T.C. Boyle: Der Samurai von Savannah

2. Juli 2015

Ich habe erkannt, daß der Weg des Samurai der Tod ist.

samurai cover


Die Story, die Boyle in diesem Roman erzählt, ist von der Grundstruktur her einfach und in wenigen Worten wiedergegeben: Von einem japanischen Frachter vor der Küste Georgias im Süden der USA springt ein Seemann über Bord, der zuvor aus der Arrestzelle des Frachters entfliehen konnte. Er erreicht das Ufer – nicht ohne ein turtelndes Pärchen in einem Boot vor der Küste mit seinem unvermuteten (und buchstäblichen) Auftauchen erschreckt zu haben – nicht wissend, daß er auf einer der Küste vorgelagerten Insel, Tupelo Island, gelandet ist.

Durch das Pärchen weiß man von ihm, er wird als illegaler Einwanderer angesehen und gejagt. Das sagt sich nun leichter, als es getan ist, denn Tupelo Island ist gegen die Hölle zwar ein nettes Kneippbecken, aber auch das ist schon schlimm genug: es ist ein heißes und feuchtes Klima und Hiro, so der Name des Mannes, flüchtet in ein ausgedehntes Sumpfgebiet, ein willkommenes Nahrunsgsergänzungsangebot für saugende, stechende, beißende und schmarotzende Bewohner der Gegend aller Art.

Andererseits: der Sumpf schützt ihn, die Jagd bleibt lange erfolglos, auch weil eines der Mitglieder der Künstlerkolonie, die auf der Insel lebt, sich heimlich seiner erbarmt…. letztlich wird er aber dann doch von den hinterwäldlerischen Waschbärenjägern der Region gestellt und eingesperrt. Doch nochmals gelingt ihm die Flucht, er kommt sogar von der Insel runter und landet – in der Hölle. In den riesigen Okefenokee Sümpfen nämlich [3], gegen die besagte Pfützen auf Tupelo Island eher wie die schon angeführten Kneippbecken wirken…

Das also der grobe Handlungsrahmen, aus dem Boyle – und es wäre nicht Boyle, wäre es anders – einen spannenden, unterhaltsamen Roman über das Aufeinandertreffen zweier Kulturen gestaltet hat.


Es gibt zwei große Handlungsstränge im Roman. Im ersten erzählt Boyle von Hiro Tanaka, einem zwanzig Jahre jungen Mann, dessen Mutter Japanerin und dessen Vater Amerikaner war. Dies ist im Grunde schon der erste Zusammenprall dieser zwei Kulturen, denen sich Boyle widmet. Die Mutter, aus einer traditionsbewussten japanischen Familie, wendete sich von dieser Familie ab, sie war von der amerikanischen Kultur und auch ihrer Musik begeistert. Sie tat sich mit einem Hippie, der eines Tages auftauchte, zusammen und Hiro kam auf die Welt. Die Mutter starb kurz nachdem der Vater nach Amerika zurückging und die beiden zurückließ. Hiro wurde von der Großmutter erzogen. Als Halbjapaner war er allerdings absoluter Aussenseiter, gehänselt und gemobbt von den anderen Jungs…

Im Baseball fand er eine Heimat, man konnte ein Bastard sein, ein Halbblut, man konnte alles mögliche sein, wichtig war einzig und allein, ob man den Ball traf. .. Fujima, Morita, Kawakami, diese Kakerlaken, die ihm blaue Augen geschlagen und die Nase gebrochen hatten.. konnte er mit seinem Schläger den Wind aus den Segeln nehmen. 

Dann aber wurde er eines Tages japanischer als alle: der japanische Dichter Mishima, der sich 1970 suizidierte und Jōchō [5], der Samurai aus dem japanischen Mittelalter mit seinem Werk „Hagakure“ fingen ihn ein. Es war Glück, es war Schicksal, es war Magie. Von ihnen lernte er die Werte des Samurais, der Weg des Hagakure drang in eine andere Sphäre ein, die Sphäre von Macht und Selbstvertrauen – von Reinheit -, die das Materielle, das Fleisch, ja den Tod selbst transzendierte. … Er würde ein moderner Samurai werden.

Hiro träumte einen weiteren Traum: seinen Vater zu finden und in eine ominöse „Stadt der brüderlichen Liebe“ zu gehen. Keinen Moment zweifelte er daran, daß ihm das gelingen würde, liebten Amerikaner nicht Menschen aller Hautfarben, aller Nationen? Waren sie nicht genauso „Bastarde“ wie er selbst? War es hier nicht egal, woher man kam, wie man aussah?

Um so derber war der Schock der Realität. Keineswegs wurde er willkommen geheißen, er stieß überall auf Ablehnung, niemand zögerte, auf ihn zu schießen, sobald er auftauchte. Gewisse Sprachschwierigkeiten und das Überraschungsmoment, das immer ins Spiel kam, wenn er gesehen wurde, taten ihr übriges..

