb mit den Pferden, die gutmütigen Gesichter der Männer, ihr freundlicher Ton „Haben Sie einen Mann?“ Die andere Seite: Kein Leitungswasser mehr, kein Strom, kein Gas, gar nichts. Nur Iwans. Viele Iwans, auf der Suche nach Uhren, nach Schnaps… sie finden Schnaps und abends dann im Keller da haben sie mich, irgendwelche, die beiden haben hier gelauert…. ich schreie, schreie...

Das Zusammenleben des Kellervolks  organisiert sich um, die Menschen können wieder in ihre Wohnungen – soweit diese noch bewohnbar sind. Viele tun sich zusammen, gegen die Einsamkeit, die Angst, auch gegen den allgegenwärtigen Hunger. Schutz bietet diese Gemeinschaft den Frauen kaum, sie werden gegriffen, in andere Zimmer gestoßen, einer hält Wache, der andere…

Nicht Ekel, bloß Kälte. Das Rückgrat gefriert, eisige Schwindel umkreisen den Hinterkopf. Ich fühle mich gleiten und fallen, tief, durch die Kissen und die Dielen hindurch. In den Boden versinken – so ist das also. 

….später dann:

Es war mir, als läge ich flach auf meinem Bett und sähe mich gleichzeitig selbst daliegen, während sich aus meinem Leib ein leuchtendweißes Wesen erhob, eine Art Engel, …. Mein Ich läßt den Leib, den armen, verdreckten, mißrauchten, einfach liegen. .. Es soll nicht mein Ich sein, dem dies geschieht…. 

Dissoziation: ein Schutzmechanismus, den diese Frau gegen den Schrecken, den Schmerz, die Erdniedrigung anwendet: es ist nur mein Körper, dem dies angetan wird, es ist nicht mein „Ich“, es ist nicht das, was „mich“ ausmacht, was hier geschändet wird….

Groteskes: riesige, in Uniform gesteckte sibirische Bauernjungen, die vor ihren gerade vergewaltigten Opfern in Liebesschwüre ausbrechen….

Um dieser Schutzlosigkeit nicht mehr ausgeliefert zu sein, braucht man Schutz.. deutsche Männer können den nicht liefern, sind im Gegenteil vernünftig, geh´ jetzt mit, sonst müssen wir es doch alle ausbaden….. für Widerstand hätte weder Frauen noch Männer im Gegenteil kein Verständnis…. ein paar Tage später wird die Tagebuchschreiberin gegenüber einer Freundin sagen, daß sie sich hochgedient hat, von der Mannschaft über den Oberleutnant zum Major….

Es mutet seltsam an, die Schändungen gehören bald zum Tagesablauf, sie sichern auch das Überleben. Es bildet sich eine lockere Gemeinschaft heraus, die sich in der Wohnung, in der die Autorin mit einer weiteren, älteren Frau, der Witwe, die ihrerseits einen noch einem bettlägerigem Mann, Herrn Pauli, aufgenommen hat, trifft. Es kommen wechselnde Russen mit Schnaps und Essen, es wird gefeiert, gesungen, gefressen…. Schnaps, Brot, Hering, Büchsenfleisch, Beischlaf, Anatol … Anatol, der Oberleutnant, hat die Schreiberin als seine Beute akzeptiert, er ist ihr Schutz geworden, sie und ihre Mitbewohner sind Anatols privater Hirschpark – für den Preis, den sie ihm zahlen muss. Diese Arrangements von Frauen mit höheren Dienstgraden findet man nach den ersten Tagen öfters: viele der geschändeten Frauen sind auf die gleiche Idee gekommen….

Beim Major, der mit seinem Burschen auftaucht, läuft es etwas anders. Dieser ist gebildet, eloquent, schüchtern. Sie ist sich sicher, ihn könnte sich ablehnen, wegschicken.. sie tut es nicht. Es ist keine Vergewaltigung, was dann geschieht, das weiß sie…verzeihen Sie mir, ich habe schon so lange keine Frau mehr gehabt… das durfte nicht kommen. Schon liege ich mit meinem Gesicht auf seinen Knien und schluchze und heule und heule mir einmal den ganzen Jammer von der Seele…  ist dies Prostitution, ist sie damit zur Dirne geworden? Verkauft sie sich gegen Nahrung und Schutz? Zweifel …..

