Patrick Modiano: Place de l’Étoile

7. Januar 2015

Hinweis: diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File im literatur RADIO bayern: https://radio.blm.de/….html


Der Judenstern besteht aus einem handtellergroßen, schwarz ausgezogenen Sechsstern aus gelbem Stoff mit der schwarzen Aufschrift “Jude’. Er ist sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks fest aufgenäht zu tragen. [1]

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place_de_l_etoile stern

O ja, Raphael Schlemilovitch (in etwa: „Gott heilt die Seele des Pechvogels“ [2]), der Erzähler dieses Lebens ist alles, was man einem Juden je vorgeworfen hat: er ist ein Kollaborationsjude, Vorzeigejude, der ewige Jude, der schmierige Verführer, der Schwarzhändler und Schieber, der Kriegstreiber und -gewinnler, er ist sowohl Snob-Jude als auch der, der zusammengeschlagen wird und gefoltert, er ist der, der mit Mädchen handelt, der unersetzliche Jude, der die Huren ´ranschafft und sich bei der Gestapo verdingt…..:

Ja, ich leite die jüdische Weltverschwörung mit Hilfe von Sexpartys und Millionen. Ja, der Krieg von 1939 ist durch meine Schuld erklärt worden.
Ja, ich bin eine Art Blaubart, ein Menschenfresser, der kleine Arierinnen verspeist, nachdem er sie vergewaltigt hat.
Ja, ich träume davon, den ganzen französischen Bauernstand zu ruinieren und das Cantal zu verjuden

Es ist – die Eingangszeilen deuten dies an – eine durchaus verstörende Geschichte, die der letztjährige Nobelpreisträger hier erzählt. Place de l’Étoile ist das Erstlingswerk des damals 22jährigen, das dieser 1967 in Paris bei Gallimard zur Veröffentlichung anbot und das bei dessem Lektor Queneau [3] begeisterte Aufnahme fand. Ins Deutsche übersetzt wurde das Werk erst Jahrzehnte später (2010), aus einer mittlerweile vom Autoren überarbeiteten Version. Die hier vorliegende Taschenbuchausgabe stammt aus dem Jahr 2014, nach der Verleihung des Nobelpreises hat natürlich auch dieses Buch zahlreiche Leser gefunden – ob aber alle Käufer dieses Romans ihn auch gelesen haben, das wage ich nicht zu behaupten. Nicht, weil er „schlecht“ wäre, keineswegs, im Gegenteil, aber für deutsche Leser ist der Inhalt oft rätselhaft, die meisten der im Buch auftauchenden Namen dürften dem Durchschnittsdeutschen (aber auch dem normalen Franzosen) unbekannt sein und es sind sicherlich viele -zig Namen. Es ist der Übersetzerin Edl zu danken, daß sie ein ausführliches, erklärendes Nachwort beigefügt hat, das man ruhig vor dem Lesen des Romans durchblättern sollte, es enthält einiges zu seiner Geschichte (es kommt ja als schon „älterer“ Roman mit einer Vergangenheit zu uns) und erklärt auch manche Namen und Zusammenhänge, deren Kenntnis das Verständnis deutlich erleichtern.


place_de_l_etoile cover

Der Roman beginnt mit ohne große Einleitung mit einer formidablen Suada des Raphael Schlemilovitch, in der er die Rezeption seiner jüdischen Existenz durch einige antisemitische Autoren, die sich in ebensolchen Zeitschriften über ihn auslassen, wiedergibt: „...zum Himmel stinkender Schimmelpilz aus dem Ghetto..“  ist noch eine der netteren Bezeichnungen für ihn. Wie Auswurf, ausgehusteter, ausgespuckter, ausgekotzter Schleim rotzt Modiano uns diese Unflätigkeiten vor die Füße. Diese einleitenden zwei Seiten haben mich stark an die Eingangssentenz von Irène (von Albert de Routisie (Louis Aragon)), diesem erotischen Roman des Surrealismus, erinnert. Hier wie dort ein grenzensprengender Aufschrei, der den Leser aus der Bequemlichkeit seiner Erwartung reisst und ihn orientierungslos stehen läßt: was kommt als Nächstes?

Das Buch hat nicht wirklich eine Handlung, denn Modiano sprengt die  üblichen Vorstellungen von Logik bzw. der Kohärenz von Raum und Zeit: Wien. Die letzten Trambahnen glitten durch die Nacht. In der Mariahilfer Straße spürten wir, wie Angst in uns hochstieg. Ein paar Schritte noch, und wir würden auf der Place de la Concorde sein, Die Metro nehmen, den beruhigenden Rosenkranz herunterbeten: Tuileries, Palais-Royal, Louvre, Chatelet. Unsere Mutter erwartete uns am Quai Conti. …“ In einem Satz verschwimmen Wien und Paris, Trambahn und Metro und der Protagonist landet am Quai Conti, der Adresse seiner Eltern in Paris, genauso wie sich in seiner Wien-Episode der eigene Wienaufenthalt wiederspiegelt: Mythomanie nennt Modiano dieses Verfahren, das Reales und Fiktives zu einer Einheit mischt, in der sie für den Leser nicht mehr auseinander zu halten sind.

 „Na, friss schon!“ Zyankalitüten für alle!
6 Millionen Tote.
Wir sind glücklich in Theresienstadt….

Modiano hat seinen Roman in mehrere Abschnitte gegliedert, die seine Hauptperson in immer neuen Situationen darstellt. Er geht zur Schule, um sich für ein Studium zu bewerben und unterrichtet dort als Jude die Franzosen in französischer Literatur, wird aber dann aus der Schule geschmissen, weil er, groß und stark gewachsen, die französischen Jungs krankenhausreif schlägt. Er wird seines Aussehens wegen als Mädchenhändler angeworben, der in der französischen Provinz Nachschub für die Bordelle in Rio besorgen soll. Es bricht ihm das Herz, die süße Maid auszuliefern, aber er hat das Honorar dafür genommen. Zwanzig Jahre vor dieser Zeit war er schon in der Uniform der Miliz gestorben. Zwischendurch avancierte er zum Lieblingsjuden der Nazi-Größen, parlierte mit Hitler und beschlief Eva Braun, was sollte ihm schon passieren?

Der marginale Gedanke an Suizid in Wien (ich erwähnte die Stadt) war schnell vorbei, die beiden Mädels, die er aushielt und die das Geld für ihn ranschafften, ließ er zurück, in Paris wurde er von Bloch bearbeitet, dem Mann der Gestapo. Es half ihm nichts, daß er selbst bei dem Laden war. Zuerst zeigte man ihm die ganzen historischen Gebäude der Stadt, in denen jetzt Gestapo und SiPo/SD-Dienststellen untergebracht waren (inclusive dem one-two-two [4]), dabei fuhr man in der grünen Minna, in der auch Modianos Vater 1942 zur Befragung gefahren worden war, dann befragt man ihn in der Rue Lauriston 93, dem HQ der französischen Gestapo. Es gab keinen Whiskey für ihn, er lernte Wasser und Strom kennen, aber nicht lieben, es war eine formidable Vorzugsbehandlung, die ihm dort Elias, Saul, Jesaja und Isaak zukommen ließen. Vorhang auf, Musik!:

In Israel ging´s ihm kaum besser als französischer Jude, verweichlicht und greinend. Dort war mehr der blonde, starke Macher gesucht, der anpackte und nicht nachdachte, Jungs und Mädels, die der Hitlerjugend in nichts nachstehen: blond, blauäugig, breitschultrig, fester Schritt, Tatmenschen und Kämpfernaturen.  Neurotische Charaktere wie Schlemilovitsch: ab in den Strafkibbuz, wo es die gestreiften Pyjamas gab und nur kein englischer Jude sein, die wurden gleich erschossen. Gut, daß sich Oberleutnant Rebecca spontan in ihn verliebte, auch wenn die Flucht mit ihr zusammen nicht gelang, sie wurde auf den Rücken geschmissen und man rutschte über sie hinweg. Mit einem Lachen verschied sie, mit einem Lachen versuchte es auch er. Es war eher ein Krächzen.

