Antje Vollmer: Doppelleben

20. Juli 2015

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.


Antje Vollmer erinnert in ihrer Doppelbiografie über das Ehepaar Gottliebe und Heinrich von Lehndorff an einen der Angehörigen des Widerstands vom 20. Juli 1944 gegen Hitler, dessen Namen in der Öffentlichkeit weniger präsent ist. Überhaupt, so die Autorin, erfährt der Widerstand dieser Gruppe viel weniger Interesse als zum Beispiel andere Aspekte zur Geschichte des Nationalsozialismus, des 2. Weltkrieges oder des 3. Reiches allgemein. Dies liegt auch daran, daß der aus den eigenen Reihen stammende Attentäter und Umstürzler per Definitionem auch ein Verräter ist: er bricht notwendigerweise den einst geleisteten Treueschwur. Wer dazu fähig ist, kann man dem überhaupt trauen? Dazu kommt, daß aus historischen Gründen, wie Vollmer erläutert, die führende Schicht des Militärs (und nur aus dieser Schicht konnte ein Umsturz geplant und verwirklicht werden, denn das Volk stand in großer Mehrheit hinter Hitler und seinem Nationalsozialismus, bzw. war derart unter Kontrolle, daß organisierter Widerstand von hier (sprich: eine Revolution) nicht mehr möglich war, ganz im Gegenteil mussten die Verschwörer davon ausgehen, daß sie mit ihrem Tun nicht dem Willen des Volkes nachkommen) dem Adel angehörte, der Großteil der Generalität waren „von“´s und Angehörige der Aristokratie. Dies führte dazu, den Widerständlern aus diesen Reihen Eigeninteresse zu unterstellen: sie wollten nur ihre eigenen Besitztümer und Vorrechte wahren und sichern. Insbesondere galt dies auch für die ostpreussischen Junkern (und Lehndorff gehört zu dieser Schicht) mit ihren zum Teil riesigen Gütern. Zu den weiteren abwertenden Vorwürfen gegen die Männer vom 20. Juli gehört der des Dilettantismus: zu spät, zu zögerlich, zu schlecht vorbereitet und zu allem Überfluss noch erfolglos. Es musste doch möglich gewesen sein (wenn man es nur wirklich wollte), Hitler einfach zu erschießen oder sich mit ihm zusammen in die Luft zu sprengen. Außerdem: waren diese Leute nicht selber Anhänger Hitlers gewesen? Daß diese Vorwürfe wesentliche Randbedingungen der damaligen Zeit ignorieren und unberücksichtigt lassen, versucht die Autorin in ihren Ausführungen deutlich zu machen, so daß sich letztendlich ein diffenzierte(re)s und ihnen gerechter werdendes Bild der Männer des 20. Juli ergibt. So wird diese Doppelbiographie eines Mannes im Widerstand sowie seiner Frau notwendigerweise auch die Geschichte eines Attentats und seiner Randbedingungen.

lehndorff coverVollmer ist ein behutsames Buch [2] gelungen, das getragen wird von merkbarer Sympathie für das Paar, ihre Familie und ihre Freunde. Sie hatte die Gelegenheit, viele bis dato nicht bekannte Dokumente aus dem Besitz der Angehörigen einsehen zu können, es standen ihr auch einige Tonbandaufzeichnungen von Gottliebe im Gespräch mit ihren Töchtern zur Verfügung, aus denen sich vor allem persönliche Eindrücke und Gefühle rekonstruieren ließen. Ebenso ist der sehr persönliche und sehr bewegende Abschiedsbrief von Heinrich von Lehndorff, den wird am Tag vor seiner Hinrichtung an seine Frau schrieb, hier wiedergegeben, überhaupt gibt Vollmer viele dieser Dokumente (auszugsweise) als Zitate wieder, so daß  in der Ursprünglichkeit der Reden und des Geschriebenen auch eine Ahnung vom Atmosphärischen vermittelt wird.


