Jacques Chessex: Der Schädel des Marquis de Sade

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Nachdem ich kürzlich hier die Venus im Pelz von Sacher-Masoch [5] vorgestellt habe, die seinen Ruhm zwar nicht als Schriftsteller mehrte, durch die sein Name jedoch „unsterblich“ geworden ist, in dem er als Bezeichnung für eine bestimme sexuelle Lustempfindung definiert ist, ist es nur recht und billig, auch seinen „Counterpart“ hier erwähnen. Keine Sorge, es werden weder die Justine noch die Juliette noch die 120 Tage von Sodom oder eine der anderen einschlägigen Romane vorgestellt.. andererseits es traf sich gut, daß ich durch einen Blogkollegen auf einen kleinen Roman des „bedeutendsten Schriftstellers der Romandie„, Jacques Chessex, aufmerksam gemacht worden bin [2]. Allerdings galt dieser vielen in der Region als Provokateur und Nestbeschmutzer, seine letzten Werke waren allesamt ein Wühlen in der Vergangenheit des Jura, in der er der Geschichte eines Vampir nachging, einen Mord an einem Juden in der Nazizeit in die Erinnerung zurückrief und jetzt eben de Sade [3]…. zudem ist etwas Makabres an dem Buch, Chessex starb wenige Stunden, nachdem er die letzten Korrekturfahnen durchgesehen hatte – im selben Lebensjahr wie seine Romanvorlage auch tat, mit 74 Jahren [2].

de Sade also. Der Begriff „Sadismus“ als Lust, Schmerz zuzufügen, geht auf die Romane de Sades zurück, die diese Lust am Quälen, am Peinigen (und am Sodomieren) bin in den Exzess hinein beschrieben, in buchhalterischer Genauigkeit auf Tausenden von Seiten (allein die Justine schwoll von einem Band als sozusagen Ur-Justine im Lauf der Zeit und der Überarbeitungen durch de Sade auf 10 Bände an) ritualisierten und formalisierten, der Tod war nicht unbedingt ein Unfall oder ungewollt, er war die ultimative Steigerung des Exzesses. Unter anderem diese Nähe von Erotik und Tod war es, die im 20. Jhdt für die Surrealisten (Bataille [7]) so anziehend war. Die Schriften schockten, widerten an und stießen ab, zumal sich de Sade durch seine Bekämpfung der Religion, der Kirche und jegliche Vorstellung von Gott mächtige Feinde schaffte. Die Folge war, daß er viele Jahre im Gefängnis verbrachte, zum Tod verurteilt wurde (ein Urteil, das in Abwesenheit durch Verbrennen von Strohpuppen vollzogen wurde) und die letzten Lebensjahre in einer Irrenanstalt verwahrt wurde – ohne Gerichtsverfahren, ohne Urteil: „… Dieser de Sade ist der Inbegriff der außergerichtlichen Opfer der Hohen Justiz während der Konsulats- und Kaiserzeit. Man wusste nicht, wie man dem Gericht mit seiner öffentlichen Verhandlung, seinen lärmenden Diskussionein ein Verbrechen unterstellen sollte, das die moralische Verfassung der gesamte Gesellschaft dermaßen in Zweifel stellte, daß man es kaum wagen konnte, es zu charakterisieren. ..“ so der Schriftsteller und Journalist Charles Nodier, der unter Napoleon ebenfalls eingekerkert war und de Sade 1803 bei einem solchen Gefängnisaufenthalt begegnete [4].

de Sade war aber mehr als der Verfasser dieser extrem-pornographische Schriften, in denen Sexualität jeglicher Grenzen enthoben wird, er war ebenso ein Freigeist, ein Aufklärer, der geschliffene Schriften und Flugblätter gegen die Unterdrückung verfasste. de Sade sprach vor den Schranken der Nationalversammlung gegen die Arkanpolitik der neuen Regenten und war milititanter Wortführer einer Entchristianisierungspolitik: Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt! 1793 wurde er sogar Richter und Gerichtsvorsitzender [9] Dieser brilliante Denker, Redner und Schriftsteller konnte die Menschen in seinen Bann ziehen, sie überzeugen, mitreißen, eine Fähigkeit, die er bis zu seinem Tode nicht velor: viele der Menschen, die ihm begegneten bewunderten und verehrten ihn. Nicht so die Obrigkeit, denn wie schon gesagt, dieser de Sade war er in seiner radikalen Forderung nach Freiheit und Grenzenlosigkeit zu gefährlich, sie sperrte ihn weg und hier komme ich auf das Buch von Chessex, der sich den letzten Monaten im Leben des Marquis widmet.


