Albert de Routisie (Louis Aragon): Irène

Die Geschichte von Irène.. dieses surrealistischen erotischen Romans, erstveröffentlicht mit Illustrationen von André Masson [2] im Jahr 1928, wird im Vorwort der Neuauflage vom Verleger, Jean-Jacques Pauvert, dargelegt. Dessen Ausführungen sind zugleich auch ein Rückblick auf die literarische Szene im Frankreich dieser Jahre, in denen erotische bzw. pornographische Bücher durchaus verlegt wurden, aber nicht für den allgemeinen Verzehr, sondern in Kleinauflagen, die verdeckt gehandelt wurden und für Liebhaber gedacht waren, denen sie dann das heimische Giftschränkchen zieren sollten. Man ging stillschweigend davon aus, das derjenige, der sich diese „Bückware“ leisten konnte, auch sittlich so gereift war, daß sie ihm nichts mehr anhaben würde….

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Offensichtlich hat Irène lange in Ruhe verbracht, eine Neuauflage des Buches, zu dem sich der (höchstwahrscheinliche) Autor Louis Aragon [3, 6] nie bekannte, wurde 1968 von Regine Deforges auf den Markt gebracht, von der ich ja vor geraumer Zeit schon hier eine Adaption des Stückes: „Der Tote“ von Bataille, eines weiteren Surrealisten, vorgestellt habe: Das Unwetter [7]. Erst von diesem Zeitpunkt an trägt das Werk den einsamen Namen der Dame, vorher verriet es dagegen seinen eigentlichen Gegenstand: „Le Con d`Irène“ ließ keinen Zweifel aufkommen, was im Zentrum des Buches stand. Aber selbst diese Umbenennung schützte die Herausgeberin nicht vor dem Vorwurf der Pornographie. Im selben Jahr 1968 veröffentlichte der Propyläen-Verlag den Roman auch in Deutschland (Bild links), auch mit diesem verschleiernden Kurztitel.

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Jahre später, 1991, dann erschien das schmale Büchlein noch einmal als Faksimile-Ausgabe der deutschen Erstveröffentlichung im Rahmen einer Buchreihe mit erotischer Literatur des Frankfurter Eichborn-Verlages .

zum Buch…

Das Buch hat keine wirkliche Handlung. Hauptperson ist ein ca. fünfundsechzigjähriger Mann. Die Syphilis hat ihn niedergestreckt, gelähmt und stumm sitzt er in der Stube eines Bauernhauses in seinem Sessel, denken kann er noch und sehen … und ihm wird gezeigt im Laufe der Jahre…

Den Anfang des Textes macht eine fulminante, förmlich ausgekotzte Suada gegen alles und jeden, vollgepfropft mit vulgären und obszönen Ausdrücken und Flüchen: eine Wutrede gegen die Welt – sie steht einleitend, aber auch recht isoliert im Buch. Wahrscheinlich kann man sie dem alten Mann zuordnen, nicht dem jungen, mit der eigentliche Text beginnt.

Dieser hat die Einladung von Verwandten angenommen, sie in der ostfranzösischen Stadt „C…“ (Commercy, [1]) zu besuchen. Es ist eine lausige Stadt und der Protagonist kein Familienmensch,  es ist die französische Provinz. Die Häßlichkeit der Französinnen. Die Dummheit ihrer Körper, ihrer Haare. Wie Spülwasser. Gut. Gegen die große Langeweile und den lästigen Trieb geht er mit einem Besuch des örtlichen Bordells vor. Kein glamouröser Ort ist dies im Armenviertel der Stadt, ein fader Essensgeruch lag noch auf der Haut der Mädchen.. er entschied sich für die, die den kleinen Kopf einer Katze, die mit einer Ratte bebumst hatte, hatte; die anderen Frauen, die, welche nicht bei der Arbeit waren, fingen wieder an zu häkeln, als die beiden die Treppen hochstiegen…

