Stig Dagerman: Schwedische Hochzeitsnacht

Hinweis: diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File: https://app.box.com/


 

Stig Dagermann (1923 - 1954) Bildquelle: [B]
Stig Dagermann (1923 – 1954)
Bildquelle: [B]
Stig Dagermann, der  1923 in einem kleinen Dorf ca. 170 km nördlich von Stockholm geboren worden war, kannte das ländliche Leben. Er wuchs, nachdem die Mutter die Familie kurz nach der Geburt verlassen hatte und der Vater wenig Neigung zeigte, sich um ihn zu kümmern, bei den Großeltern in einem armen, kleinbäuerlichen Milieu auf. Trotzdem bezeichnete er selbst seine Kindheit als die einzig glückliche Zeit seines Lebens.

Früh machte Dagerman literarisch auf sich aufmerksam, die Kritik war begeistert. So wurde er nach dem Krieg 1946 für eine Reportage in das zerstörte Nachkriegs-Deutschland geschickt, die Reisebeschreibung Deutscher Herbst war das Ergebnis. Diese Reise, so schreibt Enquist in seinem Vorwort zum Buch, hat Dagerman verändert, offensichtlich hat die deutsche Erfahrung einen inneren Bruch bewirkt, auch sein Schreibstil nähert sich der Wirklichkeit an. Eine analoge Reise, die er durch Frankreich machte, konnte er nicht mehr literarisch fixieren. Bis zu seiner nächsten Veröffentlichung sollte es dann bis 1948 dauern. Die Schwedische Hochzeitsnacht ist sein letzter Roman, er wurde im Jahr 1949 publiziert. Dagermann litt zunehmend unter Schreibblockaden, der Druck wegen nicht eingehaltener Termine für Projekte wächst. Danach gibt es noch Anfänge weiterer Romane, wenige Seiten meist nur im Umfang. Private Probleme kommen dazu, seine Ehe scheitert, Dagerman leidet unter Depressionen. Ende 1954 schließlich tötet Stig Dagerman sich durch Autoabgase in einer Garage, einunddreißig Jahre alt.


dagman - cover

Unser Bedürfnis nach Trost ist unersättlich…

Dagermans Roman Schwedische Hochzeitsnacht überstreicht einen Zeitraum von vierundzwanzig Stunden: es ist der Tag der Hochzeit von Hildur Palm, der jüngsten Tochter eines Bauern mit dem Schlachter Hilmer Westlund, es ist die Zeitspanne von einem Morgen bis zum nächsten. Der Ort der Handlung ist ein (imaginäres ?) Dorf „Fuxe“, das in der Nähe der Stadt Gävle liegt, ca. Hundert Kilometer nördlich von Stockholm (bzw. siebzig Kilometer nördlich von Uppsala), zeitlich reisen wir zurück bis zum Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, eine Jahreszahl, die genannt wird, ist 1937, jahreszeitlich spielt die Geschichte im Hochsommer, der Roggen steht, nächstens feuchtet sich das Gras mit Tau…

Ländliche Idylle eines verklärten, romantischen Schwedens also könne man erwarten, so meint man, doch weit gefehlt, Dagman hat einen Minikosmos von Figuren geschaffen, in denen das aller Beschönigungen entkleidete „Menschsein“ offen gelegt wird: Hass, Liebe, Gier, Neid, Zorn beherrschen die Protagonisten…..

Betrachten wir die Bauernfamilie Palm: der Vater ist die „Schnecke“, die in ihrem Haus sitzt, im ersten Stock, den er konnte es sich leisten, aufzustocken, doch ist ihm diese Etage zum inneren Gefängnis geworden, daß er nicht mehr verlassen will. Aber nun beginnt der Alte zu gehen. Immer um die Kaminsäule herum. Die Filzpantoffeln schlurfen, die Hosenträger schleppen hinterher. Solch einen Vater habe ich. Eine Schnecke, einen menschenscheuen Narren. Der nicht mitgehen will zum Pastor. Der nicht herunterkommen will zur Hochzeit seiner Tochter.  Einzig die Mähmaschine liebt er und die Kuh Kulla, die aber schon längst zum Schlachter gewandert ist, was man ihm aber verheimlicht, krank sei sie und könne nicht auf die Weide und stünde daher im Stall…

