Erich Hackl: Die Hochzeit von Auschwitz

Erich Hackl hat mit dieser Begebenheit (so klassifiziert er seinen Text) das Schicksal eines Mannes und damit auf das Engste verbunden, das einer Frau, herausgegriffen, welches sich durch ein einziges Merkmal aus der Geschichte vieler, sehr vieler anderer Menschen heraushebt. Der Titel verrät es nur zu deutlich: Das Standesamt Auschwitz, das ansonsten nur Todesfälle zu registrieren hatte (und zwar in solch einer Anzahl, daß auswärtige Statistiker zweifelnd nachfragten und daraufhin die wahren Todesfallmeldungen durch 180 geteilt wurden) beurkundete eine einzige Hochzeit, nämlich die von Rudolf Friemel (Häftlingsnummer 25.173) mit der Spanierin Margarita Ferrer Rey [5].

friemel - cover

Wer waren diese beiden, Rudolf Friemel und Margarita („Marga“) Ferrer, wie lernten sich sich kennen und lieben und wie „ging die Geschichte aus“: das ist Inhalt des Büchleins von Hackl. Ich will die Geschichte der beiden hier nur ganz kurz anreißen, damit man sich im Vorfeld ein Bild davon machen kann.

Er war ein lieber Junge, Automechaniker, Motorradnarr. Ein überzeugter Sozialist. Ein bisschen verrückt. Ein Draufgänger, verwegen, abenteuerlustig…. ein Frauenheld

Friemel [1] wurde 1907 in Wien geboren, er war KFZ-Mechaniker und politisch links eingestellt, war auch Mitglied der Gewerkschaft und anderer Organisationen. 1934 nahm er am bewaffneten Aufstand gegen das Dollfuß-Regime teil und musste danach fliehen. Nach seiner illegalen Rückkehr aus der Tschecheslowakei wurde er im gleichen Jahr verhaftet und zu sieben Jahren schwerem Kerker verurteilt, 1936 aber freigelassen. Es folgte die Emigration über Frankreich nach Spanien, wo er ab 1937 bei den Internationalen Brigaden gegen das Franco-Regime kämpfte. Hier lernte er die Spanierin Margarita Ferrer Rey kennen, der er schon nach kurzer Zeit einen Heiratsantrag machte, obwohl er selbst noch verheiratet war.

Nach der Niederlage gegen die Republikaner floh er wieder nach Frankreich, lebte dort mit Marga zusammen, ihr Sohn Eduard wurde 1941 geboren. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutschen Truppen meldete sich Friemel freiwillig zum Rücktransport nach Wien.

Während seine Frau mit dem Kind weiter nach Deutschland reisen durfte und über Stuttgart nach Kirchheim-Teck gelangte, wurde Friemel von der Gestapo festgesetzt und im Januar 1942 nach Auschwitz deportiert. Dort kam er als KFZ-Mechaniker in die Fahrbereitschaft und hatte als Funktionshäftling ein – den Umständen entsprechend – privilegiertes Leben. Offenbar hatte Rudolf Friemel auch eine derart einnehmende Persönlichkeit, daß ihm selbst die SS-Männer/Offiziere meist gut gesonnen waren.

Im Lager gehörte Friemel zu einer Widerstandsgruppe von Österreichern, die sich 1943 mit Polen zusammentaten und eine Kampfgruppe bildeten. Ein Fluchtversuch, um gegen Ende des Krieges einer drohenden Liquidation zu entgehen, misslang aufgrund eines Verrats, Ende Dezember 1944 wurden Friemel und seine Kamerade gehängt.

Hochzeitsfoto von Marga und Rudolf Friemel, Bildquelle [B]
Hochzeitsfoto von Marga und Rudolf Friemel,
Bildquelle [B]
Nachdem seine erste Frau, mit der er einen Sohn, Norbert, hatte, in die Scheidung eingewilligt hatte, stellte Friemel im Lager das Gesuch, seine Liebe, die Spanierin Marga Ferrer heiraten zu dürfen. Mit der Unterstützung des Vaters aus Wien gelang es tatsächlich, diese Genehmigung zu erhalten, im März 1944 durfte Margarita Ferrer mit dem gemeinsamen Sohn sowie Friemals Vater das Lager betreten, die Zeremonie wurde vor dem Standesamt im Lager vorgenommen, ein Fotograf [2] machte Bilder, es war ein Essen vorbereitet worden und den beiden Eheleuten war eine Nacht in den Räumlichkeiten des Lagerbordells genehmigt worden.