Georgia gehört zum Süden der USA, Boyle porträtiert die Bewohner dieser Gegend fast durchgängig als halbdebile Hinterwäldler, die einen kaum verständlichen Kauderwelsch von sich geben (…. „Nargn wargn, dröde schmitt“ sagte der Sheriff gerade. …). Im krassen Gegensatz dazu steht der isolierte Kosmos der Künstlerkolonie, die auf der Insel ansässig ist: „Thanatopsis“ [4]. Hier herrscht der intellektuelle Geist von Menschen, die der realen Welt zeitweise entflohen sind und bei denen alles um sich selbst kreist, interne Eifersuchtsdramen (besonders künstlerisch motivierte) eingeschlossen. Die Hauptperson dieses Handlungsstranges, in dem Boyle das Biotop des Schriftstellertums seziert (dem er ja selbst angehört), ist eine gewisse Ruth „La Dershowitz„, eine trotz ihrer vierunddreißig Lebensjahre ewig Neunundzwanzigjährige, die mit gnadenloser Nichtbegabung fürs Poetische gesegnet ist, die jedoch im Gegensatz dazu das handfestere Kopfkissenspiel mit Saxby, dem Sohn der spendablen Spirita rector der Kolonie, Septima Lights, durchaus und mit Engagement zu geniessen weiß.

Es kommt wie es kommen muss: die beiden, Hiro und Ruth, treffen aufeinander, weil sie Hiro erwischt, wie er das Mittagessen, das jeweils in die verstreut liegenden Studios der Künstler gebracht wird, stiehlt. Er dauert sie, so zerschunden wie er ist mit seinen Schrunden am ganzen Körper, so abgemagert, mit den unsteten, angsterfüllten Augen… und nach Prinzip des Jodeldiploms („Da hat man dann was eigenes!“) gelingt es ihr, sein Vertrauen zu erringen und ihn bei sich anzusiedeln. Hiro wird zu einer Art Haustier für sie, einen Status, den er durchaus realisiert. Aber welche Wahl hat er schon? So kam es letztlich, daß er auf dem schmalen, unbequemen Sofa einer amerikajin zu liegen kam und die Erkenntnis in ihm reifte, daß in Amerika, wo alle Menschen gajin waren und niemand etwas auf Jōchō gab, er einen neuen Kodex, eine neue Lebensregel finden müsse…

So fremd wie die amerikanische Kultur dem Japaner ist, so fremd war der Japaner den Amerikanern. Nicht nur die eingeborene Bevölkerung auf der Insel hatte ihre Probleme, auch die Beamten der Einwanderungsbehörde. Deren Fachmann für´s Urwäldlerische, ein ehemaliger Vietnamkämpfer, versuchte den Japsen ähhh.. Japaner mit Donna Summer Discosongs aus dem Sumpf zu locken. Als diese Kampfbeschallung nichts fruchtete, wird versucht, ihn mit bunten T-Shirts zu ködern…. nicht viel anders, als man weiland die Indianer mit Perlen übers Ohr gehauen hatte…

Amerika ist Kampf, ein Kampf jeder gegen jeden, aber nicht mit der philosophischen Erhöhung, die der Japaner in seiner Philosophie des Bushido erreicht hat. Hier geht es nur um´s Siegen, wie ist egal. , So wird schon in der Eingangsszene versucht, Hiro mit dem Boot zu überfahren, später werden die Hunde auf ihn gehetzt und es wird aus allen Rohren auf die gelbe Gefahr geballert – so man sie vor die Flinte bekommt…

Im Kreis der Schriftsteller ist es kaum besser. Hier wird intrigiert und die Konkurrenz madig gemacht, hier erscheint man schon mal im Schlafanzug zur Lesung der Konkurrentin, um kund zu tun, was man von deren Elaborat hält…. man setzt sich in Szene, die Eitelkeit feiert Triumphe und das Aufbrezeln vorm Spiegel ist mindestens genauso wichtig wie der Text, der den Kollegen in der Lesung präsentiert werden soll…

Der Samurai von Savannah, Hiro, geht seinen Weg. Immer wieder gelingt es ihm, seinen Häschern zu entkommen, einen Haken zu schlagen. Aber es sind Phyrrussiege, die ihn immer weiter in den Sumpf treiben, wo sich Mosquitos, Schnaken, Zecken, Milben, Bremsen, Fliegen, Egel, Würmer, Schlangen, Spinnen, Wanzen, Krokodile – um nur einige der sichtbaren Quälgeister zu nennen (daneben gibt es ja noch den Kosmos der Bakterien, der Amöben und was dem Herrn seinerzeit in dieser Art zur kreieren noch gefallen hatte…) die ihm die Nahrung streitig machen, sich an ihm festbeissen, festsaugen, festkrallen, festhalten, in ihn eindringen, ihn mit Schleim überziehen, mit Unrat und Schmutz, kurz: die sich über die Abwechselung freuen, die er, ein neues Biotop für sie, ihnen bietet…..

Sein Ziel, die „Stadt der brüderlichen Liebe“ erreicht er nicht sowenig wie er seinen Vater, von dem er praktisch ja nichts weiß, gefunden hat. Ihm dürfte klar geworden sein, daß dies beides  Hirngespinste waren. So bleibt ihm nur der Weg des Samurais, von diesem Weg kann ihn auch keiner abhalten, unter anderem, weil Amerikaner sich nicht vorstellen können, daß jemand seine Ideale so konsequent verfolgt. Hiro, der anfänglich glaubte, seine japanischen Ideale wären für Amerika untauglich, findet zurück zu dem, was er als seine geistige Heimat erkannt hat. Amerika hat sich für ihn als Seifenblase erwiesen: groß, schillernd, vielversprechend und aus der Entfernung schön anzuschauen, aber hohl und wenn man ihr zu nahe kommt, platzt sie.

Ist Hiro am Ende des Romans, am Ende der Handlung also authentisch geworden in Einstellung und Handlung, so verkörpert sein weibliches Pendant, Ruth, genau das Gegenteil. Sie ist – bis auf eine Ausnahme – nicht authentisch, sie nimmt Rollen an, die sie spielt: sie spielt die Schriftstellerin, sie spielt am Schluss auch die Journalistin so wie sie vorher die barmherzige Samariterin gespielt hat, um Hiro für eigene Zwecke auszunutzen.


Boyle kann schreiben, fürwahr! Was ein Feuerwerk an Handlung, an Ereignissen, an Skurrilem auch. Und immer noch geht es weiter, mag der Held auch noch so tief in der Sch**sse stecken, Boyle weist ihm einen Ausweg – noch tiefer hinein. Und Hiro nimmt den Ausweg, was soll er auch machen? Die Hoffnung stirbt zuletzt…. Es ist farbig, anschaulich, beklemmend, juckreizerweckend wenn Boyle den Sumpf beschreibt: Alles west vor sich hin, alles brodelt, zerfällt, zerfließt. Hier existiert alles nur, um das Elend des Daseins zu unterstreichen. Was hier kreucht und fleucht, frisst sich gegenseitig, scheisst und pisst auf den Bäumen, im Schleim und im Schlamm und auf den schwimmenden Torfrasen, sie triefen vor Sperma und vergraben ihre Eier, sie kratzen und beschnüffeln sich, sie stinken und kreischen und jaulen in jeder Minute an jedem Tag ihres Lebens daß es überall von ihren Schreien wiederhallt wie in einem Höllenzoo. Der Kritikerin der ZEIT schien dies seinerzeit so perfekt formuliert und konstruiert, daß sie vor ihrer eigenen Courage, das toll zu finden, Angst bekam und befürchtete, hier könne Schein mit Sein verwechselt werden, Effekt mit Inhalt, Literatur mit Werbegrafik [6]….

…sei es drum, auch Sichterman relativiert ihre Skepsis ja gleich wieder: Boyle ist einfach ein gnadenlos guter Erzähler und da man weiß, daß er kein Liebhaber des Happy-Ends ist, kommt man auch garnicht erst auf falsche Gedanken bei so einer Menschenjagd….

Links und Anmerkungen:

[1] Deutschsprachige Webseite von Boyle: http://www.tc-boyle.de
[2] –
[3] siehe zum Beispiel: Okefenokee National Wildlife Refuge: http://www.fws.gov/refuge/okefenokee/
[4] zu Herkunft und Bedeutung des Namens siehe hier:  https://en.wikipedia.org/wiki/Thanatopsis
[5] Wiki-Seite zu Yamamoto Jōchō:  https://de.wikipedia.org/wiki/Yamamoto_Tsunetomo bzw.
dem Hagakurehttps://de.wikipedia.org/wiki/Hagakure
oder http://wiki.samurai-archives.com/index.php?title=Jocho
[6] Barbara Sichtermann: Samurai im Zombie-Zirkus, in: http://www.zeit.de/1992/41/samurai-im-zombie-zirkus/komplettansicht

Mehr von Boyle hier im Blog:

Grün ist die Hoffnung
Talk Talk
Tod durch Ertrinken
Wassermusik
Zähne und Klauen
Hart auf Hart

Die Zitate [grün] sind grammatikalisch zum Teil dem Textfluss angepasst.

T.C. Boyle
Der Samurai von Savannah
aus dem Amerikanischen von Werner Richter
Originalausgabe: East is East, NY, 1990
diese Ausgabe: dtv Jubiläumsedition 2011, Softcover, ca. 465 S., 2011

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2 Responses to “T.C. Boyle: Der Samurai von Savannah”

  1. rotherbaron Says:

    T.C. Boyle immer wieder gern gelesen….

    Gefällt 1 Person


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