Matthias Jügler: Raubfischen

raubfischen

Jüglers Roman Raubfischen ist ein kleines, stilles, ein unaufgeregtes Buch. Es erzählt einen Ausschnitt aus einer Familiengeschichte, dessen Beginn man auf das Jahr 1993 festlegen kann: in diesem Jahr fahren Hannes und Lotte nach Schweden, um sich dort eine Hütte zu kaufen. In der Nähe von Gislaved in Südschweden werden sie fündig, eine kleine Hütte an einem kleinen See, sie lernen den Nachbarn kennen, der Åge heißt und ein Riese ist von Mann, sie sind überzeugt, das Richtige getan zu haben und haben doch ihre Zweifel….

Sie sind anscheinend oft in der Hütte, der Mann fährt auf den See und angelt dort, es gibt Hechte dort, Karauschen, Karpfen, Plötzen – wir lernen aus dem Buch vielleicht nicht gerade das Angeln, aber wir lesen eine Menge daüber, einige der durchweg kurzen Kapitel beschreiben detailliert die Vorbereitung der Ausrüstung, die zu treffen ist, bevor man sich auf den See begibt, die Art und Weise, wie die Angel zu handhaben ist…. andere Passagen wiederum versetzen sich in das Fühlen der Fische hinein…

Jügler erzählt uns die Geschichten im Wesentlichen aus der Sicht Daniels, den Enkels. Er darf bald mit nach Schweden in diesen Rückzugsort fahren, es bildet sich eine innige Beziehung zum Opa heraus, der ihn zum Angeln mitnimmt, ihn anlernt. Doch schon wenige Jahre später zeigt sich ein Riss in diesem naturidyllischen Rückzugsort, die Oma fährt nicht mit, mus angeblich das heimische Haus bewachen, daß keine Einbrecher kommen. Und auch das Verhältnis zum Nachbarn scheint gestört, der Opa redet mit diesem Mann, mit Åge, nicht mehr, auch Daniel wird der Kontakt verboten. Aber Daniel wäre kein Junge, wenn er nicht trotzdem mit Henrik, dem Sohn Åges spielen würde, in späteren Jahren. Von ihm lernt er eine andere Methode des Fischens… erfährt Opa davon, bestraft er den Jungen. Auch Oma ist jetzt wieder mit in Schweden, sie hält zu Daniel, der sich aber zunehmen „bockig“ zeigt..

An seinem Geburtstag, dem sechszehnten, bekommt Daniel einen Anruf von Opa aus Schweden. Seltsam gestört scheint die Leitung zu sein, nicht alles, was Opa sagt, ist zu verstehen… So erfährt der Junge schließlich, daß sein Großvater krank ist und an ALS leidet. Zusammen mit seiner Mutter versucht er, sich über diese Krankheit zu informieren, dem Schrecken durch Wissen Einhalt zu gebieten, die Hoffnung auf Heilung oder zumindest Besserung durch entsprechende Nachrichten über neue Medikament u.ä. zu nähren.

Jügler beschreibt diese Annähung an die schreckliche Wirklichkeit der Krankheit ALS im ersten Teil seines Romans. Den zunehmenden Verfall des Großvaters, der immer größer Probleme bekommt, mit den Dingen des Alltags fertig zu werden: aus einer Tasse zu trinken, sich durch die Wohnung zu bewegen, ohne zu stolpern, anzuecken oder sich zu stoßen… das Essen wird schwierig, die Gefahr, daß er sich verschluckt, wird immer größer… das Sprechen immer unverständlicher: Vergesslicher Mann ist schlimm krank, vergisst Krankheit, Krankheit schlimm eingeschnappt, vergisst vergesslichen Mann. Gut, oder? Es ist das einzige Mal, daß Großvater selbst von seiner Erkrankung redet. Bald muss ein Sprachcomputer helfen, der die Kommunikation auf Ein-Wort-Sätze reduziert, immerhin….. dann muss man auf Codes über das Zwinkern mit den Augen ausweichen. Später dann versucht sich Daniel an das letzte Wort zu erinnern, das Opa geredet hat…. Das Atmen… auch das muss überwacht und unterstützt werden…. Es ist ein wacher, funktionierende Geist, der zunehmens in einem versagenden, zusammenbrechenden Körper eingesperrt wird. Die ketzerische Frage steht im Raum, ob es umgekehrt nicht sogar „besser“ ist…. Familienprobleme treten auf… so eine Erkrankung ist für die gesamte Familie eine Belastung, nicht jede hält ihr stand…

