Wilhelmine Schroeder-Devrient (zugeschrieben): Aus den Memoiren einer Sängerin

16. Dezember 2014

Wilhelmine Schroeder-Devrient [B]ildquelle: [B]

Wilhelmine Schroeder-Devrient
[B]ildquelle: [B]

Wie so oft bei älteren erotischen Büchern ist die Autorenschaft des Werkes ein interessantes Kapitel. Bei diesem Buch aus dem 19. Jahrhundert trifft dies in zweierlei Hinsicht zu: zum einen wird das Buch einer Frau zugeschrieben, was schon etwas ungewöhnlich ist zu diesen Zeiten und zum zweiten war Wilhelmine Schroeder-Devrient keine Unbekannte: sie war eine der führenden Sängerinnen ihrer Zeit und dementsprechend bekannt und populär, ihr gesellschaftlicher Umgang waren die „oberen“ Kreise… Schroeder-Devrient konnte sich zu dieser Zuschreibung nicht mehr äußern: das Werk erschien er zwei Jahre nach ihrem Tod, der zweite Teil sogar noch ein paar Jahre später…

Auch heute besteht offensichtlich (noch) keine Klarheit, inwieweit ihre Autorenschaft gesichert ist, die Angaben, die man findet widersprechen sich: ohne weitere Details findet man die Aussage, zumindest daß der erste Teil von ihr stamme, sei mittlerweile anerkannt, andere finden dies nach wie vor zweifelhaft [6]. Der zweite Teil, da ist man sich ziemlich sicher, stammt nicht von ihr, er wurde des geschäftlichen Erfolges wohl nachgeschoben. Moderne Zeiten also… Halten wir uns der Einfachheit halber also an das, was Curt Riess seinerzeit zu dieser Frage konstatierte: Falls Wilhelmine Schröder-Devrient diese Memoiren nicht geschrieben hat, – sie hätte sie schreiben können. [2]. Mit dem wirklichen Lebenslauf der realen Wilhelmine Schroeder-Devrient hat dieses Buch jedoch wenig zu tun, schon Geburtsdatum und die Stationen ihrer Karriere stimmen so nicht, ebenso war die Sängerin mehr als einmal verheiratet, während die Protagonisten des Buches die Ehe prinzipiell ablehnt..

Das Buch ist in der damals beliebten Form eines Briefromans geschrieben. Adressat der Schreiberin Pauline ist ein befreundeter Arzt, der ihr in der Vergangenheit aus einer nicht näher bezeichneten Notlage sehr geholfen hat. Warum sie ihm diese Briefe schreibt, wird nicht erläutert, vielleicht sollen sie die Umstände klären, die zu besagter Notlage geführt haben…

Jedenfalls setzt der Bericht ein, als die Verfasserin ein 14jähriges Mädchen ist, das an der Schwelle zum Frau steht. Es ist der Geburtstag des Vaters. Ihre Eltern sind liebevoll, aber reserviert und zurückhaltend, ja, die Mutter ist scheu und der Vater eine geliebte Respektsperson. Natürlich will die Tochter gratulieren und sie beschließt, den Vater zu überraschen. Dazu versteckt sie sich hinter einem Vorhang und muss beobachten, daß die Mutter sich bereit macht, dem Vater auf ihre eigene Art und Weise eine Gratulationskur zu bereiten…. Was nun folgt, ist die Schilderung freudvollen, hemmungslosen Sexes in vielen Variationen, den die Tochter, auch dank der im Zimmer vorhandenen Spiegel, in allen Einzelheiten beobachten kann: der diffuse Nebel um Aussehen, Sinn und Funktion der Teile, die zu berühren so einen herrlichen Kitzel verursachen bzw. die an den antiken Figuren so klein und unverdächtig aussehen, verflüchtigt sich im Nu…..

Noch am gleichen Abend gibt es im aufregenden Aufklärungsunterricht für Pauline die zweite und dritte Lektion. Mit dem Geburtstagsbesuch kommen auch der Cousin und dessen Gouvernante Maguerite , eine dralle Schönheit ins Haus. Lektion No 2: Durch ein Loch in der Wand zwischen den beiden Toiletten des Hauses, durch das sie den blassen Cousin beobachten kann, wie er an sich selbst hantiert, findet das junge Mädel Erklärung für die Herkunft der weißen Schäume, die sie am Morgen bei ihren Eltern beobachtet hatte. Lektion No 3: Da Pauline in der Nacht schon eingeschlafen zu sein scheint (was diese aber nur vorgibt), gibt sich Maguerite,  die bei ihr im Zimmer übernachtet, dem Vergnügen hin, den länglichen Gegenstand, den sie aus ihrer Tasche geholt mit warmer Milch gefüllt hatte, dort zu platzieren, wo sie am Morgen gesehen hatte, daß der Vater sich mit der Mutter vereinte. Bald schon ging Maguerites Atem schneller und heftiger, ihr Gesicht rötete sich und schließlich drückte sie auf das verdickte Ende des Gegenstandes und die warme Milch ergoss sich in sie und floß hinaus….