Die Lehndorffs gehörten zu den großen Familien Ostpreussens, ihren Adel führen sie auf die Zeit noch vor den Ordensrittern zurück, d.h. er war nicht vom König verliehen, sondern „in grauer Vorzeit“ war einer ihrer Vorfahren als „Erster“ gewählt worden. Gleiches gilt im übrigen für die Familie von Kalnein, der die Frau Heinrichs, Gottliebe, entstammte. Der Stammsitz der Lehndorffs lag in Steinort [3] in Masuren, Schloss Steinort war ein großes Haus, der Besitz umfasste viele Tausend Hektar Ackerland, Weiden, Wälder und Seen. Vollmer gibt einen Überblick über die Familiengeschichte der Lehndorffs (die Familie hatte sich im Lauf der Zeit in drei Linien aufgesplittet), die in einer früheren Phase durch das Militärische geprägt war, sich aber dann Mitte des 19. Jhdts auf die wirtschaftliche Entwicklung des Besitzes konzentrierte, die Zucht von Pferden, die Reiterei war eine der großen Leidenschaften.

Heinrich Lehndorff übernahm den Besitz Steinort nach dem Fideikommiss von „Onkel Carol“, einer legendären Figur der Familie, der mit seinem exzentrischen Verhalten gut auch in Sitwells [4] Sammlung gepasst hätte. So hatte Onkel Carol beispielsweise zwei Bedienstete im Schloss, die eigens dafür da waren, den Gästen Streiche zu spielen… Da seine Extravaganzen teilweise recht kostspielig waren, musste zum einen der Familienrat des öfteren tagen, zum anderen hatte er Steinort schlicht und einfach vernachlässigt, Schloss und Wirtschaft waren, als Heinrich sie übernahmen, in keinem guten Zustand.


Heinrich von Lehndorff wurde 1909 in Hannover geboren und verbrachte seine Kindheit in Preyl. In seiner Bewerbung zum Abitur (1929) bezeichnet er sich selbst als lebensfrohen Charakter, als ausgesprochenes Landkind, das in seinen Flegeljahren keinen Tag ohne Streich vergehen ließ…. Die Eltern Heinrichs waren zwar in ihrer Grundeinstellung konservativ, aber liberal, der Junge wuchs in großer Freiheit auf. Die Eltern sah er zu den Mahlzeiten und bei Festen, ansonsten schien die „Erziehung“ im Wesentlichen durch das Beispiel des tägliche Leben und durch die Arbeiter und Bediensteten erfolgt zu sein. Zu der „Alterskohorte“, mit der Heinrich seine Tage vorwiegend draußen verbracht, zählte neben Verwandten und den Brüdern u.a. auch Marion Gräfin Dönhoff. Von ihr ist folgender Ausspruch aus dieser Zeit zitiert, der den Zusammenhalt und die Verbundenheit dieser jungen Menschen trefflich charakterisiert: … Wenn wir mal alt sind, stoßen wir die Angeheirateten wieder ab und ziehen alle wieder zusammen. … Eine Verbundenheit, die noch sehr zum Tragen kommen sollte, auch wenn dieser halb scherzhafte, halb ernstgemeinte Plan nie verwirklicht werden konnte, da die meisten dieser Kinder den Krieg nicht überleben sollten. Jedenfalls war im Ergebnis dieser Kinder- und Jugendjahre der Bildungsstand Heinrichs nicht sehr hoch, zwar waren im Lauf der Jahre einige Hauslehrer verschlissen worden, als der Junge mit dreizehn Jahren aber dann in eine reguläre Schule nach Königsberg kam, zeigten sich einige Defizite. 1925 wechselt Heinrich dann in die Klosterschule von Rossleben, die sich über lange Zeit gegen den Einfluss des langsam aufkeimenden Nationalsozialismus stellte. Aus ihrem Einflussbereich sind später einige Widerständler gegen das Hitlerregime hervorgegangen.

Nach dem überraschenden Tod von Onkel Carol muss Heinrich, der nach dem Abitur in Frankfurt/Main Betriebswirtschaft studierte, im Alter von 27 Jahren Steinort übernehmen. Das Landkind kam wieder zurück in sein geliebtes Ostpreussen und stürzte sich dort in die Arbeit, um den Besitz wieder in bessere Zeiten zu führen. Um diese Zeit, Mitte der Dreißiger Jahre, lernte er auch Gottliebe von Kalnein, seine zukünftige Frau kennen. Deren Jugend war weitaus freudloser, die Eltern (deren Ehe scheiterte) sehr auf das Einhalten von Konventionen und Stil fixiert. Nachdem sich die Tochter dann zum ersten Mal verliebt hatte, wurde sie prompt für zwei Jahre nach Südamerika verbannt, nach ihrer Rückkehr lernten Heinrich und sie sich dann kennen – und offensichtlich verliebte Heinrich sich in die wunderschöne junge Frau…. Gottliebe war bei ihrer Rückkehr nach Deutschland erschüttert: in den zwei Jahren ihrer Abwesenheit von 1932 bis 1934 hatte sich das Land grundlegend verändert: die unzähligen Hakenkreuzflaggen, die sie auf ihrer Zugfahrt nach Hause sah, waren ein sichtbares Zeichen dafür…

