Antje Vollmer, Lars-Broder Keil: Stauffenbergs Gefährten

30. Juli 2015

Von Antje Vollmer habe ich schon aus Anlaß des Jahrestages des 20. Juli die große Doppelbiographie über Heinrich Graf von Lehndorff und seine Frau Gottliebe hier vorgestellt (https://radiergummi.wordpress.com…doppelleben/). Heinrich von Lehndorff war ein wichtiges Mitglied der Verschwörer, aber ein relativ unbekanntes. Solche gibt es einige, Männer und auch Frauen, die Widerstand leisteten oder einer Widerstandsgruppe angehörten – an einige von ihnen erinnert Vollmer hier zusammen mit dem Journalisten Keil.

vollmer 2 cover

Wie schon die Biographie Lehndorffs nehmen sich die Autoren die Zeit, nicht nur das Wirken der Personen im Widerstand, sondern auch ihre Herkunft, ihre Erziehung im Elternhaus und in der Schule zu beleuchten. Bei vielen der Genannten wird deutlich, daß gerade eine gute Erziehung, die das eigene Urteil der Heranwachsenden stärkt, viel Einfluss auf den späteren Lebensweg hatte.

Häufig spielte auch der Zufall eine Rolle. Gerade Henning von Tresckow scheint eine Art „Menschenfänger“ gewesen zu sein, der unabhängig und der militärischen Hierarchie übergeordnet junge Untergebene beeindrucken und überzeugen konnte.

Es wird aber auch deutlich in diesen einzelnen Biographien (die von Lehndorff inclusive), daß sich die Männer des 20. Juli viel, vielleicht zu viel vorgenommen hatten. Mir ist erst im Studium dieser Lebensläufe klargeworden, daß es nicht wie z.B. bei Elser, nur darum ging, Hitler zu töten: das war nur die conditio sine qua non, ohne die der notwendige Staatsstreich überhaupt nicht möglich gewesen ist. Und mag man auch viel gegen die Nazis sagen können, ihr Staat, ihr Regime war hervorragend organisiert, d.h. entsprechend schwer zu stürzen. So arbeitete der Widerstand (durch die Verhältnisse notgedrungen) nicht optimal koordiniert, war zahlenmäßig gering, , musste mit Ablehung des Volkes rechnen, hatte keine Unterstützung von aussen und war letztlich gegründet auf viele Annahmen und Notwendigkeiten, aber nur auf wenige Sicherheiten.

Im Einzelnen befassen sich die Autoren mit folgenden Personen, von denen ich nur eine ganz, ganz kurze (und hoffentlich nicht verzerrende) Rollendarstellung hier wiedergeben möchte, um so ihre jeweiligen Aktivitäten einordnen zu können:

Friedrich Karl Klausing (1920-1944)

.. so fragt nicht mehr nach mir, sondern laßt mich damit ausgelöscht sein. …

Dieser Satz in seiner Abschiedsbrief an die Eltern, nachdem er als 24jähriger vom Volksgerichtshof unter Freisler zum Tode verurteilt worden war, kennzeichnet die besondere Situation Klausings: er stammt aus einer überzeugt nationalsozialistischen Familie, hat mit seinem Engagement für den Widerstand des 20. Juli also mit allem brechen müssen.

Klausing war enger Mitarbeiter von Stauffenberg, begleitete ihn bei den ersten Attentatsversuchen am 11. und am 15. Juni. Am 20. Juni ist er es, der trotz inzwischen eingetretender Erkrankung den „Walküre“-Befehl telefonisch durchgibt.

Erich Fellgiebel (1886-1944)

Dem General der Nachrichtentruppe, Erich Fellgiebel, wird schon bald nach dem gescheiterten Sturz des Regimes eine Hauptverantwortung dafür zugeschanzt, in (wie sie später gezeigt hat) obskuren nachrichtendienstlichen Berichten von Gisevius (s.u.) werden ihm schwerwiegende Versäumnisse vorgeworfen. In seinem Portraits widerlegt Keil diese Anschuldigungen und rehabilitiert Fellgiebel.

