Lizzie Doron: Who the Fuck is Kafka?

22. März 2015

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.


doron cover

Die israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron ist auf meinem Blog keine Unbekannte, vor einiger Zeit habe ich sie hier mit ihrem autobiographischen Roman Das Schweigen der Mutter [1] vorgestellt. Auch das vorliegende Buch Who the Fuck is Kafka? wird zwar als Roman bezeichnet, hat aber stark dokumentarischen Charakter, bildet er doch eine sehr bewegende und erschütternde Episode im Leben der Schriftstellerin ab.

Auf einer Friedenskonferenz in Rom lernen sich 2011 die israelische Schriftstellerin und ein arabisch-palästinensischer Fotojournalist, der im Buch Nadim Abu Hanis heißt, kennen. Es ist eine Bekanntschaft unter Ungleichen: aus seiner Sicht ist sie 10 Jahre älter als er, sie gehört den Besatzern an und sie ist eine Frau – alles Faktoren, die in der Beziehung eine Rolle spielen (werden). Ihre Probleme sind dagegen immer wieder aufkeimende Angstzustände, schließlich gehört er einem Volk an, daß unablässig versucht, Israel mit Terroranschlägen zu überziehen und Juden zu töten. In Rom spielen diese Faktoren keine große Rolle, hier sind die beiden entspannt, sie sind sich sympathisch und sie entwickeln Pläne für gemeinsame Projekte: sie, die Schriftstellerin, soll ein Buch über ihre Bekanntschaft schreiben, er will seinen Traum, einen Film zu drehen und in diesem sein Leben darzustellen, zusammen mit Doron verwirklichen. Das zwischenmenschliche überwiegt, nur in manchen Momenten – wenn Nadim sich etwa weigert, wie gefordert seine Papiere im Hotelsafe zu deponieren, weil er um ihren Verlust bangt und er zeigt, daß er diese überlebenswichtigen Dokumente mit Klebeband am Körper befestigt hat – greift die Realtität eines absurden Zustands auch nach Italien über. Es muss nicht betont werden, daß die beiden die „Stars“ sind in den Augen der Veranstalter: solche gemeinsamen Projekte zwischen Palästinensern und Israelis sucht man, will man fördern, mit ihnen hofft man, dem/einem Friedensprozess dienlich sein zu können.

Doch die Tage in Rom sind bald vorbei und in Israel sieht die Welt ganz anders aus. Nadim wohnt in Ost-Jerusalem, zusammen mit seiner Frau Laila und den beiden Söhnen, die Autorin lebt in Tel Aviv. Der Gedanke an Jerusalem ist ihr ein Graus, ihre beste Freundin ist dort – auf sie in einem Café wartend – bei einem Anschlag ermordet worden….

Bei den Treffen erzählt Nadim von seinem Leben und vieles davon ist für Lizzie unbekannt und schockierend. Immer aber auch liegt in den Erzählungen ein Vorwurf in der Luft, schließlich gehört „sie“ diesem Besatzerregime an. Die Autorin ist dagegen selbst traumatisiert, das Urtrauma der Shoa, das sie, die in Israel geborene, von ihrer Mutter [1] geerbt hat und die vielen Traumata der Jetztzeit: Attentate, Anschläge, Raketenangriffe…. Es trifft sie, daß ihr Gegenüber weder mit dem Namen „Mengele“ etwas anfangen kann noch mit dem Kafkas, den Besuch Yad Vashems lehnt Nadim ebenfalls vehement ab. Es ist manchmal – zumindest gedanklich – ein absurder Wettkampf darum, wer mehr Verletzungen zu erdulden hat, wer mehr oder wer weniger Schuld hat.

Egal aber, wieviel jüdische Bürger an Drangsal zu erdulden haben, unbestreitbar ist, daß sie zur Seite der Besatzer gehören, d.h. zur Seite derer, die die Macht haben. Das Sicherheitsbedürfnis, das Israel hat, scheint sich oftmals selbstständig gemacht zu haben, zum Selbstzweck geworden zu sein, wenn sich z.B. an Kontrollposten Palästinenser (auch Frauen) bis auf die Unterwäsche ausziehen müssen…. Andererseits haben auch Frauen schon Selbstmordanschläge durchgeführt, haben Bücher schon als Attrappe gedient. Ein aus dem Tornister herausragendes Lineal führt dazu, daß sich Nadims Sohn ausziehen muss und der Tornister auf der Straße ausgeleert wird: will man Hass säen, ist das eine gute Methode…. empfindet sie beim Anblick israelischer Soldaten ein beruhigendes Gefühl, kommt im gleichen Augenblick bei ihm Panik auf

Das Verhältnis der beiden ist kompliziert, von vielen Faktoren abhängig. Eine jüdische Frau und ein deutlich jüngerer arabischer Mann…. sie fallen auf, sie wird von den Hardlinern auf jüdischer Seite, den Orthodoxen, beschimpft, er muss bei allem aufpassen, nicht als Kollaborateur dazustehen. Es sind absurde Situationen, wenn sie in arabischen Vierteln auf einmal von der Angst gepackt die Verschleierung Lailas, die für Notfälle immer im Auto liegt, umwirft und dann auf hebräisch angesprochen wird, weil die Schuhe natürlich trotzdem sichtbar sind… ist er bei seinem Vater, ist es ihm unmöglich, mit einer fremden Frau Kontakt aufzunehmen. Oft meldet er sich für längere Zeit nicht, sie weiß dann nicht, wo er ist, was er macht…

Während sie mit ihrem Mann reden kann und auch eine Freundin hat, die sie immer wieder auf die besondere Situation Nadims einschwört, hat er niemanden, mit dem er sprechen kann – außer eben mit ihr, der Jüdin. Mag sein, daß deswegen hin und wieder die Frustration, die Depression, die (mühsam unterdrückte) Wut ihr gegenüber so aus ihm herausbricht….

Laila, seine Frau.. so hat sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Sie kommt aus Gaza und bekommt seit vielen Jahren keine permanente Aufenthaltsgenehmigung für Jerusalem. Jedes Jahr also die entwürdigende Prozedur der Verlängerung der ablaufenden Erlaubnis… ihm ist ihr beschränktes Dasein als nur Hausfrau nicht verständlich: sie braucht sich doch um nichts zu kümmern, nur zu kochen und sauber zu machen. Jeden Wunsch würde er ihr erfüllen, sogar zu einem Fotokurs hat er sie, die mal Fotografin werden wollte, jetzt angemeldet… So kommen zu den äußeren „Feinden“ noch die internen Schranken dazu: unversöhnliche Gegner in den eigenen Reihen bei beiden, die Fesseln einer traditionellen Gesellschaft bei ihm….

Nadims Filmprojekt muss mit vielen Problemen fertig werden. Zwar wird es von vielen Institutionen gefördert, aber (nachdem endlich die Kamera ins Land einreisen durfte) die Drehtage aber verlaufen nicht konfliktfrei: die beiden erregen Aufsehen, werden gestört, auch fühlt sie sich ausgenutzt, da Nadim die Absprachen nicht einhält und agitiert. Zorn regt sich in ihr, nicht immer kann sie seine Handlungsweise nachvollziehen…..

„Ein Jude kommt zum Rabbi und führt Klage gegen seinen betrügerischen Lieferanten. Der Rabbi hört aufmerksam zu und erklärt dann: ‚Du hast recht‘. Bald danach kommt der beschuldigte Lieferant und klagt seinerseits über den Ankläger. Der Rabbi hört wieder aufmerksam zu und sagt abermals: ‚Du hast recht‘. Die Frau des Rabbiners hat beides mit angehört, und als der Lieferant weggegangen ist, sagt sie vorwurfsvoll zu ihrem Manne: ‚Es können doch niemals beide recht haben!‘ Da gibt der Rabbi zu: ‚Du hast auch recht.'“ (zu finden bei Salcia Lachmann: Der jüdische Witz)

So in etwa geht es einem, liest man dieses Buch. Man kann, für sich genommen, die Menschen beider Seiten, der israelischen und der palästinensischen, verstehen. Natürlich hat eine jüdische Mutter Angst, ihr Kind in einem Bus fahren zu lassen, in ein Kino zu gehen, sich in ein Café zu setzen: zu oft gab es Anschläge und Terrorakte. Natürlich sind die vielen Durchsuchungen an den Straßensperren, die oft mit Verwüstungen einher gehen, entwürdigend genauso wie die bürokratische Behandlung der israelischen Araber als Bürger x-ter Klasse. Es ist nicht mehr zu sagen, wer Schuld hat und wer im Recht ist. Die Hoffnungen, mit einem gemeinsamen Film- und Buchprojekt einen Friedensprozess positiv beeinflussen zu können, scheinen vor diesem Hintergrund naiv: der Hass zwischen den Parteien sitzt tief, ist sozusagen institutionalisiert und wird tradiert, so heißen: Aktivitäten, die auf eine Verständigung hinauslaufen, werden von den jeweils eigenen Leuten sabotiert, keineswegs aber gut geheißen. Ein jüdischer Kontakt zu einem Araber ist nur dann gesellschaftlich problemlos, wenn dieser Araber Klempner ist und die Abwasserleitung repariert.

So tief erscheint das gegenseitige Misstrauen und Unverständnis, die Fesseln der jeweiligen Gesellschaften, daß selbst von hier, dem sicheren und warmen Schreibtisch in Deutschland kein „man müsste einfach…“ möglich ist. Es gibt kein „man müsste…“. Schaut man sich im aktuellen Spiegel von dieser Woche [2] den Kommentar des israelischen Schriftstellers Nir Baram zum Ergebnis der Wahl in Israel an, schwindet jedes Fünkchen Hoffnung, das ggf. noch irgendwo geleuchtet haben mag. Die Hardliner, so konstatiert er, haben sich durchgesetzt mit einer Art Wagenburgmentalität, der Idee nämlich, daß die Welt und insbesondere die Araber den Juden feindlich gegenüberstehen und dass es keinen Ausweg aus dieser Konfrontation gibt. .. aber mit der Waffe in der Hand kann man überleben, wenn man hart bleibt. Für die jüdisch-israelischen Bürger seien mittlerweile Straßensperren, Tötungen, die ganze Besatzung normal geworden und erregen keine Entrüstung mehr, ja, sie werden möglichst negiert und nicht mehr wahrgenommen: die Lebensverhältnisse der Palästinenser interessieren keinen mehr. Und die exzessive Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten hat mittlerweile Fakten geschaffen, die praktisch nicht mehr aus der Welt zu räumen sind. Nach Nir Baram Einschätzung ist die Zwei-Staaten-Lösung faktisch nicht mehr realisierbar.

Im Bericht Dorons finden sich dazu durchaus Beispiele. Mehr als einmal führt Nadim seine Partnerin an Plätze, die ihm wichtig sind, den Friedhof zum Beispiel, auf dem seine Familienangehörigen bestattet sind. Um am Schluss festzustellen, daß die israelischen Behörden planen, hier einen Park anzulegen…. oder Häuser, Straßenzüge abzureißen, um eine neue Straße zu bauen.

So läßt einen der Bericht Dorons ratlos, mutlos und erschüttert zurück. Ein gordischer Knoten, der auch und gerade durch Gewalt (dies wurde nun häufig genug ausgetestet) nicht zu durchschlagen ist. Ein neues Seil nehmen, das alte weglegen, auf daß niemand mehr dran kommt…. zurück auf Null, ziehen sie alle Waffen ein und und heilen sie alle Wunden…. das Heilen der Wunden, der Traumata, die Verletzungen der Seele, das gegenseitige Misstrauen, der Hass, die Verachtung, die Vorurteile bzw. positiv formuliert: überhaupt der Wille, es zu schaffen (letztlich hat sich mittlerweile jede Seite in ihrer Situation eingerichtet), das sich gegenseitig als gleichwertig und gleichberechtigt Anerkennen: vielleicht sogar noch die größere Hürde im Verhältnis zu den Waffen…


Dorons Buch wird als Roman verkauft, das ist aber kaum zutreffend. Viel eher sind es Tagebucheintragungen, Protokolle, Dokumentationen, lesen wir Stichworte und Gedanken der Autorin. Sie bricht den großen Konflikt herunter auf zwei Menschen, die einen gemeinsamen Traum entwickeln und letztendlich selbst daran scheitern: der Film wird nie gedreht, das Buch muss so geschrieben werden, daß Rückschlüsse auf den „echten“ Nadim nicht möglich sind – seine Identität herauszufinden, könnte sein Todesurteil sein.