Tagsüber immer wieder das gleiche: Immerzu Russen, Schnaps, Küchenarbeit, Wasserschleppen. Wasser muss an einer Pumpe in Eimern geholt werden, Russen haben dort Vorrang, so kann es lange dauern… Die Frage „Wie oft?“ wird zur Begrüßungsfrage unter Frauen, die Sprache passt sich an, es wird von Schändungsbetrieb gesprochen, von Plünderwein, Klaukohle, Majorszucker…. die Gemeinschaft, das Wissen, daß fast alle Frauen (nur wenige können sich in Verstecken retten) das gleiche Schicksal erleiden, hilft: man kann darüber frei reden, findet Verständnis unter Gleichen. Die Vergewaltigung als Witz, der präsentiert wird: aus Daumen und Zeigefinger beider Hände einen Kreis bilden: so ist Ukrainerfrau, den Kreis mit einer Hand: du so. Damit erntet die Witwe überall Gelächter….

Nicht alle Frauen überstehen diese Zeit so „gut“ wie die Autorin, die im Schreiben ihres Tagebuches viel Last von ihrer Seele abwälzen kann. Manche werden krank, manche werden schwanger, manche ertragen die Last nicht….

Die zeitlose Zeit, die wie Wasser dahinrinnt und deren Uhrzeiger für uns einzig die Männer in den fremden Uniformen sind.

Aber auch diese Tage des ungezügelten Sturms gehen vorbei, es tritt eine gewisse Ordnung zu Tage. Am 8. Mai ist der Krieg zu Ende, jeder ist schon immer gegen Adolf gewesen… der Radius der Lebenswelt wächst wieder über die Nachbarhäuser hinaus, man schaut sich die Straßen an, wo man früher gearbeitet hat, wo Freundinnen wohnen… Trümmer, Schutt, armselige Gestalten, Karawanen mit Handkarren, Tote, „stille Einquartierungen“ in Gärten und Parks…. Die Notgemeinschaften in den Häusern, ein paar Tage später sogar die Wohngemeinschaft der Autorin: sie zerbrechen wieder, lösen sich auf: das schlimmste Chaos ist vorbei, die russische Verwaltung macht Anstalten, das Leben der Bevölkerung zu organisieren.

Mit den russischen Beschützern und nach dem Auszug bei der Witwe verliert die Autorin auch die Lebensmittel, gut, daß sie sich vorher reingestopft hat, was ging … sie lebt wieder allein in der Dachwohnung im Haus, hungert, musste auf Betreiben von Herrn Pauli ausziehen, weil sie selbst jetzt nichts mehr zum Unterhalt beitragen konnte und die Vorräte mit aufbrauchte. Daß sie selbst eine zeitlang Essen angeschlafen hatte, zählte nicht mehr…

Arbeitseinsätze bei der Demontage der Fabriken: zwölf Stunden Tage bei knapper Kost, mit Belästigungen und Schikanen… den versprochenen Lohn? .. vielleicht nächste Woche…

Leben im Hier und Jetzt… da taucht ein Ungar auf mit Plänen, voller Tatendrang. Zeitungen seien jetzt gefragt, all das, was die letzten Jahre nicht gedruckt werden durfte. Sie starten ein Projekt… jeden Tag muss die Frau zwanzig Kilometer durch Berlin laufen, bis sie im Büro bzw. wieder zu Hause ist. Die Schuhe durchgelaufen, die Ernährung auf Löwenzahn, Brennnessel und Melde (man denkt sofort an Müller und ihren Hungerengel) zurückgeschrumpft. Daß es Lebensmittelkarten gibt, bedeutet nicht unbedingt, daß es auch Lebensmittel gibt….. aber die Zeitung ist eine Perspektive, es ist etwas, was in die Zukunft weist – auch wenn völlig offen ist, ob sie jemals erscheinen wird.

Völlig überraschend steht auf einmal Gerd in der Tür, ihr Freund aus so lange vergangenen Zeiten. Er war an der Ostfront, konnte sich durchlavieren und ist gut genährt in Berlin angekommen. Zwei Welten prallen aufeinander, der Mann mit seiner „alten“ Moral und die Frau, die sich anpassen musste, um überleben zu können. Sie gibt ihm ihr  Tagebuch zu lesen, er versteht nicht alles.

„Was soll das zum Beispiel heißen?“ fragte er und deutet auf „Schdg“.  Ich musste lachen: „Na, doch natürlich Schändung.“

„Ihr seid schamlos wie die Hündinnen geworden. Merkt ihr das denn nicht? …. Alle Maßstäbe sind euch abhanden gekommen.“ …

Seit gestern ist er wieder fort. .. 

Der 22. Juni
…….

