Ilija Trojanow: EisTau

15. März 2015

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„Die Hölle ist kein Ort; die Hölle ist die Summe unserer Versäumnisse.“

Ilija Trojanow, polyglotter Weltenreisender und -sammler [1, 2] hat diesen schmalen Roman über den an der Welt verzweifelnden Glaziologen Zeno Hintermeier im Jahr 2011 veröffentlicht. In zwölf Abschnitten begleiten wir diesen sowohl auf einer Reise mit einem Kreuzfahrtschiff in die Antarktis [3] als auch in seinen Erinnerungen und Gedanken in die eigene innere Welt, die sich immer weiter von der der anderen abkapselt. Befassen wir uns zur Einstimmung erst einmal mit der realen Welt des Augenblicks…

Die Schiffsfahrt in die Antarktis nimmt ihren Anfang in Ushuaia, im Süden Argentinienes gelegen, der südlichsten Stadt dieser Erde [4]. An Bord als Vertreter des erkrankten Expeditionsleiters ist dieser etwas rundliche, mittlerweile schon über sechzig Jahre alte ehemalige Wissenschaftler. Er ist für die Gäste verantwortlich, es gilt Regeln einzuhalten im Umgang mit den Tieren und dem Eiskontinent, den Menschen sind mittels Vorträgen und Erklärungen gewisse Tatsachen und Fakten zu vermitteln, selbstverständlich steht er mit den anderen Lektoren immer für Fragen zur Verfügung. Außerdem natürlich ist dafür zu sorgen, daß der Eindruck der erhabenen Einsamkeit der Landschaft für die Passagiere nicht zerstört wird: täglich ist mit anderen Kreuzfahrtschiffen der Tagesablauf zu koordinieren, auf daß man sich nur ja nicht begegne…

Es ist eine Art Verzweifelungstat, die Zeno Hintermeier auf die MS Hansen gebracht hat. Seit frühester Jugend ist er in Gletscher verliebt, in die Kälte, das Eis, die überirdische Bläue der Hohlräume, die Kapellen gleichen. Strudelnde Wasserläufe, Spalten, Ritzen, das Geknarze und Gegurgel, wenn diese Eiswesen lebendig und schirr lebend sich äußert. Es ist nur folgerichtig, daß der junge Mann Glaziologe wird, daß er andere junge Menschen den Gletscher lehrt, ihn mit ihnen begleitet, beobachtet, vermisst. Aber was nutzen all die Graphen, Skizzen, Listen, Tabellen, Zahlen, Funktionen.. eines Tages, von einer Krankheit genesen und wieder nach Hause gekommen, packt er sofort seine Sachen und besucht seinen Gletscher, die Frau zuhause sieht´s mit ungläubigem Erstaunen. Doch dieser Besuch im Sommer wird zur Sterbebegleitung: der Gletscher ist nicht mehr da. Hie und da noch ein schmutzig-grau bedeckter Eisbrocken, den er an sich drücken kann, er fällt auf den Boden in das Geröll und krümmt sich in seinem Schmerz und des Eises Tod [5].

Die Ehe scheitert, Hintermeier verläßt die Universität, reduziert seine Habe bis auf weniges, was er noch zu brauchen glaubt und  fängt an, für die Reederei zu arbeiten und in der Antarktis seinem geliebten Eis wieder nahe zu kommen.

Er wird schnell als Sonderling angesehen, durchaus anerkannt und geschätzt, aber verbissen, eine Spaßbremse für jede Gesellschaft. Einzig Paulina, eine der Phillipinas auf dem Schiff, kommt ihm nahe, mir ihr hat er ein Verhältnis, das jeweils so lange dauert, wie sie an Bord sind. Ausserhalb dieser Zeit aber gehen sie ihre eigenen Wege…

Doch schnell merkt er, daß er seine geliebten Gletscher, sein Eis den Menschen nur vorführt wie ein Dompteur im Zirkus die Löwen. Sicher auf dem klimatisierten Deck hinter Panoramafenster sitzend, mit Feldstecher und Fotoapparat bewaffnet, wird die Natur in gebührendem Abstand beobachtet oder abgehakt, wie es die Vogelbeobachter mit ihren Objekten der Begierde tun. Sie registrieren nicht das schwerelose Schweben und Gleiten im Sturmwind, das Hinabschießen der pfeilschnellen Körper in die Wogen der See, für sie sind die Daten wichtig: wann, wo und welcher….

.. Du bist nur Gerede. Deine Empörung ist ein Furz. Du lässt Luft ab,
du stänkerst herum, ansonsten bist du wie alle anderen, nein,
schlimmer noch, du weißt Bescheid und du läßt dir dein Wissen versilbern.

Dieser Vorwurf des Wirtes aus der Spelunke in Ushuaia bohrt in ihm, der kaum noch aus seinen Alpträumen erwacht und ein hingeworfenes Wort, ein Gedanke nistet sich in ihm ein: Entführung. Eine Entführung würde das Spektakel glaubwürdig machen, die Pseudoaktion eines Künstlers, der eingeflogen wird, weil er mit den Passagieren ein lebendes SOS Zeichen auf dem Eis bilden will: die Gletscher werden vergewaltigt als Kulisse für einen Egomanen. Dieser Gedanke nistet sich in ihm, der immer radikaler wird im Denken und im Handeln, der es leid wird, Kompromisse einzugehen, ein und wird zu seiner fixen Idee.


Mit Zeno Hintermeier hat Trojanow eine tragische Figur geschaffen. Ein Mensch, der seit frühester Kindheit fasziniert ist von einem Naturphänomen, fixiert ist auf dieses Phänomen, so sehr, daß er darüber hinaus menschliche Beziehungen leiden läßt. Das Scheitern seiner Ehe, die Rückkehr in das Alleinsein: es scheint ihm nichts auszumachen, man könnte sogar auf den Gedanken kommen, es sei ihm recht. Sein Lebensverlust ist nicht Helene gewesen, sondern es war der Gletscher, den er mit seinen Studenten umsorgte und vermaß – und der ihm im wörtlichen Sinne unter den Händen weg starb. So waren für ihn auch konsequenterweise die weißen Tücher, die man andernorts über Gletscher spann, um sie vor der Sonne zu schützen – Leichentücher. Wer wollte ihm da widersprechen?

Mit dem Gletscher starb seine „Daseins“berechtigung, er verließ die Arbeitsstätte, die Heimat, um im tiefsten Süden wieder Gletscher und Eis zu finden. Und ironischerweise verrät er dieses Glück damit auch gleich wieder, in dem er es zahlenden Touristen, für die es einfach eine weitere Attraktion auf einer Liste zu besuchender, darbietet. Dieser Widerspruch radikalisiert ihn, treibt ihn immer weiter in die Isolation auch zu den anderen Crewmitgliedern, die seine eifernde Grundeinstellung nicht nachvollziehen können.

Zeno wird das Menschsein satt, er verzweifelt am Menschen, der als Einzelner in seiner Unbelehrbarkeit, seiner Arroganz und Bequemlichkeit und als Masse in seinem aggressiven Machtstreben seine Umwelt und damit seine eigene Lebensgrundlage letztlich zerstört. Das Schiff mit seiner Crew und den Passagieren ist Trojanow ein Bild für die Menschheit als Ganzes. Das Fremde ist dem Menschen nur als Attraktion lieb, wenn um die Eisberge die Grilldüfte, die an die Heimat, das Gewohnte, erinnern, wabern und Reggaeklänge zu hören sind. Sich einzulassen auf das Neue, Unbekannte, es anzunehmen ohne die Sicherheitsleine, die einen mit der Heimat verbindet, ist ihm nicht möglich. Das ist Zenos Welt nicht mehr, sein irrwitziger Plan reift in ihm und Erlösung verspricht ihm nur das Eintauchen in seine Welt, die er mehr liebt als sein Leben.


Trojanow läßt seinen Protagonisten ein Tagebuch führen, dem er, der mit realen Menschen immer weniger kommunizieren kann, seine Gedanken, seine Erinnerungen, seine Empfindungen, anvertraut. Es ist ein Dokument wachsender Verzweifelung in einem Menschen, der – auf ein Objekt fixiert – über das Engagement sich steigert bis in eine Art Obsession, die ihn zum Aussenseiter macht, die ihn selbst in gewisser Weise zu einer Art „Fremden“ werden läßt in den Augen der anderen: seine Kollegen können seine Handlungen und fundamentalen Ansichten, in die sich zunehmend auch Aggressivität mischt, immer weniger nachvollziehen und akzeptieren. Zeno ist die Erkenntnis fremd, daß Veränderungen nur dann erfolgen können, wenn Menschen überzeugt werden, also aus der Mitte heraus. Vom Rand, vom Extremen her, ist keine Veränderung möglich, von dort, wo er sich jetzt befindet, kann nur noch mit Gewalt allenfalls Aufmerksamkeit erregt werden – die das eigentliche Anliegen möglicherweise sogar torpediert.

In diese längeren Tagebucheintragungen sind jeweils kurze, anfänglich irritierende Textpassagen eingestreut, die eine wilde Melange von Schnipseln aus Fernsehnachrichten, Funksprüchen, Schlagertexte und ähnlichem darstellen, jeweils beendet von einer – im Verlauf des Buches erkennbaren – Nachrichtenfolge über einen terroristischen Akt in der Antarktis. Beide Textteile, Tagebuch und „Wortsalat“ laufen mithin aufeinander zu, wobei letztlich die rudimentäre Nachrichtenfolge („Breaking News“) mehr Fakten enthüllt als die nur andeutenden Tagebucheinträge.


Trojanows Roman über die Zerstörung der Umwelt am Beispiel der Gletscher macht keine Hoffnung. Sein Protagonist ist zu extrem in seinen Ansichten und Handlungen, seine anderen Figuren sind zu gleichgültig – mit beiden Einstellungen ist die Umwelt nicht zu retten. Ist sie es überhaupt? Und was bedeutet eigentlich „retten“? Das Bewahren des status quo? Und geht es überhaupt um die Umwelt, oder geht es nicht viel mehr darum, daß die von uns (mit)verursachten Änderungen der Umweltbedingungen unsere eigenen Lebensgrundlagen gefährden? Wir Menschen sind Teil der Natur und alles, was wir der Natur antun, tun wir uns an, nur verstehen wir das nicht.

Man kann Trojanows Roman aber auch als Geschichte eines Mannes lesen, der – auf ein Objekt fixiert – immer weiter in diese Fixierung gerät und der darüber die Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit mit anderen verliert. Das Hineingleiten in die Einsamkeit ist ihm im Gegenteil nur recht. Er ist überzeugt von seiner Sache, so sehr, daß er den Gegenüber mit seinen Argumente nicht mehr überzeugen will, sondern er will sie ihm einbleuen – was nicht gelingen kann und ihn in eine immer weitergehende Spirale der Entfremdung treibt, bis hin zu dem Stoßseufzer, daß er selbst keine Lust mehr hat, ein Mensch zu sein. Seine Tat ist mithin ein letzter, verzweifelter Akt eines Hilferufes, der in der rauen medialen Wirklichkeit schnell verpufft und ohne Wirkung bleibt, er selbst diskreditiert sich damit endgültig, auch wenn ihn das nicht kümmert….


Die Tagebuchform macht es dem Autor möglich, vieles nur anzureißen, ohne in die Tiefe zu gehen; der Plot hat zwei Aspekte, die ganz persönliche Geschichte seines Helden, die eingebettet ist in die Geschichte der immerwährenden Misshandlung der Natur durch den Menschen. Beide, Protagonist und Natur, scheinen nicht zu retten zu sein: bei ersterem können wir uns sicher sein, bei letzterer sieht Trojanow (so äußert er sich zumindest in einem Interview [1]) noch beschränkte Hoffnung, auch wenn diese Ansicht dem Buch nicht zu entnehmen ist. So stimmt die Lektüre beim Lesen nicht unbedingt zuversichtlich, zumal die Identifikationsmöglichkeiten mit dem Protagonisten nur gering sind: in seiner Fixierung und Radikalität bleibt er einem fremd.

