Patrick Modiano: Dora Bruder

20. Dezember 2014

Die Verhaftung staatenloser Juden in Paris wird von der französischen Polizei in der Zeit vom 16.7. – 18.7.1942 vorgenommen werden. Es steht zu erwarten, daß nach der Verhaftung etwas 4000 Judenkinder zurückbleiben…. bitte ich Sie dringend um Entscheidung darüber, ob diese Kinder der abzutransportierenden staatenlosen Juden etwas vom 10. Transport ab mit abgeschoben werden können.

(Fernschreiben des SS-Hauptsturmführers Danneker, Paris, an das RSHA Berlin, am 10. Juli 1942)

“Die Polizisten fielen sie an wie ein Schwarm großer, dunkler Vögel. Sie zerrten die Frauen auf die eine Seite des Lagers, die Kinder zur anderen. Noch die allerkleinsten Kinder wurden von ihren Müttern getrennt. Das kleine Mädchen sah allem zu, als befände sie sich in einer anderen Welt. Sie hörte die Klagerufe, die gellenden Schreie, sie sah die Frauen, die sich auf den Boden schmissen und ihre Kinder versuchten an Kleidern und Haaren festzuhalten. Sie sah die Polizisten, die mit ihren Knüppeln ausholten und die Frauen ins Gesicht und auf den Kopf schlugen. Sie sah eine Frau zusammenbrechen, die Nase eine einzige blutige Masse.”
[Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel, 3]

Die fernschreibenkin den Lagern Pithiviers und Beaune-la-Rolande untergebrachten jüdischen Kinder können nach und nach auf die vorgesehenen Transporte nach Auschwitz aufgeteilt werden. Geschlossene Kindertransporte sind jedoch keinesfalls auf den Weg zu bringen.

(Anweisung des RSHA in einem Fernschreiben an den Befehlshaber SIPO und den SD, Paris) vom 13. August an [4, S. 155]


Es ist ein Zufall. Der Autor, Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 2014 [1], stößt in einer alten Ausgabe des „Paris-Soir“ vom 31. Dezember 1941 auf eine Suchmeldung nach einem vermissten Mädchen, einer Dora Bruder, 15 Jahre alt, die Kleidung wird beschrieben und die Anschrift der Eltern, die auf eine Nachricht hoffen, angegeben.

Paris-Soir, 31.12.1941 Bildquelle: [B]

Paris-Soir, 31.12.1941
Bildquelle: [B]

Es ist eine Gegend, die der Autor kennt, er kennt die Straßen, die Geschäfte, er kennt das Haus Boulevard Ornano 41 [5] ,es ist wie ein unsichtbares Band zwischen ihm und dieser ihm völlig unbekannten jüdischen Familie Bruder. Dieses Buch beschreibt die Suche des Autoren nach Fakten, mit denen sich das Schicksal Doras und auch das ihrer Eltern aufklären läßt. Es ist eine Chronik, ein Bericht über einen Versuch, einem Menschen eine Erinnerbarkeit zu geben, einem Menschen, der ansonsten unter Tausenden mit gleichem Schicksal als Einzelne untergegangen wäre. Sicher ist das Schicksal von Dora Bruder nichts aussergewöhnliches in diesen Zeiten der Dunkelheit, des Monströsen, des generalstabsmäßigen Versuches nämlich, ein Volk auszurotten, aber erschüttert uns Nachgeborenen auch dieses Wissen und macht uns fassungslos, so berührt uns in der Tiefe unserer Seele eher der/die Einzelne, der/die ein Gesicht hat, einen Namen, ein Aussehen, ein Geruch, die in bestimmter Weise gekleidet ist, sich bewegt, sich freut, lacht, weint, der/die liebt, hasst, traurig ist, bewegt ist, Angst hat: kurz: ein Mensch ist und nicht nur Teil einer ungeheuren Menge.

Diese Recherche führt Modiano auch zurück in die eigene Vergangenheit, auch er hat über den Vater jüdische Wurzeln. Auch sein Vater befand sich damals in einer analogen Situation wie Dora, findet Modiano heraus: beide waren trotz der entsprechenden Anordnungen der Besatzer nicht als „Juden“ registriert, also in steter Gefahr, aufgegriffen zu werden. In der Tat wurde der Vater aufgegriffen und zur Personenüberprüfung zusammen mit zwei jungen Frauen auf ein Revier gebracht, doch konnte er von dort aus fliehen. Für kurze Zeit unterliegt Modiano der Vorstellung, unter den zwei jungen Frauen könnte eine Dora gewesen sein, die in dem harten Winter 41/42 aufgegriffen worden sein muss, denn sie wird im August/September 1942 über das Lager Drancy nach Ausschwitz deportiert [2].