Auch Margarita Ferrer stammt aus einer revolutionären Familie, ihr Vater war sozialistischen Idealen zugetan, er lernte seine Frau bei einem Treffen von Anarchisten kennen: auch hier Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Studium praktizierte er als Mediziner, betrieb aber seine biologischen Forschungen erfolgreich weiter (sein Bild – das Bild eines Mannes mit jüdischen Wurzeln – hing, so schreibt Hackl, im Naturhistorischen Museum der Nazis in Berlin). Im Gegensatz zu ihm war die Mutter eine gute Arbeiterin, aber kein großes Licht, wie Hackl der Schwester Margas, Marina, in den Mund legt. Nach ihr, der Mutter, sei Marga geraten: …scheu, unsicher, sehr feminin. Sie hat jede Entscheidung anderen überlassen… konnte aber ziemlich stur sein. Was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, hat sie erreicht. Im Gegensatz zu Marina und dem Bruder Paco war sie aber politisch nicht engagiert, dazu war sie zu zurückhaltend und … ängstlich.

Nach Ausbruch des Bürgerkrieges wollte Marina für den Widerstand arbeiten, Margarita arbeitete bei ihrem Vater als Sekretärin. Frauen wurden nur in den ersten Monaten des Bürgerkrieges mobilisiert, nachher nicht mehr. Sie wurden aber zu den Truppen der Internationalen Brigaden gefahren, um in einer Art Truppenbetreuung für ein paar Stunden Ablenkung und Zerstreuung zu schaffen. Bei einer solchen Fahrt, die Marina und Margarita zusammen machten, lernten beide Rudolf Friemel kennen, der der lustigste unter den vielen Männern an der langen Tafel war, die man errichtet hatte, um zusammen zu essen. Am Nachmittag kam ein Einsatzbefehl, die Frauen mussten zurück, die Männer halfen ihnen auf den Wagen. Bei dieser Gelegeheit bekannte Friemel Marina, daß er sich in ihre Schwester verliebt hätte – was (wie Marina auf der Rückfahrt feststellen konnte) auf Gegenseitigkeit beruhte.

Franco gewinnt den Bürgerkrieg 1939 und viele der Kämpfer fliehen nach Frankreich, wo sie z.B. in Gurs interniert werden. Friemel meldet sich hier zum freiwilligen Arbeitsdienst, er lebt auch bis 1941 mit Marga zusammen. Ihr Sohn wird im April dieses Jahres geboren, wenige Wochen später meldet sich Friemel für die Rückführung nach Wien, zuvor hat es einen heftigen Streit mit Marina gegeben, die diese Rückkehr nach Nazi-Deutschland (realistischerweise) für idiotisch hält und zumindest erreichen will, daß Marga nicht mitkommt. Vergeblich. In Wien werden die beiden – wie schon berichtet – getrennt, er kommt letztlich in KL Auschwitz, sie kann mit dem Kind nach Deutschland und landet in Kirchheim-Teck. Nur für diesen einen besonderen Tag sehen die beiden sich noch einmal wieder.

Verzweiflung ist nicht aktenkundig. (Über Margas Leben in Kirchheim-Teck)


Die Ehe der beiden – es ist natürlich keine Ehe im üblichen Sinn: er ist und bleibt Lagerinsasse, sie muss mit dem Sohn zurück in ihre kümmerliche Existenz in Kirchheim-Teck. Das Lager allerdings, zumindest die unmittelbar Beteiligten, haben durch dieses außergewöhnliche Ereignis einen Impuls bekommen, als ob es Hoffnung gäbe auf etwas Licht, auf etwas Schönes. Sogar das lang verschüttete Gefühl, lieben zu können, wurde freigesetzt: eine der Standesbeamtinnen bzw. Totenschreiberinnen verliebte sich in Friemel, der zwar versuchte, standhaft zu bleiben, aber irgendwann dann doch schwach wurde.

Auch Marga lernt nach dem Krieg einen anderen Mann kennen, eine ehemaligen Häftling aus Mauthausen, einen spanischen Republikaner, der die gesamten Traumata des Lagers mit in die Beziehung brachte. Die Schwester Marina äußert sich nicht sehr positiv über diesen Suárez, aber sie bleiben zusammen und – was Marina anerkennt – Suárez pflegt Marga in ihrer Demenz, der sie im Alter verfällt.


