José Saramago: Die Reise des Elefanten

19. März 2015

Soliman bei Wasserburg am Inn, datiert auf den 24. Januar 1552; Holzschnitt von Michael Minck. Inschrift: KM D(er) KINIG ZV PEHAM HAT AUSS / ISPANIA IN DAS TEISHS LAND / GEFIERT AIN HELFANT IST ZV WASS / ERBURG ANKHOMEN AVF DEN 24 / IANUARI IM 1552 IAR / M(ichael) M(inck); Bildquelle [B]

Soliman bei Wasserburg am Inn, datiert auf den 24. Januar 1552; Holzschnitt von Michael Minck. Inschrift: KM D(er) KINIG ZV PEHAM HAT AUSS / ISPANIA IN DAS TEISHS LAND / GEFIERT AIN HELFANT IST ZV WASS / ERBURG ANKHOMEN AVF DEN 24 / IANUARI IM 1552 IAR / M(ichael) M(inck);
Bildquelle [B]

Der portugiesische Autor José Saramago [1], 1998 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, hat wenige Tage vor seinem Tod im Jahre 2010 diesen Roman über Die Reise des Elefanten publiziert. „..des…“ Elefanten, nicht „…eines…“ Elefanten, denn in der Tat ist ein bestimmter Elefant gemeint und die Handlung konzentiert sich auf ein historisches Ereignis, das im Jahr 1552 stattfand.

Wir befinden uns in Lissabon, der Hauptstadt des portugiesischen Reiches, das in diesen Zeiten groß war durch die Eroberungen diverser Ländereien in Übersee. So war auch wenige Jahre zuvor, um genau zu sein, zwei Jahre zuvor, aus den indischen Landungen des Reiches (der Name „Goa“, Jahrhunderte später eines der Traumziele einer Träumen zu verwirklichen suchenden Generation, ist vielleicht dem einen oder anderen noch bekannt) ein Elefant nach Portugal gebracht worden, inclusive des dazu gehörigen Mahuts [3], der die längste Zeit seines Lebens Subhro hieß, bevor ihm kurz vor dem zu diesem Zeitpunkt nicht zu vermutendem Ende seines Lebens der Name „Fritz“ gegeben wurde. Aber damit bin ich ja schon am Ende der Geschichte, und das sollte so nicht sein, also zurück zum Anfang…

Man sucht ein Geschenk am Hof des portugiesischen Herrschers für Maximilian, den Neffen Kaiser Karls V, der seit einigen Jahren in Spanien weilt. Und man erinnert sich Salomons, des Elefanten, der die einstige Attraktivität in den zwei Jahren seines Aufenthaltes in Portugal ein wenig verloren hat und der nun mitsamt Mahut in Belem sein Leben mehr recht als schlecht fristet.

Der kaiserliche Neffe, verehelicht mit einer gewissen Maria von Spanien (eine zwecks Staatsräson eingefädelte Ehe, der aber (nimmt man die stattliche Zahl von 16 Kindern als Maß .- ein gewisser Erfolg nicht abzusprechen ist), nimmt – man hat, um diplomatische Verwickelungen zu vermeiden, der Vorsicht halber angefragt  – das Geschenk an. So stellt man am portugiesischen Hof eine Karawane, nein, eine Delegation zusammen, die den Elefanten Salomon mitsamt Führer und Futterwagen. Karawane und Delegation gleichen sich in vielen Dingen, aber nur erstere sollte, wenngleich auch nicht in Österreich, so doch in dessen Nähe, Zeitalter später in ihrem Ziehen redewendlich werden, was von der Delegation nicht zu behaupten ist. Jedenfalls stellten der Hof und dessen umsichtiger Sekretären einen Troß zusammen, Bewachung war von Nöten, um jeglichen Eventualitäten von Angriffen oder Übergriffen zuvorzukommen, vielleicht allein schon, um zu imponieren und der Qualität des Geschenkes gerecht zu werden. Bewaffnete also und auch Unbewaffnete, die halfen, den Futterwagen, der von tierischer Seite her von Ochsen gezogen wurde, zu schieben, um so die Marschgeschwindigkeit zu erhöhen. Denn langsamer noch als Salomon, der Elefant, waren die Ochsen diejenigen, die die Geschwindigkeit der gesamten Kolonne letztlich bestimmten.

Am Grenzübergang zu Spanien kam es zu einer verwickelten Situation, denn hier traf man eine Gesandtschaft der Österreicher, die ihrerseits den Auftrag hatten, den Elefanten zu übernehmen, was jedoch mit der Order der Portugiesen, jenen in Valladolid zu übergeben, kollidierte.  Die Situation drohte zu Eskalieren, jede der involvierten Parteien war um Wahrung des Gesichts bemüht, die anderen, gegnerischen (noch nicht feindlichen) Kräfte auszustechen und nur durch das Geschick des Bürgermeisters konnte eine Einigung erzielt werden, ohne daß ein Schuss fiel. Was, bei ruhiger Überlegung betrachtet und selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Gewehre dieser Zeit kaum zu vergleichen sind mit den heutigen was Treffsicherheit und Durchschlagskraft angeht und ferner der Fama, die Haut des Elefanten würden Kugeln nicht durchlassen – dessen allen ungeachtet hätte eine Auseinandersetzung der beiden Delegationen ungeahnte Verwicklungen auf politischer Ebene und gar eine Verletzung Salomons zur Folge haben können.

In Valladolid wurde Salomon an seinen neuen Besitzer übergeben, den jungen Erzherzog Maximilian. Fortan ging die Reise von Elefant und Mahut unter österreichischer Führung weiter, erst ans Meer, dann über selbiges nach Genua, von dort aus wieder über Land ins Reich der Alpen. Da mittlerweile der Sommer schon längst, der Herbst erst gerade vorüber war und außerdem bekannter maßen in den Bergen der Winter früh einbricht, war diese Etappe in den Bergen für Soliman und Fritz etwas völlig neues: sie kannten keinen Schnee. Und wenn jetzt jemand sagt, wer sind Soliman und Fritz: wir kennen sie bisher nur als Salomon und Subhro doch der Herr Erzherzog beliebte die beiden derart umzu“taufen“. Es gefiel ihm besser, er konnte es sich besser merken und sein Volk fürderhin wohl auch. Jedenfalls bewältigt die Reisegruppe auch diese Strapaze durch die verschneiten Berge, das Tal der Eisack, den Brenner hin nach Innsbruck, von wo aus man ein Schiff nahm die Inn hinunter und dann die Donau bis kurz vor Wien. Dort verließ man den Fluss und näherte sich der großen Stadt zu Land, in gehöriger und angemessener Pracht. Unvergessen bis in die heutigen Tage ist beim Einzug in die Stadt die Rettung eines Mädchens vor dem sicher geglaubten Tod durch Soliman [2], das – da können wir sicher sein – der gesamten Familie der Proboscidea (auch wenn diesen Begriff als solchen damals in Wien niemand gekannt haben dürfte) zu einem äußerst positiven Ansehen verhalf. Soliman selbst konnte dieses Ansehen nicht allzulange geniessen, wohl vertrug er das Klima nicht, von artgerechter Haltung war man noch weit entfernt und so verschied der Elefant nach relativ kurzer Zeit noch, sozusagen, im jugendlichen Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren…. sein Mahut dagegen, der nach dem Tod des Vertrauten zurück wollte nach Portugal, verschollte auf just dieser Rückreise, so daß das Ende der Geschichte – und so auch des Romans – kein glückliches ist.


saramago cover

Saramago hat mit dieser Reise des Elefanten ein exotisches Thema für seinen Roman gewählt. Es ist nicht ganz neu, Salomon oder Soliman, wie er auf dieser Etappe ja heißt, hat mit dem karthagischen Feldherrn Hannibal, der im Zweiten Punischen Krieg 218 v.Chr einen berühmten Vorgänger, der in seinem Heer bei der Alpenüberquerung ebenfalls (allerdings afrikanische Wald)Elefanten mit sich führte. Salomon dagegen ist in friedlicher Mission, in höherem politischem Auftrag auch, unterwegs. Eine solche Reise Mitte des 16. Jhdts ist naturgemäß etwas besonderes. Zwar ist die Existenz des Elefanten als solchem kein Geheimnis, man hat von diesen Riesen natürlich schon gehört, in Bestiarien sind sie schon seit langem abgebildet [4], aber einen gesehen hat in Mitteleuropa wohl kaum jemand in diesen Zeiten. Die Reise war daher eine Sensation, die dazu taugte, selbst in Mythen, Geschichten, Sagen und Anekdoten einzugehen [2]. Und selbstverständlich färbte der Ruhm des Elefanten auch auf den Besitzer ab, den Erzherzog, der seinen Untergebenen dieses Schauspiel bot.

Für den Elefanten (wie für den Mahut) war die Reise eine weitere, erzwungene Emigration, der Autor bringt diesen Vergleich. Und er führt ihn weiter aus, daß nämlich aus dem Dahinvegetieren in Portugal ein emsiges, fleißiges Laufen geworden ist, Aktivität mithin, so wie dies allgemein bei Wirtschaftsemigranten zu beobachten sei [3].

Im großen und ganzen verläuft die Reise planmäßig und unaufgeregt. Einige wenige Höhepunkte gibt es, das Aufeinandertreffen der beiden Delegationen erwähnt ich schon. In Padua später baten Priester den Mahut um die Verrichtung eines Wunders, seien doch die arrangierten Wunder meist einprägsamer und eindrucksvoller als die natürlichen. Um dem aufblühenden Protestantismus (für den der Erzherzog Sympathien hatte) etwas entgegen zu setzen, sollte Soliman vor der Basilika auf die Knie fallen…. daß Salomon zu dieser Zeit schon lange exkommuniziert ist (aber das ist eine andere Geschichte, in der Ganesha eine wichtige Rolle spielt), stört das Wunder nicht….

So bleibt dem Autoren viel Zeit und Raum, abzuschweifen, sich diversen Themen, und liegen sie auch nur am Rande der Geschichte, zu widmen. Oft nimmt er dabei den Mahut als Ausgangspunkt, der durchaus gewitzt und – da aus einem anderen Kulturkreis stammend – mit weiterem Horizont wie viele andere, auch andere Fragen stellt und manches in Frage stellt, wobei Subhro sich aber immer seines „Ranges“ bewusst ist aber auch seiner Bedeutung, denn wer ausser ihm hätte mit Salomon schon umgehen können? Desweiteren scheut sich Saramago nicht, sich selbst als Autoren mit ins Spiel zu bringen, auch Bezüge herzustellen zu unseren Zeiten…

Bis auf ein paar Seitenhiebe gegen die Kirche und ihre Vertreter, natürlich die Blasiertheit des Adels, dem alles als Mittel dient, seine Ziele zu erreichen und gegen das Militär, dem vor allem der Eindruck, den es schindet mit seinem Auftritt, wichtig ist, ist dieser Roman im wesentlichen eine schöne, angenehm unterhaltende Lektüre. Als Leser schwitzt man mit den Figuren des Stücks, man staubt ein und wird durchnäßt von Regenschauern, man rutscht mit ihnen im Eis und trägt weiße Schneedecken wie Soliman seinen Eispanzer….

Eine Besonderheit weist der Text von der Gestaltung her auf: er sieht aus wie ein einziger langer Fließtext, kaum unterbrochen von Absätzen und ist trotzdem leicht und schnell lesbar, da in Wirklichkeit sehr szenisch in vielen Dialogen geschrieben ist, nur daß die wörtliche Rede durch ein Komma und einen folgenden Großbuchstaben dargestellt wird.

Schlußendlich bleibt also festzuhalten, daß Die Reise des Elefanten ein nettes Lesevergnügen ist, unterhaltsam, meist kurzweilig und immer intelligent, mit einem sympathischen Elefanten und seinem bemerkenswerten Mahut.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Autoren:  http://de.wikipedia.org/wiki/JoséSaramago
[2] zum historischen Ereignis gibt es natürlich auch Quellen wie z.B. diese hier: http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/wien/allgemein/derersteelefant.html oder diese zwei: https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Zum_schwarzen_Elefanten
(1,Graben)  bzw. http://www.felinx.de/MarianneZollner/index.php/ueber-mich/mein-engagement/82-soliman.html und natürlich widmet die Wiki Soliman und seiner Wanderung einen Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Soliman(Elefant)
[3] Eine Bemerkung, die ungeahnt aktuell ist, angesichts der Flüchtlinge aus Afrika, deren Willen zu arbeiten aber hier bei uns meist ausgebremst wird.
[4] wie hier in dem aus dem 13. Jahrhundert in einem Kampf gegen ein wirklich mythisches Tier:  http://de.drachen.wikia.com/wiki/Datei:Bestiary_Dragon_Elephant.jpg

[B]ildquellen:

Holzschnitt „Soliman in Wasserburg/Inn„:  http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Soliman.1.jpg?uselang=de#globalusage; Abbildung: gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

José Saramago
Die Reise des Elefanten
Aus dem Portugiesischem übersetzt von Marianne Gareis
Originalausgabe: A Viagem Do Elefante, Lissabon, 2008
diese Ausgabe: Hoffmann und Campe, HC, ca. 240 S., 2010

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5 Responses to “José Saramago: Die Reise des Elefanten”

  1. PRBC Says:

    Spannend! Mal sehen, ob ich noch dazu komme, diesen Roman zu lesen. 👍😊

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  2. irmgardrahn Says:

    Hört sich fantastisch an. Werde ihn auf meine Liste setzen. Danke für den ausführlichen Bericht.

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    • flattersatz Says:

      tun sie das, liebe irmgard, saramago ist ein wunderbarer erzähler (zumindest empfand ich es in diesem buch, dem einzigen, das ich bis jetzt von ihm kenne, so) und wird ihnen gefallen!

      herzliche grüße

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  3. Hübsches Buch… ich würde tatsächlich die meisten Dinge unterschreiben die hier so stehen..

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