Hilma, die Mutter, begibt sich am Vormittag mit einem Korb voller Äpfel zum Armenhaus, dem Haus, in dem die Armen und Alten entsorgt werden, ein Panoptikum gespenstergleicher Gestalten. Dort besucht sie den Sänger, der für eine kurze Zeit von jetzt schon dreißig Jahren dort Aufenthalt hat und unentwegt Briefe schreibt an die Direktoren der Häuser, in denen er noch auftreten will…

Irma ist die ältere Schwester von Hildur, schon fünfunddreißig Jahr alt ist sie, frustriert und aggressiv kneift sie Gunnar und fügt ihm Schmerz zu. Gunnar ist ihr Sohn, den sie hat, ohne daß der Mann dazu da ist, ein Unehelicher, eine Schande, ein Mal für sie und so heiratet nicht sie, sondern die dreiundzwanzigjährige Hildur. Martin, flüstert sie, Martin. und: Was habe ich getan? Hilf Gott, daß es gut geht.

Sie blättert die Zeitung durch und sieht die Hochzeitsanzeige für ihre Schwester und malt selbst eine andere daneben auf das Papier:

Der ehemalige Hilfsarbeiter
Martin Egg
und
die Schneckentochter
Hildur Palm
Zusammenbruch am 18. Juli

Doch man nimmt, was man hat.

Doch auch in Hildurs Gesicht, die ja die Braut ist, spiegelt sich kaum das in einer Zweisamkeit zu erhoffende oder zu erwartende Glück wieder. Noch im Bett liegend hat sie ein Gespräch mit der Mutter: … Aber du weinst dennoch, mein Mädchen. … Westlund ist wohl lieb. Aber du bist klein. Und er ist groß. Du bist jung… Und er ist alt. Fast doppelt so alt wie du. Und hat eine Tochter, die den Kerlen schon nachläuft. Siri. Aber warum nimmst du ihn? – Kriegst du ein Kind, Hildur? Die Frage ist schwer zu stellen. Doch schwerer zu beantworten.

…und es schleicht irgend jemand um´s Haus, klopft an die Fenster, ohne sich zu zeigen…
…und ein weißer Rock verschwindet im beginnenden Tag getragen von Mädchenhacken eilends im Gebüsch vom nahen See….

…und der Bruder Rudolf, der sich in Rullan verguckt hat, aber Rullan ist Bedienung im Café und hat viele Verehrer und scheint nicht alle abzweisen. Rudolf, der den kleinen, buckligen Stein an der Hausecke rundpissen will und dann auf den Kaminsims legen: Das ist eins seiner Ziele im Leben. Und nicht das kleinste.

Bei Sören, dem Knecht, liegt Svea, die Magd Westlunds. Sie liegt nah beim Knecht, spürt seine Rippen so wie die Federn der dünnen Matratze, die Palms dem Knecht gaben. Beim Schlachter liegt sie weicher, so denkt sie, aber sie denkt auch dies über Westlund: Mich siehst du nicht wieder auf dem Rücken liegen. …aber das Kind trägt sie doch schon unter dem Herzen…

In der Scheune sind drei Landstreicher geduldet, die ihre eigene Philosophie haben, die sich selbst die Freiesten dünken, denn sie brauchen keine Rücksicht zu nehmen. Und doch sind sie nicht frei, denn was für eine Freiheit ist dies…, Ivar weiß es, denn sie müssen betteln und sind angewiesen auf die guten Taten der Unfreien.

Westlund ist vieles: Schlachter ist er, Witwer ist er und Vater ist er, aber nur ein Kind hat er mit Frida, seiner verstorbenen Frau, Siri. Wie viele Kinder er anderen Frauen in den Bauch legte, weiß man nicht, zu wie vielen welchen Frauen er sich selbst ins Bett legte, weiß man auch nicht so genau. Von Svea weiß man es, aber auch Rullan soll eine Brosche von ihm bekommen. Westlund ist jemand, der eine Liste mach von Menschen, denen er Gutes getan hat. Zweiundvierzig (!) Namen stehen auf dieser Liste und Westlund kommen die Tränen vor Rührung darüber, wie gut er doch ist…