Gestern erlebte ich was Komisches: Vor unserem Haus hielt eine Karre mit einem alten Gaul davor, einem Tier aus Haut und Knochen. Lutz Lehmann, vier Jahre alt, kam an Mutters Hand daher, blieb vor dem Karren stehen und fragte mit träumerischer Stimme: “ Mutti, kann man das Pferd essen?“
Gott weiß, was wir noch alles essen werden. Ich bin noch längst nicht am äußersten Rande der Lebensbedrohungen angelangt, weiß nicht, wie weit es noch ist bis dahin. Ich weiß nur, daß ich überleben will – ganz gegen Sinn und Verstand, einfach wie ein Tier. 


Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Wie oft habe ich beim Lesen dieser Aufzeichnungen an dieses Gleichnis, dieses Bibelwort gedacht. Und zwar gleichermaßen für diese Frauen, die einfach nur überleben wollten und mussten, für die Männer, die sie gehen ließen, sogar aufforderten und – am Schluss – auch für Gerd, ihren Freund. Wie hätte man selbst reagiert, in dieser Situation? Natürlich ist es so gut wie unmöglich, sich in eine solch extreme Lage zu versetzen, aber wäre man nicht vielleicht, wahrscheinlich auch geschockt und angewidert gewesen? Wer wollte dies für sich von der Hand weisen…. und hätte man seine Frau auch aufgefordert, mit zu gehen? .. und wie haben die Paare nachher miteinander gelebt, wie haben sie diese persönlichen Katastrophen in ihr Leben eingebaut?

Als ich mich in das Buch eingelesen hatte, einige Dutzend Seiten, kam mir der Gedanke, daß ich aufpassen müsse, diese Aufzeichnungen, in den fünfziger Jahren publiziert, zu einer Zeit, in der der Kalte Krieg tobte, waren doch sicher ein gefundenes Fressen für die Propaganda gegen die UdSSR, die Russen, die Bolschewisten, die Rote Gefahr…. Wie naiv von mir! Nein, in realiter hatte „Gerd“ gewonnen, die deutsche Erstveröffentlichung von 1959 wurde heftig kritisiert… Man wollte das Geschehene nicht wahrhaben, die Verdrängung der Tatsachen war noch voll im Gange, auch auf diesem Gebiet. Auch das freizügige Thematisieren unter den Betroffenen selbst dürfte bald aufgehört haben, war man in den ersten Tagen noch eine Schicksalgemeinschaft, die sich gegenseitig stützte, so zog man sich doch mit zunehmender äußerer Ordnung auch hier ins Private zurück, redete nicht mehr darüber, verdrängte dies. Auch dies nachvollziehbar, wenngleich nicht gesund: im Untergrund der Seele (von Frauen und Männern!) war das Trauma nur vergraben, nicht aus der Welt.

Nach dieser Erstausgabe von 1959 dauerte es dann bis Mai 2003, bis der Tagebuchtext als Ausgabe der „Anderen Bibliothek“ wieder in die Öffentlichkeit gebracht und einer der Bucherfolge dieses Jahres wurde [1]. Aufgekommene Zweifel an der Authentizität des Textes wurden wiederlegt [2], auch der Name der „Anonyma“ ist mittlerweile bekannt [3]. Im Jahr 2008 wurde das Tagebuch mit Nina Hoss in der Hauptrolle verfilmt [4].

Inwieweit diese Schilderungen der Autorin repräsentativ sind, kann ich zumindest nicht beurteilen. Aber warum sollte es woanders anders gewesen sein, in Leizpig zum Beispiel oder Dresden….? Es ist nun mal so, daß dieses Tagebuch wohl recht allein steht und damit ein seltenes Zeugnis ist vom Krieg und den ersten Tagen der russischen Besatzung. Was hat sich unter den anderen Besatzungsregimes abgespielt, den Amis, den Tommies und den Franzosen? Was dort passiert ist und wie: auch das ist nicht bekannt, zumindest nicht in solcher Deutlichkeit beschrieben…. so ist man auf Vermutungen angewiesen, erinnert sich vielleicht an Andeutungen, hat das altbekannte Schema im Kopf: hier die Guten, dort die Bösen… aber Männer waren es in jedem Fall und Rachegefühle dürften hie wie dort vorhanden gewesen sein..

Eine Frau in Berlin ist jedenfalls ein erschütternd zu lesendes Dokument, das einmal mehr beweist, daß im Krieg die Frau im Falle einer Niederlage einfach eine Beute ist, die der Sieger sich krallt und die er benutzt: zur eigenen Befriedigung und zur Demütigung, zur Erniedrigung.

