Andrew Miller: Der Friedhof der Unschuldigen

6. Juli 2015

Cimetiere des Innocents, Paris, 18. Jhdt Bildquelle: [B]

Cimetiere des Innocents, Paris, 18. Jhdt
Bildquelle: [B]

Der Friedhof der Unschuldigen, (Cimetière des Innocents) in Paris, der „Fleischfresser“… über Jahrhunderte ein innerstädtischer Friedhof der französischen Hauptstadt. Nun darf man sich unter diesem Friedhof aber nicht einen Friedhof vorstellen, wie wir ihn heutzutage kennen… das Feld, auf dem er einst angelegt worden war, wurde 1186 durch Philipp II mit einer Umfassungsmauer gegen die Umgebung eingefriedet, auf den Abbildungen ist das gut zu erkennen. Im 15. und 16. Jhdt bildeten die ihn umlaufenden Galerien einen würdigeren Teil als der Platz selbst: die berühmte Bilderfolge des Totentanzes schmückte sie und jede Arkade der Galerien barg eine Grabkapelle, die manchmal bedeutenden Persönlichkeiten und ihren Famlien oder auch Zunftbruderschaften als Grabstätten dienten. Der freie Innenraum blieb Beisetzungen vor allem (aber nicht nur) der Armen vorbehalten.

Friedhof der Unschuldigen, um 1550 Bildquelle [B]

Friedhof der Unschuldigen, um 1550
Bildquelle [B]

In diesen großen, weitläufigen und tiefen Gemeinschaftsgräbern wurden die Leichname in mehreren Lagen bis zur vollständigen Füllung neben- und übeeinandergeschichtet. Man schloß das volle Grab und hob nebenan ein neues aus. Da die Beisetzungen oftmals nur flach waren, kam es vor, daß Regenfälle und Ausschachtungsarbeiten Gebeine zutagetreten ließen, die dann am Boden herumschleiften, den Stadtstreichern als Heizmaterial und einem Hamlet als Gegenstand der Meditation dienten [1]. Ein weiteres Problem war der Boden, der nach Jahrhunderten und bis zu (angenommenen) zwei Millionen Leichnamen ausgelaugt und tot war, unfähig, die Leichen weiterhin zu verwesen.. Faulgase waberten durch die Luft, es wird von Todesfällen berichtet, die durch das Einatmen der pestilenten Gase hervorgerufen worden sind (vgl auch den Text weiter unten unter „Historisches“).


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Diese kleine Beschreibung des Cimetière des Innocents ist für das Verständnis des Romans des englischen Schriftstellers Andrew Miller – so denke ich – ganz nützlich, spielt doch sein Handlung praktisch zur Gänze auf diesem Platz bzw. dem Viertel mit dem großen Markt von Les Halles, in dem er liegt.

Hauptperson ist ein achtundzwanzigjähriger junger Mann, Jean-Baptiste Baratte, aus der Normandie, etwas schüchtern und unbeholfen, zu rationalem Denken erzogen, jemand, der Voltaire kennt, ein Ingenieur für Straßen- und Brückenbau. Wir schreiben das Jahr 1785, das ist, wie wir Späteren wissen, nur wenige Jahre, ein Wimpernschlag sozusagen, vor dem Ereignis, das uns als Französische Revolution bekannt ist.

Stich des Friedhofs um 1785 Bildquelle [B]

Stich des Friedhofs um 1785
Bildquelle [B]

Der Mann hat eine Audienz beim Minister. Dieser begutachtet ihn, befragt ihn, hat Papier über ihn vor sich liegen. Er schildert ihm das Problem, der unerträgliche Gestank, der durch die Straßen wabert und die Leute krank macht, die bei Regen ausgeschwemmten Knochen: es gibt Beschwerden…. er setzt ihn in Kenntnis vom Beschluss, den Friedhof aufzulösen, die Knochen herauszuholen und an einen anderen Ort zu verbringen.

