Rainer Maria Rilke: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke

2. Februar 2015

»… den 24. November 1663 wurde Otto von Rilke / auf Langenau / Gränitz und Ziegra / zu Linda mit seines in Ungarn gefallenen Bruders Christoph hinterlassenem Anteile am Gute Linda beliehen; doch mußte er einen Revers ausstellen / nach welchem die Lehensreichung null und nichtig sein sollte / im Falle sein Bruder Christoph (der nach beigebrachtem Totenschein als Cornet in der Kompagnie des Freiherrn von Pirovano des kaiserl. österr. Heysterschen Regiments zu Roß …. verstorben war) zurückkehrt …«

 

Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.

Christoph von Rilke auf Langenau Gränitz und Ziegra ritt anno 1663 durch die ungarischen Lande den türkischen Horden, den heidnischen Muselmanen entgegen, die auf Wien zuritten, es zu erobern. Es war ein gemischtes Heer mit Soldaten aus vielen Landen, unter ihnen der erst 18jährige Jüngling, dessen Mut offensichtlich schon so müde geworden und die Sehnsucht nach der Heimat so groß, denn es verschwimmen die Tage miteinander und die Strecken, die sie im Sattel zurückgelegt, so einerlei scheint alles, das kein Vorankommen real zu sein vorgibt…

Er ritt neben einem Marquis aus Frankreich, dessen Reden und Lachen mittlerweile verstummt, aufgesogen von der Monotonie, den sumpfigen Brunnen, den fremden Hütten, der schweren Sonne…

… reiten, reiten, reiten…

Erst der Anwurf an den Marquis, seine Augen glichen doch sicher denen der Mutter, reißt jenen aus der Lethargie des Ritts, verleiht ihm wieder Leben und sie kommen in eine kleines Gespräch, ob denn jemand auf ihn warte in der Heimat und der Marquis hat eine Rose bei sich und von Langenau nur die Erinnerung an Magdalena, mit der er zu rau spielte und die um Verzeihung zu bitten dafür ihm jetzt im Moment, da der Marquis ihm die Rose zeigt, und das Haar ihm dabei frauenhaft in den Nacken fällt, wichtig wäre….

Die Melancholie breitet ihr schweres Tuch aus über den Männern, die des Abends lagern, die müde sind und kaum noch ein Liedes zu singen Lust und Mut aufbringen. Die Melancholie, das Heimweh, die Sehnsucht…. die Stimmung der Herzen überwindet die Grenzen der Sprache, auch wer die Sprache, in der gesprochen wird, nicht versteht, versteht das, was gesagt werden soll…

von Langenau und der Marquis müssen sich trennen, das Heer ist da und es ist groß. Freunde sind sie geworden, teilen so viel miteinander… der Marquis greift sich Rose vom Herzen, wo er sie trägt und reicht von Langenau ein Blatt, auf daß es diesen behüte. Er lächelt traurig: ihn schützt eine fremde Frau…..

Später steht er vor Spork, dem gewaltigen Graf, dem großen General, vor dem sogar der Himmel verschwindet. Der mustert den Jüngling, gibt wenig auf die Empfehlung des Briefes und bescheidet von Langenau mit einem Wort: Cornet! Und das ist viel.

Seine Träume werden zerrissen von Schreien, eine Frau, der Leib sich bäumt, gefesselt an einen Baum, blutig und bloß, fällt ihn an: Mach mich los!  Es graust ihm vor den glühenden Blicken und den beißenden Zähnen und mit blutigen Stricken in der Hand jagt er sein Ross in die Nacht hinaus….

Der Mutter schreibt er einen Brief, den er am Herzen trägt, beim Blatt der Rose…

»Meine gute Mutter,
seid stolz: Ich trage die Fahne,
seid ohne Sorge: Ich trage die Fahne,
habt mich lieb: Ich trage die Fahne –«

Ja, die Mutter wird ihn lieb haben, sie wird stolz sein… aber ohne Sorge wird sie nicht sein, ihr Sohn im Krieg gegen die grausamen Türken…. doch noch ist vom Feind nichts zu sehen, wird ein Fest gefeiert im Schloss oberhalb des Dorfes, das sie erreichen, ist er der Page der Fürstin für die Nacht, unser Jüngling. Noch steht er im weißen Gewand vor der Fürstin, hoch oben im Turm, auf den sie ihn mitnahm und die Fahne steht am Fensterkreuz im Vorsaal, so wie der Waffenrock, der Mantel, die Handschuhe, das Bandelier achtlos hingeworfen sind auf Sessel und Boden…

Doch der Jüngling steht im Turmzimmer, sein weißes Gewand fällt auf den Boden und die Nacht sollte hundert Namen haben für ihn und die Gräfin, hundert Namen, die alle am Morgen wieder eingesammelt werden, die nur für eine Nacht gelten, nur in dieser Nacht geflüstert werden, in der sie ineinander gedrängt im breiten Bette liegen..

Halb Eisen, halb nackt, mit zerrissenem Schlaf im Gesicht endet die Nacht, rot leuchtend und lärmend und es ist nicht die Sonne, sind nicht die Vögel: der Feind ist es, das Schloss brennt und die Männer werden zusammengerufen, doch einer fehlt: „Cornet!“ schallt es, und lauter“Cornet!!!“ und ein weiteres mal: „CORNET!!!!

Aber der Cornet ist nicht dabei, als die brausende Reiterei hinausjagt, ohne die Fahne….. doch

von Langenau läuft um die Wette mit brennenden Gängen,
durch Türen, die ihn glühend umdrängen,
über Treppen, die ihn versengen,
bricht er aus aus dem rasenden Bau.
Auf seinen Armen trägt er die Fahne wie eine weiße, bewußtlose Frau.
Und er findet ein Pferd und es ist wie ein Schrei:
über alles dahin und an allem vorbei, auch an den Seinen.
Und da kommt auch die Fahne wieder zu sich
und niemals war sie so königlich;
und jetzt sehn sie sie alle, fern voran,
und erkennen den hellen, helmlosen Mann

und erkennen die Fahne …

Aber da fängt sie zu scheinen an, wirft sich hinaus und wird groß und rot …

Da brennt ihre Fahne mitten im Feind und sie jagen ihr nach.

Sie jagen ihr nach, doch von Langenau ist allein, und sechzehn krumme Säbel umringen ihn und der Waffenrock verbrennt im Schloss, zusammen mit dem Brief und der Rose und die Säbel prasseln auf ihn nieder…. und im nächsten Frühjahr weint die alte Frau auf Langenau.


Ich war gestern in einer Lesung dieses kurzen Stückes von Rilke, gelesen hat ein Schauspieler (Oliver Wolff, Braubach), der – ganz witzig – „geritten“ ist auf einem Fahrrad, dessen Lenker mit einem Pferdekopf verkleidet war. Leider hatte ich meinen Foto nicht dabei…. der Text wurde musikalisch von einer Geige (Isabelle Roger, Koblenz) untermalt, dramatisch, melancholisch, leise, laut… insgesamt eine kurze (der Text ist halt nicht länger…), aber feine Aufführung.

Kaum zu glauben, daß diese kleine Erzählung mal zu den populärsten Texten gehörte. Dem Langemarck-Mythos zufolge hatten die „jungen“ Regimenter das Deutschlandlied auf den Lippen und „Rilkes Cornet im Tornister“, aber auch im zweiten Weltkrieg hielt der Mythos des Textes mit seiner Romantisierung und Heroisierung noch an: .. „…und und daheim wartete eine Frau als Lohn“. Da Krüger [2a] dies ausführlich diskutiert und dargelegt hat, will ich mir hier weiteres dazu sparen und verweise auf diesen Text, zumal mir persönlich andere Aspekte eher in den Vordergrund geraten sind.

Der Titel (der Fama nach ist der Text in einer Nacht entstanden…) lautet „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, von Liebe und Tod also handelt er und das Militärische  ist mehr Kulisse im Hintergrund, aus dem sich Liebe und Tod speisen, vor allem der Tod. Und in der Tat ist der Text voller sexueller Symbolik. Der Jüngling von Langenau, der sich mit dem französischen Marquis anfreundet, dessen dunklen Haare … weich [sind] und [sich], wie er das Haupt senkt, … frauenhaft auf seinem Nacken dehnen, hat noch niemanden, der auf ihn zu Hause wartet, so denkt er an die Spielgenossen vergangener Tage, der er – jetzt empfindet er es wohl so – als Knabe zu rau entgegentrat. Der Turm in der Ebene, der sich als Modanna entpuppte, im Lager die rauen Landsknechte, die die Kleider der Dirnen zerreißen und wohl auch die Frau an den Baum banden (und schändeten), deren Schreie der Jüngling hörte und eilte, sie zu befreien. Unverständig dagegen seine Angst vor der Frau, die nach der Befreiung eher einer Hexe oder Furie gleicht, die sich auf ihn stürzen will – die Umdeutung eines Wunsches in eine Angst? Und dann natürlich das ausgelassene Fest auf dem Schloss, der weißgewandete Jüngling, weiß – die Farbe der Unschuld. Im Turm (so phallische dieses Symbol, 40 (sic!) Meter hoch) soll er sie verlieren, symbolisch ist sein Gewand schon gefallen, die Fahne steht aufrecht am Fensterkreuz.

Er verliert seine Unschuld, blutrot leuchtet alles um ihn herum und wie zur Strafe für seine Tat kommt er zu spät, verbrennt die vorher so stolze Fahne, die er zuvor wie eine weiße, bewußtlose Frau tragend noch aus den brennenden Gebäude gerettet hat und er wird in Stücke gehauen von sechzehn Säbeln. Thanatos folgte dem Eros auf dem Fusse als sich zu einer Einheit Ergänzendes.

Kein Wort mehr über die Gräfin im Turmzimmer, ob sie gerettet werden konnte, was sinnvoll gewesen wäre, denn der eigentliche Zweck des Stücks war der Versuch Rilkes, blaues Blut in den Adern der Familie nachzuweisen, die adlige Abstammung, die man so gerne hätte zeigen wollen, zu begründen. Wozu man die Gräfin natürlich „danach“ lebend gebraucht hätte.


Natürlich ist solch ein Stoff auch der Verfilmung anheim gefallen, liest man in der zeitgenössischen ZEIT, gar einer der aufwendigsten zu jener Zeit, wobei der recht schmale Stoff (man liest kaum länger als ein halbes Stündchen) mit viel Zusätzlichem aufgebläht werden musste. Die Sprache Rilkes wirkt leicht schwülstig, in Teilen gleicht der Text einem Prosagedicht: der lange Auszug, den ich oben wiedergab, ist im Stück ein Fließtext, liest sich aber wie ein Gedicht. Inhaltlich und stimmungsmäßig trifft Rilke den Zeitgeist, der Heroisches und Tapferes sucht und goutiert, der ohne zu Zögern dem Tod entgegenreitet, nachdem ihm quasi als vorgezogende Belohnung die Liebesnacht gewährt worden ist.

So bleibt zusammenfassend, daß man muss den Text nicht unbedingt kennen muss (Krüger [2a] bezeichnet ihn gar als Trivialliteratur, der altbekannte Verhaltensmuster reproduziert), aber als szenische Lesung mit entsprechender Musik ist der „Cornet“ durchaus noch ein Erlebnis.

Links und Anmerkungen:

[1] der Text ist z.B. hier nach der Ausgabe des Inselverlages online (dem auch die kursiv wieder gegebenen Zitate entnommen sind):  http://www.gutenberg.org/files/24043/24043-h/24043-h.htm
[2] nach Wiki:  http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Weise_…. Rilke, vgl. insbesondere auch die Diskussion hier:
[2a] Bettina Krüger: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke – Buchkult und Kultbuch in den Weltkriegen; in: http://parapluie.de/archiv/unkultur/cornet/
[3] Berichte über die Verfilmung des Cornet: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41960501.htmlhttp://www.filmportal.de/film/der-cornet-die-weise-von-liebe-und-tod_e45b2526a8054e73b0834870e1967207 und http://www.zeit.de/1955/52/rilke-reiter-ruehrung

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