Eine Frau in Berlin ist aber mehr als eine traurige Geschichte von Massenvergewaltigungen. Es ist auch ein Bild und eine Beschreibung einer zusammen gebombten Stadt, die sich aus ihren Trümmern heraus wieder zum Leben wendet, die den Ausnahmezustand abschüttelt und sich wieder zu organisieren versucht. Fliegende Friseure tauchen auf, die den Frauen die Haare wieder schneiden, nach ein paar Tagen können die Frauen aufhören, sich alt und häßlich zu machen und auch wieder ein nettes Kleid anziehen… Lebenswille, der Wille, durchzukommen, es zu überstehen… Lebenpläne tauchen wieder auf, wie wird es weiter gehen, gehen wir nach Russland, finden wir dort Arbeit, was wird aus Deutschland, ein einziger, riesiger Acker für Kartoffel?

Langsam sickern Nachrichten durch, Wasser und Strom und damit auch das Radio funktionieren nach ein paar Tagen wieder. Im Osten zum Beispiel sollen Millionen Juden umgebracht und zu Kunstdünger verarbeitet worden sein. Hitler, für den jetzt natürlich kein Baum zu hoch gewesen wäre, sei tot, andere gefangen…. die Sieger würden feiern, die Besiegten müssen flaggen, die deutsche Hausfrau improvisiert, die Flaggen des 3. Reichs werden umgeschneidert, am einfachsten zu der russischen Fahne…. ein hübsches Detail, sehr symbolträchtig… ein interessanter Gedanke der Autorin: wäre Hitler am 20. Juli tatsächlich getötet worden, wäre dann ein Rest Glorienschein über ihm geblieben?


Ich möchte diese Besprechung mit einem Zitat der Autorin aus dem Jahr 1947 schließen, das in gewissen Sinn an die Aussage des weiter oben stehenden Absatzes über Sieger und Besiegte anknüpft, denn in diesem verdammten Krieg von vor siebzig Jahren waren auch die Deutschen eine zeitlang die Sieger. Manchem/r war dies bewusst, auch wenn es noch lange Jahre dauern sollte, bis dies in das Bewusstsein der Allgemeinheit durchgedrungen ist:

Keins der Opfer kann das Erlittene
gleich einer Dornenkrone tragen.
Ich wenigstens hatte das Gefühl,
daß mir da etwas geschah,
was eine Rechnung ausglich.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Buch: https://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Frau_in_Berlin, vgl. aber auf jeden Fall auch diesen Kommentar der Biographin von Marta Hillers: https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/02/anonyma-eine-frau-in-berlin/#comment-4767
[2] zur Authentizität des Buches: Joachim Güntner: Walter Kempowski legt Gutachten vor: Eine Frau in Berlinhttp://www.nzz.ch/article9CNMS-1.202394
[3] Wiki-Beitrag zu Marta Hillers:  https://de.wikipedia.org/wiki/Marta_Hillers
[4] Wiki-Beitrag zum Film:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anonyma_–_Eine_Frau_in_Berlin

ein Übersichtsartikel über „Sexuelle Gewalt im 2. Weltkrieg“ ist in der Wiki nachzulesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Gewalt_im_Zweiten_Weltkrieg

Eine Biographie von Marta Hillers ist 2013 (in erweiterter Auflage 2015) von Clarissa Schnabel publiziert worden: Mehr als Anonyma: Marta Dietschy-Hillers und ihr Kreis, BoD (Bezugsquellen sind leicht zu ergoogeln)

Anonyma 
Eine Frau in Berlin
mit einem Nachwort von Kurt M. Marek

Erstausgabe: Ffm, 1959 (auf deutsch)
diese Ausgabe: R&M Buch und Medien GmbH/Buchgemeinschaften, HC, ca 290 S., 2003

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7 Kommentare zu „Anonyma: Eine Frau in Berlin

  1. Es ist wichtig, dass dieses Dokument einer neuen Generation zugänglich gemacht wird. Gerade im Falle von Vergewaltigungen gibt die Quellenlage nicht viel her, v.a. kaum persönliche Schilderungen aus der Sicht der Opfer. Mir fiel beim Lesen die Vergewaltigungsszene im zerbombten Danzig aus der Blechtrommel ein, die aus dem Männerblickwinkel erzählt bei mir nur Übelkeit hervorgerufen hat. 50er Jahre Männerliteratur halt.