Das alles ähnelt eher einem Fiebertraum, der Wahnvorstellung eines überanstrengten Hirns. Und so ähnlich versucht Modiano auch, uns Lesern dies unter zu schieben: auf der letzten Seite des Roman finden wir Schlemilovitsch auf der Couch von Freud wieder, diesen mit seinen Erzählungen schier in den Wahnsinn treibend: Wie kann der junge Mann dies alles wissen, was doch lange vor seiner Geburt geschah? Und wie, so frage ich mich, kann er bei Freud auf der Couch liegen, da der doch lange vor diesen Ereignissen schon verblich, 1939 nämlich….. also ist diese Episode auf der Freud´schen Couch ebenso nur ein Fiebertraum, eine Phantasmagorie eines überhitzten Geistes, die uns keine Lösung anbietet für die erzählte Geschichte.


In seinem Roman Dora Bruder [5] gibt der Autor ein Motiv wieder, aus dem er dieses Büchlein (mit knapp 160 Textseiten ist es nicht allzu umfrangreich) schrieb. Er hatte nämlich in der Bibliothek seines jüdischen Vaters einige antisemitisch Werke französischer Autoren aus der Vorkriegszeit entdeckt, die der Vater wohl angeschafft hatte, um deren Geisteswelt zu erkunden und er hat sich vorgestellt, wie dieses Gespenst eines unersättlichen, alles jüdische bedrohenden Schattens auf seinen Vater gewirkt haben mag: In meinen ersten Buch wollte ich allen diesen Leuten antworten, deren Beleidigungen mich meines Vaters wegen verletzt hatten. Und ihnen, auf dem Gebiet der französischen Prosa, ein für alle Mal den Mund stopfen. 

Modiano führt eine Unzahl von antisemitischen Journalisten und Postillen, in denen sie veröffentlichten, von Autoren und ihren Werken in seinem Roman auf, demaskiert Kollaborateure, ruft und hält in Erinnerung, wie gespalten das Verhältnis der Franzosen zu ihren jüdischen Mitbürgern war. Ein erheblicher Teil der geistigen Elite hetzte gegen die Juden und sympathisierte mit den Nazis, Kollaboration und Denunziation waren keine Seltenheit. Viele der deutschen Aktionen gegen Juden wurden vor Ort ja durch französische Beamte und Polizisten durchgesetzt, u.a. die berüchtigte Aktion, mit der die Pariser Juden ins Vel‘ d’Hiv getrieben wurden [6]. Modiano hat mit seinem Schlemilovitch nun die Figur geschaffen, die diese Rollen auf sich nimmt, die alles zugibt, die alles annimmt, ins Absurde überhöhend sämtlichen Klischees entspricht. Der Jude kollaboriert: ja, Schlemilovitch ist ein Kollaborateur. Der Jude vergewaltigt unsere Frauen: ja, Schlemilovitch, verkauft sie sogar in die Bordelle. Der Jude hat keinen Charakter: ja, Schlemilovitch, verrät seine eigenen Leute als Gestapo-Mitarbeiter etc pp…. Durch diese Übertreibung und Übersteigerung parodiert und entlarvt Modiano die Hetze als Hetze, ihre Urheber als Verleumder und Antisemiten. 

Aber nicht nur diesen reißt er die Maske herunter, besonders das Kapitel über Israel, das ihm (Mitte/Ende der 60er Jahre, der Sechs-Tage-Krieg war Juni 1967) gibt zu schlucken. Hier klingt keinerlei Sympathie für diesen Staat der Juden, im Gegenteil, er wird als Militärstaat dargestellt, der nach analogen Prinzipien funktioniert wie der Nazi-Staat…. Das kommt hart und die Übersetzerin mutmaßt, daß dies mit ein Grund war, warum das Buch so lange gebraucht hatte, um ins Deutsche übersetzt zu werden. Sie schreibt aber auch, daß sich im Lauf der Jahre Modianos Ansichten bezüglich Israel gemildert hätten.


