T.C. Boyle: Hart auf Hart

8. März 2015

Boyle_24737_MR.indd

T.C.Boyles neuer Roman Hart auf Hart geht, so wie er im Interview mit der ZEIT [3] erklärt, auf einen realen Fall zurück, der sich 2011 in Fort Bragg (Kalifornien) abgespielt hat [2]. Dort wurde nach wochenlanger Jagd der 35-jährige Aaron Bassler, der zuvor mehrere Männer getötet hatte, in den dichten Wäldern Nordkaliforniens selbst erschossen.

Aaron wird in Boyles Roman zu Adam, dem 25jährigen, spätgeborenen Sohn von Sten und Coralee. Diese beiden sind auch die ersten Personen, die uns der Roman vorstellt. Sten, mittlerweile siebzig Jahre alt und als Schuldirektor pensioniert, macht mit seiner Frau eine Kreuzfahrt, sie befinden sich auf einem Ausflug in das Innere des Landes, sie sind in Costa Rica. Es ist ein anstrengender Trip in eine schwüle, heiße Natur über schlechte Wege in einem katastrophalen Bus – und am Ziel ihrer Fahrt angekommen, werden sie auch noch überfallen. Damit ist bei Sten, dem ehemaligen ausgezeichneten Vietnamkämpfer, eine Grenze erreicht: er erinnert sich an das, was er damals gelernt hat und setzt es um. Und noch ein weiteres Mal bietet sich ihm die Gelegenheit, seinen Frust, seinen Hass abzureagieren: ohne mit der Wimper zu zucken, identifiziert er später einen Verdächtigen, obwohl er weiß, daß dieser nicht am Überfall beteiligt war.

Dieses Intro ist eine eigene kleine Geschichte, in sich abgeschlossen, sie schlägt nur insofern auch in die große Handlung über, als daß Sten eine kleine Berühmtheit in der Heimat geworden ist, dem jeder auf die Schulter klopft, der ungefragt in den Bars die Drinks ausgegeben bekommt. Nicht, daß er das unbedingt braucht, es zerstört ihm letztlich den Frieden, den die Anonymität geben kann, aber verdient hat er es ja eigentlich, oder?

In Sara ist die Wut, die in Sten gut verpackt und weitestgehend unter Kontrolle ist, deutlich stärker spürbar. Sie hat keinen Vertrag mit dem Staat Kalifornien und wenn der Scheissbulle sie anhält und auffordert, ihm ihre Fahrzeugpapiere zu geben, nur weil sie sich als freie Bürgerin während der Fahrt nicht angeschnallt hat – wozu sie verdammt noch mal doch wohl das Recht hat – dann sagt sie ihm das und sie gibt ihm keine Papiere und sie wehrt sich und ihr Hund hilft ihr und beisst zu. Auf diese Art macht sie ihr Bekanntschaft mit den Repressionsmethoden dieses Unterdrückerstaates mit seiner illegitimen Regierung: sie landet im Gefängnis, der Hund im Tierheim. Und wie soll sie jetzt arbeiten, ihren Auftraggeber informieren und was wird aus ihrem Hund, der noch nie von ihr getrennt war und wie kommt sie wieder an ihr Auto?

Wütet Sara auch gegen die Anmaßungen des Staates an seine Bürger, so ist sie immerhin so weit in der Gesellschaft verankert, daß sie (als Hufschmiedin) arbeitet, eine normale Wohnung hat, in der sie gerne und wohl auch ganz gut kocht, viel mit Gemüse, weil es gesünder ist. Sie hat eine beste Freundin, mit der sie Freitags durch die Bars zieht, ein paar Drinks nimmt und sich die Männer dort anschaut, von denen im Grunde keiner des Anschauens wert ist…

Mit Adam erreicht die innere Flucht in Fantasiewelten, die Absonderung, der Fundamentalismus der Figuren des Romans seinen Kulminationspunkt. Sara gabelt den jungen Mann an der Straße auf, im Tarnanzug steht er dort und steigt in ihren Wagen, hockt sich bewegungslos und stumm auf ihren Beifahrersitz. Erst als ein Polizeiwagen entgegenkommt, erwacht er zum Leben und geifert dem Wagen lautstarke Beschimpfungen nach….

Aber irgendwas hat dieser junge Mann mit dem kahlen Schädel, dem muskulösen Körper, mit der gleichen Wut auf den Staat wie sie, irgendwas, was Sara anzieht… und auch Adam, der sich ihr als Colter vorstellt, spürt, daß diese Frau ihn nachts nicht vor die Tür weisen wird…

Ich will die Handlung, die abgesehen von Einzelheiten absehbar ist (und durch den realen Hintergrund auch bekannt), hier nicht weiter erzählen. Boyle ist nicht der Typ, der sich in weitschweifigen Auslassungen, Rückblenden oder einer Ursachenforschung verliert, er hat eine Geschichte zu erzählen und das macht er ohne Umstände. Er konzentriert sich dabei auf seine drei Protagonisten, die ich kurz vorgestellt habe und schildert deren Erlebnisse und Eindrücke aus der jeweiliger Perspektive. So kristallisiert sich langsam das Bild eines anderen Amerika heraus, eines Amerika, dessen Bürger sich verfolgt fühlen durch Fremde, die sich eingeschränkt und geknebelt sehen durch Gesetze und Verordnugnen, die ihre Rechte von einer illegitimen Regierung, die sie nicht anerkennen, in den Schmutz getreten sehen.

Diese Grundeinstellung äußert sich bei Boyles Protagonisten in unterschiedlich stark ausgeprägter Art und Weise. Sten zum Beispiel gehört einer Bürgerinitiative an, die die Wälder retten wollen, in denen die mexikanischen Drogenkartelle immer öfter Plantagen anlegen: was im Land produziert wird an Drogen, muss schließlich nicht mit  hohem Risiko geschmuggelt werden. Hier treffen sich die Ideen eines Naturschutzes mit denen der Fremdenfreindlichkeit, die sich nicht daran orientiert, ob etwas „verbrochen“ worden ist, nein, das „Fremder sein“ an sich ist schuld: kaufen Mexikaner in Supermarkt ein und laden das in ihren Pick-Up, so sind die Sachen sicher für ihre Plantage gedacht…. Noch sieht Sten, der Vater, diese Bürgerbewegung als Initiative und nicht als Bürgerwehr, aber sein jähzorniges Temperament ist nur allzu leicht bereit, selbst über diese Grenze zu springen.

Auch Sara ist noch auf der eher passiven Seite der Verweigerung. Solange man sie in Frieden läßt, lebt sie ein unauffälliges Leben, aber das ist ein Kartenhaus, das zusammenbricht, sobald eine Karte darin angestoßen wird und genau das geschah in dem Moment, in dem sie rechts ran gewunken wurde. Vielleicht verliebt sie sich deshalb in dieses etwas seltsamen, muskulösen jungen Mann, vielleicht bewundert und geniesst sie nicht nur seine physische Stärke (und ihre Überlegenheit über seine Unerfahrenheit…), sondern bewundert auch die Konsequenz, mit der er seinen Hass in die Tat umsetzt. Eine gespaltene Bewunderung, denn gleichzeitig macht es ihr Angst, ihn nur mit seinem Gewehr zu sehen, seine Gewaltausbrüche schrecken sie, sein oft tagelanges Verschwinden im Wald bleibt ihr rätselhaft.

So rätselhaft war dieses Verschwinden im Wald aber gar nicht. Adam hat dort seine eigenen Plantagen, in denen er Mohn anbaut, das er verkaufen will, das er aber auch selbst verbraucht, diese kleinen, braunen Kügelchen sind sein ganzer Schatz. Ein mühsames Geschäft ist das Anlegen solcher geheimen Anpflanzungen, Bäume müssen gefällt werden, die Beete müssen versteckt werden vor den Behörden, sie brauchen Hege und Pflege und sind den Unbillen der Natur ausgeliefert. Dies ist die Welt von Adam geworden, der Wald, die Natur… hier eifert er seinem großen Vorbild nach, John Colter, einem amerikanischen Mythos, einen Waldläufer und Pfadfinder des späten 18. Jhdts [4], von dessen Geschichte uns Boyle in seinem Roman – als eingebundene Nebenhandlung, als Tummelplatz Adam´scher Fantasievorstellungen – einen großen Teil erzählt. Wie Colter werden bis hin zum „Colter sein“, das ist der Traum Adams, wie Colter gegen die Blackfeet kämpfen und gewinnen, ihnen überlegen sein, den Verfolgern entkommen im mythenumkränzten Lauf: dafür trainiert er im Wald, dafür schult er seine Fähigkeiten, stählt er seine Muskeln, deswegen benutzt er nicht die Tür, sondern springt und klettert über die Mauer in „sein“ Haus… es ist der einzige Punkt, in dem sich Vater und Sohn insgeheim nahe sind: bei aller Ablehnung, Verurteilung und Verzweifelung dessen, was sein Sohn macht, verspürt Sten insgeheim einen Anflug von Stolz auf seine Fähigkeiten, immerhin narrt er ein Großaufgebot an Polizisten über viele Wochen hinweg. Und auch Adam „anerkennt“ bei aller Verachtung für seinen Vater die in seinem eigenen Wertesystem hoch eingestufte (sie richtete sich schließlich gegen „Chinesen“) Aktion Stens bei dem Überfall in Costa Rica.

In Adam ist der Fremenhass, der Hass auf (fast) alles, was nicht Adam ist, nicht mehr steigerbar: ihm sind alle Menschen „Chinesen“ oder Aliens. In seiner drogenumwaberten Gedankenwelt gilt es diese zu bekämpfen, zu vertreiben – ja, zu töten, wenn es sein muss…. Noch ist er nicht Colter, er ist nicht perfekt, hat seine Schwächen, diese Nässe, die ihm Sara bietet, zum Beispiel verführt und lockt ihn immer wieder zurück, auch im Wald ist er manchmal unvorsichtig, aber letztlich ist er so gewieft, daß er sogar die Hunde abschütteln kann, die sie ihm nachjagen… für seine Verfolger hat er nur Verachtung übrig, die Polizisten und Spezialeinheiten sind ihm fettgefressene Chinesen, die nur Videospiele kennen…. er ist Colter, er ist der Waldläufer, er ist es, der den Hunger, die Kälte, die Einsamkeit erträgt …

Boyle erzählt uns diese Geschichte, Erklärungen gibt er nicht. Woher zum Beispiel kommt dieser extreme Freiheitsbegriff Saras her, der letztlich – wenn ihm alle anhingen – jede Gesellschaft zerstören würde, denn die Grenze jeder Freiheit, dort nämlich, wo sie die Freiheit des anderen einengt, verletzt oder zerstört – selbst diese Grenze wird nicht akzeptiert. Ist es der Überdruss an der durchregulierten Gesellschaft, in der wir leben? Sind es die Mythen der Vergangenheit, die verklärt und lebendig gehalten werden, ist es die radikale Ablehnung aller Ideen, die von außen kommen? Boyle erfindet diese Einstellung vieler Amerikaner ja nicht, die „Tea Party“ ist ja sozusagen deren legaler, mächtiger Arm in der amerikanischen Politik, der z.B. die für europäische Ohren so absurde Ablehnung einer allgemeinen Krankenversicherung torpediert. Boyle formuliert es in seinem Interview [3] folgendermaßen: Die Rechten in den USA wollen nicht geimpft werden, weil es ihre Freiheit beschneidet, nicht geimpft sein zu können. Eine absurde Logik, die sich selbst in den Schwanz beisst und nur der Negation dient.

In ihrer extremsten Form, wenn zu der reinen Ablehnung noch psychische Probleme eines Menschen kommen, können Menschen wie Adam resultieren, die sich mental in eine Parallelwelt begeben haben, die das Gefühl haben, permanent angegriffen und attackiert zu werden und sich verteidigen zu müssen. Dazu kommt und das resultiert in einer allgemeinen Verachtung für eine verweichlichte Gesellschaft, die keine Werte mehr kennt….

Boyle widmet sich in Hart auf Hart nicht dem Mainstream der amerikanischen Gesellschaft, sondern den Rändern, dort, wo klar wird, wie groß die Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen und Einstellungen sein kann. Als Autor bleibt er sich damit treu, diese Aussenseiter selbst zu Wort kommen zu lassen, sie nicht aus der Warte der anderen zu schildern, sondern zu versuchen, ihrem kruden Gedankengängen selbst nachzugehen. Dazu kommt die schnelle, kaum Pausen kennende Formulierungskunst Boyles, die einen starken Sog beim Lesen entwickelt: das alles summiert sich zu einem interessanten und unterhaltsamen Roman, dessen gesellschaftliche Relevanz nicht zu unterschätzen ist.

Links und Anmerkungen:

[1] deutsche Website von T.C.Boyle: http://www.tc-boyle.de
[2] Lori Preuitt: Aaron Bassler Shot Killed Near Fort Bragg; in: http://www.nbcbayarea.com/news/local/Aaron-Bassler-Shot-Killed-Near-Fort-Bragg-Report-130915168.html
[3] David Hugendick (Interviewer): „Wie viel Mist haben wir heute!“, in: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2015-02/tc-boyle-interview-roman-natur
[4] Wiki-Beitrag über John Colter: http://de.wikipedia.org/wiki/John_Colter

Weitere Bücher von Boyle auf aus.gelesen:

– Grün ist die Hoffnung
– Talk Talk
– Tod durch Ertrinken
– Wassermusik
– Zähne und Klauen

T.C. Boyle
Hart auf Hart
Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Originalausgabe: The Harder They come, NY, 2015
diese Ausgabe: Hanser, 400 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: