Astrid Rosenfeld: Adams Erbe

Ich bin ein wenig spät dran mit diesem Roman, der nach seinem Erscheinen 2011 mit zumeist sehr positiven Kritiken durch die Rezensionswelt ging. Adams Erbe ist das Debüt der Autorin Astrid Rosenfeld, die damit den Sprung von der Filmbranche, in der sie in „diversen Jobs“ gearbeitet hat, in die Welt der Literatur geschafft hat. Schauen wir es uns an….

adam

Die Handlung beginnt mit einem Brief eines jungen Mannes an eine Frau, eine unerwiderte Liebe scheint darin zu schwingen und er sagt ihr in diesen Zeilen, daß er das Erbe seines Großonkel Adam gefunden habe, dessen Leben sich hier, auf dem Dachboden, mit dem seinen verschlungen habe….

… aber bevor wir wirklich zu Adam kommen, lernen wir erst das Leben des jungen Edward kennen, von fast dem Beginn an bis zu den Tagen, an denen er als junger Mann auf dem Dachboden des Hauses sitzt, in dem seine Familie seit vielen Jahrzehnten – mit Unterbrechungen, die August geschuldet sind – wohnt und der ihm immer verboten war, zum Schluss sogar streng. Und dieses Leben begann nach zwei Flaschen Wodka (alle Achtung, daß danach nicht nur der Geist, sondern auch das Fleisch noch stark war…), nach denen Magda mit Sören oder Gören (so genau weiß das niemand mehr) ins Bett ging, dieses eine Mal nur, aber um Edward den Weg zu bereiten, reichte es. Magda ihrerseits war die Tochter von Lara und Moses und da Gören oder Sören nach dieser Nacht keine Rolle mehr spielte im Leben der Familie Cohen, wuchs Edward vaterlos auf.

Prägende Figur der Familie war die Großmutter Lara, sie hatte die Zügel in der Hand. Moses, ihr Mann, war vom Leben gezeichnet, kaum noch, daß er sich von seinem Dachboden, auf dem er hauste, hinunter begab in die Wohnung. Ihn zu besuchen, war Edward verboten, tat er es doch, erwischte er Moses oft einfach dasitzend, wenn der Alte ihn sah, lächelte er manchmal: „Adam, Adam….“. Die Mutter Magda war schlichteren Gemüts, Lara versuchte vergeblich, sie zu verkuppeln, allein es gelang ihr nicht, Magda hatte kein Interesse. Der Mann in ihrem Leben war Eddylein, zumindest bis zu dem Moment, in dem … aber halt, vorher gilt es festzuhalten, daß Magda eins konnte: sie konnte lieben. Wen sie ins Herz geschlossen hatte, den liebte sie bedingungslos und ohne Wenn und Aber…

Und dann trat Jack Moss in ihr Leben. Jack, der Elefantengott, Jack, der King, Jack war Elvis… Jack war ein absoluter Charmeur, ein junger Kerl, er brach die Herzen der stolzesten Frau´n…. Eddylein traf ihn am Elefantengehege des Zoos und fühlte sich sofort zu ihm hingezogen. Wie auch seine Mutter, den ihn dort abholen wollte. Es beruhte auf Gegenseitigkeit, man heiratete schnell, noch während der Schiwe für Moses. Und diese Famile Moss-Cohen zog jetzt unter Leitung des liebenswerten Kleinkriminellen und Betrügers Jack durch Deutschland… Schule war passé für unsern Eddy, ein gefälschtes Attest bescheinigte ihm Herzschwäche… letztlich war es ein armseliges Vagabundenleben für die Drei, das aber durch die rosarote Brille der Liebe veredelt wurde. Bis Jack Moss eines Tages mit einem Auto kollidierte…

Kürzen wir es… Edward mühte sich wieder in der Schule ab, schaffte schließlich sein Abitur und beschloss, nicht unbedingt zu studieren, aber sich zumindest einzuschreiben, erst in Köln, dann später in Berlin. Es waren die wilden Jahre Berlins nach der Wende und wild und ungeregelt war auch das Leben unseres Helden dort, der aber doch langsam vom richtigen Leben eingeholt wurde. Finanziell ging es ihm gar nicht mal schlecht, durch einen Zufall wurde er auf eine Goldader gestoßen, mit der er ein Geschäft eröffnete und Geld ohne Ende verdiente…. In Berlin lernte er auch Amy kennen, die Adressatin des eingangs erwähnten Briefes. Und dann starb Oma Lara, jetzt war endlich der Speicher frei für ihn und hier entdeckte er dann auch das Buch, in dem Adam seinerzeit sein Leben festgehalten hatte.


Die dreißiger Jahre in Berlin. Die Cohens leben in ihrem Haus, die Brüder Moses und Adam, Gerti, die Mutter der beiden und Edda Klingmann, die Oma, Herrscherin des Dachbodens. Der Vater, noch traumatisiert von den Schrecken des 1. Weltkrieges, wohnt ebenfalls im Haus, verläßt aber sein Zimmer nicht, nur seine Frau hat Zutritt dazu. So kommt es, daß Adam seinen Erzeuger zum ersten Mal im Leben sieht, als er tot ist….

Adam ist ein schwieriges Kind, sehr lebhaft, äußerst unruhig, so daß er nicht in die Schule gehen kann, sondern zu Hause unterrichtet wird – mehr schlecht als recht. Auf Beschluss der Großmutter, die die Richtung in der Familie vorgibt, lernt er Geige bei Bussler, der selbst aufgrund der neun Finger, die er im vergangenen Krieg gelassen hat, nicht mehr spielen kann. Zwischen diesem Kriegsversehrten und Edda besteht eine seltsame Verbindung. Obwohl Bussler der am Horizont auftauchenden Bewegung des August durchaus positiv gegenüber steht, kann er Edda keinen Wunsch abschlagen, häufig ist er, auch nachdem er dem SD anghört, im Hause Cohen zu Gast.

Moses freundete sich derweil mit zionistischen Ideen an, die zunehmenden Schikanen für Juden machten es ratsam, sich vorzubereiten. Einmal, mittlerweile 18 Jahre alt, ging Adam mit auf ein solches zionistisches Treffen, das ihn im Grunde nicht interessierte, aber er sah dort ein Mädchen, Anna. Es sollte die Schicksalsbegegnung seines Lebens sein.

Nach der Reichsprogromnacht, vor der Bussler die Cohens gewarnt hatte, ist Anna verschwunden. Über Bussler erfährt Adam, daß sie nach Polen deportiert wurde und wohl in Krakau ist. Edda Klingmann verkauft unterdessen über einen Gewährsmann ihren in der Schweiz deponierten Besitz und plant mit der Familie die Emigration nach England. Obwohl mittlerweile Krieg ausgebrochen ist, läßt sich Adam seinen Plan, Anna in Polen zu suchen, nicht ausreden. Nur Edda ist eingeweiht, sie bittet letztlich Bussler, ihrem Enkel zu helfen. Ein verwegener Plan wird ausgeheckt: aus Adam wird Anton, falsche Papiere machen ihn zum Arier und er kommt als Rosenzüchter im Haus des Generalgouverneurs Hans Frank unter. Zum Abschied gibt ihm Edda eine Jacke des Großvaters mit, sie legt ihm sehr dringend ans Herz, gut auf diese Jacke aufzupassen. Für die anderen Familienmitglieder sieht es jedoch so aus, als wäre Adam spurlos verschwunden und da auch Geld und Edelsteine nicht mehr da sind, mit denen die Emigration finanziert werden soll, verdächtigt man ihn, sie bestohlen zu haben. Adam ist zum schwarzen Schaf der Familie geworden. Während Edda und Gerti in Berlin bleiben, können Lara und Moses nach England fliehen.

So kommt Anton alias Adam unter der Obhut des hohen SD-Mannes Bussler nach Polen ins Haus von Hans Frank, dem „Judenschlächter von Krakau“. Er lernt dort eine Menge strammer Genossen kennen, freundet sich aber auch mit den polnischen Arbeitern an, nachdem anfängliches Misstrauen abgebaut werden konnte. Von Anna jedoch gibt es keine Spur. Zwar kann Bussler eine Adresse ausfindig machen, dort finden die beiden Anna jedoch nicht.

Der Russland-Feldzug beginnt, Bussler muss nach Osten und kommt völlig demoralisiert und krank von dort zurück. Fürchterliches muss im Osten geschehen…. er stirbt und Adam sieht keine andere Möglichkeit, als sich den polnischen Arbeitern anzuvertrauen. Über diese erfährt er auch den Aufenthaltsort Annas: das Warschauer Ghetto. Und sie können ihm sogar eine Möglichkeit nennen, Anna zu retten… aber der Preis ist hoch, sehr hoch….


Der vorliegende Roman Adams Erbe ist, um es etwas ironisch zu formulieren, ein gutes Angebot, erhält man doch zwei Romane zum Preis von einem…

Das bedarf der Erklärung und die ist einfach: der Roman zerfällt in zwei Teile. Im ersten bewegen wir uns fast in der Jetztzeit und die Autorin schildert uns darin die Kindheit, die Jugend und dann den beginnenden Erwachsenenteil des Lebens von Edward Cohen bis hin zu dem Moment, in den der bis dahin eher mysteriöse Vorfahre „Adam“ Gestalt annimmt. Dieser Abschnitt des Buches ist mit fast einen Drittel des Gesamtumfangs recht dick, für eine reine Rahmenhandlung zu dick. Im dritten Teil, in dem die Autorin noch einmal auf Edward Cohen zurückkommt, ist sehr viel dünner und löst die Geschichte dann in gewissem Sinn auf. Im zentralen Teil, das ist der Bericht Adams, seine Lebensbeichte für Anna, geschrieben, damit etwas von ihnen (i.e. den Menschen im Ghetto) überlebt, wird das Schicksal einer jüdischen Familie, eines jüdischen Menschen im Dritten Reich geschildert. Im Gegensatz zum Leben Edwards, das in Teilen fast an einen Schelmenroman erinnert, jedenfalls locker und heiter geschrieben ist, sind diese Passagen um Adam traurig und bedrückend. An einigen Stellen schrammt der Text auch heftig an der Grenze zur Rührseligkeit, nur dank der dialogbetonten und recht nüchternen Schreibweise Rosenfelds kommt man da halbwegs heil durch. Inwieweit der Plot, daß ein knapp 20jähriger sein Leben gibt für eine Liebe (und er im Grunde das seiner eigenen Familie ebenso opfert), die sich in wenigen schüchternen Begegnungen eigentlich kaum entfalten konnte und von der er allenfalls ahnen kann, daß sie erwidert wird, überhaupt trägt, das muss man als Leser jedenfalls für sich selbst entscheiden….

Edward sagt in seinen Brief an Amy, die beiden Geschichten, seine und die des Adams, seien ineinander verschlungen. Das sehe ich nicht so. Wohl kann man viele Parallelitäten feststellen, angefangen von der äußerlichen Ähnlichkeit der beiden Jungen bzw. Männer bis hin zu ihren Leben, die viel Analoges aufweisen, aber das ist es dann auch schon. Natürlich wäre auch die Familiengeschichte der Cohens anders verlaufen, wenn Adam nicht auf die Suche nach seiner Anna gegangen wäre, aber wie sagten wir als Kinder immer: „…wenn das Wörtchen wenn nicht wär´….“ Das konkrete Leben Edwards jedenfalls beeinflusst Adam nicht, auch der immer wieder erfolgende Hinweis auf die Ähnlichkeit ist einfach nur eine Feststellung, die keinerlei Konsequenzen hat.