Heinrich Graf zu Dohna-Tolksdorff (1882-1944)

Im Gegensatz zu anderen Verschwörern, für die der Vorwurf, anfänglich Anhänger Hitlers gewesen zu sein, zutreffend ist, war das Ehepaar Dohna-Tolksdorff den Nationalsozialisten von Anfang an gegenüber kritisch eingestellt und vermittelte dies auch den vier Kindern. Im Rahmen der Aktion „Walküre“ war Dohna als Politischer Beauftragter für den Wehrkreis I (i.e. Ostpreussen) vorgesehen. Den ersten aktiven Widerstand leistete Dohna schon 1933 im Rahmen des „Kirchenkampfes“ in Ostpreussen, als die Nationalsozialisten versuchten, das Führerprinzip in einer NS-affinen, antisemitischen Kirche zu etablieren und damit auf offenen Widerstand stießen.

Albrecht Graf von Bernstorff (1890-1945)

Albrecht Graf von Bernstorff war ein polyglotter Mensch, der seine Ausbildung in Oxford genoss und dort aktiv für eine deutsch-britische Verständigung eintrat. Im diplomatischen Dienst war er in Wien und in London, tat sich als Botschafter in London immer schwerer damit, das sich immer militärischer gebende Deutschland zu vertreten. Seine Versuche, das Ausland zu warnen und über das NS-Deutschland zu informieren, stießen auf wenig Interesse. Schon seit Anfang 1944 in Dachau wurde er in den letzten Kriegstagen noch exekutiert.

Margarethe von Oven (1904-1991)

Der Führer Adoff Hitler ist tot. Eine gewissenlose Clique frontferner Parteiführer hat unter Ausnutzung dieser Lage versucht, der schwerringenden Front in den Rücken zu fallen…. [so beginnen die Walküre-Befehle]

Auch Umstürze brauchen Pläne, die getippt werden müssen, die aktualisierte, verwahrt und (wenn überholt) vernichtet werden müssen. Eine wichtige, eine gefährliche Aufgabe, die Margarethe von Oven, die Henning von Tresckow zu sich geholt hatte, erledigte.

Hans-Ulrich von Oertzen (1915-1944)

Hans-Ulrich von Oertzen trat 1943 seinen Dienst im Stab der Heeresgruppe Mitte an, dort lernte er Henning von Tresckow kennen und schnell schätzen, was aber auf Gegenseitigkeit beruhte. So bemühte sich Tresckow immer, bei wechselnden Verwendungen Oertzen nachzuholen, zum Beispiel 1944 als Operationsoffizier in den Stab der 2. Armee. Bei den Umsturzplänen war er ein wichtiger Akteur, was die Organisation der militärischen Operationen der Ersatzheer-Einheiten u.ä. anging. von Oertzen suizidiert sich nach dem fehlgeschlagenen Attentat, er war erst 29 Jahre alt.

Karl Freiherr von Plettenberg (1891-1945)

Freiherr von Plettenberg war exzellenter Jäger. Von seiner Wohnung in Berlin aus, gegenüber des Grabmales des unbekannten Soldaten, hätte er, wie er seinem Besuch, Marion Gräfin Dönhoff, 1942 demonstrierte, ihn leicht umlegen können…. Als Zivilist war von Plettenberg nicht in die militärischen Aktionen des 20. Juli eingebunden, er war auf Grund seiner mannigfaltigen Kontakte und umfangreichen Kenntnisse jedoch eine wichtige Person im Hintergrund. Eine Festnahme durch die Gestapo erfolgte aber erst am 3. März 1945, nach wenigen Tagen Haft suizidierte sich von Plettenberg.

Georg Schulze-Büttger (1904-1944)

Büttger war als junger Fähnrich in die Unruhen des November 1923 in München involviert und in der Folge des Erlebten von diesen hitzköpfigen und abenteuerlichen Männern enttäuscht. Trotzdem machte er eine militärische Karriere, sein Leitbild sollte Generaloberst Ludwig Beck werden, dessen Adjudant er mehrere Jahre war.  Im Generalstab lernte er auch Henning von Tresckow kennen, mit dem er eng zusammenarbeitete. So testeten die beiden während ihrer Fronteinsätze verschiedene Sprengstoffe aus. Am 20. Juli ist Büttger (wie von Tresckow) in Russland. Büttger wird im Oktober 1944 hingerichtet.