Die Eltern stammen aus dem Ausland, der Vater Ernest aus Österreich, geboren in Wien, groß geworden in der Leopoldsstadt, die Großeltern väterlicherseits wohl durch die Weltläufte aus Galicien nach Österreich geschwemmt.  Ernest war bei der Fremdenlegion, wurde dort verletzt und kam so nach Paris. Die Mutter Cècile war ungarischer Abstammung, sie war 1923 mit der Familie aus Budapest nach Wien gekomen. 1924 heirateten die beiden, Dora kam am 25. Februar 1926 zur Welt. Sie lebten in einfachen, ärmlichen Verhältnissen, hatten zum Schluss keine eigene Wohnung, sondern lebten in einem Hotel.

Dora kam im Mai 1940 in eine von christlichen Schwestern geleitete Klosterschule, die streng geführt wurde, eher einem Waisenhaus glich. Später, nachdem die Repression gegen Juden einsetzte, versteckten die Schwester solche Kinder in ihrem Heim. Hätte Dora, wäre sie unauffällig geblieben, dort hätte überleben können? vielleicht. Aber Dora war nicht unauffällig, sie war eigenwillig, hatte ihre eigenen Vorstellungen und hielt es wohl nicht aus in diesem trüben Heim. Jedenfalls wurde sie wegen des Weglaufens am 14. Dezember 1941 aus dem Heim entlassen. Erst zwei Wochen später meldet der Vater sein Kind als vermisst, es müssen zwei Wochen des Bangens und der Angst gewesen sein: Mittlerweile hatten die offiziellen Repressionen gegen Juden eingesetzt und Dora war nicht als Jüdin gemeldet, mit der Anzeige wurde sie dagegen offiziell.

Wo und wie das Mädchen den strengen Winter 1941 verbracht hat, wie sie überleben, den Greifern der Polizei über viele Wochen hinweg entwischen konnte, konnte Modiano nicht in Erfahrung bringen, es ist – so sein Schlusssatz – ein armseliges, kostbares Geheimnis, … das ihr niemand rauben konnte.

Viehtransporter zum Abtransport von Juden nach Ausschwitz Bildquelle [B]

Viehtransporter zum Abtransport von Juden nach Ausschwitz
Bildquelle [B]

Für den 17. April 1942 gibt es eine polizeiliche Eintragung, daß sie zur „mütterlichen“ Wohnung zurück gebracht worden sei. Der Vater war schon im März in Drancy, dem großen französischen Sammellager, interniert worden. Am 19. Juni schließlich wird Dora in das Lager Les Tourelles gebracht, am 13. August schließlich werden die restlichen jüdischen Frauen in Les Tourelles, dreihundert, nach Drancy gebracht, dem Vorzimmer der Hölle. Der Zug nach Ausschwitz geht am 18. September ab.


Es war nichts Besonderes an Dora Bruder, sie war ein junger Mensch, der wohl kaum davon Kenntnis genommen hat, daß er jüdisch war. Wahrscheinlich stand sie am Beginn der Pubertät, fing an, ihren eigenen Weg in die Welt zu suchen, in eine Welt, die in katastrophaler Art und Weise immer enger wurde, bis sie ihr (und Millionen anderen) die Luft zum Leben nahm – in einen erschreckendem Sinne sogar wörtlich. Dora Bruder fiel dem Autoren zufällig auf und dieser forschte viele Jahre lang, möglichst viel von diesem Leben, diesem einen Leben wenigstens, das dem Vergessen anheim zu fallen drohte, zu erfahren. Modiano hat dies mit viel Empathie getan, an einigen Stellen erzählt er, wie er beim Spazierengehen durch die alten Straßen, durch die auch Dora gegangen war, förmlich ihre Gegenwart spürte, hineingezogen wurde in ihr Schicksal.

Aber es ist natürlich nicht nur ihr Schicksal, das Modiano dokumentiert und festhält. Es ist auch das Schicksal der Eltern von Dora, es ist das Schicksal einiger Leidensgenossinen, auf die der Autor bei seinen Recherchen trifft. Er wird Hunderte, Tausende von Archivseiten gewälzt haben, in denen mit dürren, nüchteren Worten Daten festgehalten worden sind, die letztlich über Leben und Tod entschieden hatten.