Dieses Vorhaben zu leiten ist ein Angebot, daß der junge Mann nicht ablehnen kann. Er kann sich hierbei einen Namen machen, andernfalls… dies bleibt unausgesprochen. Er bekommt einen Mann von finsterem, seelenlosen Aussehen, von dem er je nach Notwendigkeit weitere Anweisungen erhalten wird, als Verbindungsmann, ein wenig Geld, um Unkosten zu bestreiten und weitgehende Vollmachten, sachdienlich zu handeln.

Alter Lageplan des Friedhofs  Bildquelle: [B]

Alter Lageplan des Friedhofs
Bildquelle: [B]

Ein Zimmer ist für ihn angemietet, bei einer Familie Monnard, ganz in der Nähe des Friedhofs, von seinem Zimmer aus kann er ihn sehen. Herr Monnard hat ein Geschäft für Messer und Klingen, es geht der Familie wohl recht gut, immerhin hat man ein Dienstmädchen und ein Pianoforte. Ferner ein Kind, Ziguette, an der Schwelle zum Frausein.

Sie werden Plätze nach uns benennen!
Die Männer, die Paris gereinigt haben!

In der Kirche, die zum Friedhof gehört, lernt Baratte Armant kennen, den Organisten, der für die Fledermäuse spielt und die Tauben und die Ratten und auch für den letzten Kirchenmann dort in den Gemäuern, dessen Augen fast blind sind und der mehr tobt als daß er lobt.. Armant ist hemdsärmelig, den Plan, den Friedhof und damit die Kirche und somit die, „seine“ Orgel zu zerstören, billigt er: eine Chance für die Zukunft, seine Zukunft. Denn das ist es, was Armant unterstützt: die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Und so nimmt er das Gären war im Volk wahr, die Inschriften an den Wänden, greift mit seinen Kumpanen – und den harmlosen Jean-Baptiste nimmt er gleich mit – selbst zu Eimer und Farbe… Armant liebt das Leben, liebt seine Gefährtin Lisa, den Wein…

… und wen liebt Jean-Baptiste? Dieser ist auf den Straßen Héloïse begegnet, einer öffentlichen Frau, die ihre Stammkunden hat, die ihm nach der Begegnung nicht mehr aus dem Kopf geht. Dieser Name, Héloïse, ist bezeichnend, mit der historischen hat sie, die öffentliche Frau, die Geistes- und Herzensbildung gemein: in ihrer Freizeit liest sie, die von ihren Eltern, Gastwirten an einer großen Straße im Land, willig den Gästen überlassen worden war, Werke wie das Goethe´sche von den Leiden des jungen Werther…. mit der Rousseau´schen Héloïse teilt sie die unschicklichen Verhältnisse, in denen sie leben muss und auch zeitweise wird, mit Jean-Baptist nämlich …

Nennen wir Héloïse, müssen wir auch Jeanne erwähnen, halb so alt wie Jean-Baptiste, die Enkelin des Küsters, die mit diesem auf dem Friedhof in einem Häuschen lebt. Sie liebt den Friedhof, bewacht und beschützt die Toten, wird die Führerin für den Ingenieur, diejenige, die weiß, wo die Gräber sind, wo zu graben sein wird. Und sie entwickelt eine Zuneigung, ja, eine Liebe zu dem doppelt so alten Mann, der ihr ihre Heimat nehmen wird….

Lecoeur ist zu nennen, ein Freund aus früheren Tagen, mit dem er zusammen in einem Bergwerk gearbeitet hat. Zu ihm fährt er in den Norden Frankreichs, er soll ihm dreißig Bergleute finden und mit diesen nach Paris kommen. Bergleute scheinen die richtigen zu sein, unerschrocken, fleißig, schlimmste Verhältnisse gewohnt….

Es ist eine schlimme Arbeit, die die Männer mitten im Winter anfangen. Sie lassen große Feuer brennen, mit denen der Gestank der pestilenten Gase bekämpft werden soll. Der Friedhof – längst hat er die Mauern, die ihn einfrieden, überwunden, ist in die Häuser eingedrungen, in die Menschen.. das Essen schmeckt nach ihm, die Luft riecht nach ihm so wie der Atem der Leute, die in seiner Nähe leben… Der Friedhof gehört zum Alltag der Menschen dort, ganz in der Nähe, in den Straßen und auf den Plätzen herrscht lebhaftes und buntes Markttreiben; es ist nicht klar, ob seine Zerstörung allen gefallen wird, so lange es ihm möglich ist, hält der Ingenieur seine Mission daher geheim…

Sie öffnen die Gräber, die Gruben sind bis zu dreißig Meter tief, schichten die Knochen zu Wänden, die wie Mauern stehen… der Schnaps kreist, ohne geht es nicht. Jean-Baptiste muss sogar Frauen zulassen, die einmal die Woche die Erlaubnis haben, zu den Bergleuten zu gehen, sie abzulenken und zu erfreuen… später dann werden die Knochen nächtens in Prozessionen mit Wagen und unter Begleitung der Priester weggebracht…

Es gibt Unfälle, natürlich. Es gibt wissenschaftliches Interesse der Medizin. Ein Doktor Guillotin, ein liberaler Geist, Freimaurer, hat die Erlaubnis, die Knochen zu untersuchen… er wird zur guten Seele des Unternehmens, nimmt sich auch der Lebendigen an, für die dies notwendig ist, bei Brok, dem Bergmann, bei Jean-Baptiste, dem Ingenieur und auch bei Jeanne, dem Mädchen….


Es ist ein düsteres Thema, dessen sich Miller angenommen hat (aber ebenso ein sehr interessantes, behandelt es doch mit der Geschichte eines Friedhofes die Einstellung des Menschen zum eigenen Sterben und dem eigenen Tod) und so nimmt es nicht wunder, daß auch die gesamte Grundstimmung im Buch düster ist. Ein Thema, eine Zeit, das/die eine gesellschaftliche Bruchstelle markiert: das Denken der Menschen verändert sich, wissenschaftliches und rationales Denken gewinnt die Oberhand, konkret hier neue Vorstellungen über den menschlichen Körper, über Hygiene, über Desinfektion [3]. Der  Cimetière des Innocents wird zur Metapher für diese Zeitewende: er wird aufgelöst, entsorgt, an Stelle der Toten wird ein Platz für die Lebenden errichtet. Er kann auch als Metapher gesehen werden für das, was politisch kommen wird und sich in der Romanhandlung immer wieder andeutet: der alte Staat, das alte System hat abgewirtschaftet, ist am Ende und reif für die Entsorgung; den Doktor Guillotin wird man dort wieder treffen…

Baratte ist die Symbolfigur dieses Übergangs zur Moderne, noch gefangen in der Vergangenheit, arbeitet er schon an der Moderne mit. Seinen neuen Anzug, den er sich unter Zureden Armants hat schneidern lassen und dessen Grün so auffällig war, gibt er wieder zurück zugunsten eines konventionellen Tuches, in dem er sich aber wieder wohl fühlt…. jedoch kennt er die Schriften Voltaires, er liest allabendlich in der Naturgeschichte des Herrn Buffon: er ist rational der Zukunft zugewandt, nicht emotional wie z.B. Armant. Ein anderes Beispiel: eines Tages geht es Baratte auf, daß er an seinen Vermietern genauso handelt, wie vom Minister an ihm gehandelt wird: er demütigt sie, nimmt sie nicht als gleichberechtigt war. Andererseits setzt er sich aber über Konventionen hinweg, in dem er Héloïse zu sich holt….

Diese Atmosphäre versucht Miller einzufangen, sowohl das dumpfe, vom Todeshauch Durchzogene als auch die Befreiung davon mit letztlich der Zerstörung der Kirche und – wieder ein starkes Bild – der Flucht der Fledermäuse, diesem Symbol für lichtscheue und düstere Wesen. Letztlich geht alles an diesem pestilenten Ort in Flammen auf, ein reinigendes Purgatorium, dessen letzter Wächter in die Salpêtrière abtransportiert wird…..

Vielleicht ist es manchmal ein wenig zuviel, ist es zu gedanken- und bedeutungsschwer, was Miller schreibt – andererseits ist das, was die Männer dort machen – und diesen Umständen leisten – so belastend, daß Lebenszugewandtes kaum erlebt werden mag. Noch im abschließenden Kapitel, als Jean-Baptiste im Schloß von Versaille vergeblich versucht, seinen Abschlussbericht an den Mann zu bringen, stößt er auf eine Leiche, trifft er Männer im verzweifelten Versuch, diese zu bergen, zu entfernen, als ob ihn diese Tätigkeit nicht loslassen wollte….