Dieser Roman Modianos ist sicherlich ein schwieriges Stück Literatur. Er ist aufwühlend, verstörend, was sowohl Struktur und Inhalt angeht, er ist schwer verständlich, weil man viele der Genannten nicht kennt. Trotzdem komme ich immer mehr (auch nach der Diskussion des Buches in meinem Lesekreis) zu der Einsicht, daß den Roman zu lesen bei allen Schwierigkeiten lohnend ist, sofern man bereit ist, die eigenen Lesegewohnheiten zu überwinden. Es ist eben keine gewöhnliche Geschichte mit einer halbwegs stringenten Handlung, die als roter Faden durch das Buch geht. Modianos Absicht war es, denke ich, vielmehr, in einem an Wahnwitz grenzenden Parforceritt Heuchelei zu beenden und Roß und Reiter des französischen (literarischen) Antisemitismus und der Kollaboration zu nennen. Sicher nicht vollständig, daß läßt sich von einem 160-Seiten Büchlein nicht erwarten, aber aufgrund seiner Zuspitzung und Übertreibung mit enormer Durchschlagskraft. Denn man darf nicht aus den Augen verlieren, daß dieser Roman im Original bald schon ein halben Jahrhundert auf dem Buckel hat. Was man als Leser auf jeden Fall machen sollte, ist das Nachwort von Edl zuerst zu lesen… und sich von dem Anspruch befreien, jeden der genannten Namen für sich und sein Wissen zu erobern.

Links und Anmerkungen:

[1] § 1 Abs. 2 der Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden vom 1. Sep. 1941 (Reichsgesetzblatt I S. 547)
Die Anordnung Carl-Heinrich von Stülpnagel, des Militärbefehlhabers in Frankreich vom 29. Mai 1942, dass alle französischen Juden ab dem 6. Lebensjahr auf der linken Brustseite einen gelben Stern mit der Aufschrift „Juif“ (Jude) oder „Juive“ (Jüdin) zu tragen hätten, wird ähnlich ausgesehen haben. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Judenstern
vgl. auch: Peter Diem: Hexagramm und Davidstern; http://peter-diem.at/Buchtexte/hexagramm.htm

[2] Raphael (Rafael) ist einer der Erzengel, der Engel der Heilung. Vgl hier:  https://www.heiligenlexikon.de/BiographienR/Raphael.htm oder in der Wiki:  http://de.wikipedia.org/wiki/Raphael_(Erzengel). Der Schlemihl ist in der (ost)jüdischen Legende der Prototyp des Pechvogels und Unglücksraben, dem man z.B. weismachen kann, ein Kind sei von ihm, obwohl es dann 11 Monate im Bauch der Mutter hätte sein müssen… vgl hier:  http://de.wikipedia.org/wiki/Schlemihl

[3] … den ich hier im Blog vor einigen Jahren auch schon als Autoren vorgestellt habe, der einzige übrigens bei mir mit dem Anfangsbuchstaben“Q“: Raymond Queneau: Intimes Tagebuch der Sally Mara

[4] Wiki-Artikel zum One-Two-Two: http://de.wikipedia.org/wiki/One_Two_Two

[5] Patrick Modiano: Dora Bruder, Besprechung hier im Blog:   https://radiergummi.wordpress.com/…dora-bruder/

[6] …. und die z.B. durch Tatiana de Rosnay in: Sarahs Schlüssel; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/….sarahs-schlussel/

Weitere Bücher in meinem Blog, die sich mit der Verfolgung der Juden in Frankreich bzw. auch dem Themenkomplex “Kollaboration” befassen:

Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich
Pierre Assouline: Die Kundin
Odile Kennel: Was Ida sagt
Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel
Erich Schaake: Bordeaux, mon amour
Irène Némirovsky: Suite française
Robert Bober: Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen
Patrick Modiano: Dora Bruder

Ferner wurden von Modiano hier im Blog vorgestellt:
– Dora Bruder
– Im Café der verlorenen Jugend

Hinweis: diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File im literatur RADIO bayern: https://radio.blm.de/….html

Patrick Modiano
Place de l’Étoile
Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Elisabeth Edl
Originalausgabe: La Place de l’Étoile, Paris, 1968
diese Ausgabe: dtv, ca. 190 S., 2014

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