Francine Prose: Lügen auf ALBANISCH

17. Februar 2015

Lula cover

Lula ist Albanerin, eine junge Frau von 26 Jahren, die jetzt in New York lebt, genauer gesagt, in New Jersey. Wie ist sie nach Amerika gekommen? Nun, mit einen Touristenvisum, das sie unter Rückgriff auf eine fantasievoll zusammengestellte Familiengeschichte, unter dem relativ frei herbei fabulierten Hinweis, ihre Hochzeit sei für Ende des Jahres geplant (und sie daher natürlich wieder zurück nach Albanien käme) und unter zusätzlicher Vorlage diverser Kinderbilder, die sie sich zusammen geliehen hatte (und die vorgeblich ihre nicht vorhandene eigene Familie darstellen sollten), erschwindelt hatte.

Natürlich ist sie nie wie angegeben nach Chikago gefahren, sie ist in New York hängen geblieben, jobbte in einer Bar, ließ sich dort von Angetrunkenen auf den Hintern klapsen und von einem noch Angetrunkeneren auch mal flach legen. Überhaupt der Alkohol: Lula ist ihm nicht abgeneigt, ohne, daß man sagen könnte, sie sei davon abhängig. Aber was soll man sonst den ganzen Tag machen, wenn man auf einen Halbwüchsigen aufzupassen hat, der alles mögliche bräuchte, aber kein Kindermädchen, mit dem er täglich in den nahen Bio-Supermarkt fährt, um die aufzutauende Tiefkühlkost des Tages zu kaufen.

Denn seltsamerweise hatet Stanley Larch, den Lula Mr. Stanley nennt, sie engagiert, als sich sich auf seine Kleinanzeige hin meldete. Es ist ein Zwei-Männer-Haushalt, Zeke, der Sohn, Liebhaber schwarzer Kleidung und von Vampiren, ist ähnlich unmotiviert und depressiv wie sein Vater, der früher mal ein zufriedener Professor für Wirtschaft war, dann aber an die Wall Street abgeworben wurde. Nun verdient er zwar deutlich mehr Geld, aber der Spaß am Leben ist nicht mitgewachsen.

Woran auch Ginger ihren Anteil hat, denn Zekes Mutter hat die beiden Männer verlassen. Wahnvorstellungen haben sie am letzten Weihnachten aus dem Haus getrieben, vereinzelt kommen wirre Postkarten aus diversen Weltgegenden ins ehemals heimischen Haus geflattert.

So herrscht gepflegte Langeweile, aufgeladen mit unterschwelliger Aggression, denn Vater und Sohn haben kein einfaches Verhältnis miteinander, vor allem der Sohn rebelliert und opponiert gegen seinen Erzeuger, der jetzt Vater- und (Ersatz)Mutterliebe auf den Filius konzentriert, worauf der jedoch gut verzichten könnte.

Der Tagesablauf also ist geregelt, er lullt ein und macht schläfrig-träge. Lula ist guter Hoffnung, eine Green Card zu bekommen, ein guter Freund ihres Arbeitgebers ist erfolgreicher Anwalt und hat sich ihrer angenommen. In diese Situation platzt urplötzlich Alvo mit zwei seiner Kumpanen hinein. Unter Angabe einer obskuren Verwandschaftsbeziehung, die schnell generalisiert wird (schließlich sind prinzipiell alle Albaner sind miteinander verwandt) klingeln die drei bei Lula (ergo: bei Mr. Stanley) und überreden sie, eine Waffe in Verwahrung zu nehmen, was die verwirrte und überraschte Lula auch macht. Verwandten kann man das schließlich nicht abschlagen, wer weiß, was diese Typen dann machen würden und überhaupt ist der rothaarige Alvo ein wirklich süßer Kerl und so versteckt sie die Pistole sehr symbolträchtig in ihre bestes, weil seidenes Höschen eingewickelt in ihrem Wäscheschrank…

So dümpelt das Leben (wie auch das Buch), jetzt freilich durch die erotisch aufgeladene Frage nach Alvo etwas aufgepeppt, dahin…. hin und wieder setzt sich Lula an ihre Schreibmaschine und tippt vorgebliche Geschichten, die sie oder ihre Familie erlebt hat. Meist sind diese kurzen Episoden jedoch erfunden, auf jeden Fall stark von der Fantasie auf Wirkung hin bearbeitet, Mr. Stanley und ihrem Anwalt jedoch gefallen sie und beide machen ihr Mut, ein Buch zu schreiben. Für uns als Leser sind diese Geschichten jedenfalls ein Rückgriff auf die Erlebnisse (so wie sie waren, so wie sie hätten sein können) und die Lebenswirklichkeit in Albanien.