Heute, am Tag der Hochzeit, hängt er das Bild der verstorbenen Frau ab und sagt Siri, sie bekäme heute eine neue Mutter. Oder – angesichts des geringen Altersunterschiedes – eher eine Freundin? Siri ist´s egal, sie weint der Mutter nach, hängt das Bild, als Westlund weg ist, wieder hin. Siri ist auch jemand derjenigen, die weinen, und wenn man lange genug geweint hat, wird das Weinen zu einem Gesang und sie weiß, es gibt ein Lied, und sie weiß, es gibt feine Gedanken und einen Stern… und Träume hat sie, einen zum Beispiel wie diesen …. einmal einer kommen wird, der nicht zwickt und flucht, sondern andere Hände hat, der eine andere Sprache hat, dessen Schönheit über jeden Verstand erhaben ist. Und dann wird es anders sein, dann wird es andere Zimmer geben, in denen niemand zu schwitzen braucht, wo keiner Pickel auf der Stirn hat, wo keiner nach Schnaps riecht. Der andere beugt sich über die Wiese, sie ist eine Wiese. Sie ist eine große Scheide, sie ist Scheide für einen Säbel. Eines Tages kommt… der blanke Säbel.. um nach der Schlacht in seiner Scheide zu ruhen. Er ist rot von Blut, die Scheide wird bis zum Rand gefüllt, das tut nicht weh.

Noch ahnt sie nicht, daß der, der heute Nacht zu ihr kommt, zwicken wird und fluchen, daß er Pickel hat und auch nach Schnaps riecht und die Erde ihr Blut zur Neigen trinken wird…. und doch: „Du Ärmster, du!“ wird sie zu dem unfreien Freien sagen…

Ein paar Jahre zuvor was Westlund in Amerika, ollreit Baby. Hat sich dort alles angeschaut, das Leben, das andere, genossen. Jetzt ist er wieder Schlachter hier in der Region, aber Konkurrenz ist ihm erwachsen. Simon schlachtet auch, wirbt ihm Kunden ab, fährt das neuere Auto. Simon kommt am Mittag des Hochzeitstages zu Westlund, sie sind keine Feinde. Saufen miteinander. Gründen eine Firma miteinander. Der Glorienschein verwegener Pläne wabert um ihren Stirnen, sie würfeln die Posten in der neuen Firma aus, Simon gewinnt die meisten davon… so muss er mit anderem angeben: „Hallo Rullan“, röhrt er ins Telefon am Tag seiner Hochzeit mit Hildur, „Wie willst du es heute Nacht haben?“ 

… und der alte Landstreicher schreibt ein Gedicht zur Hochzeit doch denkt er bei sich, man sollte ein Gedicht über den Tod schreiben, bevor es zu spät dafür ist….

Die Hochzeit selber läuft kaum harmonischer und friedvoller ab – und doch klärt sich manches auf und findet seine Bestimmung. Alle sind erschienen, sogar die Schnecke ist herunter gekrochen gekommen, frisch gewaschen und eingekleidet von Hildur, der Tochter und Braut, Besuch aus der Stadt ist da, der Selbstgebrannte fließt, angestaute Wut bahnt sich ihren Weg in Prügeleien und dann gehen die Männer Pokern, setzen alles inklusive Hochzeitsring und verlieren alles bis auf die Unterhose an einen..

Sören, der Knecht, geht nach draußen, Mary, die Frau aus der Stadt, folgt ihm, ihr Sinn verlangt das Urwüchsige, Einfache, den Schweinemist an den Stiefeln beispielsweise, ein wenig Schmerz würde ihr gut tun: Das Primitive, das bin ich. Das sind wir alle. Wir, die mittendrin stehen in der Scheiße. Dann lieb uns doch, verdammt noch mal! .. raunzt Sören sie an, aber schon kommt Svea wütend in die Knechtkammer  und reißt das ungleiche Paar auseinander… Sören ist es auf einmal recht, Svea, das weiß er jetzt, Svea ist die, die zu ihm passt, zu ihm gehört, daß das Kind in ihrem Bauch nicht von ihm ist, ist ihm egal, irgend einen Vater muss ein Kind ja schließlich haben: Wir gehören zusammen, ich bin das Pech, und du bist der Schwefel und das Kind spielt keine Rolle.

… und immer wieder schleicht etwas bedrohlich um die Häuser, die Scheune, über den Hof…

Es gibt eine Reinheit bei den Sterbenden,
die uns zum Weinen bringt,
die sie [i.e. Hildur] still und viel weinen läßt.