Das Buch entwickelt beim Lesen einen eigentümlichen Sog. Es ist nüchtern geschrieben, mit vielen Daten. Es wird aus Briefen zitiert und aus Akten, es werden Straßen und Gebäude beschrieben genauso wie Bilder. Und doch zieht der Text einen hinein in das ausgelöschte Leben von Dora Bruder, das – so deucht dem Autoren an mancher Stelle – geheimnisvoll auch mit seinem Leben verwoben ist: allein durch die Möglichkeit, daß sich diese oder jene Menschen mit ihr getroffen haben könnten, an den selben Orten lebten, spazierten oder sich aufhielten. So  beansprucht auch die eigene Geschichte Modianos Raum in dem Buch. Mit dem Vater war das Verhältnis schlecht, die Eltern waren geschieden. Modiano berichtet davon, wie der Vater die Polizei holte, nachdem die Mutter ihn geschickt hatte, die fälligen Unterhaltszahlungen vom Vater zu erbitten. In einer grünen Minna werden sie auf Revier gefahren, ein ähnliches Fahrzeug, in dem der Vater im Krieg, nachdem er keine Papier vorweisen konnte, schon einmal auf ein Revier gebracht worden war. Zeichen einer heimlichen Kontinuität, an der sich niemand stört.

Frankreich ist eben nicht nur „Siegermacht“, Frankreich hat auch in großen Teilen kollaboriert, war williger, allzu bereitwilliger Helfer der deutschen Besatzung, hat sich auch und gerade an seinen jüdischen Mitbürgern versündigt. Drancy [6] ist ein Ort, ein Name, der immer wieder auftaucht, das „Hopital Rothschild“, in dem unter Lügen kranke oder schwangere jüdische Frauen versteckt wurden, bis sie wieder in die Lager konnten (auch in diesem Bericht wird dieses Haus erwähnt), die Internierungslager, das Aufgreifen von Flüchtlingen in der „freien Zone“ und die Deportationen. Man ging nicht zimperlich vor, auch Modiano gibt dafür Beispiele. Es wurden (Leibes)visitationen von Gefangenen durchgeführt (besonders bei den weiblichen), es wurden die Wertgegenstände eingesammelt und die Anweisungen der deutschen Dienststellen wurden nicht hinterfragt. Feuchtwanger redet nicht umsonst vom „Teufel in Frankreich“ [s.u.]. So war Modianos Buch bei seiner Erstveröffentlichung 1997 sicher auch ein Wühlen in einer nur vernarbten, aber nicht verheilten Wunde, vllt ließen sich sogar die aktuellen politischen Tendenzen in Frankreich mit darauf zurückführen, daß dieses Thema zu lange unter dem Teppich gehalten worden ist.

In Modianos Bericht jedenfalls entsteht ein fragiles Bild von Menschen und von einer Zeit, welches auf nur wenigen sicheren Stützpunkten. Vieles scheint dem Autoren plausibel, manches vermutet er, einiges meint er zu verspüren. Modiano taucht in die Vergangenheit ein, lauscht der Atmosphäre nach, die immer noch, nach Jahrzehnten des Schweigens, nachschwingt und – ist man sensibel genug – zum Mitschwingen bringt. Dies geschieht bei Modiano und so entreißt er einen Menschen, stellvertretend für Abertausende, dem Vergessen.

Da mich mein erster Versuch mit Modiano, Place de l´Etoile beim Erstlesen recht ratlos zurückgelassen hat (in Dora Bruder macht Modiano ein paar Erläuterungen zu seinem Erstling), hat mich Dora Bruder positiv überrascht und ich kann aus dieser Erfahrung heraus dieses Buch als Einstieg zu Modiano sehr empfehlen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren: http://de.wikipedia.org/wiki/Patrick_Modiano
[2] Die Transportlisten von Drancy nach Ausschwitz können hier eingesehen werden: http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/chronicles.html.en?page=3
Dora und ihr Vater werden am 18. September 1941 und ihr Mutter am 11. Februar 1943 nach Ausschwitz deportiert. Überschlagsmäßig sind diesen Listen nach ca. 70.000 Juden von Drancy aus in das Vernichtungslager gebracht worden.
[3] Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel, Besprechung im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2011/07/04/tatiana-de-rosnay-sarahs-schlussel/
[4] Schoenberger G: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933-1945, Fischer TB, 1982
[5] Link zu Google-Maps mit dem Boulevard Ornano:  https://www.google.de/maps/@48.8924062,2.3452854,15z
[6] Wiki-Artikel zum Sammellager Drancy:  http://de.wikipedia.org/wiki/Sammellager_Drancy

Weitere Bücher in meinem Blog, die sich mit der Verfolgung der Juden in Frankreich bzw. auch dem Themenkomplex “Kollaboration” befassen:

Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich
Pierre Assouline: Die Kundin
Odile Kennel: Was Ida sagt
Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel
Erich Schaake: Bordeaux, mon amour
Irène Némirovsky: Suite française
Robert Bober: Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen

Ferner wurden von Modiano hier im Blog vorgestellt:
– Place de l’Étoile und
– Im Café der verlorenen Jugend

Bildquellen:

dora coverPatrick Modiano
Dora Bruder
Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Originalausgabe: Dora Bruder, Paris, 1997
diese Ausgabe: dtv, ca. 150 S., 2014

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: