George Orwell: 1984

30. Januar 2015

1984 cover

George Orwells düstere Zukunftsvision eines totalitären Staates gehört sicherlich zu den bekanntesten Romanen des letzten Jahrhunderts. Der Titel, 1984, und vor allem aber der Leitspruch: „Big Brother (is watching you!)“ sind in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen, selbst die Nichtleser des Romans wissen, was damit gemeint ist. Und da Big Brother ja nun (Stichworte wie NSA, Snowdon bürgen dafür) tatsächlich immer umfassender am „watchen“ ist, hat dieser jetzt bald siebzig Jahre alte Roman noch nicht einmal an Aktualität verloren: noch nie waren wir so gut beobachtet wie heute.

Orwell schrieb den Roman Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die Erstveröffentlichung war 1949. Geboren worden war Orwell 1903 in Indien, er war Eton-Schüler, diente in der indischen Militärpolizei, verließ diese aber schon nach fünf Jahren wieder, da er die Unmenschlichkeit der indischen Kolonialverwaltung nicht mittragen wollte. Danach nahm Orwell viele Gelegenheitsarbeiten an und engagierte sich für die sozial Schwachen, politisch gesehen wurde er Kommunist. Daß er auf Seiten der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg kämpfte, dürfte bekannt sein. Die Erlebnisse in diesem Bürgerkrieg prägten ihn stark, viel davon – denke ich – floß in seinen Roman mit ein. Aufgrund seiner suspekten politischen Ansichten konnte er seinerzeit nicht in den Internationalen Brigaden kämpfen, sondern schloß sich einer kleinen anti-stalinistischen kommunistischen Miliz, der POUM an, überhaupt waren die republikanische Seite sehr zersplittert und militärische zum Teil geradezu lächerlich unbedarft, kommunistische und anarchistische Gruppierungen bekämpften sich auch noch gegenseitig. Im Verlauf der Auseinandersetzungen konnte Orwell gerade noch fliehen, der Führer der POUM, Andres Nin, wurde von stalinistischen „Inquisitoren“ zu Tode gefoltert, ihm wurde die Haut abgezogen, die Muskeln zerrissen, körperliches Leid bis an die Grenzen des menschlichen Durchhaltevermögens getrieben. Nin widerstand dem grausamen Schmerz …. innerhalb weniger Tage wurde sein Gesicht zu einer formlosen Masse aus Fleisch [3], eine menschenverachtende Brutalität, von der Orwell sicherlich Kenntnis bekommen hatte und die ihn zusammen mit den stalinschen Schauprozessen desillusioniert haben dürfte.

Die Enttäuschung Orwells über das stalinistische Regime findet direkten Niederschlag in seinem Roman… 1984 ist zweierlei: zum einen eine Beschreibung der Jetzt-Zeit, in der der Roman entstand. Kurz nach dem Krieg (gemäß der Richtlinien von Doppeldenk (Eine Tatsache ist genauso wahr wie ihr Gegenteil) wurde das Entstehungjahr ´48 durch Umdrehen der Ziffern zum Titel des Buches) herrschte großer Mangel und große Not, ein atomare Auseinandersetzung zwischen den Blöcken lag im Bereich des Möglichen und das stalinistische Regime in der UdSSR zeigte, wozu ein totalitäres System fähig ist. Diese Regime der Unterdrückung denkt Orwell in seinem Roman konsequent zu Ende.