„Marina äußert sich…“ ist ein gutes Stichwort für dieses Buch, erzählt Hackl doch die Geschichte der beiden nicht wirklich, er montiert vielmehr wie in einer Art Collage die Aussagen, die Erinnerungen von Menschen, die Friemel und/oder Marga getroffen, begleitet oder gekannt haben, zusammen. Aus diesen Schnipseln ergibt sich langsam ein kohärentes Bild, das zwar Lücken aufweist, natürlich, es ist nicht alles nachvollzieh- und nachweisbar, das aber doch die Leben zweier Menschen in verwirrten, grausamen Zeiten wieder auferstehen läßt. So kommen im Text die Söhne Friemels, Norbert (aus erste Ehe) und Eduard (mit Marga) zu Wort, Marina spielt eine wichtige Rolle, was Margas Leben angeht, Verwandte Friemels berichten über ihn, es wird aus Lagerprotokollen erzählt, Kameraden und Freunde schildern ihre Erinnerungen, auch Fernando, der liebenswerte Schweiger an Marinas Seite, trägt zur Geschichte bei.

Die besondere Form, in der Hackl diese Geschichte erzählen läßt, macht es nicht immer ganz einfach, sie zu verfolgen. Es wird nicht gesagt, wer jetzt gerade über wen berichtet, man muss den Text aufmerksam lesen, manchmal wird es erst spät deutlich. wo man sich „befindet“. Dadurch bekommt die Geschichte einen sehr dokumentarischen Charakter, man hat das Gefühl, in eine Sammlung von Interviews hineingeraten zu sein – was ja gar nicht so falsch ist.


Kristan [Stellvertretender Leiter des Standesamtes] liebte das Töten.
Er war immer gut gelaunt, wenn er von Exkursionen zurückkam.
Er liebte ebenso die Topfpflanzen in seinem Büro.
Einmal war er zärtlich zu einem Kätzchen.
Besseres kann ich über ihn nicht sagen. 

Die Hochzeit von Auschwitz ist aber nicht nur die Geschichte von Marga und Rudolf Friemel, es ist auch eine Geschichte der Lebensumstände und Zeiten. Es sind brutale Schilderungen, die Hackl in seine Geschichte eingebaut hat:

Einmal beobachtet ich von meinem Bürofenster aus, wie Quackernack [Leiter des Standeamtes] einen Kindertransport zur Gaskammer brachte. Als die Kinder vom Lastwagen getrieben wurden, ging ein kleines, blondes Mädchen auf Quackernack zu. Ich sah, wie es das Gesicht zu ihm hob und ihn lächelnd etwas fragte. Ich sah auch, wie er dem Mädchen mit aller Kraft einen Fusstritt versetzte. Erst blieb es eine Weile benommen liegen, dann rappelte es sich weinend auf. Auch ich weinte, ich hatte schon lange nicht mehr geweint.

berichtet beispielsweise eine der Frauen aus dem Standesamt. So wird die Grausamkeit der Verhältnisse in Auschwitz gerade durch den Gegensatz zwischen den „normalen“ Gegebenheiten und dem Besonderen und – ja, doch – Feierlichen einer Hochzeit betont und deutlich. Einer Hochzeit, von der niemand sagen kann, warum sie gewährt worden ist – meiner Meinung nach ein Willkürakt der Herrschenden, eine Art „Gnade“ die gewährt wurde in der Verblendung einer selbstverliehenen Gottähnlichkeit, wie sie z.B. Lem für die Nazi-Ideologie postuliert hat [3].

So traurig es auch klingt, das Leben und das Schicksal der beiden Hauptpersonen war für die damalige Zeit nichts Besonderes. Verfolgung, Inhaftierung und letztlich auch die Ermordung Andersdenkender waren konstituierender Bestandteil der herrschenden (wenn auch schon dem Untergang geweihten) Nazi-Ideologie. Was mir nach wie vor rätselhaft ist, ist die Naivität, mit der der erklärte Sozialist die Rückführung nach Deutschland beantragt hat. Zwar kam von der Partei die Losung – aber kein eindeutiger Befehl – dazu, weil diese fürchtete, „die Kader würden in Frankreich zugrunde gehen und sie auch davon ausging, daß der deutsch-sowjetische Pakt Hoffnung machen würde“, aber Hackl gibt Kameraden folgendermaßen wieder:

Ich hätte es auch verstanden, wenn er heimlich nach Deutschland gefahren wäre, bewaffnet, um im Widerstand zu kämpfen. Wir haben so gedacht, damals. Wir haben unser Leben riskiert, unser Glück, unsere Gesundheit, alles für die Freiheit. Ich habe es riskiert. Ich habe es nicht bereut. Aber ich war nicht so naiv wie Rudi. Meldet der sich doch offiziell zurück, samt Frau und Kind.“

Aber so wie Rudi, mit seiner roten Vergangenheit, verfolgt, zur Fahndung ausgeschrieben, aus Wien geflüchtet…. Nein, nein und nochmals nein. … Ich war überzeugt, der Mann ist übergeschnappt.