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    1. es ist eine unsäglich üble tatsache, daß frauen in falle einer niederlage in die verfügungsmasse des siegers mit einfließen. auch bei den anderen besatzungsarmeen hat es ja vergewaltigungen gegeben (wennglich auch in weitaus geringem umfang; in diesem wiki-artikel ist einiges zusammengetragen: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Gewalt_im_Zweiten_Weltkrieg, aber der übergeht natürlich die menschliche katastrophe, die diesen schändungen der frauen innewohnt. wir lesen und hören ja aktuell auch von solchen vergewaltigungen, die in dem ganzen chaos im nahen osten (stichwort IS) an gefangenen frauen ausgeübt werden….

      und ja: es ist absolut gut, daß dies hier von einer frau erzählt wird und dieses buch/thema müsste pflicht sein in der schule…

      danke für deinen besuch bei mir!
      herzliche grüße
      fs

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      1. eine schande ist es, dass diesen frauen keine hilfe angeboten wird, häufig werden sie zusätzlich stigmatisiert und ausgestoßen. in ruanda kam es ja 1994 zu massenvergewaltigungen von tutsifrauen durch hutu-männer. viele haben sich dabei noch mit hiv angesteckt. der photograph jonathan torgovnik hat diese frauen mit den kindern aus den vergewaltigungen fotografiert: http://www.torgovnik.com/pages/getImage/6/39/1363
        Das westliche länder mit dieses afrikanischen staaten heutzutage handel treiben ohne gerechtigkeit für diese menschenrechtsverletzungen einzufordern, ist erschütternd.

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    1. liebe xeniana, ich kenne den film nicht, habe in einigen kritiken aber nicht unbedingt positive meinungen gelesen. vor allem die darstellung des verhältnisses der frau mit dem major sei zu sehr hervorgehoben…

      bin gespannt, wie dir das buch gefällt…

      lg
      fs

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      1. Der Film hat leider keine große Ähnlichkeit mit dem Buch. Die ersten ca. 20 Minuten sind ausgezeichnet, danach fällt die Handlung massiv ab. Ich hatte einmal mit Regisseur Max Färberböck telefoniert (kein Scherz), und er erläuterte mir ein paar Hintergrundüberlegungen zur Produktion – seitdem sehe ich den Film etwas gnädiger an, aber besser wird er dadurch auch nicht…

        Als Marta Hillers‘ Biographin „von Berufs wegen“ der Hinweis: Glaubt nicht alles, was auf Wikipedia zu lesen ist [*]. Gerade das leidige Zitat über die angeblich beschmutzte Ehre der deutschen Frau habe ich nirgendwo belegen können außer im Abspann des Films! Das vermutliche Originalzitat aus einer kritischen Rezension im „Tagesspiegel“ von 1959 lautet ganz anders, nämlich:
        „Ich kämpfe hier – vielleicht ist es nötig, das zu sagen – nicht für die ‚Ehre der deutschen Frau‘. Ich habe nie geglaubt, daß bei einer Vergewaltigung die Ehre der Vergewaltigten leidet.“ (Maria Sack: Schlechter Dienst an der Berlinerin)
        Da hat jemand, fürchte ich, viel hineininterpretiert.

        __________

        [*] Die Passage, auf die sich „schnabeline“ bezieht und die ich [= flattersatz] geändert habe, lautete:

        „Wie naiv von mir! Nein, in realiter hatte „Gerd“ gewonnen, die deutsche Erstveröffentlichung von 1959 wurde verdammt, weil die Ehre der deutschen Frau beschmutzt wurde, das Buch eine Schande sei [1]…. Man wollte das Geschehene nicht wahrhaben,….“

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        1. liebe schnabeline,

          herzlichen dank für diesen erhellenden kommentar, durch den ich auch auf ihre bücher über marta hillers aufmerksam geworden bin. ich habe das angemerkte zitat natürlich aus dem beitrag entfernt, aber in ihren kommentar eine entsprechende anmerkung gemacht, weil der sonst so im „luftleeren“ raum steht…

          den film habe ich mir nicht angesehen, nach ein oder zwei gelesenen kritiken, die durchweg wenig positiv waren, habe ich keine lust mehr dazu gehabt. nach „eine frau in berlin“ habe ich übrigens jacobs mit freiwild gelesen… ein mich sehr deprimierendes thema, vor allem, wenn ich daran denke, daß das ja so wahnsinnig aktuell ist: boko harum, islamischer staat… es ist zum *****

          herzliche grüße
          fs

          mit freundlichen grüßen
          fs

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