Christian Althing: Gustchen oder Geschichte dreier Hochzeitsnächte

22. Dezember 2014

Christian August Fischer, der unter dem Pseudonym Christian Althing viele (seichte) Romane verfasste, hatte Rechtswissenschaften studiert und war ab 1804 Professor für Kultur- und Literaturwissenschaft in Würzburg [1]. Daß man Althing noch kennt, ist nicht so sehr seiner schriftstellerischen Qualität zu verdanken, sondern einer anderen Tatsache: denn ihm wurde durch einen prominenten deutschen Autoren ein literarisches Denkmal gesetzt. In Arno Schmidts Erzählung „Tina oder über die Unsterblichkeit“ ist Althing einer der beiden Wegbegleiter und Führer des Erzählers in die Unterwelt, in das Elysium (oder auch die Darmstädter Kanalisation…) [2]. Übrigens, da ich gerade dabei bin, ein zweites Mal ist mir der Autor in den Memoiren einer Sängerin begegnet, die – so könnte man vermuten – vllt sogar noch mehr aus Althings kleiner Geschichte übernommen hat. Denn in den „Memoiren ….„taucht eine Episode auf, die eine deutliche Entsprechung in  Althings „Gustchen…“ hat. Da Althing/Fischer schon 1829 verschied, die Memoiren aber erst 1861 erstveröffentlicht wurden, dürfte eindeutig sein, wer hier von wem (wenn überhaupt) eine Idee übernommen hat.

Fuld äußert sich in seiner kürzlich erschienen „Geschichte des sinnlichen Schreibens“ nicht sehr lobend über Althing/Fischer, er bescheinigt ihm zwar Produktivität, aber auf dem Niveau eines Schlüssellochlauschers bzw. auf dem für Leihbibliotheken [3]. So waren meine Erwartungen also nicht allzuhoch und sie wurden nicht enttäuscht…. schauen wir uns also das Machwerk eher in Gedenken an Arno Schmidt an…


gustchen

Der Plot ist einfach: Gustchen ist ein heranreifendes Mädchen, das mit der Mutter unter materiell nicht übermäßig reichen, aber auskömmlichen Verhältnissen lebt. Der Vater hat die Familie, als seine Geschäfte schlechter gingen, verlassen. Die zufällige Beobachtung des jungen, unbekleideten Gärtners bei einer händischen Tätigkeit, die ihn entspannen sollte, rötet der noch Unschuldigen das Antlitz, die anwesende Cousine deutet ihr das Gesehene  und schlägt vor, das aufwallende Blut zu besänftigen, in dem die theoretischen Betrachtungen mit Hilfe des herannahenden Gärtners in die Praxis umgesetzt werden. Doch leider ist es schon spät am Nachmittag und die strenge Mutter eilt heran, die Mädchen zum Essen zu holen..

So geht es denn weiter.. bei der nächsten Gelegenheit Gustchens zum Hochzeiten, sprich: zu ihrer Defloration, brennt ein Haus ab. Dann wird das Schiff, auf dem sie mit ihrer Mutter reist (diese will das brünstige Wesen in ein Kloster stecken), von Türken gekapert.. aber im Serail wird sie von missgünstigen Haremsdamen angeschwärzt, so daß der Sultan sie trotz ihrer Schönheit verschmäht. Gustchen flieht und kommt in ein Land, in dem vor Jahren alle Frauen an einer Krankheit starben. Zwar gibt es hier genug Männer, die sich nichts sehnlicher wünschen als eben eine Frau zu *****, doch über die Frage: „Wer darf als erster wann und wie oft“ zerstreitet man sich hoffnungslos… so wird Gustchen auf Betrieben des örtlichen Priesters letztlich als Hexe des Landes verwiesen und per Schiff expediert. Ihre Aufsichtsperson ist durch galante Krankheiten gehandicapt, das Schiff geht unter und einzig Gustchen überlebt. Ein französisches Schiff rettet sie, so kommt sie nach Marseille. Dort will sie sich als Kurtisane ausbilden, fällt jedoch auf einen Gauner herein, der sie ausraubt. So bleibt ihr, der es trotz des festen Willens offensichtlich nicht möglich, ihre Jungfernschaft an den Mann zu bringen, als letzte Möglichkeit anscheinend nur, sich dem zu verkaufen, der bereit ist, die Taxe zu bezahlen: sie geht in ein Bordell. Hier schlägt Althing letztlich noch ein paar inhaltliche Volten, die ich aber nicht weiter verraten will….