Der Marquis wurde am 24. April 1803  in das Hospiz (der damals noch nicht die heutige Bedeutung hatte. sondern eher im Sinne von „Hospital“ zu sehen ist!) von Charenton-Saint-Maurice (wohin er 1789/90 schon einmal für ein paar Monate verbracht worden war), eingesperrt , in dem neben den üblichen armen Kranken auch „Irre“ untergebracht wurden. Die Familie zahlte für den Aufenthalt, der dadurch von äußeren Bedingungen her nicht allzu unbequem war. de Sade standen mehrere Zimmer zur Verfügung, unter anderem eine kleine Bibliothek, Aussicht auf die grüne Landschaft… Besuchsfreiheit. In eins der Zimmer darf sich seine Mätresse einquartierten, sie gibt sich als seine Tochter aus. [6] Er wurde ärztlich versorgt und gepflegt, seinem Mahl fügte man öfter Kapaun hinzu, für den er schon früher Vorliebe zeigte, sowie eine Brühe von Bressehühner, pochierte Eier mit Trüffel, Cremes mit Vanille und Zitronat, alten Wein, Cognac, Armagnac, venezianischen und türkischen Kaffee, Bonbons mit Karibikzucker…. er lebt nicht schlecht, finanziert vom Kostgeld, das der Sohn überweist. 

Und doch – der Leib: ein verfetteter, von Krampfadern durchzogender Fleichhaufen, ein röchelndes, grunzendes, hechelndes Etwas, das kaum Luft bekommt, dessen hintere Körperöffnung einer riesigen entzündeten, schrundigen Wunde gleicht, die er gleichwohl bis zur Besinnungslosigkeit gestopft haben möchte. Er hat ein Wesen gefunden, dessen Begierde sich mit der seinigen ergänzt, Madeleine, Tochter einer Pflegerin des Hauses, besucht ihn regelmäßig seit sie zwölf Jahre alt ist. Beide treibt ein unersättlicher Durst nach Verlustierung. Sie ist ihm zu Diensten und ihr gibt er, was er zu geben in der Lage ist, nämlich Schmerzen, die ihr einen Lustschauer nach dem anderen durch den schmächtigen, malträtierten Körper jagen. Akribisch führt er Buch über ihre Besuche und deren Erfolg, auch über die Bezahlung, alles sauber codiert und aufgelistet…

Der Direktor des Hauses schaut über alles hinweg, der Arzt, Doktor Doucet und der Priester, Abbe Fleuret, sind fasziniert von diesem Menschen in seinem Widerspruch des verfallenden Körpers, der als Hülle dient für den scharfsinnigsten und freiesten Geist seines Jahrhunderts. Aber auch sie können nicht verhindern, daß die Anfälle schwerer werden, die Verwüstungen des Körpers durch die Dienste von Madeleine immer gravierender…

Vom Doktor läßt de Sade sich zwei Sachen schwören. Nie soll sein Leib obduziert werden, wie es im Hause üblich ist mit Verstorbenen und nie sein Grab oder sein Begräbnis mit christlichen Symbolen geschändet werden. Der Doktor schwört es ihm…

So eingesperrt wie de Sade auch äußerlich ist [10], so frei fühlt er sich im Inneren. Was ihn sehr schreckt, ist der Gedanke, bei Durchsuchungen könnten (wieder einmal!) seine so sorgsam versteckten Schriften entdeckt und vernichtet werden („Möbel sind zu ersetzen, Gedanken nicht“ notiert er [9]), diese Vorstellung treibt ihn in unmäßige Wut und Angst, hasserfüllte Tiraden stößt er aus, Flüche auf Gott und die Kirche….. Immer wieder hatte es Durchsuchungen seiner Zellen gegeben, wurden sorgsam versteckte Schriften von ihm gefunden, konfisziert und vernichtet… auch nach seinem Tod ging dieses Autodafé seiner Bücher durch die eigene Familie, die ihn noch über viele Jahrzehnt verleugnete, weiter. Wer weiß oder ahnt schon, wieviel Elaborate dieses Manischen derart vernichtet worden sind…

Es ist ein quälend heißer Sommer, dem ein Herbst folgt, in dem de Sade immer schwächer wird. Im Dezember 1814 schließlich besucht den Sterbenden noch einmal sein Sohn, wenige Stunden später stirbt der Marquis in Anwesenheit eines Arztgehilfen.