Pauline beschließt, sich mit Maguerites Hilfe weiter und tiefer über diese Vorgänge aufklären zu lassen. Dazu greift sie zu einer List, spielt Angst vor, kriecht zur Gouvernante ins Bett unter die Decke kuschelt sich an sie, wobei Berührungen, fast schon Gestreichel, sich kaum vermeiden ließen und dazu führten, daß sich das Blut Maguerites erhitzte und sie sich letztlich dieser Hitze hingab…. Damit hatte Pauline sie dann soweit, daß Maguerite ihre Fragen beantworten musste, wobei es nicht beim Fragen und Antworten blieb: beide nahmen auch die praktischen Anwendungen in aller gebotenen Ausführlichkeit und Intensität vor….

Dieser Tag sollte bestimmend sein für das weitere Leben der Pauline. Sie entwickelte einen großen Hunger auf Sex und Erotik, die sie als etwas Schönes, Freudvolles kennen gelernt hatte, aber auch als etwas, was man vor der Öffentlichkeit tunlichst zu verbergen hatte: die Diskrepanz im Verhalten ihrer Eltern, die nach außen hin so zugeknöpft, im Schlafzimmer aber um so hemmungsloser waren, war für sie das beste Beispiel dafür. Was ihr Maguerite noch eingeschärft hatte, weil sie selbst nämlich so unachtsam gewesen war und dadurch ein schlimmes Schicksal hatte, war, aufzupassen, daß die Freuden, die sie mit einem Mann im Bett genoss, nicht zu Folgen führten, die sie für ein ganzes Leben unglücklich machen würden…..

Kondom aus Tierdarm mit Seidenbändern, Anleitung in lateinischer Sprache, 1813 Bildquelle [B]

Kondom aus Tierdarm mit Seidenbändern, Anleitung in lateinischer Sprache, 1813
Bildquelle [B]

Das weitere Geschehen, das Inhalt des ersten Teils ist, will ich nur kurz andeuten: mit 16 Jahren fängt Pauline eine Gesangsausbildung an, den jungen und schüchternen Franzl, der sie als Hilfslehrer bei den Übungen begleitete, macht sie verliebt in sich und sie gönnt ihm alles Vergnügungen, die man sich so gönnen kann bis auf das eine, da bleibt sie unbeugsam. … in den Zwischenzeiten, in denen sie weder einen junger Mann noch eine junge Frau so intim kannte, wusste sie sich gut mit sich selbst zu beschäftigen, um derart den heftigsten Druck abzubauen….. später dann, als Sängerin, als sie in den entsprechenden Kreisen verkehrt, befreundet sie sich mit der durch ihren uninteressierten Mann unbefriedigte Bankiersgattin Rudolphine. Beide Frauen geben sich bald viel Mühe, diesen unerquicklichen Zustand zu bekämpfen, schließlich hatte Pauline in Maguerite eine gute Lehrerin…. . Rudolphine hat außerdem ein sehr heimliches Verhältnis mit einem russischen Grafen, in das sich Pauline mit List und Tücke einschleicht, was folgt, ist ein heftige menage á trois, die letztlich der Eifersucht der Bankiersgattin wegen zu Ende ging…. Auch hier beobachtete Pauline wieder, wie in der Öffentlichkeit ein ganz anderes Bild erzeugt wurde wie des Nachts in den Betten: der Fürst war gern gesehener Gast des Bankiers, wo er selbstverständlich auch auf die beiden Frauen traf. Man ging sehr höflich, aber etwas reserviert miteinander um…. beim Fürsten übrigens verlor sie dann auch noch den Rest ihrer Unschuld: er war der erste Mann, der in sie eindrang und das, was sie nicht selber schon mit ihrem Spielzeug zerrissen hatte, endgültig sprengte. Wie gut, daß es die Erfindung des Dr. Condom gab….

Zeigte der erste Teil des Romans unserer Hauptperson als Persönlichkeit, die die Freuden der Erotik mit Mann und Frau, allein, zu zweit oder zu dritt zu schätzen lernt, ohne dabei jedoch ihr zu verfallen (man könnte also, ohne sich all zu sehr zu verbiegen, sogar so etwas wie eine Entwicklung der Pauline in diese Geschichte interpretieren), so ist der zweite Teil des Buches anders konzipiert. Schon damals galt offensichtlich für ein Sequel das olympische Prinzip: „härter, länger, feuchter“ (btw: ob es eine weibliche Ejakulation gibt, war bei Wilhelmine Schroeder-Devrient nicht die Frage, die lag eher darin, in welcher Menge… von Blogkollegen werden die Memoiren…. daher auch als „….das „nasseste“ Buch der erotischen Literatur…“  beichnet [3]). Daher werde ich mich da auch kürzer aufhalten…