Randolph Freiherr von Breidbach-Bürresheim (1912-1945)

Die anfängliche Sympathie für die Nationalsozialisten hielt nicht lange an, u.a. Erfahrungen, die Breidbach als junger Mann bei Auslandsreisen sammelte, änderten seine Meinung über das Wesen demokratischer Strukturen, die er am Beispiel der Weimarer Republik nicht positiv erfahren hatte. Zur prägenden Figur im Leben Breidbachs wurde Rechtsanwalt Josef Müller, der dem NS-Regime ebenfalls kritisch gegenüber stand und besonders auch mit kirchlichen Kreisen konspirierte.
Die Erlebnisse in Russland erschütterten den jungen Offizier tief, auf Anregung Müllers verfasste Breidbach Berichte über das Gesehene. Sie, so der Plan Müllers und Dohnanyis, sollten gegenüber dem Ausland auch als Zeugnis dienen für den Widerstand gegen das NS-Regime. Im April 1943 wurden Müller und Dohnanyi in Haft genommen, bei Müller wurden neben anderem belastendem Material auch die Berichte gefunden. Einen Monat später kam auch Breidbach in Haft. Nach dem 20. Juli verschärfte sich die Situation. Breidbach starb im Juni 1945 an Tuberkulose, die Befreiung des KZ Sachsenhausen hat er nur wenige Wochen überlebt.

Hans-Bernd Gisevius (1904-1974)

Gisevius ist eine der schillerndsten Figuren des Widerstands, eine Rolle und Bedeutung einzuschätzen, bereitet den Autoren des Buches sichtbar Probleme. Er war einerseits einer der wenigen Überlebende, der am 20. Juli im Bendlerblock war, damit kam ihm damit Deutungshoheit zu, die er in Berichten und später auch in Buchform nutzte. Auf seinen Angaben beruht beispielsweise die falsche Einschätzung der Person Fellgiebels. Das Verhältnis zu Stauffenberg war ebenfalls schlecht, ihm unterstellte Gisevius eine starken Hang zum Bolschewistischen und die absurde Idee eines Bündnisses mit Stalin. Gisevius hatte geheimdienstlich gearbeitet und dem amerikanischen OSS zugetragen, durch geheimdienstliche Unterstützung gelang ihm nach dem 20. Juli die Ausreise in die Schweiz.

Zwei Protokollen von Gesprächen mit Richard von Weizsäcker und Ewald-Heinrich von Kleist runden das Buch ab.

Anmerkungen

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch an folgende Bücher zum Thema erinnern, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe:

Wibke Bruhns über ihren Vater, der am 26. August 1944 im Zusammenhang mit dem 20. Juli in Plötzensee gehenkt wurde: Meines Vaters Land (https://radiergummi.wordpress.com/2013/03/07/wibke-bruhns-meines-vaters-land/)
Die Bonhoeffer-Biografie von Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen  (https://radiergummi.wordpress.com/2013/04/09/renate-wind-dem-rad-in-die-speichen-fallen/) und
Hans Falladas dokumentarischer Roman über das Arbeiterehepaar Quangel: Jeder stirbt für sich allein (https://radiergummi.wordpress.com/2011/04/25/hans-fallada-jeder-stirbt-fur-sich-allein/) sowie
von Antje Vollmer die Biographie über das Ehepaar von Lehndorff: Doppelleben (https://radiergummi.wordpress.com/2015/07/20/antje-vollmer-doppelleben/)

Antje Vollmer, Lars-Broder Keil
Stauffenbergs Gefährten
Das Schicksal der unbekannten Verschwörer

Erstausgabe: Hanser Berlin, 2013
diese Ausgabe: dtv, TB, ca.250 S., 2015

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