Regis de sa Moreira: Das geheime Leben der Bücher

11. Januar 2015

Dingelingdingeling-Dingelingdingeling

geheimes cover

Ich weiß nicht mehr, wo ich eine Vorankündigung oder auch Besprechung zu diesem Büchlein gelesen habe, sie muss jedenfalls positiv gewesen, sonst hätte ich es mir wohl nicht gekauft. Damit wäre ich dann auch schon fast fertig, was die Pluspunkte zu diesem immerhin von Verlagsseite aus als Roman (!) eingestuften Werklein von wenig mehr als 170 Seitchen angeht…

Kurz zur Handlung: Es geht in dem Buch weniger um die Bücher, sondern mehr um einen bzw. den Buchhändler (folgerichtig lautet der Originaltitel auch „Le Libraire„), der in einer an Buchhandlungen nicht armen Stadt in seiner Buchhandlung sitzt und diese Buchhandlung (darin wird er sich von den anderen Buchhändlern unterscheiden, obwohl wir von deren Buchhandlungen nur selten und dann indirekt hören) nicht mehr verläßt [2]. Im Lauf der Zeit ist sein Kosmos zusammengeschrumpft auf den Bereich seiner Buchhandlung, die er tags wie nachts, jeden Tag des Jahres geöffnet hält. Nicht, daß allzu viele Kunden kämen oder er immer besonders zuvorkommend wäre zu ihnen (denn wenn sie ihm dumm kommen, verschreckt er sie mit surrealen Sätzen, die er aus Fremdsprachenbücher aufgeklaubt hat: „Es gibt viele interessante Dinge über Eisberge zu erfahren!“ ist seine ultimative Entgegnung auf lästiges Begehr gleich welcher Art penetranter Kunden), aber er hat ein paar Stammkunden und ansonsten eher die seltsamen. Freunde hat er nicht, er hatte welche, aber im Lauf der Jahre ergab es sich so, daß man nicht mehr mit ihm, sondern nur noch über ihn redete….

Der Buchhändler liest, das ist sympathisch. Er reißt einzelne Seiten aus Büchern heraus (es sind seine, er darf es, aber das ist nicht so sympathisch) und schickt sie seinen zehn Brüdern und Schwestern, die weit verstreut in der Welt leben. Der Buchhändler liest in seiner Buchhandlung, so viel liest er, daß er mittlerweile selbst wie ein Buch sich fühlt. Manchmal kommen Gefühle in seine Buchhandlung, Traurigkeit und Langeweile ziehen in jeden Winkel hinein und eine Flucht davor ist dem Buchhändler kaum möglich… die Philosophie fühlt sich wohl bei ihm, hat sich eingenistet.

Die Kunden – meist seltsam und surreal wie er selbst. Mit Wünschen wie .. ich suche ein langes Gedicht, ein Gedicht eines verlorenen Mannes.. mit vielen Zwischenfällen..“ oder – ganz konkret: „Gedanken eines alten Mannes am Morgen nach dem Rausch„. Und jeden Tag grüßt ein Zeuge Jehovas. „Das geheime Leben der Bücher“ ist – so läßt es sich vielleicht zusammenfassen, ein Buch also mit einem bedeutendem „Hurz-Faktor“ [3]. Aber leider ohne den anarchischen Spaß, den Hape damit immer noch verbreitet, dazu liest sich das ganze zu holprig und zu stockend, jeder Satz wird gleich ein Absatz, der Begriff „Buchhändler/-lung“ so inflationär verwendet, daß es weh tut. Unterhaltsam ist anders.

P.S.: auf S. 162 tritt dann endlich eine nackte Frau auf, deren physische Beschreibung sich allerdings schnell selbstständig gemacht [dem Sinn nach zitiert] hat. Aber auch diese süßeste Versuchung seit.. was weiß ich.. Adam und Eva vielleicht, prallt weitgehend wirkungslos am Buchhändler ab. Wer sich daher bei diesem Werk wenigstens einen finalen Höhepunkt erhofft, liegt leider falsch.

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Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite des Autoren: http://de.wikipedia.org/wiki/Régis_de_Sá_Moreira
[2] … wem jetzt etwa der Begriff „Buchhändler/-handel“ in diesem Satz zu häufig erscheint, der sollte erst einmal das Buch lesen…
[3] den Begriff des Hurz-Faktor habe ich bei Heitmann gefunden, er passt wie Faust auf Auge, nur daß ich Bedenken habe, das Hape´sche Hurz damit herabzuwürdigen… : http://www.meinebuecher.net/2013/05/regis-de-sa-moreira-das-geheime-leben-der-bucher/

 

Regis de sa Moreira
Das geheime Leben der Bücher
Übersetzt aus dem Französischen von Anna Krantz
Originalausgabe: Le Libraire, 2004
diese Ausgabe: Droemer,HC, ca. 170 S., 2005

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5 Responses to “Regis de sa Moreira: Das geheime Leben der Bücher”

  1. fraupixel Says:

    Interessant deine Meinung zu lesen. Für mich ist es ein Mahnmal schlechter Bücher die vorgeben mehr zu sein als sie sind. Als Buchhändlerin ärgere ich mich immernoch über den Protagonisten der eigentlich der wohl schlechteste Buchhändler der Welt ist.
    Und dieser Pseudo-„ich bin anders und denke viel nach“-Schwulst.
    Schön mal eine nüchterne Rezi wie deine zu lesen! :-)

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    • flattersatz Says:

      ja, ich war wirklich enttäuscht von diesem buch, und das fing schon beim titel an, der ja im grunde etikettenschwindel ist. und dabei ist es als büchlein recht nett, was die aufmachung betrifft. gut, ich habe es abgehakt und weggestellt, schnee von gestern.

      herzliche grüße
      fs

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  2. Lieber Flattersatz,
    ein Gutes hat das Buch immerhin, nämlich Dich zu dieser sehr unterhaltsamen, knackigen Besprechung angeregt zu haben. Ach ja, und noch ein positiver Aspekt: Ein Buch weniger zu lesen…
    Mit fröhlichen Grüssen
    Kai

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