Daß der Roman in der Kritik doch deutlich angegriffen wird  [6], kann ich für mich nicht übernehmen, mir hat er gut gefallen, auch wenn Zeno mit seinem Eigenheiten wie der Liebe zum Eis nicht den Geschmack der Mehrheit trifft und sein „Menschenhass“ eher therapiebedürftig gewesen sein dürfte. Deshalb kann ich zur Lektüre des Romans durchaus raten: sie ist interessant und auch intellektuell herausfordernd sowie als Beispiel dafür, wie es wohl nicht geht, geeignet…

Links und Anmerkungen:

[1] Interview mit Iliya Trojanow, youtube-clip: youtube: https://www.youtube.com/watch?v=FYAqxhiuXuk
[2] Buchbesprechung des Weltensammlers von Trojanow hier im blog: https://radiergummi.wordpress.com/2013/02/07/ilija-trojanow-der-weltensammler/ sowie des dazu gehörigen Berichts: Nomade auf vier Kontinenten: https://radiergummi.wordpress.com/2012/10/21/ilija-trojanow-nomade-auf-vier-kontinenten/
[3] dieser Link führt jetzt zwar auf einen Werbefilm, aber die im Roman geschilderte Fahrt der Expedition wird hier sehr schön nachvollziehbar. Trojanow selbst hat diese Reise zweimal unternommen: https://vimeo.com/89591330
[4] Wiki-Beitrag zu Ushuaia: http://de.wikipedia.org/wiki/Ushuaia. Interessant und verblüffend ist der Vergleich der geographischen Breitenangabe der Stadt mit z.B. auf der nördlichen Hemisphäre des
Rathauses in Flensburg: 54° 47′ 3“ nördlicher Breite und dagegen
Ushuaia: 54° 48′ südliche Breite
[5] Trojanow wird hier wohl auf den Wahnsinns-Sommer 2003 anspielen. In diesem Sommer war ich selbst in den Alpen am Jamtalferner und gut 2500 m Höhe. Es war über 25 Grad im Schatten, ich bin von einem Schatten in den anderen gelaufen, weil ich sonst „verbrannt“ wäre. Von der Hütte, die beim (Ur?)Großvater des Wirtes noch direkt am Gletscher lag, der ihm derart als Kühlschrank diente, musste ich gut anderthalb Stunden laufen, bis ich am Gletscherfuss war… (http://de.wikipedia.org/wiki/Jamtalferner, siehe auch hier: http://www.gletscherarchiv.de/fotovergleiche/gletscher_liste_oesterreich)
[6] vgl. diese Übersicht bei Perlentaucher:  http://www.perlentaucher.de/buch/ilija-trojanow/eistau.html

Ilija Trojanow:
EisTau
diese Ausgabe: Hanser, HC, 176 S., 2011

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2 Responses to “Ilija Trojanow: EisTau”

  1. Karin Says:

    Lieber Flattersatz,
    ich war damals auch sehr enttäuscht über die Kritik an diesem Buch, denn ich habe es ebenfalls sehr gern und mit Spannung gelesen. Ich mag diesen Autor sowieso. Diese Reisenden wie Nooteboom, Ransmayr, Trojanow haben es mir angetan, weil sie uns eben nicht nur fiktiv mit auf die Reise nehmen, sondern immer ein großes Stück Realität in ihre Bücher packen.
    Ihre ausführliche* Rezension verlockt hoffentlich viele Leser zum Kauf dieses Buches.
    mit herzlichen Grüßen
    Karin
    PS: * für mich kann es nie ausführlich genug sein -:)))

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    • flattersatz Says:

      danke, liebe karin, für ihren lieben kommentar. sie haben völlig recht, ein buch ist immer eine reise und wenn zusätzlich noch über eine reise berichtet wird, so gut berichtet wird, ist es nicht nur unterhaltend, sondern auch lehrreich – auf angenehme und gute art. was mir hier jedoch aufgefallen ist, ist die tatsache, daß zeno ja offensichtlich (letztlich treibt es ihn ja zum suizid) krank ist und damit seine kritik die kritik eines kranken menschen wird, bei dem man vllt alles auf die krankheit, das unvermögen, den dingen ins auge zu sehen, schieben kann….

      nichtsdesttrotz ein lesenswerter roman von einem beeindruckenden autoren!

      herzliche und liebe grüße
      fs

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