Nach dieser Bordellszene wechselt das Setting abrupt. Vierzig Jahre sind ins Land gezogen, der Protagonist sitzt, seit er fünfundzwanzig Jahre alt ist, gelähmt und stumm in der Stube eines Bauernhauses. In Gedanken zieht sein Leben noch einmal an ihm vorbei, die Erinnerung an seine Frau, an das Leben hier mit der Tochter und mit Irène, der Enkelin…. Am Anfang, als ich noch auf Heilung in weiter Ferne hoffte, …. machte ich unmenschliche Anstrengungen, um mit einem Blick meiner Frau zu verstehen zu geben, .. daß ich immer noch, daß ich genau jetzt ein Mann war. Sie sagte, in dem sie ihre Hand auf meine Schulter legte: „Er bewegt sich, wie er sich bewegt!“ …. mit der sanften leuchtenden Hoffnung in ihren Augen, … daß doch endlich ein richtiger Hirnschlag mich endlich und endgültig hinwegnehmen möchte. Es war keine Liebe zwischen ihnen, auch in seinen traurigen Augen [mischten] sich Hass und Begehren

Ihr Körper, Körper, Körper all der Menschen um mich herum,
meine festgenagelte Hände rissen euch die Kleider weg,
die eure teuflischen Formen verhüllten,
rissen und zerkratzten eure verführerische Haut…

Die Frau starb eines Winters, doch auch die Tochter Victoire hasste ihn, seit er sie beobachtet hatte, wie sie gierig aus dem Fenster nach dem Knecht schaute,  der, als er danach durchs Zimmer ging, sich die Hose zuknöpfen musste… und so, wie sie ihn hasste, erregte sie ihn, und nicht nur sie…. es gab Mägde, deren Anwesenheit mich aufwühlte wie der Pflug den Acker… es gab welche, die sich vor ihm aufpflanzten, den Rock hoben und ihn sehen ließen, was es zu sehen gab. Die Mädchen und Jungs auf dem Hof genierten sich kaum vor ihm, es gab sogar verliebte Paare, die aus seiner Anwesenheit ihr eigenes Vergnügen zogen… und es gefiel ihm, bereitete ihm Vergnügen … und er wünschte es sich, daß sie seine Tochter begehrten….

Ihr Fische, ihr Fische, ich bin es, ich rufe euch:
ihr hübschen, beweglichen Hände im Wasser.
Ihr Fische, ihr gleicht der Mythologie.
Eure Liebschaften sind vollkommen,
und eure Glut ist unerklärlich.

Irène ist die Tochter Victoires. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich sowohl mit  Frauen als auch mit Männern vergnügen kann, zieht sie eindeutig die Männer vor. In seinen Gedanken führt der Gelähmte uns in ihr Zimmer, dort, wo sie die Liebe pflegt.. und er beschreibt sie uns, die Liebe, die sie mit dem Mann dort macht und den Blick zwischen ihre Beine, den sie ihm gewährt und den er uns erlaubt… Was nun folgt, ist eine ausführliche Hommage, eine Liebeserklärung, eine poetische Würdigung des weiblichen Geschlechts, ein hohes Lied der Verehrung auf den Ort der Wonne und des Schattens, dieser Vorhofes der Glut und in seinen perlmuttfarbenen Grenzen das schöne Bild des Pessimismus… ein geliebter, schwindelerregender Abgrund.

Es ist eine seltsame Familie, in der seit zwei Generationen die Männer von ihren Gefährtinnen unterworfen werden und der Vater Victoires seit vierzig Jahren im Krankenstuhl sitzend den Triumph der Frauen (Victoire wird als Königin in ihrem Reich bezeichnet) und ihre stolze Gesundheit betrachten muss, ein menschliches Wrack, das einst die Tochter eines Bauern verführte, ein Schatten seiner Selbst, der nur noch in Gedanken Wolllust geniessen kann….


Es ist eine bürgerliche Manie,
alles zu einer Geschichte zu arrangieren. 

Recht unvermittelt schließt der Roman mit Betrachtungen zum Schreiben, zum Erzählen von Geschichten, von diesem Zwang, alles Festhalten zu wollen, von den Nebeneinander gefälschter Interviews, Schreckensnachrichten und Werbung für Evian-Mineralwasser in der Zeitung…. die ihn mutlos werden läßt, denn wieviel Wert hat das, was weiß er schon im Verhältnis zu dem, was man nicht weiß….

Los, ein bischen Humor zum Teufel!
Noch ein Gläschen Weinbrand.


So ist der Text eine Mischung aus Träumen, Fantasien, Erinnerungen, Beschreibungen und Exkursen. An eine Deutung dieses Textes will ich mich nicht wagen, der ungenannte Rezensent des Spiegels [5] bezeichnete ihn jedenfalls als lyrische Pornographie, als ländlichen Sexualtraum von dampfenden Frauenleibern und vom syphilitisch zerfressenen Großvaterhirn und befindet, daß das, was sich hier ergießt, … pure Literatur [ist], daran änder[te]n [auch] alle Urogenital-Vokabeln nichts…. so sei es denn so. Wenn Interesse besteht, die historischen Umstände der Entstehung des Romans zu erfahren, so lassen sich einige Details dem Beitrag in L`Express [6] entnehmen.

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Eine weitere Würdigung des Buches (auf die, für mich verwunderlich, nirgends verwiesen wird) ist auf der Rückseite des Umschlags der Propyläen-Ausgabe [s.u.] wiedergegeben, sie stammt von einem weiteren Schriftsteller aus dem Umkreis der Surrealisten, Andrè Pieyre de Mandiargues, und ist hinter diesem kleinen Vorschaubild versteckt.

Was meinen eigenen Eindruck vom Text angeht, so muss ich bekennen, daß ich ihn zweimal lesen musste, um mich einzufinden. Irène enthält jedenfalls ein paar wunderschöne, poetische Passagen, in vielen Teilen verwirrt der Text aber auch und ist, da man Bezüge und Anspielungen nicht versteht (sofern es welche im Text gibt….), rätselhaft. Daß ich ihn mehrfach gelesen habe, empfinde ich jedoch nicht als Nachteil, weil es eben summa summarum ein schöner Text ist, der sich wohltuend von vielen anderen, reinen Kopulationsfantasien unterscheidet. Wer so etwas sucht, wird – nach den Worten Mandiargues – sogar enttäuscht , ja sogar entsetzt sein über das rasende Wüten des Autors gegen die Niederträchtigkeit der Welt…. [im] … Frankreich von 1928. …

Links und Anmerkungen

[1] François Bond: Surrealist, Stalinist, Ästhet – Der Proteus der französischen Gegenwartsliteratur: Louis Aragon,  DIE ZEIT, 10.10.1969 Nr. 41
[2] Illustrationen von André Masson zur Originalausgabe (1928) von Le Con d´Irène: http://www.pileface.com/sollers/article.php3?id_article=1270 (im unteren Drittel der umfangreichen Seite, hier ein Screenshot, aber: NSFW!)
[3] Wiki-Artikel zu Louis Aragon:  http://en.wikipedia.org/wiki/Louis_Aragon
[4] http://www.goodreads.com/book/show/52592.Irene_s_Cunt
http://en.wikipedia.org/wiki/Irene’s_Cunt
[5] Sohn des Wahnsinns: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45522299.html
[6] http://www.lexpress.fr/informations/aragon-le-fou-d-irene_724321.html
[7] Georges Bataille: Das obszöne Werk,  https://radiergummi.wordpress.com/2012/03/12/georges-bataille-das-obszone-werk/ bzw. Regine Deforges: Das Unwetter,  https://radiergummi.wordpress.com/2008/07/26/regine-deforges-das-unwetter/

Weitere erotische Literatur wird im Themenblog vorgestellt: https://erotischebuecher.wordpress.com

Louis Aragon (Pseudonym: Albert de Routisie)
Irène
Übersetzt aus dem Französischen von Ilse Walther-Dulk und Robert Weisert
Originalausgabe: Le Con d´Irène, 1928
diese Ausgabe(n): Propyläen Verlag, Berlin; 145 S, 1968 bzw: Eichborn, HC, ca. 145 S., 1991

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