Soweit, so gut, bzw. nicht gut, denn die Ausführung dieses Plots ist in der Tat recht simpel, Althing hält sich nicht damit auf, seine Personen Charakter zu verleihen, Landschaften, Städte oder Stimmungen über das absolut notwendige hinaus zu schildern. Er schreibt seine Geschichte flott herunter, genauso schnell liest sie sich auch…

Althing hatte bei seiner Geschichte ein Problem. Er wollte einen erotischen Roman schreiben, verweigerte jedoch seiner Heldin ausgerechnet all das, was man gemeinhin in einem erotischen Roman zu lesen erwartet: die mehr oder weniger aufreizenden Bettabenteuer. Diese Klippe umgeht er, indem er z.B. seine Figuren Geschichten aus Büchern erzählen läßt, die sie gelesen haben. Eine dieser Geschichten ist die weiter oben erwähnte, die sich auch in den „Memoiren…“ findet (ein lesbisches Verhältnis zwischen einer verheirateten Frau und einer vorgeblichen Novizin. Die Ehefrau hat ausserdem ein ehebrecherisches Verhältnis am Laufen und die „Novizin“ bringt es durch eine List zustande, daß der Galan sie zusammen mit ihrer Lehrerin im Bett erwischt: die einzige Rettung für Galan und Ehefrau ist es, die unerwünschte Mitwisserin zur Mittäterin zu machen….). Überhaupt sind diese eingestreuten Geschichten, die mit der Handlung nichts zu tun haben, deutlich interessanter als diese.

Eine zweite Geschichte handelt von zwei Witwern, die sich erst ob des Todes ihrer gelieben Frauen bedauern, aber bald zugeben, was für Kratzbürsten es doch gewesen seien. Die Töchter jedoch erinnerten sie an die Frauen, die sie seinerzeit heirateten, und so fassen sie den Plan, sich gegenseitig mit ihren Töchtern zu verheiraten. Sie können die Töchter zwar dazu zwingen, aber glücklich wird trotzdem keiner… aus dieser Geschichte leitet Althing dann letztlich auch eine klare moralische Aussage ab, die ältere Männer betrifft, die sich in junge Frauen verlieben…

Bei der Auseinandersetzung in dem frauenlosen Land, bei der die Begattung Gustchens zur Diskussion steht, werden alle möglichen Argumente gebracht, warum (bzw warum nicht) z.B. nach gesellschaftlichen Stand ausgewählt werden sollte oder auch nach gesellschaftlicher Nützlichkeit. Das Land braucht schließlich Bauern und Handwerker, keine Prinzen… Wenn man will, kann man hier ein Stück Gesellschaftsskritik herauslesen, genauso wie es eine Passage gibt, in der er – eigentlich völlig zusammenhanglos mit der Handlung – über eine bestimmte Person und ihren Lebenslauf herzieht. Ob hier jemand bestimmtes gemeint ist? In dieser Episode im weiberfreien Land listet Althing auch seitenweise Merksätze über das Verhältnis Mann und Frau, über Liebe und wie sie sich äußer auf. Der moralische Zeigefinger ist hier ganz weit ausgefahren, hier nimmt der Roman fast den Charakter einer belehrenden und unterweisenden Sammlung von „Weisheiten“ an ….. Vielleicht spiegelt sich in diesem Abschnitt auch wieder, daß Althing/Fischer mit einer Frauenrechtlerin verheiratet war [1]. Daß Gustchen auch hier in einem sexuellen Notstandsgebiet ohne Bemannung bleibt, ist letztlich wieder der Kirche zu verdanken, die es schafft, die derart zu allem bereite junge Frau als Verführung Satans zur Sünde darzustellen. Und so hieß es für Gustchen konsequenerweise wieder: und tschüss!

Im Grunde ist die Geschichte ein Paradoxon: während es für viele junge Frauen und Mädchen ein Unglück war, wenn sie ihr Jungfräulichkeit unbedacht oder auch mit Gewalt verloren, ist Gustchen gewillt und wild darauf, daß genau dies mit und bei ihr passiert – aber die Verhältnisse sind gegen sie. Erst in dem Moment, in dem sie sich frustriert zurückziehen will, scheint am Horizont ein Hoffnungsschimmer aufzuglimmen…


Genug. Was soll ich zum Abschluss sagen? Die Frage bleibt offen, warum sich Arno Schmidt ausgerechnet diesen recht mittelprächtigen Autoren als Führer ins Elysium aussuchte, aber er wird seine Gründe gehabt haben. Ob es für unsereinen Gründe gibt (außer eben der Tatsache, daß Arno Schmidt….), das Büchlein zu lesen? .. nun ja: man versäumt jedenfalls nicht allzuviel, wenn man es nicht liest….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_August_Fischer
[2] Arno Schmidt: Tina oder über die Unsterblichkeit; Buchvorstellung bei aus.gelesen: https://radiergummi.wordpress.com/2014/08/23/arno-schmidt-tina-oder-uber-die-unsterblichkeit/
Wilhelmine Schroeder-Devrient (zugeschrieben): Aus den Memoiren einer Sängerin, Buchbesprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2015/01/09/wilhelmine-sch…einer-sangerin/
[3] Werner Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens, Galiani, Berlin, 2014

mehr erotische Literatur wird in meinen Themenblog vorgestellt:  https://erotischebuecher.wordpress.com

Christian Althing
Gustchen oder Geschichte dreier Hochzeitsnächte
Erstveröffentlichung: vor 1829
diese AusgabeExquisit Bücher 16/394, 160 S., 1986

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