Der Inhalt des Romans ist schnell erzählt. Die Hauptperson ist Winston Smith, ein neununddreißigjähriger Angehöriger der Äußeren Partei (die Partei gliedert sich in einen Inneren und eine Äußeren Zirkel von Mitgliedern) arbeitet im Ministerium für Wahrheit, das im Wesentlichen damit befasst ist, die Realität der Propaganda anzupassen. Diese Anpassung geschieht durch Veränderung der Vergangenheit, wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Gegenwart. Da der Besitz von Büchern etc nicht mehr erlaubt ist, hat die Partei den alleinigen Zugriff auf alle Medien, deren Inhalt jeweils systematisch den Vorgaben der Partei gemäß angepasst werden, wenn die Fakten dagegen sprechen, dann müssen sie geändert werden. Nach einer solchen Änderung existiert kein Nachweis mehr, daß zu irgendeinem Zeitpunkt etwas anders (vllt sogar konträr) war als es jetzt dort geschrieben steht. Mag der Großteil der Menschen auch barfuss laufen aus Mangel an Schuhen, der Plan für die Herstellung von Stiefeln wurde um 90% übertroffen. Wahrscheinlich, so dachte sich Winston insgeheim, wurde dagegen nicht ein einziger Stiefel wirklich produziert….

Denn Winston, dessen Eltern einer der großen Säuberungsaktionen nach dem Atomkrieg zum Opfer fielen, war ein Abweichler, ein Mensch, der noch eigene Gedanken hatte, der Zweifel hatte, der sich ein Tagebuch gekauft hatte, in das er solche Gedanken schrieb. Ganz diffus gab es da noch Erinnerungen an früher, nichts klares, definiertes, aber doch so viel, um sagen zu können, es war anders, es war – besser? Es war nicht einfach mit dem Tagebuchschreiben, denn der Große Bruder, der Mann an der Spitze, beobachtete ihn so wie jeden anderen Menschen: Teleschirme überwachen die Wohnungen, die Straßen, die Plätze, die Verkehrmittel, die Arbeitsstellen, sogar in der Natur sind geheime Mikrofone an Bäumen montiert, um geheime Gespräche belauschen zu können. Ausführendes Organ, das solche Gedankendelikte ahndet, ist die Gedankenpolizei. Niemand entgeht ihr, selbst Träume äußern sich irgendwann einmal als unbedachtes Wort und dann….

Die zwischenmenschlichen Beziehung sind durch Misstrauen geprägt, Kinder werden indoktriniert und spionieren ihre Eltern aus, Vertrauen, Freundschaft oder gar Liebe zwischen Menschen ist unerwünscht: alles hat sich auf die Parteiarbeit zu konzentrieren. Um so heftiger trifft es Winston, als er in der Hand diesen zusammen geknäulten Zettel findet, den ihm wohl die Frau hineingedrückt haben muss, als er ihr, die durch einen Verband gehandicapt war, nach einem Sturz wieder aufhalf: Ich liebe dich. Etwas Unmögliches, etwas Verbotenes, etwas Tödliches – etwas Wunderbares.

Julia ist pragmatisch, nicht so sehr intellektuell wie Winston, sie ist es, die die Treffen der beiden organisieren kann, bis sie sich in einem Wohnviertel der Proles einen geheimen, kuscheligen Ort geschaffen haben, an dem sie ihre Gefühle ausleben können…. Die Proles, Menschen, von der Partei mit Tieren auf eine Stufe gestellt, notwendig, um Arbeit zu verrichten, in Fabriken zu schuften, Krieg zu führen, den allgegenwärtigen Krieg mit einem der zwei anderen Machtblöcke. So hat der Hauptteil der Bevölkerung praktisch keine Rechte, aber unterliegt auch kaum der Beobachtung und Überwachung. So können sie ein zwar armes und entbehrungsreiches, aber doch ein Leben führen, das ihnen emotionale Freiheiten läßt – im Gegensatz zum Leben der Parteimitglieder.

Drei Machtblöcke haben sich nach dem Atomkrieg herausgebildet, die sich zwar nicht besiegen oder erobern können, die aber wechselseitig miteinander verbündet bzw. im Krieg stehen. Krieg und Frieden wechseln sehr schnell, ein Hauptteil von Winstons Arbeit ist es, die Geschichtsbücher entsprechend den neuen Verhältnissen umzuschreiben, denn selbstverständlich – die Partei hat immer Recht – kann der noch gestern verteufelte Kriegsgegner nicht heute der Verbündete gegen den Aliierten von gestern sein, würde dies doch bedeuten, daß die Partei einer Fehleinschätzung erlägen wäre….

Unwissenheit ist Stärke Screenshot aus der Verfilmung des Romans aus dem Jahr 1954 (Bild ist mit youtube verlinkt)

Unwissenheit ist Stärke
Screenshot aus der Verfilmung des Romans aus dem Jahr 1954
(Bild ist mit youtube verlinkt)

Zudem hat der Krieg, dies erfahren wir aus dem Buch von Goldstein, dem Renegaten, dem Gesicht des inneren Feindes, des Abtrünnigen, des Hassobjekts, daß der Krieg mit dem äußeren Feind (sofern er überhaupt stattfindet und nicht auch nur eine Progagandaerfindung der Partei ist, aber da er in den Geschichtsbüchern beschrieben wird, ist er per def. und Parteilogik Realität) in Bezug auf Ozeanien (und in den anderen Machtblöcken ist es analog) den Sinn hat, Produktionsüberschüsse zu vernichten, um somit den Lebensstandard niedrig zu halten. Dadurch sind die Menschen gezwungen, einen großer Teil ihrer Energie und Zeit darauf zu verwenden, sich Sachen des Alltags sowie Nahrungsmittel zu besorgen. Zeit, um Nachzudenken oder zu revoltieren, bleibt nicht mehr….

Woher hat Winston das Buch von Goldstein? Er hat sich zusammen mit Julia dem Angehörigen der Inneren Partei O`Brien anvertraut, bei dem er sich sicher war, daß auch dieser seine eigenen Zweifel und Bedenken teilt, vllt sogar ein Angehöriger der ominösen Bruderschaft sei, in der die Gegner des Regimes organisiert sind und die in vielen Schauprozessen eine große Rolle spielt. Winston liest Goldsteins Ausführungen mit großer Zustimmung, findet er doch darin seine eigenen, diffusen Gedanken formuliert, Julia hingegen hat für diesen theoretischen Kram weniger Interesse.. doch langsam zieht sich die Schlinge um die Liebenden zu: sie müssen schreckerfüllt feststellen, daß sie schon sein Jahren von der Gedankenpolizei beobachtet werden, daß diese über alles Bescheid wusste und sie jetzt festnimmt und sie ins Ministerium der Liebe bringt….

Hier konzentriert sich Orwell wieder auf Winston Smith, Julia werden wir nur noch einmal ganz kurz zum Schluss des Romans begegnen. Weiße Räume, permanente Beleuchtung, ein feiner Summton: schnell verliert Winston die zeitliche Orientierung, auch seinen Aufenthaltsort ahnt er mehr als daß er ihn weiß. Endloses Warten, Hunger, er trifft auf Arbeitskollegen und Wohnungsnachbarn, die ebenfalls festgenommen worden sind und sich selbst beschuldigen, froh sind, daß ihre Kinder sie angezeigt haben, bevor sich noch Schlimmeres denken konnten…. Zimmer 101, noch weiß Winston nicht, was das bedeutet.. verstopfte Toiletten, die unerträglichen Gestank verbreiten, Schläge. Blut, gebrochene Knochen – noch nicht bei Winston, aber bei Mitgefangenen…

Das Ziel der Verfolgung ist die Verfolgung.
Das Ziel der Folter ist die Folter.
Das Ziel der Macht ist die Macht.