Israel, das Doron einmal als Sammelstelle für die traumatisierten Juden aus aller Welt bezeichnet, sammelt fleißig weiter Traumatisierte: seien es nun bei den jüdischen Bürgern die Angehörigen von Terroropfern und Militäreinsätzen, so sind es bei den arabischen Bürgern die Opfer der Willkür, der täglichen und der besonderen der militärischen Gewalt. Btw: was der eine Terror nennt, ist für den anderen ein Befreiungskampf: das Semantische spielt natürlich auch in diesem Konflikt seine Rolle….

Who the Fuck is Kafka? ist (so mein persönliches Facit) als Roman, als literarischer Text, wenig erwähnenswert, als Zeitdokument jedoch halte ich das Buch für sehr empfehlenswert, obgleich die Machtlosigkeit, die man auch als Leser (trotz kleiner Erfolgserlebnisse) am Ende verspürt, den Text nicht als Vergnügen erscheinen läßt.

Links und Anmerkungen:

[1] Lizzie Doron: Das Schweigen der Mutter; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/06/lizzy-doron-das-schweigen-der-mutter/
[2] Nir Baram: Das Gift hat gewirkt, in: DER SPIEGEL 13/2015, S. 98f; vgl auch hier: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-03/benjamin-netanjahu-israel-usa
[3] Interview mit Lizzie Doron im Deutschlandradio Kultur: Eine unmögliche Freundschaft; http://www.deutschlandradiokultur.de/lizzie-doron-eine-unmoegliche-freundschaft.1270.de.html?dram:article_id=309765

Die Buchvorstellung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern zu hören.

Lizzie Doron
Who the Fuck is Kafka?
Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler
diese Ausgabe: dtv, Pb, ca. 250 S., 2015

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7 Responses to “Lizzie Doron: Who the Fuck is Kafka?”

  1. irmgardrahn Says:

    Hat dies auf BOOKS OF REALITY rebloggt und kommentierte:
    Der Titel hätte mich nie verführt! Die Buchbesprechung schon. Das Buch steht jetzt auf meiner Liste.

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  2. irmgardrahn Says:

    Ich habe diesen Artikel auf meinem Blog veröffentlicht. Ich kannte diese Schriftstellerin noch nicht. Seit ich „Als die Welt schlief“ gelesen habe, bin ich für dieses Thema sensibilisiert. Ich bin gespannt…

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  3. Veehrter flattersatz,

    huhu – da bin ich mal wieder, nach langer, langer Zeit. :-) Ich habe Lizzie Dorons Buch gerade begonnen und es fühlt sich für mich nach Amos Oz‘ eindrucksvollen Roman »Judas« wie eine wunderbare Fortsetzung an. Wie schön, dass du gleichzeitig deine sehr lesenswerte Rezension hochgeladen hast.

    Lizzie Doron habe ich durch euch – dich, Ada Mitsou und die Syn-ästhetin – kennengelernt und bin euch sehr dankbar dafür. Eine sehr wertvolle Entdeckung wie auch »Who the Fuck is Kafka«.

    Ganz herzlich

    Klappentexterin

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    • flattersatz Says:

      ja, liebe klappentexterin, wir haben uns ein wenig aus den augen verloren… ich habe mich ja bei dir auch schon länger nicht mehr bemerkbar gemacht… ;-) um so schöner, dich hier wieder mit einem kommentar zu sehen, ich habe mich sehr gefreut… den Oz würde ich auch gerne noch lesen, ich weiß bloß nicht so recht, woher ich die zeit nehmen soll… aber kommt selbige, kommt ja auch rat… dorons bericht jedenfalls ist aufwühlen, es ist sozusagen ein frontbericht und er ist deswegen so eindringlich, weil hier selbst erlebtes geschildert wird und man mehr als einmal zeuge davon wird, wie überrascht und verwirrt die autorin selbst ist von dem, was sie über das leben der palästinenser in israel erfährt. es ist eben ein unterschied, davon zu lesen, daß man zwei stunden an einer sperre steht, oder es selbst mitzuerleben…

      ich hoffe, es geht dir gut und ich sende dir (und auch deinem turm (würd´ ihn gerne mal wieder in natura sehen..)) ganz, ganz liebe grüße
      fs
      fs

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  4. Hört sich nach einem tollen Buch an. Jedoch nicht ganz mein lieblingsthema bei Büchern.

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  5. […] Stimmen zum Buch: > aus.gelesen> Der Tagesspiegel > […]

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