Pauline ist nun eine arrivierte Sängerin mit Engagements in diversen Städten Europas: Frankfurt, Budapest, Wien, Florenz, London; durch ein wenig Klatsch und Tratsch aus der Musikwelt soll Authentizität in der Geschichte hervorgerufen werden… Als schöne und erfolgreiche Frau hat sie Verehrer en masse, sie achtet jedoch weiterhin sehr auf Diskretion. Mehr bemüht als notwendig führt der unbekannte Autor die Schriften de Sades in die Handlung ein: Pauline bekommt die „Juliette….“ zu lesen und ist über die Brutalität mancher Beschreibungen schockiert, andere Szenarien jedoch reizen sie, zumal ihr von Freundinnen und Freunden versichert wird, wie lustvoll zum Beispiel die Rute auf einen Hintern einwirken kann. In der Folge besteht ein wesentlicher Teil des Buches darin, sich in dieser Art und Weise auszuprobieren: sie nimmt eine junge Diebin, von der bekannt ist, daß sie nur der 30 Peitschenhiebe als Bestrafung wegen stiehlt, als Kammerzofe zu sich und vergnügt sich heftig mir ihr – zu zweit oder auch wieder zu dritt. Pauline wohnt Massenorgien in Edelbordellen bei, suhlt sich bei Wasserspielen, sie läßt sich von ihrem voyeuristischen Liebhaber für drei Tage in den Wald zu den Räubern führen und als Abschluss wird eine nekrophile Szene geschildert, die in eine Kirche verlegt ist, in der die jeweilige Ordenszugehörigkeit der beiwohnenden Mönche nur noch an den verschiedenen Haarschnitten zu erkennen ist…..


… und die Moral in der Geschicht`? Man kann sie, denke ich, so zuammen fassen: genieße die körperlichen Freuden auch und gerade als Frau, pass´ auf und trage selber Verantwortung dafür, daß der Genuss ohne Reue bleibt, vernachlässige nicht deinen Ruf und dein Ansehen noch deine Karriere darüber. Und wenn du als verheiratete Frau einen Liebhaber hast, schlafe regelmäßig mit deinem Mann, daß du ihm – falls nötig – das Kind unterschieben kannst….
So ist der Eindruck des Buches etwas zwiespältig. Während der erste Teil ein Lesevergnügen ist (wobei immer zu berücksichtigen ist, daß er natürlich nicht „modern“, sondern im Stil der Zeit geschrieben ist), wirkt der zweite Teil der „Memoiren“ etwas bemüht und sensationslüstern. Wobei ich mich frage, was in der Ausgabe, die mir zur Verfügung steht s.u.] gegenüber anderen gekürzt worden ist: manches, was Sichtermann und Scholl in ihrer Buchvorstellung [4] erwähnen, war in meinem Exemplar nicht zu finden…. aber trotz diese abfallende Weiterführung der Geschichte durch einen Unbekannten gehört das Buch ganz sicher zu den besseren, nein: „guten“ Erotika, die (auf jeden Fall in Deutschland) geschrieben worden sind.

Links und Anmerkungen

[1] Ausführliche Angaben zur Person und zur Künstlerin Wilhelmine Schröder-Devrient http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Wilhelmine_Schröder-Devrient
[2] Curt Riess: Erotica, Erotica, Hamburg, 1967; zitiert nach: Francois Bondy: Mirabeau hin, Mirabeau her, DIE ZEIT, 1.10.1971 Nr. 40,http://www.zeit.de/1971/40/mirabeau-hin-mirabeau-her/komplettansicht
[3] Webseite: http://www.ohren-lust.de/erot-literatur/
[4] Rezension hier im Blog: http://erotischebuecher.wordpress.com/2014/07/19/.….
[5] googelt man – vllt weil man neugierig ist – nach diesem Verfasser des Vorworts, wird man fündig, aber nicht so, daß man dahinter kommt, wer diese Person ist….
[6] Fuld zweifelt diese Zuschreibung auch des ersten Teils in seiner kürzlich erschienen: „Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens“ (Galiani, Berlin, 2014) an und entwickelt seine eigene Theorie über die Autorenschaft [S. 329], für die er eher einen Hamburger Musikredakteur, einen Bekannten des Verlegers, und dessen Geliebte in Verdacht hat.

[B]ildquelle: Autorenbild: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelmine_Schröder-Devrient, Für den Autor, siehe [Public domain], via Wikimedia Commons
– Condom: http://de.wikipedia.org/wiki/Kondom; von User: MatthiasKabel (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons

Der Text ist bei zeno.org online zugänglich: http://www.zeno.org/nid/20005635829

mehr erotische Literatur in meinem Themenblog:  https://erotischebuecher.wordpress.com

Wilhelmine Schroeder-Devrient (zugeschrieben)
Aus den Memoiren einer Sängerin
mit einem Vorwort von Schmuel Bieringer [5]
Erstdruck: 1868-1875
diese Ausgabe: Sonderausgabe für die Europäische Bildungsgemeinschaft Verlag GmbH u.a., HC, ca. 290 S., o.J.

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