Das Verhör Winstons wird von O´Brien durchgeführt – hochnotpeinlich im mittelalterlichen Sinn mit Schlägen, Nahrungsentzug und Elektroschocks. Es ist eine Gedankenwäsche, eine Hirnwäsche, die Winston durchleiden muss, eine Prozedur, in der ihm (und uns als Leser) O´Brien die ideologischen Grundlagen der Partei erklärt und nahebringt. Wie lange die Foltersitzungen dauern, kann Winston nicht sagen, wie lang die Pausen zwischen ihnen, auch nicht. Es gibt in den Sitzungen Momente fast intimer Nähe zu O`Brien, Momente, in denen Winston von Liebe zu diesem Mann mit dem müden Gesicht, der alles, was die Partei lehrt, so fehlerlos repräsentiert… Später sollte man solche Entwicklungen unter „Stockholm-Syndrom“ zusammenfassen. Letztlich „lernt“ Winston und verrät alles, was ihm heilig ist – bis auf die Liebe zu Julia.

Zimmer 101

ist der ultimative Schrecken im Ministerium für Liebe, es ist der Raum, in dem jeder gebrochen wird. Liest man diese Zimmernummer binär, so entpuppt sie sich als das Ergebnis der absurden Prüfung Big Brothers auf Linientreue: 2 +2 = 5. In diesem Zimmer wird der letzte Stein aus der Mauer des Widerstands, so verborgen er auch sein mag, herausgebrochen. Jeder Mensch hat diesen Punkt, an dem er völlig zusammenbricht, ohne jedes Wenn und Aber, diesen Punkt, der ihn dazu bringt, jeden und alles zu verraten…. Zimmer 101 konfrontiert den Abtrünnigen mit seiner Achillesferse, und wie weiland der Peleiade stirbt er daran. Vielleicht noch nicht gleich, vielleicht noch nicht einmal körperlich, aber geistig, seelisch und moralisch. Wer Zimmer 101 wieder verläßt, sagt es nicht nur, glaubt es nicht nur, weiß es nicht nur: nein, der ist überzeugt davon: 2 +2 = 5.

Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen,
dann stellen sie sich einen Stiefel vor,
der auf ein Gesicht tritt – unaufhörlich.


So wird es unaufhörlich sein, das Gesicht, auf das man treten kann, wird es immer geben. Es ist eine erschreckende Vision, die Orwell uns präsentiert, erschrecken auch deshalb, weil so viele Analogien zu realen Gegebenheiten finden sind. Es ist eine Ideologie, die sich auf den Hass gründet, die Schrecken verbreitet und kein Lachen kennt. Es wird keine Literatur, keine Kunst, keine Wissenschaft geben. Wenn wir allmächtig sind, werden wir die Wissenschaft nicht mehr nötig haben. Es wird keinen Unterschied zwischen schön und häßlich mehr geben. Es wird keine Neugier, keinen Lebensgenuss geben. Alle konkurrierenden Freuden werden vernichtet sein. Aber immer … wird es den Rausch der Macht geben.

Worauf beruht diese Macht, welches sind ihre Pfeiler?

