Alicia Steimberg: Amatista

9. Juli 2015

Alicia Steimberg ist eine von jüdischen Einwanderern, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus Russland/Urkaine nach Südamerika kamen, abstammende Argentinierin. Sie wurde 1933 in Buenos Aires geboren, wo sie auch 2012 starb. Eine ausführliche Darstellung ihres Schaffens hat Lois Barr (der auch für den Text in [3] verantwortlich ist) im Jewish Women´s Archive gegeben [1].

In der argentinischen Hauptstadt spielt auch dieser schmale erotische Roman, mit dem sie 1989 den spanischen Literaturpreis La Sonrisa Vertical [2] („Das vertikale Lächeln„) errang und der – passend für ein Buch – die Macht der Worte, des Alphabets, auch im Bereich der Erotik beschwört [vgl hier auch 3].


Erotik ist empfindsam wie eine Lilie,
sie ist ein Meisterzug bei einem anspruchsvollem Schachspiel.
Ein Geschenk des Himmels senkt sich auf die Körper….

amatista-cover4

Amatista ist ein explizit erotisches Werk, also kein „normaler“ Roman, in dem auch Erotik eine Rolle spielt. Demzufolge ist die Handlung nicht so ausgefeilt, es wird eher ein Setting gesetzt, trotzdem spielt sich das Geschehen mit gewissem Anspruch auf zwei Erzählebenen ab.

In der Rahmenhandlung lernen wir zwei Menschen kennen, die ohne Namen bleiben. Der Mann, ein Doktor der Rechte, Senor genannt, ist nicht mehr ganz jung und hat Probleme mit der männlichen Ausdauer. Sein weibliches Pendant, Señora genannt, agiert als eine Art Sexualtherapeutin, die ihm sowohl die Feinheiten des Erotischen nahebringen als auch dafür sorgen soll, daß sich eben jene unbefriedigende Ausdauer verbessert.

Die Therapieeinheiten, nennen wir es der Einfachheit so, finden an verschiedenen Orten statt. Der Mann, meist korrekt gekleidet, wenngleich auch mit geöffnetem Reissverschluss, handelt nach Anweisung seiner Therapeutin, die ihm vorgibt, in welcher Art und Weise er sich stimulieren soll, auf was er zu achten und wie er zu reagieren hat. Insbesondere ist er angehalten, bei dieser autoerotischen Tätigkeit die Contenance zu bewahren und sich erst nach Freigabe durch die Señora zu entspannen.

Unterstützt wird diese Animation durch die Erzählung der Señora: Hören Sie gut zu, Doktor, denn selbst ein Mann von Welt sie Sie braucht es manchmal, daß man ihm Geschichten erzählt… knöpfen Sie sich die Hose auf und streicheln Sie sich sanft, während Sie mir zuhören…. Die Geschichte, die ihm zu Gehör gebracht wird, handelt von der Beziehung der titelgebenden Amatista zu Pierre. Es ist eine Art Fortsetzungsgeschichte (wobei man an die logische Stringenz keine allzu großen Ansprüche stellen darf, aber das ist ja auch nicht der Sinn der Sache..), in dem der junge Mann, der in der ersten Folge noch als Stallknecht agiert, immer weltgewandter und „zivilisierter“ wird, die erotischen Handlungen immer raffinierter. Freizügig schildert die Señora die Eskapaden der beiden, die sich zur Verstärkung auch schon mal mit anderen zusammentun…

Wirken diese Erzählungen schon sehr animierend auf den Herrn Doktor, gilt für dies vielleicht noch mehr, wenn die Señora ihm praktische Übungen in Aussicht stellt, für die sie sich persönlich zur Verfügung stellt und die im Fortgang der Geschichte durchaus Fortschritte in den Fähigkeiten des Mannes erkennen lassen, so daß dieser nach der Therapie voller Hoffnung auf ein glückliches und befriedigendes Eheleben wieder nach Hause zum Weibe fliegt…..


Die beiden Erzählebenen sind auf zwei Art und Weisen ineinander verschachtelt: zum einen beginnt jedes der acht (plus ein Abschluss)Kapitel mit der Schilderung des Örtlichkeit, an der sich das Paar befindet, zum anderen korrigiert die Señora ihren Schüler (… Atmen Sie tief durch und denken Sie an etwas anderes. Je mehr Sie sich bemühen, meinen Ratschlägen zu folgen, desto eher wird ihr Versuch von erfolg gekrönt sein. … Haben Sie sich beruhigt? Sehr gut. … Lauschen Sie der Fortsetzung der Geschichte und lassen Sie sich Zeit….) während sie die Geschichten von Amatista und Pierre erzählt.

Diese sind zum Teil realistisch, zum Teil erinnern sie auch an Märchen, da hier und da Gesetze der Logik ausser Kraft gesetzt werden. Abschließend dann wird man als Leser wieder zurück in die Ausgangssituation gebracht, in der die Señora über das Agieren ihres Schülers befindet und auch zusieht, daß sie selbst auf ihre Kosten kommt..


Ich möchte ein für alle Mal mit der veralteten Vorstellung aufräumen, daß Lust nur durch Leidenschaft entsteht. Sie entsteht auch bei der gelassenen, kontrollierten Umsetzung dessen, was man sich mit Worten vermitteln kann.

Ein raffinierter Widerspruch (der auch ein gewisses komisches Element enthält) zwischen dem, was erzählt wird und der Art und Weise, in der dies geschieht, wird im gesamten Text aufrecht erhalten. Der nüchterne, fast  emotionslose und distanzierte Ton der Unterhaltung zwischen Lehrerin und Schülerin sowie auch in der Erzählung kontrastiert mit dem durchaus explizitem Inhalt der Geschichte, die auch vor Details nicht zurückschreckt. Wird doch einmal ein vulgärerer Ausdruck verwendet, entschuldigt man den als gerade den in diesem Moment ausnahmsweise einzig angebrachten – oder verbittet sich gar diesen Ausrutscher in´s Obzöne…


Steimbergs schmaler Roman ist in einer Reihe von erotischen Texten erschienen, die Anfang der 90er Jahre bei Eichborn publiziert wurden. Es ist eine schöne kleine Bibliothek anspruchsvoller(er) Geschichten, viele aus dem südamerikanische/spanischen Sprachraum ins Deutsche übertragen, im Lauf der Zeit werde ich sicher noch das ein oder andere Werk hier vorstellen. Alle Bändchen sind in diesem (dunklen) Violett gehalten, auch die Schrift hat diesen Farbton. Für alle, die diesem Genre etwas abgewinnen können, sind sowohl diese Buchreihe als auch gerade Amatista eine Empfehlung wert.

Ein Hinweis für diejenigen, die sich etwas ausführlicher informieren wollen, sind einige Ausführungen über den schriftstellerischen Ansatz Steimbergs in Amatista und die Bedeutung des Schrift an sich bei ihr dieser Quelle zu entnehmen [3].

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Alicia_Steimberg und – ausführlicher – im Jewish Womens Archivehttp://jwa.org/encyclopedia/article/steimberg-alicia
[2] http://www.tusquetseditores.com/coleccion/la-sonrisa-vertical
[3] Lois Barr in: http://www.jstor.org/stable/29740388?seq=1#page_scan_tab_contents

Mehr Besprechungen von erotischer Literatur in meinem Themenblog über Erotische Literatur

Alicia Steimberg
Amatista
Übersetzt aus dem Spanischen von Veronika Schmidt
Originalausgabe: Amatista, Barcelona, 1989
diese Ausgabe: Eichborn, HC, ca. 140 S., 1992

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: