Donna Leon: Himmlische Juwelen

17. Mai 2015

Donna Leon, die bekannte amerikanische, in Venedig lebende Autorin, sucht man – sofern man sucht – in meinem Blog bisher vergebens. Bekannt vor allem durch ihre Krimis mit Commissario Brunetti (die auch teilweise mit großem Erfolg verfilmt wurden) fällt die Autorin einfach nicht in mein Beuteschema: Krimis und ähnliche Kost sind die letzten Jahre Raritäten auf aus.gelesen… Daß Leon jetzt doch hier Niederschlag findet, ist meinem Lesekreis (ihm sei auch an dieser Stelle für die Diskussion gedankt, die hier Niederschlag gefunden hat….) geschuldet, der mir unter eindringlicher Beteuerung: „Es ist kein Krimi!“ das Lesen des Romans Himmlische Juwelen auf´s Auge gedrückt hat.

steffani cover

Himmlische Juwelen also… die Handlung – sofern man das Hinplätschern der Aktivitäten der Akteure so nennen will – spielt ebenso in Venedig, der wohl gar nicht so heimlichen Liebe der Autorin. Caterina Pellegrini ist so um die dreißig Jahre alt, eine in Wien promovierte Musikwissenschaftlerin auf steter Suche nach einer Anstellung hat ein Angebot aus ihrer Heimatstadt, ein etwas obskures zwar, aber immerhin so verlockend, daß sie das ungeliebte Manchester, wo sie im Moment an der Uni angestellt ist, mit Freuden Richtung Süden verläßt. Dies also neben Venedig die zweite Liebe der Autorin, die sich hier im Roman ausdrückt: die Liebe zur Barockmusik.

Zwei unsympathische, von wirtschaftskrimineller Energie nicht ganz verschonte Herren, die miteinander cousiniert sind, sich aber gegenseitig nicht über den Weg trauen, suchten über einen Anwalt eine Wissenschaftlerin, die den Inhalt zweier obskurer Truhen sichtet, in deren Besitz die beiden Cousins, Franco Scapinelli und Umberto Stievani, gekommen sind. Wie, weiß man nicht so genau, jedenfalls sind sie, dies ist wohl belegbar, entfernte Nachkommen des Erblassers. Wem allerdings die Truhen einst gehörten, bleibt Caterina vorerst verschlossen, sie soll dies erst erfahren, wenn sie den Vertrag unterschrieben und mit der Arbeit begonnen hat. Ihre Aufgabe ist es vor allem, zu klären, ob der vormalige Besitzer der Truhen Festlegungen bezüglich der Erbschaft getroffen hat. Und natürlich, inwieweit Wertvolles, vielleicht sogar ein Schatz, in diesem Vermächtnis zu finden sei.

Caterinas zukünftiger bzw. nach Unterzeichnung sofortiger Arbeitsplatz ist eine offensichtlich dem Tode geweihte Stiftung mit dem klangvollen Namen Foundazione Musicale Italo-Tedesca, die jedoch gerade noch über eine Sekretärin, Roseanna, die gleichzeitig auch die Vertretung des abhanden gekommenen Vorsitzenden übernimmt, ein paar Stühle in ansonsten fast leeren Räumen und eine mechanische Schreibmaschine verfügt. Ach ja, natürlich, einen Tresor gibt es auch, in dem sich nämlich die Truhen befinden….

Damit sind die Zutaten des literarischen Mahls in etwa aufgezählt, es könnte jetzt also in die Vollen gehen oder – um im Stil der Zeit zu bleiben – in media res. Geht es auch, aber in welchem Tempo…. Die Truhen werden in Anwesenheit der Genannten geöffnet (Fotos oder andere Dokumentationen zur Fixierung des Status ante werden nicht gemacht – geschenkt), kurz gesichtet (augenscheinlich enthalten sie Dokumente und Briefe) und dann kann Caterina an die Arbeit gehen….

Daß die Truhen einem heutzutage fast vergessenem, seinerzeit aber berühmten Musiker und Komponisten gehörten, nämlich einem gewissen Agostino Steffani ( 1654 Venetien – 1728 Frankfurt a.M., [1], hatte Caterina, die Kluge schon vorher aus Indizien geschlussfolgert, nun ja: Fachfrau eben, eine Folgerung, die sich als zutreffend erwies. Dieser Steffani war eine interessane Figur, in Italien geboren verbrachte er aber große Teile seines Lebens in Deutschland, anfangs in München, später dann vor allem am Welfenhof in Hannover. Außer Musiker zu sein stand er auch in Diensten der Kirche, hatte später sogar den Rang eines Bischofs inne und war in diplomatischen Missionen im Norden Deutschlands unterwegs mit dem hehren Ziel, die Abtrünnigen wieder in den Schoß der katholischen Kirche heimzuführen.

Dies alles und noch viel mehr recherchiert Caterina aus den aufgefundenen Dokumenten und in der örtlichen Bibliothek, auch ihre Schwester Christina, die dereinst der Welt entsagt hatte und als Nonne in ein Kloster gegangen war, wird eingeschaltet, geht es doch auch und gerade um kirchliche Fragen und ist Christina als Historikerin trotz ihres Nonnenstatus durchaus weltlich als Professorin in Tübingen tätig….

Aber Caterina ist nicht nur Rechercheuse, sondern auch eine Frau aus Fleisch und Blut und Andrea – oh, entschuldigung, ich bin zu schnell, noch ist man beim „Sie“, aber nicht lange, also: Dottore Moretti, Anwalt, in seinen gepflegten, distinguierten Anzügen und der gewählten Sprache weckt leise .. tja, wie soll man sagen? Gefühle in ihr? Neugier und Fantasien, das passt und beim Abendessen ist man schnell beim Du: jetzt also Andrea. Nach Hause geht Caterina aber allein, insofern ist dieser Roman auch für Kinder unter 14 geeignet, soweit sie trotz des enormen Spannungsbogens bei der Lektüre mittlerweile nicht schon eingeschlafen sind….

Agostino Steffani, 1654–1728 Bildquelle [B]

Agostino Steffani, 1654–1728
Bildquelle [B]

Am Welfenhof zur Zeit Steffanis gibt es Mät- und Interessen, gibt es  Intrigen, kommt es zu Skandalen, verschwinden Menschen, werden Killer bezahlt. Zumindest macht es den Eindruck und die Frage ist: was hat der auf den wenigen Bilder oft so schwammig (O-Ton Caterina) schauende Steffani damit zu tun? Ha, für das Aufgedunsene findet Caterina bald eine Erklärung: er wird in einem der Briefe als „musico“ bezeichnet, eine Umschreibung dafür, daß ihm seine eigenen Juwelen (himmlisch hin oder her) in früher Jugend genommen worden sind – der Stimme wegen… [2]

Derart dümpelt die Handlung zwischen kirchen-, musik- und welfengeschichtlichen Exkursionen Kapitel für Kapitel vor sich hin. Das Aufregendste ist noch, daß sich Caterina aus Panik und Angst in ihre Kloschüssel übergeben muss, nachdem sie auf dem Nachhauseweg des Abends gemerkt hatte, daß ein junger Mann ihr folgte. Aber gar nicht faul und schon fast mafiös in Art und Gesinnung, schickt sie ihm den Schwager auf den Hals, einen …. nun ja, sagen wir: tapsigen Mann von bärigen Ausmassen, von dem zwar wie geplant, den Verfolger völlig einschüchtert ist, der selber aber vor Mitleid mit dem zitternden Mann zerfließt…

… und auch Dottore Moretti, ´tschuldigung, Andrea, verliert an Reiz, weil nämlich herauskommt, daß auch er wohl eigene Interessen in diesem Fall verfolgt…. Nix mehr viel Amore, habe fertig, Flasche leer….

.. aber Donna Leon ist ein guter Mensch, sie hat Mitleid mit uns und so stolpert Caterina schließlich im buchstäblichen Sinn in die Lösung des Rätsels, sofern es eins war. Das verrate ich jetzt natürlich nicht, und auch nicht die Lösung und auch Caterina wird das nicht machen, denn wie deus ex machina (der Autorin ist offensichtlich aufgefallen, daß ihr Roman am Ende angekommen ist und sie ihre Hauptperson noch entsorgen muss) bekommt sie auf der letzten Seite des Buches ein Stellenangebot als Professorin in Russland und wenn sie nicht gestorben ist, professiert sie dort noch heute….


Auch wenn meine obige Inhaltsangabe etwas respektlos formuliert ist (aber ich denke, Frau Leon wird das verkraften können…), die Himmlische Juwelen sind nicht wirklich ein aufregender Stoff. Das mag für Liebhaber der Barockmusik oder der Geschichte des Welfenhofes anders sein (vor allem, wenn man sich die Musik Steffanis dazu anhört, die bei Diogenes ja ebenfalls auf CD herausgegeben wurde, siehe Lit-Stelle in [3]), interessiert man sich dafür nicht so sehr (ich bekenne mich schuldig), ist er es eben in dieser Form, wie ihn Leon darbietet, nicht. Zwar werden einige Schleier, die die Person Steffanis verhüllen, gelüftet und für das breitere Publikum aufbereitet, in dem Leon ihre Protagonisten immer wieder auch aus den Briefen zitieren läßt und einschlägigen Büchern, aber es ist so, wie die Autorin es an einer Stelle über eine preusische Königin sagt: es ist verblasst, nach Jahrhunderten verblasst und zur Fussnote geworden…

Es sind ein paar schöne Ideen im Buch, die Alliterationen der Töchter des Hauses Pellegrini ist eine davon: Claudia, die Schöne, Clara, die Glückliche, Christina, die Fromme, Cinzia, die Sportliche und Caterina, die Kluge. Eine Alliteration, die sich mit Cecilia (Bartoli), der Stimmgewaltigen, noch ausserhalb des Buches im Projekt „Steffani“ [3], fortsetzt.

