Susanne Schmidt: In einem glühend blauen Sommer

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Susanne Schmidts erotischer Roman über eine junge Frau Ende Zwanzig spielt in der Jetztzeit, ab ca. 2010 bis ins letzte Jahr 2014. Julia, die Hauptperson, lebt mit einer Freundin in einer kleinen Wohnung in Stuttgart zusammen, arbeitet dort auch und hat in einer Bar Andreas kennengelernt. Andreas, Andy, ist einige Jahre älter als sie, wohnt und arbeitet in Berlin, was die Romanze verkompliziert. Im Gegensatz zu ihr, die ihrem Liebhaber bald verfällt, achtet er sehr auf seine Unabhängigkeit, sie nimmt auf Anruf hin die weiten Fahrten von Stuttgart nach Berlin auf sich, um die Nacht oder wenn es gut läuft, die Nächte mit ihm zu verbringen.

Die Fahrt von Stuttgart nach Berlin ist lang, doch Julia hat offensichtlich nah am Wasser gebaut, was jetzt nicht Tränenflüssigkeit meint. Hoffen wir, daß die Autositze in ihrem Wagen abwaschbar sind.. Vor-Freude, Vor-Lust: bei jeder Vibration des Autos jagt ein Schauer durch ihren Körper, den Andy in den Nächten dann zu voller Blüte zu erwecken weiß.

Leider ist dieser Andy voller Geheimnisse. Ein Mann, der routinemäßig Aids-Tests vornehmen läßt – das macht stutzen und nachdenklich, nur nicht die Protagonistin. Sie wollen zusammen in Urlaub fahren, Insel-Hopping auf den Kanaren, alles ist vorbereitet, da cancelt Andy für seinen Teil diese Reise, keine große Erklärung, er müsse sich mal zurückziehen und brauche Abstand.

In diesen Abstand, der Julia voller Fragen zurückläßt, prescht Patrick, eine seinerseits damals eher geduldete, leicht schräge Randfigur ihrer Studentenclique. Er wolle sie anstatt Andy auf diesen Trip einladen, es sei doch nicht einzusehen, daß sie, nur weil ihr Liebhaber so seltsam sei, zu Hause bliebe, nur als Freund, mehr habe er nicht vor. Tja, wer´s glaubt, wird selig, Julia jedenfalls merkt schnell, daß Patrick gut küssen kann und auch zu mehr aufgelegt ist. Ach, es ergibt sich halt so…. until the juices begin to flow…. Außerhalb des Bettes ist die Harmonie zwischen den beiden nicht ganz so ausgeprägt und in der Verlängerungswoche, die sich Julia noch ohne Patrick gönnt, füllt dann Juan die Lücke und Julia ist fast so was wie glücklich.

Wieder zu Hause angekommen, ist das Leben der Protagonisten keineswegs ruhig. Im neuen Arbeitsplatz muss sie sich bewähren, Patrick wird aufdringlich und lästig, ist kaum abzuschütteln und streift die Grenze zum Stalking ziemlich scharf. Andy dagegen, von dem Julia immer noch träumt, ist kaum zu erreichen, ja, Julia erfährt von seinem Büro, daß er für ein paar Monate im Ausland arbeitet; der Kontakt zu Juan schläft schnell ein…. in langen Diskussionen mit ihren Freundinnen, aber auch in den Endlosschleifen imaginärer Selbstgespräche versucht Julia ihre Situation, ihre mangelnde Entschlusskraft den verschiedenen Männern gegenüber zu reflektieren – es gelingt nicht immer.

Auf einer Party lernt sie Felix kennen, einen jungen Mann, der – so ihre Freundin – Kurse für Wakeboarding gibt. Zwar ist Julia, die sich tatsächlich überreden läßt, an so einem Kurs teilzunehmen, die einzige blutige Anfängerin in der Gruppe, dazu noch die Älteste, aber sie lernt schnell und bekommt Spaß an der Sache und auch Felix wird ihr immer sympathischer…. so sympathisch, daß sie ihm letztlich das freiwerdende Zimmer in ihrer Wohnung anbietet, denn Karin, die nach undenkbaren acht Jahren „Zusammenseins“ mit ihrem Freund zusammen wohnen will, zieht in eine andere Stadt… die Freundschaft zu Felix dauert nicht lange, dann schleicht sich langsam so ein seltsames Gefühl ein, für das Julia eines Nachts ganz spontan und unwillkürlich den Satz „Ich liebe dich“ in den Mund nimmt…