Die Trauung der beiden fand im November 1936 durch Pfarrer Niemöller statt, das Paar bekam insgesamt vier Töchter. Ein Jahr nach der Hochzeit wird Heinrich als Parteimitglied geführt. Ein Aufnahmeantrag ist zwar nicht vorhanden, aber Vollmer hält eine Aufnahme gegen Wissen und Willen für unwahrscheinlich, ebenso eine aus Tarnungsgründen. Wahrscheinlicher wird es sein, daß Heinrich von Lehnsdorff aus opportunistischen Aspekten und vllt auch aus seiner Ablehnung des Bolschewismus heraus tatsächlich einen Aufnahmeantrag gestellt hatte. Auch in diesen Kreisen war die Ansicht, die neue Bewegung würde „national“ und „sozial“ verbinden und einen Aufbruch darstellen, weit verbreitet ebenso wie die Überzeugung, die abstoßenden Randerscheinungen seien eben solche und würden bald aufhören.

Die militärische Karriere verlief nicht sonderlich glanzvoll. Heinrich war als Reservist eines Reiterregiments registriert und wurde noch vor Kriegsbeginn einem Radfahrer-Ersatzschwadron zugeteilt. Noch im September 1939 jedoch forderte ihn Generalfeldmarschall von Bock als Ordonnanzoffizier an. Damit war der Leutnant militärisch zwar nur „ein Mädchen für alles“, aber er war in direkter Nähe zu einem der höchsten Militärs der Wehrmacht stationiert und saß daher an einer reich sprudelenden Quelle von Informationen.

„Du, ich muss dir was dringendes sagen. … Ich habe etwas Schreckliches erlebt. ein SS-Mann packte ein Kind und schleuderte es so lange gegen einen Baum, bis es tot war. Ich habe mich jetzt entschlossen, endgültig dem Widerstand beizutreten. Wir sind ein ganze Gruppe bei Bock. Das sind Tresckow, Schlabrendorff und Hardenberg. Sie wollen alle, daß Hitler beseitigt wird.“ Damit waren die Würfel gefallen. … erinnert sich Gottliebe von Lehndorff (ca 1970) an ein Gespräch mit ihrem Mann, der an der Ostfront war und vllt sogar selbst das Massaker der SS vom Sommer 1941 an 7000 Juden in Borissow miterlebt hat.


Um die Bedeutung und Rolle Heinrich von Lehndorffs für den Widerstand einschätzen zu können, müssen ein paar Ausführungen gemacht werden.

Im Zusammenhang mit der Person Hitlers fallen immer wieder Begriffe, die eher dem religiösen Raum zuzuordnen sind wie Vorsehung oder Erlösung und seine Anfangs“erfolge“ auf diplomatischer und auch militärischer Ebene schienen ihm recht zu geben: Rückgewinnung des Saarlandes, der Anschluss seiner Heimat Österreich ans Deutsche Reich, das Flottenabkommen mit England von 1935, der Austritt aus dem Völkerbund, der Wiederaufbau der Wehrmacht und ganz besonders das Münchner Abkommen steigerten Schritt für Schritt sein Allmachtsgefühl, allein zu wissen, wie der Gang der Geschichte zu laufen habe, … die übrige westliche Welt werde vor seinem mit überirdischen Energien geladenem Willen zurückschrecken … die von ihm verkörperte Urkraft bewog ihn auch zu der realitätsfernen Beurteilung, nach der Rückgewinnung des Sudetenlandes, der Zerschlagung des Restes der Tschechoslowakischen Republik nun auch noch das Restärgernis des Versailler Vertrages, den polnischen Korridor, auf Kosten Polen beseitigen zu können. … .Daß auf diese Kriegsdrohung gegen Polen aber die Kriegserklärung Englands folgte, macht ihn kurzzeitig fassungslos und in der Folge entwickelte er die Idee der sogenannten „Führerhauptquartiere“, in denen er sich bevorzugt aufhielt mit der Adresse „im Feld“, um so nahe bei seinen Soldaten zu sein und ihnen als ihr Feldheer Mut und Durchhaltevermögen zu geben.