Der Tod ist allgegenwärtig auf dieser Hochzeitsfeier, er ist gegenwärtig mit dem Sänger, er ist gegenwärtig mit Ville, dem Sohn des Nachbarn, der sich mit dem Böller zum Hochzeitssalut selbst in die Luft sprengen wollte, er ist gegenwärtig in Hägstrom, dem Chauffeur, der sich tot stellt und letztlich erscheint er und nimmt Martin mit, den Mann, der Westlund demütigen wollte, in dem er noch einmal mit Hildur schläft, der eine Woche durchgewandert ist, um rechtzeitig zur Feier zu gelangen, dem Mann, der in der Scheune mit zwei anderen zusammen Unterschlupf gefunden hat: Ich will dich haben. Ich will dich jetzt haben. Jetzt, bevor er…. bedrängt er die Braut… Doch Hildur ruft Hilmer herbei, trotz der Drohung Martins, denn was man nimmt hat man und sie hat Westlund genommen und er sie.

… und am Morgen nach dieser durchzechten, durchsoffenen, durchspielten, durchliebten Nacht schlafen alle, auf der Seite liegend, auf dem Rücken oder hängend, keiner will sie wecken. Ihre Gesichter so lieb, ihre Gedanken nicht böse… Bei Sören schläft Svea und bei Svea bei Sören. Rullan schläft auf Rudolfs Sofa, und Rudolf schläft auf seinem. Die Vagabunden schlafen neben dem Grünfutter…. Gunnar schläft in der Küche und weiß nicht, daß er allein ist, einmal wird er es wissen. Martin schläft auf dem Tisch, mit Dahlien zu seinen Füßen, Irma schläft auf dem Stuhl und träumt, daß er lebt. …..


Die Welt in Dagermans Roman mutet an wie aus einem irrwitzigen Traum, irreal bis surreal verweigern sich die Figuren dem üblichen Verhalten: Der Alte ist verrückt geworden und hat das Fenster zerschlagen, und Mama hat im großen Zimmer den Landstreicher geküsst, und Einohr hat die Mähmaschine über den Haufen gefahren, und Hildur läuft mit Milch umher, die keiner haben will, und Großmutter hat den alten Vagabunden in die Laube gesetzt.. Alle sind verrückt. Und ihr seid es auch. … Es muss die Hölle sein …. denn her wimmelt es von Menschen

Ungeschönt stattet Dagerman seine Figuren mit Gefühlen aus, die fast ausnahmslos negativ sind: Aggression, Angst, Wut, Zorn, sexuelle Frustration, Neid…. sie bestimmen das Leben der Menschen, definieren sie, immer liegt Gewalt in der Luft, es geht auch hier, in der scheinbar so idyllischen Atmosphäre des Dorfes um Macht, die in den Händen weniger konzentriert ist.

Es ist auch das fatalistische Sichfügen in ein Schicksal zu spüren, es ist egal, von wem das Kind ist, das im Leib heranwächst, wenn dies die Frau ist, die ich haben kann, dann nehm´ ich sie: Doch man nimmt, was man hat. Man hat zufrieden zu sein, mit dem, was man bekommen kann… es ist dies die Methode, mit der letztlich alle Protagonisten ein kleines Stück vom Glück bekommen, die Schlussszene zeigt es, alles schläft friedlich mit oder bei dem, der/die zu ihm/ihr gehört. Einzige Martins Begehr blieb unerhört, aber im Tod wird er bewacht noch von Irma…. letztlich wichtig ist, daß man seine Existenz fristen kann, von anderem, besserem mag man träumen, die Realität sieht anders aus.

Westlund als Schlachter und Mann, der in Amerika war, ist was Besseres. Und als „Besserer“ übt er Macht aus über andere Menschen, die Frauen beschläft er, macht ihnen Kinder, die Bauern sind auf ihn als Abnehmer für ihr Vieh angewiesen. Erst Simon rüttelt an dieser Stellung und macht sie ihm streitig. War sich Westlund seiner Macht zu sicher, kümmerte er sich mehr um die Röcke der Frauen als um sein Geschäft? Jedenfalls gelingt es Simon im Morgengrauen noch, im Beritt Westlund noch unter die Bettdecke einer Frau zu schlüpfen… man weiß nicht, welche es ist, es könnte jede sein….

In einer anderen surrealen Szene stehen die Frauen im großen Zimmer unter der Ampel. Siri ist gerade zurückgekommen, nachdem sie mit Ivar geschlafen hat und die Frauen beschließen, das Herz Siris zu untersuchen, schließen es auf, holen es aus ihrer Brust, betrachten es und kommentieren sein Aussehen: Mary legt das Herz behutsam in Hilmas ausgestreckte Hand. „Das war ein kleines,“ sagt Hilma und wiegt es in der Hand. Es kann nicht viel wiegen. Siri steht und schaut auf das Loch, das das Herz hinterließ. Es blutet nicht, nur die Ampel blutet... es gibt einige solcher Sentenzen in der Geschichte, die aus der realen Welt herausfallen, sie transzendieren..

Im Ganzen gesehen ist die Welt, die Dagerman in seinem Roman geschaffen hat, ärmlich, in ihren einfachen Strukturen einzementiert, deprimierend, ohne Hoffnung auf Besserung. Der Krieg, der noch nicht lange zu Ende war (die Erstveröffentlichung des Buches war 1949), lastet noch auf dem Land bzw. dem Autoren und findet in seiner düsteren Stimmung Niederschlag im Text. In den Figuren konzentriert der Autor die dunklen Aspekte des Mensch-Seins, die real existierenden Abhängigkeiten, deren skrupellose Ausnutzung, die unterschwellige Aggression, die bei den Männern immer wieder durchbricht, die sexuelle Frustration der Frauen, die dem Trieb Männern kaum etwas entgegen zu setzen haben. Bezeichnenderweise ist es nur Mary, der Frau aus der Stadt, als einziger gestattet, eigene sexuelle Bedürfnisse zu formulieren und aktiv zu werden…

Romantisches sucht man im Roman vergebens. Die eine oder andere Traumpassage mag man so sehen, in toto aber ist der Text nüchtern, durch die meist kurzen Sätze, die Dagerman formuliert, wirkt er schnörkellos und hart, er geht in expressionistischer Art und Weise häufig auf das Innenleben der Figuren ein. Die Geschichte dieses Hochzeitstages wird in vielen kleinen „Bildern“ erzählt, vor dem inneren Auge entsteht fast so etwas wie ein Theaterstück, man könnte die meisten dieser Szenen sofort auf die Bühne bringen: die schlurfende Schnecke im ersten Stock und die Lauscher im Zimmer darunter, das Gespräch Hildurs mit ihrer Mutter, Irma, die am Morgen erwacht und die Hochzeitsanzeige liest, die Sauferei und das Würfelspiel Westlunds und Simons, das Pokerspiel der Männer in der Hochzeitsnacht, der nächtliche Ausflug von Ivar und Mary, die Vagabunden in der Scheune…. um nur wenige Beispiele zu nennen.


Das Buch selbst ist – wie alle Bände der „Die Andere Bibliothek“ – ein Schmuckstück. Schon die Banderole mit ihrem Schneebild (obwohl dies eigentlich nicht zum Roman passt, der ja im Sommer spielt) vermittelt den Eindruck von Kälte und Einsamkeit. Das Buch in die Hand zu nehmen, zu berühren, ist ein haptisches Vergnügen: es liegt schwer in der Hand, hat sein Gewicht, das mit Spitze kaschierte Glanzpapier ist reliefartig strukturiert und schmeichelt den Fingerspitzen, die darüber hinweggleiten… so möchte ich das Buch trotz des weitgehend düsteren Inhalts (aber wer hätte schon einmal was von „schwedischem Humor“ reden gehört?) jedem, der Bücher mag und lesen liebt, ans Herz legen…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Stig Dagerman:  http://de.wikipedia.org/wiki/Stig_Dagerman
vgl auch hier zur Lebensgeschichte:  http://www.kat.ch/bm/s_dager0.htm
und zur Werksgeschichte:  http://readme.readmedia.com/A-celebration-of-the-work-of-Swedish-author-Stig-Dagerman-to-be-held-at-UAlbany-October-25-2013/7379631

[B]ildquelle: Portraits: http://readme.readmedia.com/A-celebration-of-the-work-of-Swedish-author-Stig-Dagerman-to-be-held-at-UAlbany-October-25-2013/7379631

Hinweis: diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File: https://app.box.com/

Stig Dagerman
Schwedische Hochzeitsnacht
Mit einem Vorwort von Per Olov Enquist (Übersetzt von Wolfgang Butt)
Übersetzt aus dem Schwedischen von Herbert. G. Hegedo
Originalausgabe: Bröllopsbesvär, 1949
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek Band 304),  HC, ca. 288 S., 2010

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s