Anonymus: Der Roman meines Schlafzimmers

prodesse et delectare„, nützlich und unterhaltsam sein, die Forderung des Horaz aus seiner Ars Poetica wurde ab dem Hochmittelalter auch für die Literatur erhoben. Folgen wir Werner Fuld in seiner empfehlenswerten Geschichte des sinnlichen Schreibens [1], dann fällt auch erotische Literatur unter dieses Diktum. Sie ist Frauensache, von Anfang an wollen Frauen wissen, wie die Sache mit der Liebe funktioniert und sie teilen es anderen mit. Sie unterhalten damit, in dem sie ein immerwährendes Bedürfnis und auch eine Freude an sinnlichen Abenteuern stillen, sie belehren, in dem sie dieses Stillen der erotischen Wünsche beschreiben…

Wenden wir diese These Fulds doch einfach auf dieses Büchlein einmal an.

Blick ins Büchlein
Blick ins Büchlein

Die Situation passt: eine Dame der Gesellschaft erinnert sich an ihre Jugend. Sie, die damals Sechzehnjährige spürt immer häufiger eine unbekannte Unruhe in sich, ein seltsames, für sie noch nicht näher kennzeichenbares Bedürfnis… Es besteht mithin eine Wissenslücke…. Das Mädchen befindet sich auf dem Landsitz ihrer Großmutter, durchstreift den weitläufigen Park und freut sich (es langweilt sich etwas mit der alten Dame) auf den Besuch der früh verwitweten, noch jungen und wunderschönen Tante. Ebenfalls avisiert ist deren zukünftiger Ehemann…

Eines Morgens (Tante und Galan sind mittlerweile im Landsitz eingetroffen) beobachtet das Mädchen die beiden im Park, der Mann, Herr B. möchte die Tante zu etwas überreden, wozu diese zwar prinzipiell nicht abgeneigt ist, jedoch hier, wo man sie überraschen kann…. ihr fällt jedoch ein gewisses Örtchen im Park ein, ein .. Toilettenhäuschen, dorthin könne man gehen…. Sie gehen zu dritt, wobei das Paar von seiner Begleitung nichts ahnt… das junge Mädchen kann durch ein Loch in der Wand alles beobachten, was in der Hütte vor sich geht: der Vorhang geht auf, der Unterricht kann beginnnen…

…. erst einmal das Anatomische: nach dem Schürzen der Röcke sieht sie das dichte, schwarze Vlies der Tante, die dem Herrn vorne in die Hose greift und dieses rote, lange, riesig erscheinende Teil hervorholt, was jenem sichtbar Freude bereitet, ebenso wie der Anblick der weißen Hinterbacken, denn die Tante hat sich gedreht, ob der nicht so sauberen Örtlichkeit möchte sie es im Stehen und von hinten. Jetzt das andere: wohin verschwindet das besagte Teil des Mannes, der sich rythmisch vor und zurück bewegt, immer wieder stöhnend so wie die Tante auch, laut rufend, stammelnd und dann…. geschrumpft, nass und tropfend kommt es wieder ans Licht. Die beiden trennen sich voneinander, der Mann geht zuerst, die Tante hat so Gelegenheit, ihrer Zuschauerin an der Wand auch noch zu zeigen, daß und wie und wo sich frau selbst auch ohne Mann Freude bereiten kann, eine Lektion, die das Mädchen willig annimmt und später im Zimmer eifrig übt…

Da der jungen Dame auch Möglichkeiten zur Verfügung stehen, im Landhaus selbst einen Beobachtungsposten einzunehmen, von dem aus Einblicke in das Schlafzimmer der Tante möglich sind, erfährt sie die nächsten Nächte noch einiges über die Variationsbreite möglicher Stellungen, die Frau und Mann einnehmen können, verbunden mit den entsprechend aufschlussreichen Einblicken in die dazugehörige Anatomie sowie die Dynamik das Vorgangs, sie lernt, daß mit Hand und Mund ebensolche Freuden gespendet werden können wie mit den eigentlichen Werkzeugen, die die Schöpfung dafür vorgesehen hat. Sie lernt, wie man sieht, eine ganze Menge, es ist ein solider Wissensstand, auf dem sich aufbauen läßt….

Nach der Hochzeit der Tante kehrt die junge Dame mit ihrer erhitzten Fantasie zurück zur Großmutter und kann sich ihrer immer drängender werdenden Triebe nur durch die eine, einsame Art erwehren. So ist sie glücklich, als nach zwei Jahren eine Mann um ihre Hand anhält, endlich kann sie das erleben, was sie sich in ihren Träumen vorstellt… doch sie wird enttäuscht, zwar liebt sie ihr Mann auf seine kühle Art, aber weder ist er so ausgestattet, daß sie auf ihre Kosten kommt, noch reicht ihr sein Maß an Feuer bei weitem nicht… ja, hin und wieder muss sie bei ihm, der hilflos herumstochert, um selbst an´s Ziel zu kommen, die Sache in die Hand nehmen und in´s Ziel leiten…