Die Barockmusik – für Liebhaber dieser Musik, für Connaisseure der Opernwelt, ist der Roman, wie ich in der Diskussion in meinen Lesekreis festgestellt habe, durchaus ein Genuss. Die Erklärungen Leons zum Thema, die sie ihrer Protagonistin in den Mund legt, um durch sie  Moretti, den Anwalt  als auch uns kundig zu machen, denn wir (fast) alle sind irgenwo ein wenig Moretti – in dieser Beziehung. Opern, so erläutert Caterina an einer Stelle, sind die Actionspektakel der damaligen Zeit, mit Hexen, mit Monstern und fliegenden Drachen. (Das macht sie ja schon fast sympathisch, wenn nur die Musik nicht wäre… (

Steffani war einer der Stars in der Szene damals. Ob er wirklich Kastrat war, bzw. ob der Terminus „musico“ ein Euphemismus dafür ist, mag dahin gestellt sein, eine interessante Figur ist dieser Mann auf jeden Fall. Ein geborener Italiener, der die meiste Zeit seines Lebens in Deutschland verbrachte (nicht Fisch noch Fleisch also, für die Italiener ein deutscher Komponist, für die Deutschen in italienischer) ein hochbegabter Komponist und als kirchlicher Würdenträger und Diplomat in heiklen Missionen unterwegs, war er (anscheinend) in Intrigen der damaligen Zeit verwickelt, zumindest in deren Kenntnis. Er korrespondierte mit den Höfen, Sophie Charlotte von Preussen beispielsweise war eine seiner Briefpartnerinnen… aus den Briefzitaten ist die gegenseitige Achtung herauszulesen.

Literarisch dümpelt der Roman ein wenig vor sich hin. Manche der Episoden erscheinen willkürlich hineingeschrieben, wie z.B. der Einschüchterungsversuch, um den sie den Schwager bittet. Die geliebte Schwester Christina läßt Caterina gegebenüber eine starke Sinnkrise durchschimmern, will gar ihren Orden verlassen – dieser Handlungsfaden bleibt unaufgelöst. Daß die Protagonisten im letzten Absatz des Buches dann selbst noch kurzerhand nach Russland expediert wird zusammen mit ihrem Fachkollegen, dem „Rumänen“, der zwar stets alkohlgeschwängert erscheint, aber dort eine Professur angeboten bekommt, macht ebenfalls einen willkürlichen Eindruck.

Die Geschichte spielt in Italien, so bekommen wir dann immerhin ein wenig italienische Lebens(un)art serviert: die Verachtung für Touristen, das „sterbende“ Venedig, die allgegenwärtige Korruption..

So will ich zusammenfassend festhalten, daß Himmlische Juwelen ein zwar routiniert geschriebener Roman ist, aber für Leser, die keine Opernliebhaber sind, wenig Aufregendes bereit hält.

Links und Anmerkungen:

[1]  Wiki-Beitrag zu Steffani:  http://de.wikipedia.org/..Steffani
vgl. auch: Forum Agostino Steffani: http://forum-agostino-steffani.de/forum.php

[2] Diese Gleichsetzung ist wohl eine Auslegung der Autorin selbst, Volker Hagedorn schreibt in seiner Buchvorstellung in der ZEIT dazu: „…in München zum »Hof- und Cammer-Musico« ernannt wurde, weiß sie gleich, dass »Musico« ein Euphemismus für »Kastrat« war. Da weiß sie allerdings mehr als jeder reale Kenner des Barock.“ (http://www.zeit.de/2012/42/Cecilia-Bartoli-Donna-Leon-Agostino-Steffani)

[3] Die CD zum Roman: Cecilia Bartoli: Mission, Erschienen bei DECCA: http://www.donnaleon.info/donnaleon/missionjuwelen.php

Bildquelle: Steffani-Portraits:  http://www.diogenes.ch/media/public/donnaleon/missionjuwelen.php

Donna Leon
Himmlische Juwelen
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Originalausgabe: The Jewels of Paradise
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 300 S., 2012

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2 Responses to “Donna Leon: Himmlische Juwelen”


  1. Lustig. The Jewels of Paradise. Frau Leon, als gebürtige Amerikanerin, kennt natürlich den etwas flapsigen Ausdruck für die kräftige Schönheit des männlichen Anhangs (was meine Frau als gebürtige Schwarzwälderin als „Gebamsel“ bezeichnet): the family jewels.
    Sie hat einen hintergründigen Humor, die von mir trotz manchmal etwas langatmiger Darstellung sehr geschätzte Mitbürgerin Leon.

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    • flattersatz Says:

      ja, das ist mir auch aufgefallen, als ich den originaltitel las, ich habe es ja in meiner beschreibung auch eingebaut. im übrigen heißt das „gebamsel“ (den ausdruck kenn ich auch) hie und da ja auch bei uns „die kronjuwelen“. ehre wem ehre gebührt… ;-)

      herzliche grüße!

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