Die Beerdigung folgt schnell, so ist der Brauch im Haus. Kann der Arzt gemäß seines Schwures die Obduktion noch verhindern, so ist er machtlos gegen den Priester, der dem Abbé Fleuret vorgesetzt ist und der ein Auge auf den allzu willfährigen Bruder hat: Abbé Geoffroy rammt ein Kreuz in die über den in der Erde versenkten Sarg angehäufte Erde und besprengt diese triumphierend mit Weihwasser.

Im August 1818, also vier Jahre später, wird der Kirchhof con Charenton verlegt, die Gebeine werden umgebettet. Bei der Umbettung der de Sadeschen Knochen kommt es – man berichtete davon schon zu dessen Lebzeiten – zu seltsamen Erscheinungen: schwefliger Geruch tritt auf und Lichterscheinungen sind zu beobachten. Als diese sich verzogen haben, wird der Schädel des Marquis vom ehemaligen Arzthelfer aus der Grube geholt, er nimmt ihn als Reliquie an sich, diesen Schädel, der wie eine Tiara glänzt, …. der eine elfenbeinerne Schönheit ist. Der Schädel des Marquis … ist sich selbst Zierde… von höherer Ordnung… von mächtiger Magie, dazwischen ein Schweigen, in dem der Stozl der Vernunft und der Flug des Adlers hallen und blitzen.

Das klingt jetzt alles sehr mystisch und esoterisch, Fakt ist jedenfalls, daß der Schädel nicht mehr mit umgebetter wird, sondern bei Dr. Ramon (der ihn seinerzeit schon als mit betreute) bleibt und Begehr weckt. Es ist die Zeit, in der ein gewisser Franz Joseph Gall, Mediziner, durch die Lande reist und seine Lehre von der Phrenologie [8], die einen Zusammenhang zwischen der Schädelform und charakterlichen und geistigen Eigenschaften postuliert, verbreitet und durch Obduktionen demonstriert. Für die Anhänger dieser Lehre war der Schädel eines solch exponierten Mannes wie de Sade äußerst wertvoll, obwohl die phrenologische Untersuchung des Schädel ergab, daß dieser von völliger Normalität und Gewöhnlichkeit war… however. Die Reise des Schädels beginnt und wir begleiten ihn im Roman von Chessex über alle Stationen, bis sich seine Spuren dann endgültig verlieren.

Vanitas (Detail), Gemälde von Jan Davidtsz. van Antwerpen Bildquelle [B]
Vanitas (Detail), Gemälde von Jan Davidtsz. van Antwerpen
Bildquelle [B]
Dr. Roman hatte den Fehler gemacht, den Originalschädel aus den Händen zu geben, ein Kollege, ein gewisser Dr. Spurzheim, erbettelte ihn unter der hochheiligen Versprechung, in zurückzugeben und auch Abdrücke des Schädels, die er machen wollte, zur Verfügung zu stellen. Dies geschah natürlich nicht….  Schon zu dieser Zeit sind mit der Berührung des Schädels seltsame Phänomene verbunden, Dr. Ramon berichtet vom Gefühl wie bei schmerzaften Stromstäßen, ferner von großer Hitze, die verspürt wird, diese und ähnliche Erscheinungen sollen den Schädel (oder den Schädel, den man für DEN Schädel hält…) fortan begleiten und wofern dies noch nötig ist, die Geegenwart und Wirkkraft seines einzig wahren und einzigartigen Besitzers in unser aller Leben.

Der Schädel, der Tod, die Vanitas. Auf der letzten der Stationen, die wir den Schädel (?) geführt vom Autor begleiten, kommt dieser selber ins Spiel, denn er spürt die Reliquie in einem merkwürdigen Schloss in der Schweiz, bewohnt von einer ebenso merkwürdigen Schlossherrin, der ein Mann namens Severin (ein Schelm, wer nicht an Wanda denkt…) zu Diensten ist, auf, wo die sprunghafte Reise auf Erden wohl zu Ende ist und alles die schwärzeste Wendung nimmt. Der Erzähler wird Zeuge eines seltsamen Rituals, mit dem allabendlich das Grummeln des Schädel befriedigt wird, aber  bevor mehr in Erfahrung zu bringen ist, geschieht ein Mord, Blut fließt….


de Sade wurde zu Lebzeiten weggesperrt, nach seinem Tod tot geschwiegen und erst Anfang des 20. Jhdts wieder entdeckt. Chessex schildert in seinem kleinen Roman die letzten Tages eines immer amorpher und hinfälliger werdenden Fleischberges, der nichtsdestotrotz nichts von seiner Manie verlorgen hat, aus der Sicht der Personen, die ihn in diesen letzten Monaten betreuen. So marode der Leib geworden ist, der Geist ist noch hellwach und kann noch faszinieren, Menschen in seinen Bann schlagen. Dies geht mit dem Tode nicht verloren, die Fähigkeit, in Bann zu schlagen, scheint auf den Schädel übergegangen zu sein, dem Chessex eine mit dunklen Attributen ausgestattete Wirkung auf alle, die mit ihm in Kontakt kommen, zuschreibt….