Und Friemel selbst? Vielleicht hat er so gedacht in seiner Besessenheit, Österreich vom Faschismus zu befreien:

… es ist gescheitert. Wir fahren nach Deutschland, als wir gehen in Frankreich vor die Hunde. Es ist gefährlich und ungewiß, aber immerhin wir kommen raus aus dem Dreck, so schlimm wird es schon nicht sein, und Heimat ist Heimat. Fahren wir nach Haus! So einfach.

Aber warum ist er nicht allein gegangen, warum hat er Frau und Kind mitgenommen, anstatt sie später, wenn alles gut gelaufen wäre, nachkommen zu lassen? Habt ihr den Verstand verloren, der Junge ist doch erst drei Monate alt.


Nichts kann die Abscheulichkeit des Lagers und derjenigen, die es betrieben, mildern, auch das Faktum dieser seltsamen Hochzeit nicht: es ist die einzige Hochzeit, eher eine Verhöhnung als eine menschliche Geste, denn die Machthabern werden keinen Augenblick daran gedacht haben, auch das Friemel zugedachte Ende zu ändern: er ist im Lager nach wie vor dem Tod geweiht – früher oder später. So ändert die Tatsache dieser Begebenheit nichts, auch wenn es im Internet Seiten gibt, auf denen sie zum Leugnen des Grauens instrumentalisiert wird [4].


Die Hochzeit von Auschwitz ist ein bedrückendes, erschütterndes, dunkles Buch, ein Bericht über eine Begebenheit, von der man vielleicht, wahrscheinlich noch nie etwas gehört hatte, in sehr intensiver Weise dargestellt. Hackl zeichnet die Lebenswege der Beteiligten nach, sie sind repräsentativ für viele und doch ist es ein einzigartiges Schicksal, der einen Funken Hoffnung in das Dunkel trägt und der doch nur ein verhöhnender Willkürakt der Unmenschlichkeit ist.

Die Hochzeit von Auschwitz – ein kleines Od unter den Büchern.

Links und Anmerkungen:

[1] zu Rudolf Friemel:  – Wikibeitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Friemel
– Kurzbio im „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“: http://www.doew.at/erinnern/biographien/spanienarchiv-online/spanienfreiwillige-f/friemel-rudolf (wobei sich aus dem Hackls Buch ergibt, daß er im Gegensatz zur Angabe auf dieser Seite zwei Söhne hatte, Norbert aus der ersten Ehe und Eduard aus der zweiten)
[2] der Fotograf war Murio´ Wilhelm Brasse:  http://www.tercerainformacion.es/spip.php?article43648
vgl auch den Beitrag von Kamilla Pfeffer in der SZ vom 17.05.2010: Viertel Sekunde, Blende 16:  http://www.sueddeutsche.de/…..1.441699
[3] Stanilaw Lem: Provokation:  https://radiergummi.wordpress.com,,,lem-provokation/
[4] ich gebe den Link zu zumindest einer solchen Seite, auf die ich durch Zufall bei der Bildersuche gestoßen bin, hier nicht wieder, zitiere auch nicht die Behauptungen, die dort wiedergegeben sind, da ich nicht möchte, daß dieser Blog in solchem Zusammenhang zu ergoogeln ist.

[5] .. die uns im Klappentext des kleine Büchleins, welches immerhin im Diogenes-Verlag erschienen ist und zumindest in der mir vorliegenden Ausgabe, als Maria Ferrer vorgestellt wird….

Lesenswert ist ferner der Artikel von Julia Kospach in der Berliner Zeitung vom 14.10.2002: Verzweiflung ist nicht aktenkundighttp://www.berliner-zeitung.de/…verzweiflung-ist-nicht-aktenkundig,…..html

Bildquelle: Homepage der „Monte Laa´er“ in Wien Favoriten:  http://www.montelaa.biz/monte-laa-geschichte/rudolf-frieml/#diehochzeit. 

Erich Hackl
Die Hochzeit von Auschwitz
Eine Begebenheit
diese Ausgabe: Diogenes-Verlag, Zürich 2002

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