  • Die stete Überwachung, der nicht zu entkommen ist. Bei Orwell durch den allgegenwärtigen Teleschirm verwirklicht, denkt man unwillkürlich z.B. an die Kameraüberwachung in Großbritannien. Auch wenn sie sich letztlich wohl nicht bewährt haben, waren/sind wohl um die 4,5 Millionen Kameras installiert [4]. Was die Überwachung des internationalen und auch nationalen Mailverkehrs angeht, brauch ich hier nichts zu schreiben, NSA und Snowdon reichen als Stichworte.
  • Der Krieg vernichtet Überschüsse und führt dazu, daß die Bevölkerung durch die Notwendigkeit, den herrschenden Mangel auszugleichen, beschäftigt ist. Gleichzeitig fokussiert er den Hass auf einen Gegner, an dem er ausgelebt werden kann. Die öffentlichen Hinrichtungen von Kriegsgefangenen sind in 1984 ein kindertaugliches Massenspektakel. Im wirklichen Leben werden die Enthauptungen per youtube verbreitet….
  • Hassfokussierung: mit dem Renegaten Goldstein, von dem niemand wirklich weiß, ob er noch lebt, wenn ja, wo, ist ein Hassobjekt vorhanden, auf das – neben dem äußeren Feind – alles abgeladen werden kann und in dessen Namen bzw. zu dessen Bekämpfung alles zu rechtfertigen ist. In täglichen Hassminuten und in Aktionen wie Hasswochen wird diese Entladung aufgestauter Emotionen ritualisiert.
  • Das große Objekt der Liebe ist der Große Bruder [6], von dem – ebenso wie von Goldstein – niemand weiß, ob er überhaupt (noch) existiert. Was auf jeden Fall existiert, ist sein allgegenwärtiges Konterfei, von dem aus er auf die Menschen herablächelt und ihnen das Gefühl gibt, sie ständig im Auge zu haben. Der Hinweis auf die extremen Personenkulte totalitärer Staaten ist in diesem Zusammenhang wohl unnötig.
  • Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken. Daher wird die „alte“ Sprache abgeschafft und durch eine neue Sprache, Neusprech ersetzt. Diese Sprache enthält signifikant weniger Begriffe, die zudem alle eindeutig sind, Doppeldeutigkeiten gibt es nicht mehr. In Neusprech lassen sich daher viele „alte“ Gedankengänge gar nicht mehr ausdrücken und formulieren, mithin gibt es sie nicht mehr. Abweichendes auch nur zu denken, ist in Neusprech unmöglich… Schädliche Begriffe wie z.B. „Freiheit“ gibt es nicht mehr.
    in diesem Zusammenhang ist auch das Prinzip des Doppeldenk zu sehen: Von einer Aussage ist gleichzeitig auch ihr Gegenteil wahr: Das Ministerium für Liebe zum Beispiel befasst sich mit Unterdrückung und Folter, das Verteidigungsministerium beteiligt sich an Kriegen im Hindukusch, das Ministerium für Wahrheit schreibt permanent die Geschichtsbücher um, daß sie mit der jeweils geltenden Parteidoktrin übereinstimmen etc pp.. Sehr plakativ zeigt sich Doppeldenk in den drei allgegenwärtigen Losungen der Partei: Krieg ist Frieden etc, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Stärke.
    Doppeldenk ist so exotisch gar nicht: die Kreationisten in den USA beispielsweise greifen im täglichen Leben auf die Errungenschaften moderner Naturwissenschaften und der Technik zurück, glauben aber im Widerspruch dazu an die Erschaffung der Welt durch einen Gott vor einigen Tausend Jahren…
  • Die Vergangenheit wird durch die Arbeit des Ministeriums für Wahrheit stetig an die Realitäten angepasst, d.h. umgeschrieben. Dies bedeutet auch, daß der Besitz von Büchern oder Zeitungen verboten ist, denn auf diese hätte das Ministerium keinen Zugriff… Mit diesem permanenten Umschreiben verliert sich auch die Erinnerung: sie ist nicht mehr festzumachen, man kann nirgends mehr nachschlagen und sich informieren. Alles, was ein paar Jahre zurückliegt, verschwindet in einem diffusen Erinnerungsnebel, es macht sich auch niemand mehr die Mühe, sich was zu merken… das mag absurd erscheinen, aber auch in modernen Zeiten ist Geschichtsschreibung immer die, die vom Sieger geschrieben wird und damit gerät die Sicht des Verlierers in Vergessenheit…..
  • Angst und Unterdrückung sind ein wesentliches Machtmerkmal. Foltern, um Geständnisse zu erlangen (die oft frei erfunden sind), foltern, um zu foltern, um Macht zu zeigen, auszuüben, zu demoraliseren: Foltern bzw. die Angst davor ist mit der Unterdrückung und der Fehlinformation das machtkonstituierende Mittel eines totalitären Regimes. Zwar zeigt die Praxis, daß es auch in nicht-totalitären Staaten zu solchen Ereignissen kommt (Stichworte: CIA, Guantanamo) aber im Gegensatz zu totalitären Regime sind sie hier Verstöße gegen den Geist des Staates und nicht Teil des Systems.

Orwell hat in seinem Roman viele Erfahrungen, die er zum Teil am eigenen Leib gemacht hat, eingearbeitet: er kannte die faschistischen Systeme der Nazis und in Italien sowie das Francos in Spanien, der Terror Stalins in der UdSSR hat ihn bitter enttäuscht. Hinzu kam vllt noch eine prinzipielle Niedergeschlagenheit aufgrund seiner fortschreitenden Erkrankung, Orwell hatte seit Kindertagen Tuberkulose. In 1984 fasste er die Prinzipien eines Überwachungsstaates zusammen und schrieb sie konsequent fort unter der Prämisse, daß für Tyrannen der einzige Lustgewinn der ist, der aus der Ausübung von Macht über andere entsteht. In Ozeanien, dem Staat des Großen Bruders, hat keiner mehr Angst vor einem Aufstand der Massen: man hat effektive Mechanismen entwickelt, die Massen ruhig zu halten und kann so in aller Ruhe die Stiefel anziehen, den anderen damit ins Gesicht zu treten.

Krieg ist Frieden
Freiheit ist Sklaverei
Unwissenheit ist Stärke

Das Erschreckende an dem Buch ist die Tatsache, daß vieles von dem, was Orwell beschreibt, tatsächlich existiert. Nicht so natürlich, wie dargestellt, aber prinzipiell. Mit Nordkorea hat man vllt sogar einen Staat, der weitgehend nach den Prinzipien aus Ozeanien organisiert ist, aber auch in anderen Staaten finden sich mehr oder weniger stark ausgeprägt diese Tendenzen zur lückenlosen Überwachung, zur Vergangenheitskorrektur und Geschichtsfälschung – und dies beileibe nicht nur in totalitären Regimes.. Aus diesem Grund lohnt der Roman 1984 auch nach Jahrzehnten das Lesen in jedem Fall noch, er sensibilisiert und rüttel wach – zumal es Orwell gelungen ist, auch die längeren „theoretischen“ Passagen spannend zu schreiben.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Roman:  http://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman)
[2] Wiki-Seite zum Autoren:  http://de.wikipedia.org/wiki/George_Orwell
[3] Webster hat die Erlebnisse Orwells in Barcelona in seinem Buch ¡Guerra! sehr schön beschrieben, vgl. die Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress……guerra/
[4] http://www.sueddeutsche.de/digital/ueberwachungskameras-in-grossbritannien-die-toten-augen-von-london-1.199517
[5] —-
[6] wen Orwell mit dem Großen Bruder meinte, läßt sich am Bild in diesem aktuelle Beitrag aus Ägypten gut erkennen: http://www.egyptindependent.com/news/was-2014-beginning-crackdown-novels

George Orwell
1984
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Walter
mit einem Nachwort von Herbert W. Franke
Originalausgabe: Nineteen Eighty-four, 1949
diese Ausgabe: Ullstein, TB, ca. 320 S., 1984 (Ozeanische Bibliothek 1984)

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2 Responses to “George Orwell: 1984”


  1. Ich hatte immer ein zwiespältiges Verhältnis zu 1984 – einerseits fand ich es als künstlerisches Werk recht konventionell, andererseits fand ich die politische Analyse immer brillant. Insbesondere der sprachkritische Aspekt hat mich als Teenager stark beeindruckt.

    Orwell hatte die Fähigkeit, politische Einsichten in suggestive Schlagwörter zu gießen (Big Brother, Newspeak, oder auch: Alle Tiere sind gleich, aber…), die sich dem Leser auf ewig einprägen – das ist vielleicht sein größtes Talent gewesen, das ihn (zu Recht) berühmt gemacht hat.

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  2. […] in totalitären Systemen beschäftigen, denkt fast automatisch – und zu Recht – an 1984. So prägnant und erschreckend aktuell, wie Orwell die total Überwachung und Bespitzelung der […]

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