Ob Miller mit seinem historischen Roman über die Auflassung des riesigen Cimetière des Innocents die damals herrschende Atmosphäre unter den Menschen im Viertel (auf das er in seiner Geschichte beschränkt) tatsächlich getroffen hat oder nur einer/unserer Vermutung darüber schmeichelt, kann ich natürlich nicht beurteilen. Als Lesevergnügen empfehlen kann ich seinen Versuch, diese Zeit einzufangen, jedoch in jedem Fall: düster, spannend, an einer Bruchstelle der Geschichte angesiedelt, ferner informativ und mit einer hübschen Liebesgeschichte pikant gewürzt….


friedhof-text1friedhof-text2Ergänzend zur Geschichte des Friedhofes, wie ich sie oben schon aus Aries [1] (weitgehend) zitiert habe, noch Nebenstehendes aus dem Buch von Paul Koudounaris „Im Reich der Toten – Eine Kulturgeschichte der Beinhäuser und Ossuarien“ [4], aus dem ich ich die zwei Seiten eingescannt habe, die sich mit dem Friefhof der Unschuldigen befassen. Ich bitte, die Qualität der Bilder zu entschuldigen, den Buchblock wollte ich beim scannen nicht opfern….

Links und Anmerkungen:

[1] Philipp Ariés: Bilder zur Geschichte des Todes, Hanser, 1984
[2] Wiki-Seite zum Friedhof der Unschuldigen: https://de.wikipedia.org/wiki/Cimetière_des_Innocents
[3] vgl dazu auch: Anna Bergmann: Der entseelte Patient; Buchvorstellung z.B. hier bei aus.gelesen:  https://literaturfuersohr.wordpress.com/2015/06/05/anna-bergmann-der-entseelte-patient/
[3] ein Interview mit dem Autoren:  http://www.theguardian.com/…miller-interview
[4] Paul Koudounaris „Im Reich der Toten – Eine Kulturgeschichte der Beinhäuser und Ossuarien„, erschienen bei h.f.ullmann publishing (2014) (http://www.ullmann-publishing.com…im-reich-der-toten)

[B]ildquellen:
Friedhof 1800: https://de.wikipedia.org/wiki/Cimetière_des_Innocents; von Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons bzw.
Friedhof 1550: von Th. Hoffbauer (Eigenes Werk, scan by Jebulon) [Public domain], via Wikimedia Commons

Friedhof 1785: http://grande-boucherie.chez-alice.fr/Innocents.htm
Lageplan: http://grande-boucherie.chez-alice.fr/Innocents.htm
von der Gemeinfreiheit dieser Bilder gehe ich aus, da die Künstler mehr als 70 Jahre tot sein dürften. Sollten die Rechte woanders liegen, bitte ich um kurze Mitteilung (aus.gelesen{ät}web.de), die Bilder entferne ich dann umgehend.

Die Genehmigung des Verlages (http://www.ullmann-publishing.com) zur Wiedergabe der beiden Textseiten liegt dankenswerter Weise vor.

Andrew Miller
Friedhof der Unschuldigen
Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Originalausgabe: Pure, London, 2011
diese Ausgabe
: Zsolnay, HC, ca. 380 S., 2013

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5 Responses to “Andrew Miller: Der Friedhof der Unschuldigen”


  1. Kommt auf meine Liste, danke für den Tipp!

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  2. Ich habe es auch sehr gern gelesen. Ein intensiver Einblick in eine mir völlig unbekannte Welt.
    Liebe Grüße
    Mareike

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    • flattersatz Says:

      ja, es ist eine – zumindest aus der heutigen rückschau – faszinierende zeit, in der sich so viel geändert hat, von dem wir heute profitieren. aber gerade dieser friedhof ist/war schon was besonderes…

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  3. Hermia Says:

    Ach, das hatte ich erst neulich in der Hand, habe mich dann aber im letzten Moment für ein anderes Buch entschieden. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. ;)

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