Stig Dagerman: Deutscher Herbst `46

7. Juni 2015

Stig Dagerman [1] wurde 1923 in einem kleinen Dorf ca. 170 km nördlich von Stockholm geboren. Schon früh heimste er mit seinen Roman Die Schlange, in dem er über die Barbarei des Krieges und über seine eigenen Erfahrungen im Militärdienst schreibt, literarischen Ruhm ein. So wird er im Herbst 1946 Auftrag der Zeitung „Expressen“ nach Deutschland geschickt, um von dort aus über die Verhältnisse im Jahr 1 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu berichten. Ergebnis dieser Reise ist dieses Büchlein, das in dreizehn Kapiteln über Aspekte des täglichen (Über)Lebens im zerstörten Deutschland berichtet und versucht, diese in den größeren politischen Zusammenhang einer sich neu konstituierenden politischen Landschaft in Deutschland zu stellen. Die Texte sind im (zeitungsgemäßen) Stil von Reportagen gehalten, die sowohl einfach schildern und beschreiben, die sich aber auch um Deutungen bemühen. Für uns heute ist es naturgemäß interessant, diese zeitnahen Deutungen in Bezug zu setzen zu dem, was sich dann tatsächlich (oder auch nicht) ereignet hat.

dagermann herbst cover

Diese Fahrt durch das am Boden liegende Deutschland führte Dagerman insbesondere in die Städte. Essen, Hamburg, Berlin, München, Frankfurt oder Stuttgart waren die Ziele, er machte aber auch Abstecher in äußerlich viel weniger im Mitleidenschaft gezogene ländliche Regionen.

Der Herbst 1946 (noch ahnte niemand, was im kommenden Winter auf die Menschen zukommen sollte) war regenreich, das Ruhrgebiet schien unter Wasser zu stehen, die Keller waren voll gelaufen, die Menschen, die dort hausten, standen knöcheltief in der Brühe. Nasses Holz sollte die Höhlen wärmen, die Kinder wurden zum Besorgen von Nahrungsmitteln, sprich „Stehlen“ [3] nach draußen geschickt, Kartoffeln (das Hauptnahrungsmittel) klauen vor einem Schulunterricht, der den Namen nicht verdient. Die Bahnhöfe voll von Übersiedler und Flüchtlingen aus dem Osten, die hier keiner brauchte und keiner wollte, die einzig als Objekt und Blitzableiter für die allgemeine Wut gut waren.

War es unter Hitler besser? Die Antwort lautet „Ja“ und Dagerman bemüht sich, auch seinen Kollegen gegenüber, dies zu relativieren. Diese Antwort sei keineswegs ein Zeichen eines neuen (oder noch alten) Nazismus: habe man unter Hitler fünf Scheiben Brot am Tag gehabt und jetzt nur noch zwei, dann sei es für die Leute in der Tat unter Hitler besser gewesen… Hunger ist kontraproduktiv für die Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens, dies ein immer wieder auftauchender Vorwurf an die Besatzungsmächte, daß sie die äußeren Bedingungen, unter denen sich demokratische Gesinnung entwickeln kann, kaum fördern. Eine Feststellung, die auch heutzutage kaum von ihrer Relevanz eingebüßt hat, wie bittere Erfahrungen gezeigt haben. Immerhin aber hatten die Amerikaner deutschen Jugendlichen schon mal Basketball beigebracht….

Wie eine Gesellschaft, deren moralischer Status (z.T. durch die normative Kraft des Faktischen) so gesunken ist (Stehlen von Nahrungsmitteln, Schwarzhandel, Prostitution, Schieberei, Diebstähle) wie bei den Deutschen, eine Zukunft haben kann, ist ebenfalls eine immer wieder kehrende Frage Dagermans. Zusätzlich konstatiert er einen herrschenden Hass zwischen den Generationen und verschiedenen Bevölkerungsgruppen: die Bauern und die Stadtbevölkerung sind sich nicht grün, die Jungen werfen den Alten vor, sie haben nichts getan, um den Zusammenbruch der alten Demokratie zu verhindern, umgekehrt glauben die Alten, daß den Jungen, die unter dem Hakenkreuz groß geworden sind, nicht zu trauen ist….. Dagerman gebraucht den Begriff der „Lost Generation“ für die Heranwachsenden.

Eine Klassengesellschaft hatte sich in diesen Monaten nach Kriegsende etabliert: die Armen, die Ärmsten – und die, die immer oben schwimmen….

Bayern ist viel weniger zerstört als andere Landesteile es sind. Trotzdem weist die bayerische Regierung Nicht-Bayern aus und schickt sie in Güterzüge gepresst nach Norden. Dort stehen diese dann, da sie nicht angemeldet sind und schon für die eigentlichen Einwohner der Städte weder ausreichend Wohraum noch Essen vorhanden ist, tagelang auf irgendwelchen Abstellgleisen herum. Die Waggons, in denen die Abgeschobenen warten müssen, haben undichte Dächer, für Güter, die wasserempfindlich sind, sind sie ungeeignet, für Menschen jedoch nicht….

In München besucht Dagerman eine Veranstaltung, auf der „Dr. Schumacher“ [Kurt Schumacher, Vorsitzender der SPD von ´46 – ´52, vgl. 3] spricht und er analysiert die Rolle, die dieser und seine Partei, die SPD, spielen. Auch hier ist eine Menge Skepsis zu spüren… Nach Dagerman erntet jede Partei, die sich auf die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen fixiert (so zeigen viele Wahlplakate 1946 Motiv aus dem landwirtschaftlichen Bereich (Obstkörbe, Brot, Ähren) zeigen), Zustimmung – weitgehend unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung.

Wurde die Chance für eine Revolution direkt nach dem Krieg versäumt? Die ´45 zurückkehrende Soldaten wären zur Abrechnung mit dem Hitlerregime bereit gewesen, ebenso die aus den Konzentrationslagern Befreiten, in den Großstädten hätte es starke antinazistische Aktionsgruppen gegeben, die gegen die Nazis lokale Bürgerkriege führten – über das ganze Frühjahr ´45 hin – so ein Stimmungsbild aus dieser Zeit.

Bahnfahren in Deutschland.. fünfundzwanzig Personen in Abteilen für acht Personen…. Dunkelabteile: die fehlenden Fenster sind mit Brettern vernagelt… tragische Schicksale an Bahnhöfen, Fahrgäste, die sich auf Puffern niederlassen oder auf den Dächern der Wagen….

Auf dem Land sind weniger Zerstörungen festzustellen, hier sind die „Schäden“ eher im Inneren der Menschen zu finden: Dagermann stellt Verrohung der Sitten schon bei Kindern fest. Krieg und Tod waren ihr normales Umfeld…

Zusammenfassend zeigt sich in diesen Momentaufnahmen aus einem schuldig gewordenen, zerstörten und politisch zerschlagenen, einem hungernden und leidenden Land, daß dessen Zukunft noch keineswegs absehbar war. Weitsichtig beklagt der Autor, daß die Siegermächte (im wesentlichen bezieht er sich auf die Engländer und Amerikaner) zu wenig vorausschauend agieren, zu sehr von Vergeltung geprägt waren („warum sollte man den Deutschen helfen, etwas in drei Jahren wieder aufzubauen, wenn es auch dreißig Jahre dauern könnte“  dem Sinne nach wiedergegeben), um konstruktiv zu wirken. Nicht der Aufbau und Neubeginn war zu dieser primäres Ziel der Sieger, sondern das Auskosten des Sieges – inclusive Demontage, ungeachtet der Tatsache, daß die demontierten Sachen in den Häfen vor sich hinlagerten und -rosteten….. und das Ziel der Deutschen? Die Massen hatten genug damit zu tun, zu überleben: wenn Moral und Hunger gegeneinander antreten, gewinnt meist der Hunger und die Moral bleibt auf der Strecke.

Deutscher Herbst ´46 ist nach keineswegs veraltet oder irrelevant geworden – im Gegenteil: die Reportagen Dagermans bieten neben und durch Informationen nach wie vor breiten Stoff zur Diskussion und zur Analyse der Ausgangsbedingungen, aus denen unser heutiges Deutschland entstanden ist. Da Dagerman quasi als Journalist und Reporter unterwegs war, sind seine Text gut lesbar und wären auch als Schulstoff für den entsprechenden Themenkatalog sehr gut geeignet.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Stig Dagerman:  http://de.wikipedia.org/wiki/Stig_Dagerman
vgl auch hier zur Lebensgeschichte:  http://www.kat.ch/bm/s_dager0.htm
und zur Werksgeschichte:  http://readme.readmedia.com/A-celebration-of-the-work-of-Swedish-author-Stig-Dagerman-to-be-held-at-UAlbany-October-25-2013/7379631
[2] zum Wetter im Herbst 1946 habe ich (auf den ersten Blick) nicht allzuviel gefunden, die meisten Fundstellen erinnern an den extrem kalten (Hunger)Winter 1946/47. Diese kleine Notiz in der Münsterland-Zeitung bestätigt jedenfalls Dagermans Hinweis auf die Überschwemmungen im Herbst dieses Nachkriegsjahres, die er im Ruhrgebiet erlebte:  http://www.muensterlandzeitung.de/staedte/heek/Als-das-Dorf-unter-Wasser-stand;art963,795657
[
3] der Begriff „fringsen“ wurde erst ein paar Wochen später geboren…
[4] Wiki-Beitrag zu Kurt Schumacher:  http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Schumacher
[5] Bilder aus dieser Nachkriegszeit gibt es natürlich auch… z.B. bei Tony Vaccaro: Entering Germany;  https://radiergummi.wordpress.com/2009/01/07/nachkriegsdeutschland-bis-wirtschaftswunder/

Stig Dagerman
Deutscher Herbst `46
Aus dem Schwedischen übersetzt von Günter Barudio
Originalausgabe: Tysk Höst, Stockholm 1947

diese Ausgabe: Hohenheim-Verlag (Edition Maschke), HC, ca. 165 S., 1981; mit einem Nachwort des Übersetzers

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2 Responses to “Stig Dagerman: Deutscher Herbst `46”


  1. Diese Reportagen scheinen eine sehr gute Ergänzung zu dem Roman von Heinz Rein in „Finale Berlin“ zu sein, wenn man sich mit Deutschland unmittelbar nach dem Krieg beschäftigen möchte. Danke für die ausführliche Rezension!

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    • flattersatz Says:

      .. aber gerne, liebe kirsten! ;-) … und dir ein danke für den buchtipp! ich schau mir das gleich mal an. du erinnerst mich übrigens an eine andere buchvorstellung von mir hier.. die ergänze ich noch im text!

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