Das bekannteste (aber nicht das einzige) dieser Führerhauptquartiere war die „Wolfsschanze“ in Ostpreussen und diese lag auf dem Land des Grafen Lehndorff, genauso wie das Quartier des Oberkommandos der Heeres nur wenige Kilometer vom Schloß Steinort entfernt. Die Bunkeranlage Wolfsschanze war ein trostloser Ort, dunkl, feucht und deprimierend; Hitler kein Erzherzog Franz Ferdinand, der im offenen Cabriolet durch die Straßen fuhr. Im Gegenteil war Hitler verschlossen, misstrauisch, vergrub sich in seiner männerbündischen Umgebung immer weiter in seine Fantasievorstellungen. Unter etwa zweitausend Militärs und Sicherheitsbeamten lebten ganze sieben Frauen… es gab keine Vergnügungen, keine Tanzstätte, noch nicht einmal ein Bordell. … Die Anlage hatte ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept mit strengen Zugangskontrollen in die einzelnen Zonen [8]. In die Nähe Hitlers, der ausserdem eine schusssichere Weste  und eine Metallkappe unter der Mütze trug, kamen nur ausgesuchte Personen, die Hitler auch oft lange warten ließ, bis er sie vorließ oder er auch die Besprechung schließlich ganz absagte. Immer waren einige bewaffnete SS-Leute im Raum. Im weiteren Verlauf des Krieges verließ Hitler seine Quartier immer seltener, die Außentermine, die er wahrnahm, waren in Planung und Durchführung so erratisch, daß diverse Anläufe zu Attentaten immer wieder scheiterten.

War es unter diesen Bedingungen ein Wunder, daß die Offiziere immer gerne nach Steinort zu dem jungen und freundlichen Grafenpaar kamen, um sich dort ein paar Stunden zu erholen? Zudem hatte sich auch der deutsche Außenminister von Ribbentrop auf eigene Einladung hin im Schloss einquartiert: er ursupierte den linken Flügel, gestaltete diesen nach seinen Vorstellungen um und hielt dort Hof: auch er „im Felde“ – zumindest, was den Briefkopf angeht. So wimmelte es auf Steinort zu Tag und Nacht von Gestapo und SS-Leuten, von Militär und Beamten: gab es eine bessere Tarnung für Besuche, die Lehndorff dort von seinen Freunden empfangen konnte? Man muss sich diese schizophrene Situation vorstellen: man betritt das riesige Anwesen der Lehndorffs durch den imposanten Haupteingang und wendet sich nach links, um ins Zentrum der Nazi-Aussenpolitik zu gelangen, geht man nach rechts, trifft man auf die Widerständler… Gottliebe sowie die anderen Familienmitglieder waren eingeweiht in die Aktivitäten Heinrichs, ohne daß sie Einzelheiten wussten, Gespräche zum geplanten Attentat wurden prinzipiell nur ausserhalb des Hauses, im Wald, bei Kutschfahrten durchgeführt, man rechnete selbstverständlich damit, daß innerhalb des Hauses durch die Gestapo oder SS Abhörmaßnahmen installiert waren.

Lehndorff war die Aufgabe eines Verbindungsoffiziers zwischen den verschiedenen „Zentren der Macht“ zugefallen, denn auch ein erfolgreiches Attentat auf Hitler in der Wolfsschanze hätte als solches kaum Auswirkungen gehabt, wenn die Machtzentralen in Berlin (Gestapo, SS, Militär) nicht auch unter Kontrolle des Widerstands zu bringen wären. Darüber war man sich im Kreis der Verschwörer klar. Eine heikle Aufgabe, aus den Reihen von SS und Gestapo Mitverschwörer zu finden, es gab sie, aber es waren nicht allzuviele. Beim Militär sah das anders aus. Daß militärisch viele Fehler gemacht wurden, sahen die Offiziere wohl, und viele signalisierten, daß man mit ihnen, für den Fall, daß das Attentat erfolgreich sei, auch rechnen könne. Sich beteiligen das Risiko des Scheiterns eingehen wollten dagegen nur die wenigsten.