Wie so häufig bei Romanen, die einen historischen Hintergrund haben, ist es für den Leser nicht immer einfach zu entscheiden – oder gar unmöglich – , was Fiktion ist und was Fakt ist. Dazu kommt, daß Chessex einer sehr nüchternen und klaren Schreibstil hat, so daß der Text  in weiten Passagen fast einem Bericht oder einer Dokumentation gleicht. Wenn Kasperski [3] Recht hat, sind die letzten Episoden über den Schädel die reine Provokation für die Nachbarn, während die ersten wohl gesichert sind….

However… auch wenn man das „literarische“ Werk de Sades mit Widerwillen betrachtet (auch Chessex streift an zwei, drei Stellen eine gewisse Ekelgrenze), so kommt man nicht umhin, festzustellen, daß dies eine Einengung der Sichtweise auf eine Persönlichkeit ist, die ihrer Gesamtheit sehr widersprüchlich, aber auch sehr interessant ist. Mit diesem kleinen, wohlformulierten Stück hat Chessex dem einen weiteren, lesenswerten Aspekt hinzugefügt.

Links und Anmerkungen:

[1] Hans-Martin Schönherr-Mann: MARQUIS DE SADE – Ein Gegner der Tugend; http://www.deutschlandfunk.de/marquis-de-sade-ein-gegner-der-tugend.700.de.html?dram:article_id=304430; Besprechungen verschiedener Neuerscheingungen von Büchern über de Sade
[2] über Jayques Chessex: Wiki-Beitrag:
zum Tod des Dichters: Jürg Altwegg: Jacques Chessex – Zum Tod von Jacques Chessex; in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tod-von-jacques-chessex-der-arzt-und-der-tod-1871753.html
[3] Quelle: http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/152152/index.html
[4] zitiert nach: Dieter Hoffmann (Hrsg): Marquis de Sade – Der Henker und sein Opfer (Texte der Unterdrückung); Sammlung Luchterhand SL 451, 1983
[5] Sacher-Masoch: Venus im Pelz, Buchvorstellung hier im Blog:
[6] Wike-Beitrag zu de Sade:  http://de.wikipedia.org/wiki/…de_Sade
[7] vgl. z.B. Bataille: , Buchvorstellung hier im Blog:
[8] Wiki-Beitrag zum Thema Phrenologie: http://de.wikipedia.org/wiki/Phrenologie, vgl auch hier: Ute Eberle: Phrenologie, in:  http://www.geo.de/GEO/…phrenologie-57369.html
[9] Curt Riess widmet de Sade in seinem Buch Erotica!, Erotica! (Hmbg, 1967) einen schönen kleinen Artikel, der den zwiespältigen Charakter und den unruhigen Lebenslauf dieses Mannes gut herausarbeitet.
[10] … selbstverständlich gefiel de Sade sein Leben hinter Gitter nicht. 1808 schrieb er an Napoleon, schilderte seinen schlechten gesundheitlichen Zustand und bat um Freilassung, unter anderen auch, weil es keinen Grund gäbe, ihn einzusperren… die Enlassung wurde ihn natürlich nicht gewährt [4]

Bildquelle: – vanitas: http://commons.wikimedia.org/wiki/Jan_Davidsz._de_Heem; Jan Davidsz. de Heem (1606–1683/1684) [Public domain], via Wikimedia Commons

… und den Hinweis auf die Buchbesprechung bei biblionomicon: http://biblionomicon.blogspot.de/2012/09/kein-vergleich-jacques-chessex-der.html

Im Übrigen taucht das Thema: der Schädel als Reliquie auch bei anderen Berühmtheiten auf:

Mozart: http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/87426/index.html
Schiller: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/themen/schillers-schaedel-dreiundzwanzig-schaedel-und-kein-einziges-dichterhaupt-1910064.html

Jacques Chessex
Der Schädel des Marquis de Sade
Übersetzt aus dem Französischen von Stefan Zweifel
Originalausgabe: Le derniere crane de M. de Sade, Paris, 2010
diese Ausgabe: Nagel&Kimche, HC, ca. 125 S., 2011

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