Denn das dem Roman zugrunde liegende Schema ist nicht neu: ein Fremdling in einer anderen Gesellschaft, der diese mit anderen Augen sieht, sie mit dem Bekannten vergleicht und auch gnadenlos die Schwächen erkennt. Und die Autorin ist da nicht zimperlich. Ihr Amerika ist neurotisch, bevölkert von vereinsamten Menschen, ist ein Amerika, das dem Schein huldigt und nicht dem Sein. Zwischenmenschliche Kontakte sind immer problematisch, die Ehen der Protagonisten funktionieren mehr schlecht als recht. Und dazu wird das riesige Land, God´s own country, noch von einer Verbrecherbande regiert, die das Recht mit Füßen tritt. Denn der Roman spielt noch zu Zeiten von George Dubbeljuh und seinem Vize Cheney. Womit ich bei der Figur des Rechtsanwalts bin, Don Settebello, Mitinhaber einer großen Kanzlei. Denn ihm, dem abgebrühten Anwalt, treten bei zwei Gelegenheiten noch die Tränen in die Augen: wenn er die Bill of Rights liest, diese großartige Feststellung der unveräußerlichen Rechte eines jeden Menschen und zum zweiten, wenn er sich vor Augen hält, wie diese Bande im Weißen Haus darauf herumtritt. Don ist Anwalt, aber auch Idealist: er nimmt sich der Immigranten an und hat ein Mandat für Guantanamo bekommen. Der Besuch dort raubt ihm die letzten Illusionen…

Das Buch lebt nicht von der Handlung, Lula schließlich ist an ihre Arbeitsstelle gebunden und die ist mit strengen Regeln, wie weit sich Zeke von zu Hause entfernen darf, gekoppelt. Von daher begleiten wir Lula oft nur im Kopfkino oder bei ihren Ausfahrten und Gesprächen mit Zeke bzw. der „Familie“. Ja, die Familie fährt, z.B. ein College suchen für den etwas schrägen Sohn, der sich letztlich nur für ein qualifizieren kann, nämlich das, in das sonst keiner will, weil dort kürzlich ein durchgeknallter Amokläufer um sich schoß….

Die Dialoge bzw. Eindrücke Lulas sind recht witzig formuliert, sie leben oft vom Gegensatz Albanien vs. USA, die Figuren sind – so wie das Land – neurotisch und skurril – Sympathieträger sind sie nicht unbedingt. Manches wirkt auch recht willkürlich, die dem Wahn verfallene Mutter Ginger beispielsweise, die eines Nachts wie Deus ex Machina nackt und mit brauner Schokomasse (aber nicht nur) eingeschmiert in Lulas Zimmer auftaucht, genau im falschen Moment übrigens, sofern es für einen solchen Auftritt überhaupt einen richtigen geben mag. Auch um den Kleinkriminellen Alvo ranken sich mehr ungelöste Fragen als Fakten, er wird letztlich dann auch („Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“) von der Autorin elegant abserviert. Genauso unvermutet und -hofft expediert Prose ihre Protagonistin aus dem geschützten Biotop des Larch´schen Haushalts hinaus in die Welt (aber keine Angst, Lula fällt weich): ihre irgendwo in der Zwangsprostitution vermutete beste Freundin taucht plötzlich heil und unversehrt (und in gewissem Sinn in Art freiwilliger Prostitution, sprich: „Ehe“ lebend) sowie einem immerwährenden Kaufrausch ergeben wieder auf und holt Lula zu sich in die Wohnung im Trump-Tower, die sie sich vom Geld des annullierten Ehemannes gemietet hat.

So endet das Buch in einer Art Friede, Freude, Eierkuchen: keinem ist etwas passiert, alle haben ihren Anteil am „Fortkommen“ erreicht und das Leben kann weitergehen. Zumindest eine Weile. Leid tun in dieser Konstellation kann einem allenfalls Mr Stanley: er ist jetzt allein im großen Haus und muss für Frau (Klinik) und Sohn (College) sorgen, d.h. zahlen…

Ich habe das Buch im Urlaub gelesen, da war es eine recht gelungene, unterhaltsame Lektüre. Ob es obendrein als ernsthafter gesellschaftskritischer Roman anzusehen ist, wage ich dagegen zu bezweifeln: vieles ist erwähnt und kurz angerissen, bei allem aber bleibt die Autorin an der Oberfläche. Tiefer gehende Emotionen sind allenfalls spürbar, wenn Prose durch ihren Anwalt auf die Bush-Administration zu sprechen kommt….

Francine Prose
Lügen auf ALBANISCH
Übersetzt aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Originalausgabe: My New American Life, NY, 2011
diese Ausgabe: btb, ca. 320 S., 2014

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