Aber all dies von mir Angemerkte sollte niemanden abhalten, das Buch zu lesen – im Gegenteil: es ist ein schöner Roman über die Größe einer Liebe vor dem Hintergrund der Judenvernichtung in Polen, in langen Passagen witzig und unterhaltsam, in ebenso langen Teilen dann auch wieder traurig und berührend. Dieses Auseinanderfallen der Handlung, das ich beschrieben habe, stört beim Lesen nicht, schnell ist man in die jeweiligen Leben eingetaucht. Auch versteht es Rosenfeld, ihre Figuren, insbesondere die Frauenfiguren der Cohens, zu zeichnen und ihnen einen Charakter zu verleihen, der sie – jede auf ihre Art und Weise – einzigartig und liebenswert macht, insbesondere natürlich Magda, Lara und Edda, dem sie mit Bussler als Gegengewicht, nachdem die eigenen Männer vom Schicksal geschlagen worden sind, eine tragische Männergestalt an die Seite stellt: ein Mensch, der das Gute will und das Falsche tut, zerrissen zwischen Liebe und auferlegter Pflicht.

Astrid Rosenfeld
Adams Erbe
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 400 S., 2011

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5 Kommentare zu „Astrid Rosenfeld: Adams Erbe

  1. Danke für deine Meinung zu diesem Roman, flattersatz. Ich spare mir das Lesen, auch wenn Du am Schluss ganz diplomatisch niemandem davon abhalten möchtest. ;)

    In „Elsa Ungeheuer“ ging es mir schon zu kunterbunt zu.

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    1. liebe atalante, das freut mich aber, dich mal wieder auf meinem blog zu lesen…. ja, du entschlüsselt ohne großes brimborium meine diplomatische formulierung.. aber sie doch ernst gemeint: das buch läßt sich gut lesen, ist unterhaltsam und im ersten teil auch witzig. man darf nur nicht über die idee des buches nachdenken, daß ein junger mann sich (das mag ja noch angehen unter dem stichwort: eigenverantwortlich) und vor allem ja auch seine gesamte familie opfert für eine idee, eine wunschvorstellung… und zumindest zwei der cohens sterben ja auch, nein, werden ja auch ermordet…. das ist mir im grunde auch erst im nachhinein so deutlich geworden, der roman selbst überdeckt das mit einer gewissen „süffigkeit des lesens“…

      elsa ungeheuer wollte ich eigentlich noch lesen, aber diverse kritiken waren eher verhaltend, deine anmerkung geht in die gleiche richtung, so daß ich mir den roman dann doch spare….

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      1. Bücher, über deren Idee man besser nicht zu genau nachdenken sollte? Das ist auch mal ein schöner Ansatz. ;)

        Elsa Ungeheuer hat in meinem Literaturkreis sogar viel Zuspruch bekommen und wurde sogar mit John Irving verglichen.

        Meine davon abweichende Meinung kannst Du, wenn Du magst, auf meiner Seite finden.

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        1. da ich meinen kommentar auf deiner seite nicht losgeworden bin (eine fehlermeldung nach der anderen, aber schlau wie ich bin, hatte ich den text vorsichtshalber schon mal kopiert) jetzt also hier:

          „elsa ungeheuer und du – ihr seid nicht warm miteiander geworden, daß merkt man deinem text deutlich an. es ist aber erfrischend, auch mal wieder solch beissende ironie zu lesen.. vielleicht ist es bei elsa wie bei „adams erbe“: eine gewisse süffige lesbarkeit überdeckt im ersten anlauf die schwächen des plots?

          für einen lesekreis sind unterschiedliche meinungen natürlich ein geschenk: die uninteressantesten abende sind immer die, wenn alle das werk toll oder eben nicht toll finden, das ist zumindest die erfahrung bei uns. „

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