Da taucht im Städtchen ein Offizier auf, einige Jahre älter als die nun Zwanzigjährige, schmuck, gut aussehend und schon die erste gesellschaftliche Begegnung der beiden entzündet Begehren auf beiden Seiten. Kürzen wir es ab: sie stillen es, sie geben ihm nach auf viele Art und Weise, kaum eine Möglichkeit, hart und zart zueinander zu sein, zu streicheln, zu reiben, zu küssen, zu züngeln, zu stoßen und zurückzustoßen wird ausgelassen, es ist ein Treiben in völliger Gleichberechtigung, mal gibt sie, mal gibt er die Art der Annäherung vor und sie haben Glück: sein Standvermögen ist ihrem Trieb durchaus gewachsen….


Der Roman, obwohl ein männlicher Autor (siehe unten) vermutet wird, wird in der Ich-Form erzählt, suggeriert also eine Art autobiographischen Bekenntnisses einer Frau, verschämt verbrämt durch die Vermutung, man könne ganz ehrlich sein, da diese Aufzeichnungen sowieso nie von einem Menschen gelesen werden würden. Das biographische Element wird noch dadurch unterstrichen, daß Namen von Personen und Städten durch den Anfangsbuchstaben abgekürzt werden (bis auf den der Tante, die Berta heißt und den des Ehemannes, Karl).

Die Handlung umfasst einen Zeitraum von ca. 4 oder 5 Jahren, sie setzt bei der 16 jährigen ein, die ihre ersten voyeuristischen Abenteuer erlebt, sich aber ansonsten nur durch Masturbation zu „helfen“ weiß. Am Ende des Romans wird dies anders sein, das Masturbieren wird zwar immer noch zum Kanon der Möglichkeiten gehören (vor allem vor dem Augen des Geliebten), aber es ist bei weitem nicht mehr die einzige Art, sich und ihm Lust zu verschaffen…..

Über das Büchlein, den Roman, sind nur wenige Angaben zu finden. Am aufschlussreichsten ist noch der Artikel in der bibliocuriosa [2], hier wird als Autor des Werks der französische Schriftsteller Paul Perrey vermutet. Die deutsche Übersetzung der mir vorliegenden, sehr hübschen zweibändigen Ausgabe (einem Reprint der Ausgabe von 1910) besorgte Marr, sie ist durchgängig mit kleinen Illustrationen versehen, die meist das jeweilige Geschehen noch einmal bildlich darstellen. Und dieses Geschehen ist in der Tat vielfältig, es werden viele Stellungen beschrieben, Hand und Mund kommen regelmäßig zum Einsatz und auch das Hinterteil und seine Beglückung ist keinesfalls ein Tabu…. Sitzt der Ehemann noch im Salon, begnügt man sich auch schon mal mit einem Quickie zwischen Tür und Angel – besser als garnichts und durch die Tatsache, daß das Tragen von Unterwäsche/-hosen noch nicht verbreitet war, durchaus begünstigt. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Roman deutlich von älterer erotischer Literatur, die weit weniger abwechslungsreich erscheint…. Insofern erscheint mit diese „Beichte“ schon fast modern…

Würde man den Roman, ganz im Sinne der oben wiedergegebenen Thesen von Flud, als „Lehrbuch“ für angehende oder noch unwissende Ehefrauen ansehen: es wäre in der Tat eine Art illustrierter Crashkurs, was die Technik und die Möglichkeiten körperlicher Liebe angeht, es würde aber auch vermitteln, daß die Frau gleiche Rechte auf Befriedigung hat wie der Mann und diesem in ihren Wünschen und Begehren gleichgestellt ist. Unsere Protagonistin scheint dies ähnlich zu sehen, bevor sie bei und mit ihrem Geliebten die letzte Lektion erlernt, schreibt sie: Die wunderbaren Unterrichtsstunden hatten mich sehr wissend gemacht, ich glaubte, nichts mehr lernen zu können. Ich täuschte mich….

Links und Anmerkungen:

[1] dem Sinne nach zitiert aus Werner Fuld, Die Geschichte des sinnlichen Schreibens, Galiani, Berlin 2014 (hier: S. 11 und 16)
[2] bibliographische Angaben zur Originalausgabe:  http://www.bibliocuriosa.com/index.php/Le_Roman_de_mon_alcôve

mehr erotische Literatur in meinem Themenblog:  https://erotischebuecher.wordpress.com

 

Anonymus/a:
Der Roman meines Schlafzimmers
Intime Geständnisse einer Dame der guten Gesellschaft

mit zahlreichen Illustrationen von ?
Übersetzt aus dem Französischen von Fred Marr
Originalausgabe: Le roman de mon alcove (Confession galante d’une femme du monde), ca. 1870, Paris
dieses Ausgabe: Archiv Verlag, Wien, HC, Privatdruck (Leipzig 1910) in 2 Teilen, Reprint, ca. 130 S., 2003

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