Im zweiten Teil seiner Geschichte wechselt Jügler das Thema. Nicht mehr dir Erkrankung des Großvaters und die Reaktion der Familie darauf stehen im Mittelpunkt, sondern der letzte Wunsch des Opas, den Daniel ihm in einem „kühnen“ Plan erfüllt. Es ist ein wenig wie „Knocking on Heaven´s Door“, was Jügler hier schildert, eine anrührende Enkel/Großvater-Kiste, bei der andere Faktoren als medizinische/pflegerische Vernunft ausschlaggebend und entscheidend sind. Der Autor nutzt dies ebenso, uns in Rückblenden Teile der Familiengeschichte zu erzählen, so daß sich zum Schluss für den Leser ein kleines Bild aus den diversen Puzzleteilen der Handlung ergibt.

Der Roman hat kein wirkliches Ende, Jügler beschließt seine Geschichte sozusagen auf ihrem Höhepunkt, dem Moment nämlich, an dem es Daniel gelingt, Opas tiefsten Wunsch umzusetzen. Es ist wie der Sonnenuntergang, in den die Helden reiten, ohne daß man weiß, was ihnen am nächsten Tag droht oder auch winkt….


ALS [3] ist eine recht seltene, aber sehr schwere Erkrankung durch irreversible Schädigung von Nervenzellen. Der bekannteste ALS-Patient dürfte wohl der Physiker Stephen Hawking sein, durch den dieses Krankheitsbild auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gewordenen ist. Jügler schildet sie hier mit ihren Symptomen und wesentlichen Auswirkungen für die Betroffenen – und dies ist nicht nur der Erkrankte, es sind selbstverständlich auch die Angehörigen, die ab einem bestimmten Zeitpunkt auch nicht mehr in der Lage sind, die Pflege und Betreuung zu übernehmen: die Frage nach einer Heimunterbringung steht im Raum: Wir bestimmen einstimmig, daß uns keine andere Wahl bleibt. verbunden mit dem schlechten Gewissen der Angehörigen, den Mängeln auch, die Heime haben, die Trostlosigkeit der Zimmer, sieht man sie bei der „Besichtigung“ und der äußerst deprimierenden Vorstellung, daß dort ab jetzt das Leben dieses Menschen verlaufen wird…..

Seine Schilderungen walzt Jüglers nicht in epischer Breite aus, es sind mehr Momentaufnahmen, Erinnerungsfetzen, manchmal kaum mehr als eine Druckseite, sie sind halbwegs chronologisch angeordnet, aber inhaltlich springt Jügler des öfteren zu anderen Gesichtspunkten seiner Geschichte.

Dieses Erzählprinzip der Rückblenden, der Erinnerungen, des Zurückfindens zur Jetzt-Zeit wendet der Autor auch im zweiten Teil seines Romans an, bis sich – wie schon gesagt – eine Art Familiengeschichte in Bezug auf diese Hütte in Schweden herauskristallisiert hat. Es ist die „Unvernunft“ des jungen Menschen, der vielleicht Situationen (noch) nicht richtig einschätzen kann, der Risiken einzugehen bereit ist, die aber letztlich zu diesem intensiven, intimen Erleben zwischen Großvater und Enkel führt. Wer wollte darüber den Stab brechen?


Jüglers Roman Raubfischen ist auch ein Roman über das Leben mit einer schweren Erkrankung, mehr aber noch ein Roman über eine Familie und vor allem einer über einen Entschluß, entgegen der Vernunft eine Tat großer Mitmenschlichkeit zu wagen. So ist eine Geschichte zustande gekommen, die in ihrer stillen, unaufdringlichen Intensität sehr nachdenklich macht und fesselt.

Links und Anmerkungen:

[1] Website des Autoren: http://www.matthiasjuegler.de
[2] Gislaved: nicht sehr lang, aber immerhin:  http://de.wikipedia.org/wiki/Gislaved
[3] natürlich gibt es eine Menge Informationen zu ALS im Netz, hier eine kurze Übersicht der Deutschen Gesellschaft für Muskelerkrankungen:   https://www.dgm.org/…als

Matthias Jügler
Raubfischen
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag (Blumenbar), HC, 224 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

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2 Kommentare zu „Matthias Jügler: Raubfischen

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