Man muss beim Lesen dieses Erstlings von Susanne Schmidt ein wenig aufpassen, da die Handlung nicht chronologisch angeordnet ist, sondern die Erlebnisse insbesondere der letzten zwei Jahre ineinander verschachtelt sind. Mit Julia jedenfalls präsentiert uns Schmidt eine junge Frau mit noch erheblichen Problemen der Selbstfindung, der Suche nach ihren eigenen Leben. Sie ist leicht beeinflussbar und hat nur selten den Mut, das, was sie im Grunde weiß, auch gegenüber anderen nach außen hin zu vertreten. Eher gibt sie nach, beschönigt sie, verdrängt sie – unter diversen Ausreden, mit denen sie ihre „Feigheit“ vor sich selbst (manchmal auch vor ihren Freundinnen) rationalisiert – von Zeit zu Zeit jedenfalls kann man beim Lesen den Wunsch, Julia mal energisch aufzurütteln, nicht unterdrücken.

Schmidt läßt Julia mit zwei Männern intensiveren Kontakt eingehen, die sehr gegensätzlich sind: Andy ist etwas älter, abgeklärter, weiß, was er will. Er sagt deutlich, daß er sich nicht binden will, daß er nicht nur eine Frau haben will und daß er seine Freiheit behalten will. Julia ist das egal, sie hält die Gefühle, die sie Andy entgegenbringt, für Liebe und nur in einem seltenen Moment der Klarheit dringt das Wort „Abhängigkeit“ in ihr Bewusstsein. Jedenfalls springt sie, sobald Andy sie per Telefon oder SMS anfordert, auf und nichts wie hin zu ihm – während der langen Autofahrt wakeboarded sie dann sozusagen auf der Bugwelle ihrer Vorfreude. Denn bei Andy hat Julia, deren Sexleben wohl vorher wenig interessant war, gelernt, daß Sex auch Spaß machen kann. Und Andy steht seinen Mann, immerhin verhilft er Julia im Lauf der Nacht zu sage und schreibe mitgezählten acht Orgasmen – eine Zahl, die mich als Mann voller .. ja, was eigentlich? zurückläßt….

Patrick stellt das Gegenteil davon dar. Während Julia und Andy auch außerhalb des Bettes harmonieren, haben Patrick und Juli sich nichts zu sagen. Anfangs immerhin noch einfühlsam und rücksichtsvoll geht er immer mehr dazu über, ihr gegenüber seinen Willen durchzusetzen. Er kann jähzornig und ausfallend werden, setzt auch seine Kraft ein, um Julia zu zwingen. Trotzdem lernt Julia bei Patrick, daß Sex trotzdem auch dann Spaß machen kann, wenn keine Liebe im Spiel ist…. daß Patrick sich nicht so einfach vor die Tür setzen lassen will, wie Julia in ihrer Naivität glauben will, merkt sie bald schmerzhaft….

Kam mit Patrick nie ein wirkliches Gespräch zustande, ist dies mit Felix ganz anders. Obwohl Felix deutlich jünger ist, verstehen sie sich blendend, können sich gut unterhalten, spielen mit großem Vergnügen altmodische Brettspiele miteinander, fahren auch in Urlaub – nur im Bett hakt es, Julia kommt von acht zurück auf Null…. Aber wozu gibt es Freundinnen, die man fragen kann…


In einem glühend blauen Sommer wird explizit als „erotischer“ Roman in der Reihe Liebesleben des Konkursbuch-Verlages vertrieben, wobei es sein könnte, daß dem einen oder anderen Leser/in die Erotik oder deren Darstellung etwas zu sehr im Hintergrund gerät [2]. Natürlich beschreibt Schmidt auch erotische Szenen, die Sprache, in der sie das macht, hat mir auch gut gefallen, sie ist natürlich und klar und läßt der Fantasie genügend Raum, aber das sind nur Szenen, die sich im Lauf der Handlung ergeben. Im Vordergrund und in der Hauptsache geht es jedoch um die Entwicklung von Julia, die in Liebessachen recht naiv daherkommt.

Oder ist diese Naivität nur vordergründig, um – und ja: dieses Gefühl hatte ich mehr als einmal – mit erhobenem Zeigefinger pädagogisch zu sein? So erfahren wir beispielsweise, daß Mann, sofern wechselnde oder mehrere Geschlechtspartner gleichzeitig existieren, besser regelmäßig einen Aids-Test macht (und man bis dahin mit Erektionskleidung beischläft..). Eine fast 30jährige, die sich von ihrer „Tante“ seitenweise darüber aufklären lassen muss, daß sie auch dabei mit der eigenen Hand nachhelfen und sich stimulieren darf/kann, wenn´s mal wieder etwas länger dauert oder es mit dem Höhepunkt gar nicht klappen will…. Und man lese und staune: Männer haben das gerne! Zugegeben, daß der allergrößte Teil der Clitoris im Verborgenen liegt, gehört vielleicht noch nicht so zum Allgemeinwissen, aber ob das Faktum in dieser hier präsentierten Form in einen erotischen Roman gehört oder es nicht doch besser in einer entsprechenden Zeitschriftenkolumne aufgehoben wäre, könnte man sicher diskutieren [3]….

Im Mittelpunkt des Romans steht ganz eindeutig Julia in ihrer Naivität, Unentschlossenheit und fehlenden Orientierung, vielleicht auch ihrer Suche nach „Mister Right“. Die anderen Personen der Geschichte werden soweit eingesetzt, wie sie für die Handlung gebraucht werden: als Zuhörerinnen, als Ratgeberinnen, als Kumpaninnen, wenn es am Wochenende auf die Straße oder in die Clubs geht. Aber ebenso wie die Personenzeichnung der Männer (mit Ausnahmen vllt von Felix und Patrick) geht deren Charakterisierung nicht allzu sehr in die Tiefe, sondern bleibt weitgehend flach.

Wenn diese Kritikpunkte, die ich so fleißig aufgeführt habe, jetzt allzu negativ klingen, so ist das nicht meine Absicht. Ein solcher Roman, wie ihn die Autorin vorlegt, soll in erster Linie unterhalten, den Leser/die Leserin für ein paar Stunden an sich binden und ihre Fantasie beflügeln und das schafft Schmidt durchaus: In einem glühend blauen Sommer ist ein unterhaltsames Stück Literatur mit pikanten Szenen, herrlich geeignet, bei einem Gewitter (oder auch ohne) an einem See (oder auch woanders) gelesen zu werden…

Links und Anmerkungen:

[1] Die Autorin Susanne Schmidt lebt in Stuttgart, sie hat bis jetzt (als eBook) eine Sammlung von Erzählungen veröffentlicht sowie Beiträge in Anthologien und Literaturzeitschriften.
[2] In anderem Zusammenhang habe ich eben folgenden Blogbeitrag gelesen: “23 pages into shades of grey and no one has had sex yet. What a disappointment.” (Quelle: http://womenreading50shadesofgrey.tumblr.com/). Wer also mit diesem Anspruch zum Buch greift, sollte sich – besonders in der zweiten Buchhälfte – auf Durststrecken gefasst machen.
[3] andererseits…manchmal staunt man tatsächlich…. diesen Dialog habe ich gerade gefunden (  http://www.heyne-hardcore.de/erotik/andresky-gevoegel.html), passt zum Thema, aber nicht zu unserer angeblich so aufgeklärten Zeit:
Journalistin: »Welche Praktik beschreiben Sie am liebsten?«
Sophie Andresky: »Cunnilingus, da ist man so schön nah dran.«
Journalistin: »Was?«
S. A.: »Nah dran.«
Journalistin: „Nein, vorher.«
S. A.: »Cunnilingus, also französischer Sex.«
Journalistin: »Ah! Blasen!«
S. A.: »Nein. Lecken. Bei Frauen.«
Journalistin (mit rotem Gesicht): »Oh Gott.«

Mehr Buchvorstellungen (und auch anderes) zum Thema „erotische Literatur“ sind in meinen Themenblog zu finden:  https://erotischebuecher.wordpress.com

Susanne Schmidt
In einem glühend blauen Sommer
diese Ausgabe: KonkursbuchVerlag Claudia Gehrke, kart., ca. 285 S., 2014

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars

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