So standen die Männer um Stauffenberg und Treskow weitgehend allein, auch die Unterstützung des feindlichen Auslands blieb aus. Dort wollte man die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und hatte kein Interesse am Sturz Hitlers. Schon 1938 gab es ernst zu nehmende Umsturzpläne aus Reihen des Militärs, denen aber eine Unterstützung Englands versagt blieb. Vielleicht war dies sogar die aussichtsreichste Gelegenheit, Hitler zu stürzen bzw. sogar zu töten, wie es einige aus der seinerzeitigen Widerstandsgruppe vorhatten. Es ist jedenfalls schon erstaunlich, wie viele Attentatsversuchen dieser Mann überlebte [5].

Vollmer erläutert noch einmal explizit, welche große, fast nicht zu bewältigende Aufgabe die Männer um Stauffenberg und Tresckow sich mit dem Anschlag auf Hitler vorgenommen hatten. Abgesehen von den eher „technischen“ Schwierigkeiten, rein physisch in Hitlers Nähe zu gelangen (und dann noch Pistole oder Sprengstoff mitzuführen), war es wie gesagt nicht damit getan, Hitler zu töten: ein anderer der Clique, Göring, Himmler oder wer auch immer (auch diese Personen müssten also bei dem Anschlag getötet werden) hätte sich auf einen weitestgehend funktionierenden Apparat stützen können und alles wäre so weiter gegangen. Nach den immer wieder angepassten Einsatzplänen der Operation „Walküre“ waren der Ausnahmezustand auszurufen, die Waffen-SS ins Heer einzugliedern, hohe Funktionäre von Partei und SS zu verhaften, die Konzentrationslager zu besetzen und es musste eine Übergangsregierung eingesetzt werden – und das alles, ohne das die eigene Bevölkerung hinter den Widerständlern gestanden hätte. Und die Kriegsgegner, mit denen Friedensverhandlungen zu führen seien, wollten auf jeden Fall eine bedingungslose Kapitulation… [9]

Vollmer schildert die einzelnen Versuche, das Attentat durchzuführen, immer wieder scheitern sie, 1943 insgesamt dreimal. Im Jahr darauf hat sich die äußere Lage dermaßen zugespitzt, daß Zweifel laut wurden, ob ein Anschlag auf Hitler überhaupt noch Sinn habe. Tresckow läßt Stauffenberg daraufhin über Lehndorff folgende Botschaft übermitteln: Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden, denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung von der Welt und vor der Geschichten den entscheidenden Wurf gewagt hat.  … Stauffenberg stimmte dieser Vorgabe zu, es müsse gehandelt werden, koste es, was es wolle.

Begründung und Zielsetzung hatten sich für die Verschwörer damit grundlegend geändert. Sie hatten keine Hoffnung mehr, das Kriegsgeschehen und damit das Schicksal Deutschlands ändern zu können, es ging ihnen jetzt darum, für die Nachwelt zu hinterlassen, daß es in Deutschland allem Anschein zum Trotz Widerstand gegen Hitler gegeben hat, in die Argumentation ist eine moralische Dimension, die vorher keine Rolle spielte, gebracht worden.

Am 11. und am 15. Juli kommt Stauffenberg in neuer Verwendung in die Nähe von Hitler, bricht aber beide Male den Anschlag ab: am 11. Juli, weil weder Himmler, Bormann oder Göring mit im Raum sind. Am 15. Juli will er den Sprengsatz zünden, obwohl wieder niemand der drei Personen anwesend ist und er meldet dies seinen Kameraden in Berlin. Weil Hitler den Raum in der Zwischenzeit aber verlassen hat, misslingt auch dieser Versuch mit der fatalen Langzeitfolge, daß auf den Anruf Stauffenbergs in Berlin „Walküre“alarm für den Beginn des Umsturzes ausgegeben worden ist, der nur schwierig wieder einzufangen war. Am 20. Juli führte dies dazu, daß die Meldung über den erfolgten Anschlag in Berlin erst mit fataler Verzögerung das Signal zum Umsturz auslöste [7].

Das Ergebnis dieses Tages ist bekannt, Hitler entging dem Anschlag mit nur leichten Verletzungen, er schäumte vor Wut und auf die Angehörigen des Widerstands wurden sofort Jagd gemacht. Lehndorff kann seinen Verfolgern zweimal entkommen, wird aber jedes mal wieder aufgegriffen. Das erste mal stellt er sich „freiwillig“, weil er aus dem Dickicht heraus sieht, daß die Gestapo seine Frau in ihrem Auto dabei hat, zum zweiten Fluchtversuch kann er in Berlin direkt vor der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße spontan aus dem Transport springen und um sein Leben rennen. Noch ist er in Zivilkleidung, aber ohne Schuhriemen (der Sand sollte ihm die Füße blutig scheuern) und ohne Hosengürtel. Er wendet sich nach Norden, in die Richtung des Gutes, auf dem seine Schwiegermutter lebt, durchquert dabei Karinhall, den Jagdsitz Görings, aber im Wald kennt er sich ja aus seit Kindertagen… Kurz vor dem Ziel wird er am sechsten Tag seiner Flucht frühmorgens vom Förster entdeckt. Lehndorff redet nicht lange um seine (offensichtliche) Situation herum, er überläßt damit dem Förster die Entscheidung über sein Handeln – und damit über sein, Lehndorffs, Leben. Der Förster denkt nach, gibt ihm etwas zu essen und ruft die Polizei. Heini Lehndorff versucht nicht erneut, sich der Verhaftung zu entziehen. Die Flucht ist zu Ende… , die Bewachung des Gefangenen wird jetzt konsequenter durchgeführt….

Vollmer rekonstruiert – soweit dies möglich ist – die letzten Tage Heinrich von Lehndorffs. Wie alle seine Kameraden verrät er niemanden, es wird in den (gewalttätigen) Verhören nur soviel zugegeben, wie unvermeidlich ist: Treffen auf Steinort beispielsweise, die ja unter den Augen der „Öffentlichkeit“ stattfanden, Beteiligungen von Männern, die schon tot oder hingerichtet worden waren wie z.B. Stauffenberg und denen man dadurch nicht mehr schaden konnte So kommt es z.B. dazu, daß vor dem Volksgerichtshof (fälschlicherweise) festgehalten wird, daß Lehndorff erst im Dezember 1943 in Umsturzpläne eingeweiht wurde… das konkrete Verhalten der einzelnen Widerständler in den Verhören ist unterschiedlich, im Gegensatz zu anderen hatte sich Lehndorff entschieden, alles, was seine Rolle bei den Anschlägen betraf, zuzugeben – soweit es eben ging, ohne anderen zu schaden. Er war wohl des Leugnens, des sich Versteckens, des Auslegens falscher Fährten, um damit Zeit zu gewinnen, müde….. diesen Entschluss fasste nach einem misslungenen Suizidversuch mit einer Rasierklinge, die er in den Sohlen seiner Schuhe in seine Zelle schmuggeln konnte.

In internen Berichten an die vorgesetzten Behörden und Minister, in denen der propagandistische Tenor fehlt und die halbwegs neutral formuliert sind, wird deutlich, daß man über das Ausmaß der Verschwörung erstaunt war. Hie und da, so schreibt Vollmer, klingen sogar selbstkritische Töne an nach dem Motto: Wenn so viele gute Männer, die früher unsere Anhänger waren, bereit waren, ihr Leben zu opfern, um Hitler zu töten und uns zu stürzen, haben wir da vllt doch an der einen oder anderen Stelle etwas falsch gemacht, etwas übertrieben? Teile der Lehndorffschen Aussagen über Motive und Beweggründe tauchen in diesen Berichten explizit auf. Nach außen drang davon natürlich nichts, nach innen hatte diese Gesichtspunkte auch keine Auswirkungen.

Der Prozess gegen Heinrich von Lehndorff (und andere) fand am 4. September 1944 statt, die Urteile wurde gegen 14 Uhr verkündet, die Hinrichtungen fand schon anderthalb Stunden später in Plötzensee statt.

Für die Ausstellung des Totenscheins – soweit die erfolgte und er den Familien ausgehändigt wurde – wurden selbstverständlich eine Gebühr verlangt.


Es waren aber nicht nur die Männer, die im Visier der Nazi-Fahnder waren, auch die Familien fielen unter die „Sippenhaft“ [6]. Gottliebe stand um diese Zeit vor der Geburt ihrer jüngsten Tochter, die dann auch in einem Gefängnis geboren wurde. Sie selbst kam mit ihrem Baby in ein Lager, die drei älteren Töchter wurden von ihr getrennt und in ein geräumtes Erholungsheim der NS-Volkswohlfahrt im Harz-Kurort Bad Sachsa eingeliefert. Marion Dönhoff, die dies erfuhr, holte die Kinder von dort im Dezember 1944 heraus und brachte sie zurück zu Gottliebe, die mittlerweile bei ihrer Mutter war.

Um diese Zeit, ab Herbst 1944, war alles in Auflösung, die Rote Armee rückte bedrohlichst näher und nachdem Hitler selbst seine Wolfsschanze aufgab, gab es auch für den Rest der Bevölkerung, der bis dahin Flucht bei Androhung der Todesstrafe verboten war, kein Halten mehr: die Menschenmassen wälzten sich im Winter nach Westen. So auch Gottliebe und die anderen Angehörigen der Familien Lehndorff und Kalnein. Welch eine Situation! Zwar hatte Heinrich vorsorglich im „Westen“ ein Haus als Fluchtziel für seine Familie gekauft, die Unterlagen dazu wurden Gottliebe bei ihrer Verhaftung jedoch sofort abgenommen: sie wusste nicht, wo das Haus war… so hatte sie praktisch nichts mehr und war mit ihren vier kleinen Töchtern in einem in Auflösung begriffenen und in Schutt und Asche fallendem Land auf andere angewiesen.

Vollmer schildert diese Odyssee der fünf Frauen durch das Nachkriegsdeutschland, die über Hamburg und viele Zwischenstationen in den späten sechziger Jahren auf eine Hofanlage in Peterskirchen, nicht weit von München führt, die Gottliebe aus Mitteln des Lastenausgleichs kaufen kann. Die entfernt an Steinort erinnernde Anlage gestaltet sie nach ihren Vorstellungen, sie wird zu einem beliebten Treffpunkt von Künstlern und Kreativen, die dort, wie Hanna Schygulla (deren Erinnerungen an ihre Freundin Gottliebe dem Buch beigefügt sind), zum Teil jahrelang wohnen. Waren die(ser Zweig der) Lehndorffs in Preussen in Steinort angesiedelt, so zerstreuen sich die Überlebenden nach dem Krieg: Gottliebe ist auf ihrem Gut, die Töchter (von denen Vera als Veruschka (Fotomodel) wohl die bekannteste geworden ist) zieht es an die verschiedensten Ort in Deutschland und Europa. Die Eltern Heinrichs schließlich finden wieder zu ihrer alten Leidenschaft, den Pferden: sie leiten ein berühmtes Gestüt im Rheinland. Die Bestattung des Vaters, der 1962 gestorben ist, beschreibt Marion Dönhoff in einem Brief an Carl Jacob Burckhardt in eindrucksvollen Worten.

Zum hundersten Geburtstag Heinrich von Lehndorffs wird im Steinort eine Gedenktafel aufgestellt, es klingt bei Vollmer an, als ob diese Feier, dieses Treffen, nach fast siebzig Jahren, für die Töchter mit das erste Mal gewesen ist, daß sie das Damalige in Sprache bringen konnten: Hier aber, am 22. Juni 2009, begannen alle, vorsichtige gemeinsame Worte zu suchen für das, was einmal war….

In der  ersten Zeit nach der Hinrichtung und nach dem Krieg hat Gottliebe verzweifelt versucht, Zeugen zu finden, die ihr von ihrem Mann berichten konnten, Dokumente, Briefe von ihm, Aussagen… es gab solche Zeugnisse, vereinzelt, es gab Menschen, die diese Dokumente funktionalisierten als Zeugnis dafür, wie gut sie doch eigentlich sind und daß sie schon immer im Inneren „dagegen“ waren und man sähe das ja daran, daß sie dafür gesorgt habe, daß die Frau diesen letzten Brief ihres Mannes erhält…. Monate nach der Hinrichtung bekommt Gottliebe diesen Abschiedsbrief Heinrichs von einem SS-Offizier ausgehändigt, zehn engstbeschriebene Seiten eines Mannes, der mit sich im Reinen war, der sich seiner Frau noch einmal in aller Liebe öffnete und der versuchte, ihr Sorgen zu nehmen und die untragbare Last tragbarer zu machen…. ich muss zugeben, ich konnte diese Zeilen kaum lesen, zu wissen, daß diese Worte kein Produkt eines Schriftstellers waren, der sie sich ausdachte, sondern daß die ein Mann an seine Frau geschrieben hat, der wusste, daß er bald getötet werden würde…. dies macht mir auch jetzt, in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, noch  zu schaffen….


Gedenkstein anlässlich des 100. Geburtstages von Heinrich Graf Lehndorff, dem letzten Herrn auf Steinort und aktiver Teilnehmer des Hitler Attentats am 20. Juli 1944 Bildquelle: [B]

Gedenkstein anlässlich des 100. Geburtstages von Heinrich Graf Lehndorff, dem letzten Herrn auf Steinort und einer der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944
Bildquelle: [B]

Doppelleben ist ein intensives Buch, das sich bemüht, seinen Personen, denen es sich widmet, gerecht zu werden. Es will in der Person und der Vita Heinrich von Lehndorffs, einem der unauffälligeren, aber nichtsdestotrotz wichtigen Angehörigen des Widerstands die mannigfaltigen Vorurteilen entkräften, die dieser Aktion des Attentats vom 20. Juli 1944 noch immer entgegen gebracht werden. Dazu nimmt es sich die Zeit, die Randbedingungen, unter denen die Männer damals agieren mussten, herauszuarbeiten und zu beschreiben. Für besonders wertvoll halte ich die Tatsache, daß Vollmer viele persönliche Dokumente (der Begriff „viel“ ist hier natürlich relativ…) der Familie mit in ihr Buch einarbeiten konnte und sie im Originalwortlaute wieder gegeben hat. Dadurch gewinnt man als Leser eine gewisse Nähe zu den Personen, ohne daß jedoch die notwendige Objektivität verloren geht. Dies gilt nach meinem Eindruck auch für die Autorin, deren Sympathie für Heinrich und Gottliebe spürbar ist, was jedoch nicht zu einer einseitigen Darstellung führt. Für mich jedenfalls war das Lesen und das Rekapitulieren des Gelesenen in dieser Buchvorstellung sehr wertvoll.

Links und Anmerkungen:

[1] Website der Autorin: http://www.antje-vollmer.de/doppelleben.htm
[2] https://www.youtube.com/watch?v=Wc091xV0oOI
[3] Steinort: http://www.masuren.com/html/Schloss_Steinort.html
[4] Edith Sitwell: Englische Exzentriker. Vgl z.B. hier: https://phileablog.wordpress.com/2015/03/01/englische-exzentriker/
[5] Liste der Attentate auf Hitler:  http://de.wikipedia.org/wiki/..Attentate_auf_.. Hitler
[6] Vollmer dürfte damit wohl die „Aktion Gitter“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_Gitter) gemeint haben, ohne diesen Namen explizit zu erwähnen. In der (dort verlinkten) Aufstellung „Opfer der Aktion Gitter (1944)“, fehlt jedoch der Name der Lehndorffs ebenso wie der anderer Familien, deren Angehörige beim 20. Juli beteiligt waren…
[7] zum Ablauf des Attentats am 20. Juli:  http://www.stauffenberg.lpb-bw.de/ablauf_des_20_juli.html
[8] eine etwas andere Erinnerung an die Sicherheitsbestimmungen stammt von Kurt Salterberg, dem wohl (?) letzten Augenzeugen des Attentats. Einem Bericht der Rhein-Zeitung vom 18. Juli 2015 [Dirk Eberz: Der letzte Zeuge, Journal, S. 3] zufolge galt: „Wir hatten Anweisung, niemanden zu kontrollieren, der mit Keitel kam.“ So kam Stauffenberg am 20. Juli unkontrolliert mit seiner Tasche in den innersten Bereich der Wolfsschanze. Auch die generelle Auswahl der Angehörigen des Führerbegleitkommandos wird als recht lax beschrieben.
[9] Elisabeth Raiser: Margarethe von Oven (1904-1991), S. 102; in: Antje Vollmer u. Lars-Broder Keil: Stauffenbergs Gefährten, München, 2015

Bildquellen

Gedenksteinhttp://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Graf_von_Lehndorff-Steinort; von SPBer (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.

Antje Vollmer
Doppelleben
Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop
Mit einem Essay von Kilian Heck
Nachwort von Hanna Schygulla
diese Ausgabe: Eichborn, Die Andere Bibliothek Band 309, 416 S., 2010

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